weAreAnimals 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 1

Etwas mehr als 9 Leben

Sie war schon etwas Besonderes.

„Merkado! Du alter Teufel, komm her!“

Merkado, rollte die Augen und schlich zu der alten Frau, die fast blind in ihrem Schaukelstuhl saß und Pfeife raucht. „Merkado! Herrgott!“, in der anderen alten, knotigen Hand hielt sie einen nicht minder alten, knotigen Stock. Merkado fragte sich manchmal, ob sie mit diesem Stock und mit der Pfeife zu Welt gekommen war. Nie sah man sie ohne.

Immer noch gemächlich und träge ging der Kater zu ihr hinüber und sprang ihr dann auf den Schoß.

„Jesus, Maria, Dolores!“, rief sie erschrocken, doch beruhigte sie sich, als Merkado zu schnurren begann. Die Alte hatte schon lange nicht mehr alle Porzellantässchen in der Vitrine, aber sie hielt  sich gut für ihr stattliches Alter. Man vermutete, dass sie Dinge gesehen hatte, die andere nur aus Geschichtsbüchern kannten. Man munkelte auch, dass sie mit Tolstoy bekannt gewesen war, als dieser noch lebte, denn ihre Eltern flohen aus Lipezk mit ihr, da war sie noch ein junges Mädchen, doch sie war schon schwanger mit ihrem ersten Sohn (insgesamt sollte sie noch zehn weiteren Menschen das Leben schenken, wie viele darüber hinaus verfrüht starben, gab sie nie bekannt). Doch Merkado war ein Kater und ihm erzählte die Alte doch mehr, als jemals einem  Menschen. Vielleicht glaubte sie, er verstehe sie nicht.

Mit ihrer rauen Stimme, die einem den Gehörgang raspelte, fing sie an von Werner zu erzählen, einem Theaterschauspieler, den sie damals kennenlernte, als sie Goethes Faust auf der Bühne spielen sollten. Sie spielte Gretchen, auch wenn Merkado sich das nicht vorstellen konnte. Aber immerhin war das nicht nur gefühlte hundert Jahre her. Sondern fast tatsächlich.

Man sagt Katzen hätten neun Leben, aber diese alte Frau hatte sie auch, und meistens sogar gleichzeitig gelebt. Junge Mutter, auf der Bühne und all ihre kleine Geschichten von „Leo“, wie sie Tolstoy nannte (es hatte Jahre gebraucht, bis Merkado verstand, das Leo der Mann war auf dessen Büchern er schlief) oder von Susi (Sissi fand sie albern) und Zelda (denn ja, sie kam nicht bloß aus Russland und lebte jetzt hier irgendwo im Nirgendwo Deutschlands, natürlich, natürlich war sie auch in Amerika gewesen, damals mit so einem Dampfer und hochschwanger) und deswegen hieß ihr Sohn auch Gerald, den sie in Amerika gebar (und im übertragenen Sinne nach F. Scott Fitzgerald benannte, den sie auf einer Party kennenlernte).

Natürlich hatte sie mehr als nur einen Krieg gesehen, doch sie sprach nie von der Judenverfolgung und auch nicht davon ob sie Jüdin war (aber Merkado vermutete es). Sie rauchte einfach ruhig ihre Pfeife und dann und wann, wenn ihr etwas einfiel, konnte sie keine Sekunde mehr warten und rief nach Merkado um es ihm zu erzählen (vielleicht glaubte sie ja doch, dass er verstand).

Das war Merkados Leben. Er hörte den Abenteuern der Alten zu und fragte sich dann und wann, ob sie sich vielleicht alles nur ausgedacht hatte.

Doch es passierten merkwürdige Dinge. Merkwürdige Besucher kamen vorbei. Einmal sogar Thomas und wie sich dann später rausstellte, war es Thomas Pynchon gewesen, der Autor, dessen Gesicht der breiten Öffentlichkeit nicht in Verbindung mit diesem Namen bekannt war. Er war hier gewesen.

Merkado erinnerte sich lebhaft an den Tag als es an der Tür klopfte und die Alte sie fluchend öffnete, doch als sie sah wer da vor ihr stand, jauchzte sie und lud Thomas direkt zum Tee ein.
Er blieb eine Woche.

Bis heute war sich der Kater nicht sicher ob er alles glauben konnte, was er da gehört hatte, denn die beiden haben gekifft und irgendwann ist die Alte sabbernd eingeschlafen.

 

Merkado sah vom Schoß der Dame auf in ihr altes Gesicht, wie es grimassierte, während sie erzählte. Und spuckte und paffte und fluchte.

Sie war schon etwas Besonderes.

 

 

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4 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Schon nach dem ersten Absatz gemocht. Nun sitze ich bedröppelt da, wartend, auf das erste Kapitel eines Buches, welches ich nach diesem Einstand lesen möchte. ;)

    31.08.2016, 16:33 von jetsam
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  • 0

    Mag ich.

    Aber bitte, bitte mach aus Tolstoy = Tolstoi. :)

    31.08.2016, 13:00 von Fin_Fang_Foom
    • 0

      Das freut mich!

      Ist das nicht generell n bisschen schwierig mit dem Übertragen aus dem Russischen und Kyrillischen? :D

      Aber das ist dann wohl einfach die Überlieferung des Namens ins Englische.


      31.08.2016, 13:03 von weAreAnimals
    • 1

      Toll's Toy...

      31.08.2016, 13:58 von sailor
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