Es geht mir gut, Kein Grund zur Sorge.
Kein Grund sich zu fürchten.
Der Hörsaal ist voll. Der Professor langweilig, der Baulärm zu laut. Links neben mir schreibt eine Freundin mit, rechts sind die Köpfe auf die Tische gesunken.
Ich sitze da und es geht mir gut. Ich versuche mich auf die Vorlesung zu konzentrieren, aber meine Gedanken schweifen ab. Die Luft im Hörsaal ist schlecht, denn draußen ist es schwül und stickig. Ein komisches Gefühl in meinem Hals. Ich atme tief ein. Das ist der Fehler.
Denn sofort sind sie da. In meinem Kopf. Breiten sich aus, sind unaufhaltsam.
Die Gedanken.
Das ist doch Quatsch, schreie ich mir leise zu. Hör nicht zu! Was sagt der Prof? Hör ihm zu!
Meine Freundin lächelt mich an. Ich zwinge mich zurückzulächeln. Ob sie es merkt? Ob sie sehen kann wie meine Hände zittern, wie mein Herz rast, sie müsste es doch hören, so laut wie es klopft.
Mein Kopf fängt an zu dröhnen, zu schmerzen, ich bin krank, ich bin krank, ich bin krank. Ich muss sterben.
Nein. Nein. Nein.
Es darf nicht die Überhand nehmen. Du bist gesund. Du bist gesund. Gesund.
Das ist nur eine kleine Panik, du kennst sie doch schon. Bald ist sie wieder weg.
Du musst dich nur beruhigen. Alles ist gut.
Ich schaue mich um, bin unruhig. Als der Professor das Ende ankündigt springe ich auf, murmel was von dringendem Termin und verlasse den Hörsaal, die Klinik.
Stehe draußen und kämpfe mit den Tränen. Es geht dir gut, alles ist gut.
Ein Zwiespalt, ein Kampf.
Zwischen der Realität und den Gedanken. Zwischen mir und der Angst.
Er geht in die nächste Runde.
Ich greife zum rettenden Handy und wähle die Nummer meiner Mutter. Sie ist der Herrscher über meine Angst. Doch heute geht sie nicht dran. Ich verliere den Kampf.
Kann die Tränen nicht aufhalten, laufe los Richtung Wohnheim, fort von den Menschen die mich sehen könnten.
Drehe um, laufe zurück. Möchte nicht alleine sein, habe Angst alleine zu sein.
Habe Angst unter Menschen zu sein.
Habe Angst zu sterben.
Angst zu leben.
Angst.
Mein Handy klingelt, vielleicht die Erlösung?
Meine Schwester merkt sofort was los ist, fragt „Der Bauch? Das Bein?“
„Der Hals“ schluchze ich „ich kann nicht atmen, ich kann nicht atmen!“
Sie beruhigt mich langsam. Ich hätte einen schönen Hals. Sollte ruhig atmen, es ginge doch. Komm trink einen Schluck Wasser. Setz dich hin. Hast du schon von ihr gehört? Die ist schwanger. Hast du schon von dem Neubau gehört, direkt in der Stadt?
Langsam werde ich ruhiger. Die Tränen hören auf zu fließen mein Puls beruhigt sich, ich merke, dass ich atme. Dass ich lebe.
Ich schäme mich.
Brauchst du nicht, ist doch nicht deine Schuld. Ich sage ja.
Dir geht’s doch wieder gut? Ich sage ja.
Ruf mich an wenn noch was ist, ja? Ich sage ja.
Aber ich habe Angst.
Angst, vor meinem nächsten Kontrollverlust.
Meistens habe ich die Macht, nur selten verliere ich den Kampf der beinahe stündlich in mir tobt.
Noch gewinne ich meistens. Nur manchmal bin ich zu schwach.
Ich dachte immer, die schlimmste Angst wäre die vor dem Tod.
Doch die schlimmste Angst, ist die Angst vor der Angst.





Kommentare
ich kann es direkt spüren.
24.01.2012, 08:49 von HIRSEwow. ich habe drei anläufe gebraucht um deinen artikel ganz zu lesen.
22.01.2012, 02:25 von livelovelaugh_was du beschreibst, war bis vor kurzem noch mein alltag!
falls es autobiografisch ist: gib die hoffnung nicht auf, irgendwann wieder unbeschwert durch deinen alltag gehen zu können. denn das wird kommen!
danke! ich habe es geschafft - zumindest meistens :)
07.02.2012, 17:23 von laberbackehttp://www.paniknetz.de/
16.01.2012, 10:12 von Gluecksaktivistin"Doch die schlimmste Angst, ist die Angst vor der Angst."
16.01.2012, 11:33 von Jackie_GreyEs ist - soweit ich weiß - besonders wichtig, genau diese Angst vor der Angst zu behandeln, um "gelassener"/angstfreier mit einer Panikattacke fertig zu werden. An einer Panikattacke stirbt man nicht - auch wenn es sich so anfühlt. Unser Gehirn hat auch ein Angstgedächtnis, so wie es auch ein Schmerzgedächtnis hat, daher ist es besonders wichtig, sich von Fachleuten behandeln zu lassen.
cipralex probieren!
15.01.2012, 18:32 von schimmernHier kann Dir keiner helfen.
15.01.2012, 13:03 von cosmokatzeAber darüber zu schreiben/ zu reden, ist ein Anfang.
(Falls der Artikel autobiographisch sein sollte.)
Du bist zynisch :-)
15.01.2012, 22:09 von SurecampEher realistisch ? Und doch positiv, denn der Anfang wurde ja gemacht !
16.01.2012, 10:19 von cosmokatzeWenn auch am total falschem Platze.
Ehrlich. Realistisch. Ja.
16.01.2012, 10:20 von cosmokatzeWenn das zynisch wirkt...wollte ich nicht. Schwöre.
Ich finde nicht, dass das zynisch von cosmokatze klang.
16.01.2012, 11:15 von Jackie_GreyOk, es von mir zynisch geklungen - und so wäre es auch gemeint gewesen.
16.01.2012, 13:38 von Surecampmanchmal tut es gut zu schreiben, was man sic nicht zu sagen traut. ja es ist autobiographisch, aber ich bin gerade dabei diesen abschnitt hinter mir zu lassen, helfen kann man bekommen, heilen kann man sich nur selbst
07.02.2012, 17:14 von laberbacke*hilfe kann man bekommen natürlich :)
07.02.2012, 17:14 von laberbackeHammer!
15.01.2012, 11:59 von Hillie87Ich habe beim Lesen die Luft angehalten.
Ja und so neu!
15.01.2012, 22:09 von SurecampDie Angst vor der Furcht vor der Sorge der Wiederholung?
16.01.2012, 09:44 von EliasRafaelneurotische repetitionaphobie?
21.01.2012, 10:41 von mo_chroiangst vor der panik, der unbeholfenheit in der situation und vor dem kontrollverlust der dich jederzeit - egal wo wann und wie packen kann
07.02.2012, 17:15 von laberbackeEin kalter Schauer fuhr beim Lesen durch meinen Körper.
14.01.2012, 19:51 von lalinaVielleicht ist Ausdruck lindernd - wie zum Beispiel das Schreiben von Texten... oder andere Formen (Malen, Sport, Musik machen, Tanzen, Sprechen), die ablenken und, da Hobby, zunächst kaum müsam sind.
14.01.2012, 19:33 von TilmannKleyeKlingt nach Ratschlag, soll aber keiner sein.
"Ich greife zum rettenden Handy und wähle die Nummer meiner Mutter. Sie ist der Herrscher über meine Angst."
Ich will nicht übergriffig erscheinen, aber dieser Satz hat mich stutzig gemacht: Klingt mir sehr nach einer etwas zuuu engen (evtl. symbiotischen Mutter-Tochter-Beziehung). Die Texterin/Protagonistin sollte versuchen, selbst - ohne Hilfe der Mutter - Herrscherin über ihre Angst zu werden. Die "Abhängigkeit" von Muttis Trost ist nicht "gesund" und Abhängigkeit macht wiederum hilflos. Hilflosigkeit wiederum kann Angst erzeugen. Ein "Teufelskreis"...
14.01.2012, 23:58 von Jackie_Greyes ist nur so schwer ihn zu durchbrechen! irgendwann schafft man es alleine.. und in meinem fall hat meine mutter das gleiche durchlebt und ist somit die größte hilfe, bei uns ist das eine art familienkrankheit.. ;)
07.02.2012, 17:17 von laberbackeMacht mich nachdenklich
14.01.2012, 18:18 von EliasRafael