Es blinkt.
Es blinkt. Immer. Oben rechts. Rot.
Meine innere Stimme wartet lauernd darauf, die ersten Anzeichen der Midlife-Crisis zu erkennen.
Da! Diese kurze Überschlagsrechnung im Kopf auf der Autobahn, ob ich mir vielleicht doch mal - oder bald oder sogar jetzt - ja gleich dieses Wochenende! - mal einen kleinen, gebrauchten Porsche kaufe? Wollte ich ja eigentlich nie. Aber Geld genug ist da. Und irgendwie sehe ich nicht auch ganz nett darin aus? Anders als in meinem Familienkombi? Zack! Erwischt! Wofür und für wen nett aussehen? Sehe ich nicht nett aus? Muss ich nett aussehen? Brauche ich dafür ein Auto? Wofür brauche ich einen Porsche, um für wen nett auszusehen?
Oder hier: im Vergnügungspark, während ich mich mit leichter Überheblichkeit innerlich über die deutsche Standard-Familie mit wohlstandsgebäuchten Mamis und Papis mit ihren Kindern in Lilly-Fee und Bob-der-Baumeister-T-Shirts lustig mache und dann plötzlich erschrocken vor einer verspiegelten Scheibe erstarre: denn dort schaut mich eine ebensolche Familie an. Und nicht ein 17-jähriger, der sich über seine spießige Umgebung lustig machen könnte. Das, was mich anschaut, wäre eine wunderbare Zielscheibe für meinen eigenen Spott: der Mann mit grauen Strähnen in den Haaren, leichter Bauch, aber unbedingt noch in die Designer-Jeans quälen. Die Kinder ohne Bob-der-Baumeister, aber rausgeputzt cool, damit bloß keiner denkt, sie wären Bob-der-Baumeister-wir gehen-in-den Vergnügungspark-Kinder. Dabei lieben sie Bob. Und wir sind mitten drin, im Vergnügungspark. Da lacht die innere Stimme und sagt: Du bist nicht mehr 20. Hast Du in den letzten 20 Jahren nicht gemerkt, dass 20 Jahre vergangen sind? Und Du sie nicht zurückdrehst? Und Du das vor allem nicht versuchen solltest? Und Du es trotzdem versuchst und keinen rationalen Grund dafür kennst?
"Ich hab diese krass verzogenen Gören endlich im Bett! Aber hier gehe ich voll ein. Scheiße, ist das spießig hier! Kommst Du noch rum? Zeit für Spaß :-)" befindet sich leider nicht als Post auf meiner Facebookseite. Sondern auf einer anderen. Und ich kann noch nicht einmal "gefällt mir" drücken, denn es ist die Seite des Freundes meiner Babysitterin. Quält mich mehr, dass ich schaue, was sie postet und oder das, was sie von meinem Computer postet, während ich weg bin? War es nicht noch gerade gestern, dass ich mich über die von meiner Freundin geöffneten Terrassentür in die Villa des Hauses schlich, in der sie auf die Kinder aufpasste und wir einen irren Abend in der dortigen Badewanne verbrachten? Nein, es ist 22 Jahre her. Jetzt bräuchte ich mich nicht mehr schleichen, sondern nur die eigene Badezimmertür zu öffnen. Aber das ist es nicht. Die Badewanne ist hinzugekommen, aber etwas anderes abhanden gekommen.
Und dann das Blinken. Mein Blackberry blinkt immer. Es klingelt fast nie. Es macht mich alt. Es macht mir jeden Tag deutlich, dass ich zwar meine berufliche Karriere mit dem Internet begonnen habe, aber in dessen Steinzeit. Ich war damals stolz, als "Alles-online-Typ" keine richtigen Akten mehr anzulegen, sondern alles in meinem Laptop zu speichern. Heute ist kein Mitarbeiter von mir stolz darauf, denn sie kennen den Unterschied gar nicht. Sie kommen gar nicht auf Idee, etwas auszudrucken. Stattdessen scheint ihr Blackberry oder IPhone direkt mit ihren Nervenzellen verbunden und anstatt zu sprechen, äußern sie sich direkt per Mail. Immer. Über alles. Ständig. Während ich mir verkneife, die Rolle meines Großvaters anzunehmen und Sätze mit "Früher?." zu beginnen (klappt ganz gut) oder zu denken (klappt nicht gut).
Gibt es genetisch bedingte Vorlieben, die sich mit zunehmendem Alter automatisch entwickeln und gegen die man nichts machen kann? So wie mir Wein mit 18 nicht schmeckte, mit 35 aber einen (zu großen) festen Platz der Lebensqualität eingenommen hat? Erklärt das meine plötzliche Vorliebe für Gartenarbeit? Meine plötzliche kindische (?) Freunde daran, Rasen zu säen und auch langsam wachsen zu sehen? Dass Spaziergänge an Wasser, See und Wald plötzlich gar nicht mehr so langweilig sind und gar Familienfeste einfach nett?
Andererseits teile ich ganz und gar nicht die Vorliebe vieler meiner befreundeten männlichen Altersgenossen für Frauen, die halb so alt sind, wie sie selbst.
Die sind mir nämlich einfach zu jung.
Mist.
Nein. Gut so.





Kommentare
Ich versteh dich nur zu gut! Allerdings gibt es zwischen uns einen kleinen feinen Unterschied...ich komm nicht damit klar!
20.10.2010, 14:10 von YearnforMach dir mal keine Sorgen, ist alles gut und normal bei dir, das sind alles nur kleine innere Kriege, die du am besten gewinnst, wenn du sie ignorierst..
19.10.2010, 22:32 von Batida72Denn was würde passieren, wenn du nachgibst?
...
hehe..
19.10.2010, 20:26 von strassenstaubaber voll gut geschrieben.
Ja, die Gartenarbeit und die langen Spaziergänge. Sie haben großen Anteil an meinem Auswandererleben in den Rocky Mountains.
19.10.2010, 19:25 von tussanaAber das tolle am Erwachsenwerden ist doch eigentlich, dass es einem Wurscht ist, was die anderen darüber denken. So geht es mir jedenfalls. Und jetzt muss ich wieder in die Küche, Tomaten einmachen.
es ist schon schwierig, in würde zu altern, was? ;)
19.10.2010, 17:17 von edelstein68ich finde es auch manchmal seltsam, in den spiegel zu schauen, und mich so zu sehen, wie ich wirklich bin - wenn ich mich gerade aus welchem grund auch immer sooo jung gefühlt habe... :)
trotzdem: jedes alter hat seinen reiz und ich möchte sicher nicht wieder jünger sein!
und der geschmack ändert sich tatsächlich im laufe der jahre.
schöner text!
Schöner Text für die Alte und doch für die Junge...gut geschrieben
19.10.2010, 17:10 von EmperorUnicornmanche Wörter erinnerte mich an den Film "American Beauty," haben sie's angeschaut?
Hm. Meine Vorlieben verändern sich mit zunehmendem Alter nicht. Nur das Abnehmen wird mit zunehmendem Alter schwieriger.
19.10.2010, 16:34 von B.tinaHabe den Text dennoch gerne gelesen.
Zwar bin ich weder in der Verfassung (eben aus Altersgründen), noch steht es mir gut zu Gesicht, meinen Senf zu solch einem Thema beizusteuern, doch denke ich gerade einen Gedanken, der den alternden Männlein und Weiblein hier zu helfen vermag:
19.10.2010, 16:20 von OnestoneDie Angst vor dem Altwerden ist Ansichtssache, es gibt genügend Kulturen, in denen "Alt", oder in deinem Fall besser gesagt "Altern" zum Leben dazu gehört wie die Geburt. Nein, ich bin kein abgehobender Kulturphilosoph. Etwas so unvermeidlichen mit so einem Vermeidungsverhalten gegenüber zu treten ist das Sinnloseste, was man tun kann, oder nicht? Zugegeben, die Aktzeptanz und der Rückhalt sind nicht gegeben. Kopf hoch! Alter.
Aha. Blackberry.
19.10.2010, 15:33 von frl_smillaWein war mit 18 Mist, mit 35 aber Lebensqualität?
Mit solchen Haltungen und besonders der Art, wie sie hier kommuniziert werden kann ich nix anfangen.
Aber was weiß ich schon, mein Handy kann kein Email, mit 18 fand ich jüngere Männer eher bäh und jetzt tragen sie einen erheblichen Teil zur Lebensqualität bei und papierlose Büros sind der Hass.
mmh, schwierig... bin gerade in der Phase, wo man die kindischen Jugendsünden belächelt, statt sich dahin zurück zu wünschen...obwohl gestern abend, das Fotoalbum mit den Abi-Bildern... Nee, nur "schau nach vorne, nie zurück such die Antwort zu deinem Glück"
19.10.2010, 13:26 von Tanea