dragonflycaught 18.07.2013, 20:56 Uhr 2 4

Ertrunkene Marie

I don't mind if i feel lost, cause i'm not very hard to find - Clara Luzia, Homedrinking

Eine Welt im Vogelkäfig, die lebt sie. Oder, kann man es leben nennen?
Auf ihrem Balkon spielt sie mit den trockenen Blüten einer Orchidee. Der letzte Rest bröselt auf den staubigen Betonboden. Die Autos rauschen vorbei, stören ihre Gedanken. Marie ist einsam, gleichzeitig allein. Ihre Katze springt auf den Stuhl neben sie und putzt sich. Es ist wie immer und die Gewohnheit erdrückt sie.
Noch vor kurzem sog sie diese sanfte Luft aus Wohlbehagen und Klarheit in sich auf. Hätte man sie gefragt, ob sie zufrieden ist, wäre ihre Antwort schnell gefallen. "Ja, ich glaube, ich bin auf einem guten Weg!". Doch, wie sie wieder hier sitzt, wie die letzten Jahre zur Sommerzeit, begreift sie die Schwere ihres Herzens nicht. Wo will sie hin? Wo Alle hingehen? Wohin gehen die Anderen? Ist Schwarz ihre Farbe? Sie war sich sicher, doch nun erdrückt sie die Lichtsaugende Farbe. Die Dunkelheit. Wenn sie nur ans Schlafen denkt, ans Einschlafen, wird ihr mulmig. Die Gedanken kreisen, die Gedanken stoppen. Sie schenkt sich ein Glas Wein ein und trinkt es auf den Schlaf. Ein nettes Gespräch mit dem Jungen mit den schönen, blauen Augen wäre ihr Recht. Doch er denkt nicht an sie. Ihre Visionen gehören ihm.

Noch am Tag zuvor saß sie bang auf der Parkbank und wartete auf ihn. Er kam nicht. Sie schrieb ihm eine kurze Zeile. Doch wahrscheinlich legte er sich lieber schlafen. Es tut nicht weh, es setzt sie zurück in die gewohnte Position: Die Position eines Ungeborenen in dem Leibe seiner Mutter. Stumm schreit sie nach der Mutter, die die Schmerzen lindert. Deren Wort in ihren Schwermut fällt und ihn verblassen lässt.

Denn jeder braucht einen Freund der einem in der Not hilft.


In Filmen, denkt sie sich, wäre es leichter betrunken zu sein. Man würde spazieren gehen. Durch den Park, in dem auf einer modrigen Bank ein alter Herr Platz eingenommen hat und seine Geschichte erzählt. In einem Film folgt eine Szene der anderen, aufeinander aufbauend. Der trübe Land wird verlassen, um das Sonnental zu erreichen. Und dann ein Happy End. Meist. Oder eben nicht. Würde ihr Leben verfilmt werden, wäre es ein Drama. Ein Drama mit schlechten Besucherzahlen.

Die Katze krächzt einen erbärmlichen Laut aus: Sie hat Hunger. Marie blickt auf die Uhr. Halb Sechs. Es ist Zeit. Sie streicht ihrem Haustier über den Kopf und begibt sich in die Küche. Nassfutter. Eine Schüssel. Sie stellt sie dem gierigen Vierbeiner vor die Nase, dieser wirft sich auf seine leicht erlegte Beute. Ein Ritual. Ein kleiner Lichtblick. Ein trauriger.

Und wenig später findet man sie wieder auf ihrem Balkon wieder. Es dämmert. Die Flasche leert sich. Eine zweite. Auch das letzte Glas. Sie ertrinkt in ihm. Sie ertrinkt in den blauen Augen des Jungen. Sie ertrinkt leise und schwach. Am nächsten Tag ist von all dem nichts mehr übrig.
Und es geht weiter. Wie bisher. Oder anders.
Bis die Hoffnung kommt. Und wieder geht.

4

Diesen Text mochten auch

2 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare