nansen 11.12.2012, 16:22 Uhr 4 13

Erinnerung am Handgelenk

An jedem Armband hängt eine Erinnerung. Ein Erlebnis, ein Tag oder ein ganzer Mensch. Jedes erzählt seine eigene Geschichte.

Ich wurde vor 5 Jahren geboren, irgendwie aus mehreren Teilen zusammengeflochten. Ich bin bunt und weich. Ziemlich kurz nach meiner Geburt wurde ich abgegeben. Als Geschenk, wurde mir gesagt. Seitdem bin ich an diesem Arm. Hier gibt’s viel zu erleben. Nass ist es jeden Morgen und auch danach wird nicht allzu zimperlich mit mir umgegangen. Sonst geht’s mir gut. Ich lag viel im Bett, oft unter diesem einen schönen Kopf, mit dem weichen Haar. Aber das ist vorbei.
Hin und wieder zerrt und zupft jemand an mir. Aber sie lächeln meist, ich scheine ihnen also sympathisch zu sein. Und dann erzählt er immer wieder die Geschichte, was es mit mir auf sich hat..

„Es ist länger her. 5, 6 Jahre bestimmt. Ich hab es damals von meiner ersten Freundin geschenkt bekommen. Es ist mein allererstes Band, ich wusste nicht ob es mir gefällt etwas am Arm zu haben, aber es war eben nicht nur ein bisschen Stoff. Schnell wurde daraus ein Stück Erinnerung, ein Stück Lebensgeschichte, eingewebt in ein bisschen Stoff und immer abrufbar. Ein Blick und man erinnert sich an die mittlerweile vergangene Beziehung, die Liebe und all die guten Momente. Es ist ein bisschen kaputt, ein bisschen eingerissen, aber es hält und hält."

Mich gibt es noch gar nicht so lange. Ich bin jung, 2 Jahre. Auch ich bin aus Stoff, mit einem kleinen Teil aus Metall. Ich erinnere mich gut, wie ich hier her kam. Es tat weh. Der eine Teil von mir wurde einfach zusammengedrückt! Ich konnte mich nichtmehr bewegen! Aus dem nichts. Weg waren alle meine Freunde aus der Kiste. Und sofort waren wir unterwegs. Ich weiß noch wie er an mir zerrte, ich wurde zu eng gemacht und es störte ihn genauso, wie mich. Aber ok. Ich wurde dauernd irgendwie hochgehalten und vorgezeigt. Und relativ schnell fand ich einige Freunde von vorher wieder. Wir saßen auf ekligen, kratzigen Sofas. Es stank nach Rauch und Bier. Plötzlich ging‘s los. Alle standen auf, die Hände aufeinander gelegt und nach oben geworfen. Alle umarmten sich. Dann die Treppe hoch, viele Menschen sahen uns an. Er nahm in beide Hände einen Holzstock und los. Hoch, runter, bums, zack, links, rechts, bums..

„.. ja genau! Das ist das Band von dem Festival. Der erste größere Auftritt. Es war quasi der Backstagepass. Das war so vor 2 Jahren. Ich hab‘s nicht abgemacht, sieht schick aus find ich! Und dazu kommt, dass es ja seitdem irgendwie meine Musikergeschichte aufsaugt. Es erlebt jeden Schlag auf die Drums, jeden neuen Auftritt, jede Probe. Es reist mit in jede Stadt und trägt den Siff all dieser Backstageräume. Alle anderen Festivalbänder mache ich ab. Eins reicht. Eben dieses eine. Mein Musikarmband.“

Nachruf

An all unsere vergangenen Freunde. Wo immer Ihr sein mögt.
Es war eine schöne Zeit mit euch. Immer nur kurz, schnell ward ihr weg, immer dann. wenn die Musik ausging. Plötzlich seid ihr aus unserer Mitte geschieden.
Wir vermissen euch.

Das ist nicht ohne alles. Da kriegt man es mit der Angst zu tun. Freunde kommen und gehen. Und irgendwie fragt man sich ja auch wie es da mit einem selbst weitergeht. Wann ist vielleicht für mich der Tag gekommen? Werde ich kaltblütig ausgelöscht oder sanft abgetrennt und aufbewahrt, so, wie ein paar unserer ehemaligen Kollegen. Aber was ist das für ein Leben dann? In einer Kiste wieder, da wo man herkam. Nichts mehr zu erleben, man hört keine Geschichten mehr, sieht nichts Neues.
Und man erlebt viel:
Vor so ungefähr einem Jahn, hab ich ihn das erste Mal gesehen. Er kam zur Tür rein, ich lag auf dem Tisch. Hier lag ich schon lange. Das Mädchen hatte mich selbst gemacht und dann wohl vergessen, ich weiß nicht.
Naja, er kam rein, und sie redeten. Irgendwann haben sie sich geküsst. Lange, sehr lange, bis sie unter der Decke verschwanden. Sie wollten wohl nicht, dass ich zusehe. Ich bin eingeschlafen und auf einmal, wurde ich gepackt und in seine Tasche gesteckt! Es ging so schnell, ich wusste nicht..

„.. wo es auf einmal herkam. Es war einfach in meiner Tasche. Ich denke es kommt von ihr. Es ist wirklich schön. Ich hab‘s auch direkt umgemacht. Es steht für mich für diesen einen schönen Abend. Meinst du ich soll sie anrufen? Das war schon süß. Ich krieg echt ein schlechtes Gewissen irgendwie, wenn ich das Band sehe. Ich trage einen Teil von ihr und unsere Geschichte am Arm und habe mich nicht mal bei ihr gemeldet. Ich weiß nicht. Vielleicht mache ich‘s doch lieber wieder ab..“

„Oh ja! Ich möchte so gerne wieder ans Meer! Da war ich oft, das ist wundervoll. Diese Freiheit, aber auch die Vergänglichkeit, weil es immer nur ein Urlaub ist. Eine begrenzte Zeit. Kurz die Luft schnuppern und sofort ist man wieder zuhause. Das ist so schade! Meist kaufe ich mir dort ein Armband, ziehe es durchs Meer und mache es dann nass um meinen Arm. Als Erinnerung. Mit Seeduft.“

Seeduft. Meine Güte. Ekelhaft nass, unangenehm juckend mit dem Salz. Immer mal wieder kommen Bänder wie ich. Ich weiß was sie durchmachen, aber das hört auf. Nach den ersten Duschen sind auch wir so schön wie alle anderen. Ja, viele sind wir geworden mit der Zeit. Ich höre kaum Klagen, man erlebt viel. Ist in guter Gesellschaft. Was will man mehr. Und bevor ich in einer Kiste vergammel, da lass ich mich lieber durchs Meer ziehen.


Tags: Erinnerung, Armband, Festival, Vergangenheit
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4 Antworten

Kommentare

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    Herrlich gut!


    09.07.2014, 10:17 von lieberberg
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    Tolle Idee.

    14.02.2013, 21:44 von wunschpunkt
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    Schön. Habe im Moment selbst acht Stück an meinem linken Handgelenk. Und jedes von ihnen erzählt seine eigene Geschichte. Ich möchte keines von ihnen abnehmen. Danke.

    25.12.2012, 15:14 von unoriginell123
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    Berührend, witzig und wirklich schön.

    11.12.2012, 22:26 von StrawberrySwing
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