zzebra 30.11.-0001, 00:00 Uhr 11 8

Emotionale Haftanstalt Beziehung

Den meisten Stress macht man sich selbst, heißt es. Ganz besonders gilt dies für Beziehungsstress, wenn es ums "Fremdgehen" geht

Für diejenigen, die gerade keiner Beziehung verhaftet sind, mag Fremdgehen ein verurteilens- bis beneidenswertes Luxusgut sein, auch für alle, die sich in einer Beziehung gut und komplett aufgehoben fühlen, ist das so, ihnen fehlt vordergründig nichts: kein Abenteuer, kein abwechselndes Bettturnen, kein kurzes Fensteröffnen für Herz, Seele und Lustmief, um all das eingetrocknete, eingleisige Gefühlsleben zu entlüften, vom Staub eines vielleicht verrosteten, eingeschlafenen, sich selbst entstellt habenden oder betulich tüddelnden, verträumten Beziehungsalltags zu reinigen, den ollen Beziehungsdunst einer kurzen, limitierten Kur de Force sich frisch einstellenden Lebens vorzuziehen.

Die jugendlich darstellende Sichtweise manches Textes erinnert eher an Teenagerdramen denn an ein ernst zu nehmendes Phänomen, unter dem viele feste Beziehungen "leiden": Die Lust am Neuen und die Eintönigkeit des Bestehenden. Anführungsstriche deshalb, weil nicht kommuniziertes oder nicht ausgelebtes Leid liebend gerne weggeschwiegen wird. Der Einfachheit halber.

Möglicherweise täten vielen Beziehungen ein paar verabredete frische Winde aus bereitwillig geöffneten Fenstern gut, sonst erhöht sich die Gefahr, dass durch solche Unterlassung Liebschaften auseinander brechen, weil sich aufgestautes Schweigen doch irgendwann vulkanausbruchartig Luft verschafft, der berühmte Tropfen zitiert, das volle Maß herbei apostrophiert wird, gern verbalisiertes Motto: "Ich halt das einfach nicht mehr aus!"

Vielleicht ließen sich so einige Beziehungen dauerhaft retten, wenn man sich dieses schlecht geredete "Fremdgehen" einfach zur Abwechslung einmal gestattete, den moralinsauer ausgestreckten Zeigefinger, den man gerne flugs in die Wunde setzt und darin herumdreht einmal auch sich selbst richtet und nachfragt: "Warum ist das so, dass er/sie fremdgehen will?"

Denn meistens hat es einen Grund, falls nicht der Laune- und Gelegenheitsdieb gerade unterwegs ist und mit Alkohol, persönlicher Schwäche und Langeweile in unserem Gemüt jongliert. Verurteilt man Fremdgehen, ohne tiefgründige Nachfrage zu leisten, macht man es sich einfach, denn mit Sicherheit passt das wunderbar in die eigene Philosophie. Als gäbe es nur diese eine Variante, diese eine Lösung, diesen einen Weg: Das eigene Recht, die eigene Sichtweise. Ist eine Beziehung nicht aber auch mehr oder weniger emotionales Gefängnis? Eine Haftanstalt für Trieb, Lust, Leidenschaft, Herz, Seele, Gefühl? Und was war noch gleich das größte Interesse eines Inhaftierten?

Dabei weiß ein jeder, ohne es im akuten Augenblick wahr haben zu wollen. Nichts hilft gegen die Liebe, die sich ihren Weg so oder anders sucht. Keine sporadischen heimlichtuerischen Lustausritte, kein ellelanges, immer wieder herunter gebetetes Seelenklempnerklagelied, keine beteuernden Liebesschwüre können sich der wahren Liebe in den Weg stellen. Ansonsten bleibt noch viel Spielerei mit Emotionen, mit anderen und mit sich selbst.

Man kann die zielgerichtete Liebe aber pflegen. Sich um sie sorgen und kümmern und manchmal nimmt ein dadurch erzaubertes Lächeln des Partners die Luft aus der Aufgeblasenheit, in die man sich begeben hat. Die Art und Weise der Sorge ändert sich wie die Haut an Hals und Händen: sie wird reifer und legt Wert auf andere Dinge. Statt Blumen gibt es eine Massage, statt einem Kuss einen Hinweis darauf, dass es in Ordnung sei, wenn der Sportabend wichtiger ist. Liebe leben heißt leben lassen.

Nicht selten pflegt Fremdgehen sogar eine Beziehung. Es liegt an der Art, wie dies geschieht, wie man damit umgeht, vor allem wie viel Freiheit man sich gegenseitig in einer Beziehung einräumt. Denn auch in Paarbeziehungen gilt - vor allem dann, wenn dies vehement bestritten wird: Je mehr man den Partner einengt, verpflichtet und bindet, desto größer wächst die latente Gefahr an, dass dieser Wege zum ausbrechen sucht.

Miteinander reden hilft am allerbesten. Am besten vorher. Denn bedingungslose Treue ist nicht zwangsläufig ein Indiz für Liebe. Damit kann es sich derjenige einfach machen, der das so einfach handhaben kann. Es gibt aber auch andere Charaktere. Da gilt es abzuwägen zwischen Verbundenheit und Freiheitsdrang.

Einem sich gerade einstellenden Moment nachzugeben, ohne das Thema vorher ausdiskutiert zu haben, lässt eher auf eine oberflächliche, nicht wirklich zukunftsträchtige Beziehung schließen, auf Blauäugigkeit und Oberflächlichkeit, getreu dem Leid-Spruch "Was ich nicht sehen will, verschafft mir keine Probleme". Auch ein Weg, leider nur ein verminter. Er lässt die Vermutung zu, das man noch in der Lernphase der Beziehungskultur steckt. Zu blöd, dass Liebe ein Leben lang ein Lernprojekt bleibt. Da hilft nur üben, üben, üben.

Wie viel Liebe müssen dagegen die aufrichtigen, nicht wirklich einfach auszusprechenden Worte beinhalten: "Such dir ein Liebesturngerät für deine sich aufbäumende Sehnsucht, aber lass es um unserer Liebe Willen bitte eine belanglose Episode für unser beider Leben bleiben."

Wer dann diese Art Liebesbekundung missbraucht und nicht reumütig, nachdenklich und mit erstarkter Seele und frischer Liebe zurückkehrt, war ihrer in der betroffenen Beziehung nicht wert.

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11 Antworten

Kommentare

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    Eine intererssante Sicht der Dinge...

    07.08.2007, 15:01 von Kazsareei
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    Hmmhmmm.

    17.07.2007, 12:39 von chessige
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    Guten Abend Issues,

    mag sein, daß ich den Text falsch gelesen habe. Mag sein, daß ich ihn auch nur anders gelesen habe als Du. Aus den Ausführungen von Zzebra las ich nicht die Aufforderung zum Fremdgehen, sondern die Aufforderung dem Partner die bedingungslose Wahl seines freien Willens zum Leben und Lieben zu überlassen.

    Wohl ein einziges winziges Puzzleteil der "wahren" Liebe wäre die Aufforderung zum fremdgehen, welche größeren "Liebesbeweis" könnte es geben?

    Wenn der Partner die Tiefe dieses Liebesbeweis versteht, wird seine "... aufbäumende Sehnsucht..." in den Augen seiner Partnerin versinken und zwischen deren Schenkeln dahin schmelzen.

    Aber wie erwähnt, das schöne ist, daß jeder einen wirklich tiefen Text anders liest.

    Viele Grüße an Dich - trooper

    Diese 10000000

    15.04.2007, 22:24 von trooper
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    Guten Abend Monsieur Zzebra,

    ein, Deinem Intellekt würdiger Text! Erlaube mir bitte aber einen kleinen Kritikpunkt. Der Schlüsselsatz, stimme Ludwig voll zu, ist "...leben lassen", meiner Meinung nach.

    Den anderen leben lassen, setzt unabdingbar voraus, daß dieser dies auch mit mir tut (verweise auf "Teamlife"). Diese wechselseitige Gemeinsamkeit bedingt wiederum eine hohes Maß an Übereinstimmung in den notwendigen Parametern einer Beziehung. Sex ist "nur" ein Teil einer einer Beziehung, wenn auch ein existenzieller.

    Ist nun in diesem einen Punkt keine Übereinstimmung, nicht der Wille zum gemeinsamen lernen mit der ganzen Kraft beider, eigenständig schlagender Herzen da, sehe ich tatsächlich große Probleme.

    "Wieviel Freiheit man sich lässt..." ... kann sicherlich dazu führen, daß ich eine hervorragende Partnerschaft führe, wie eine WG o.ä. aber eben keine Liebesbeziehung, die sich täglich nährt aus dem Wunsch gemeinsam zu lernen, zu leben, zu lieben.

    Mit dem Blick in die Augen der Partnerin wächst das Bewusstsein, nicht zurückzublicken, sondern nach vorne, sich zu freuen auf die weitere gemeinsame Entwicklung, ohne auch nur ahnen zu können, was dieser Blick in vier Tagen oder in vier Jahren in den Augen der Partnerin neues entdecken wird.

    Bitte verzeih, ich benutze oft eine schwer verständliche Sprache, aber wenn "...sich aufbäumende Sehnsucht..." nicht im Herzen, in Worten und Taten der Partnerin wiederfindet, sende ich einen Brief ohne Adressaten und welchen Sin würde dies in einer wirklichen Beziehung machen?

    Schön, daß dieser Aufforderung Dein letzter Absatz folgt, welchen ich voll und ganz unterschrieben kann.

    Ein Zzebra-mäßig schöner, Text mit Leben hinter der augenscheinlichen Fassade. *verneig*

    Viele Grüße - trooper

    15.04.2007, 22:14 von trooper
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    Wow.
    Danke, daß Du mich drauf aufmerksam gemacht hast.
    Mein Lieblingssatz: "Liebe leben heißt leben lassen".

    Du hast das ganze Pferd mal von der anderen Seite aufgezäumt - und es ist wahr: am Anfang steht die Frage nicht: Wie schlimm ist was?, sondern welche Qualität von Leben und Lieben wollen wir uns - gegenseitig - gönnen?

    Ein wunderbarer Aufruf zur Ernsthaftigkeit, in der wirklich Glück liegen kann. Ich hab solches bei meinen Eltern erfahren dürfen, vielleicht spricht es mich deshalb besonders an.

    Vielen Dank!

    13.04.2007, 20:33 von LudwigMartin
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    Ganz deiner Meinung. Da liest sich viel Beziehungsgrenzerfahrung heraus. Schöner Kontrast zu den halbstarken Sprüchen der New-Conservative-Kids, die noch keine Ahnung davon haben, was im Leben noch alles kommt.

    13.04.2007, 09:59 von groovejunkee
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    Hmmm, wirklich ein interessanter Artikel.
    In einige Punkten stimme ich Dir auch absolut zu (z.B. dass es sehr wichtig ist miteinander zu reden und besonders dem Absatz über die pflegebedrüftige Liebe), aber als emotionales Gefängnis, aus dem ich ausbrechen möchte, habe ich meine Beziehung noch nie erlebt. Und Fremdgehen als Beziehungspflege funktioniert für mich auch überhaupt nicht. Aber vielleicht gehören wir auch einfach zu der uncoolen aussterbenden Art der tatsächlich monogam lebenden Ehepaare, die nicht den Kick des Fremdvögelns brauchen. Ich muss mich nicht von anderen Männern begehrt fühlen und mir beweisen, dass ich auch Andere ins Bett zerren kann. Ich bin mit einem Mann eigentlich auch ganz gut ausgelastet.
    Trotzdem mag das mit dem gelegentlichen Fremdgehen für andere Paare vielleicht funktionieren (allerdings kenne ich keines, für die das längerfristig gutgegangen ist).

    12.04.2007, 16:56 von Issues
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    interessant und tief aber ich stimme dir nicht total zu...

    12.04.2007, 15:41 von Laylalila
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