penny.lane 14.03.2005, 23:01 Uhr 4 0

emotion light 0,5 liter

Ich fühle mich wie der Inhalt einer Wasserflasche. Alpenquelle, mit Kohlensäure versetzt, in einer grünen Plastikflasche. Drei Tage alt. Und lauwarm.

Morgens, wenn die Straßenbahn an den alten Häusern vorbeifährt spiegelt sich die Frühlingssonne in den oberen Fenstern. Der kalte Wind weht eine Plastiktüte über den Gehsteig, sie wickelt sich einmal beinahe um die Laterne und verliert sich dann auf der Straße. Dort wird sie vermutlich überfahren, aber das macht nichts. Danach ist sie höchstens ein bisschen schmutziger. Die Vögel zwitschern und ich warte darauf dass mein Herz hüpft. Wenigstens ein kleines bisschen. Man sieht nur mit dem Herzen gut, sagt der kleine Prinz. Vielleicht hat es im Winter ein bisschen zu viel auf mein Herz geschneit und jetzt sieht es nichts. Vielleicht sollte ich mal bei Gelegenheit ein bisschen den alten Schnee wegkratzen. Der Wind zerzaust mir die Haare, sie bleiben an den Lippen hängen. Ich hasse das, es macht mich total krank. Ein bisschen wütend überquere ich bei rot die Straße und laufe über den gestreuten Asphalt. Eine ältere Frau kommt mir entgegen. Da heute die Sonne scheint grüße ich sie. Sie strahlt mich an.
„Weißt du eigentlich dass ich dich echt bewundere?“ höre ich meine Mitbewohnerin, etwas undeutlich, das Klappern des Geschirrs ist laut. „Du bist einfach so ausgeglichen“. Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Ich drücke einen Klacks Spülmittel (Balsam) ins heiße Wasser und tauche meine Finger hinein. Im ersten Moment weiß ich nicht ob es heiß oder eiskalt ist, dann spüre ich blitzartig den stechenden Schmerz. Während ich den Hahn mit dem blauen Punkt aufdrehe muss ich an mein Ethik-Abitur denken. Die Stoiker sind frei von Affekten. „Habe ich also gewisse Ähnlichkeiten mit Buddha?“ will ich wissen. „Hm, na ja, schon irgendwie. Du bist noch nie wirklich ausgerastet“. Ich reibe auf den Teller ein obwohl er längst sauber ist. Glänzend und schaumig. „Ach übrigens. Ich hasse Abspülen!“
Am selben Abend werde ich mich in Trance tanzen. Ich werde fröhlich jeden Becher austrinken der mit in die Hand gedrückt wird, werde die Augen schließen und das Gemisch aus feuchtem Kunstnebel, Zigarettenrauch und Gras einsaugen. Ich werde den blonden Jungen küssen, mit den blauen Augen. Weil er gut riecht, die richtige Musik hört und zwei Hunde hat. Und weil er so schön an meiner Unterlippe knabbert. Gegen sechs wird meine Freundin gehen wollen, weil sie müde ist und Hunger hat. Und ich werde mich abschminken und ins Bett gehen. Die Haare stinken nach Rauch. Aber ich schlafe gleich ein.
Muss man ein Herz eigentlich erst unter seiner Schneematschdecke herauskratzen damit man es anschließend zerreißen kann? Meine ganzen Kino-Taschentücher hat meine Freundin vollgeheult, ich hab mir nur überlegt ob ich gleich nach der Vorstellung auf Klo gehe oder lieber bei McDonalds. Sie will jetzt immer Tagesschau schauen, sagt sie. Ich setzte mich dazu und hoffe, das etwas Schreckliches passiert ist. In Israel musste ein Vater bei der Erschießung seiner Kinder zusehen. Mein Herz krampft sich ein kleines bisschen zusammen. Ich schlage den Kopf gegen die Wand, vielleicht löst das ja ein kleines Beben aus.
Das Wasser in der grünen Flasche trinke ich nicht mehr aus, es schmeckt viel zu abgestanden. Ich werde meine Pflanze damit gießen, ohne Kohlensäure ist das ja in Ordnung.
Der Himmel ist leuchtend blau, der kalte Wind lässt die Äste erzittern. Ich gehe ganz langsam die Straße entlang, erblicke jeden Quadratzentimeter Asphalt. Kippenstummel, Hundekacke, Flyer, in den Boden getretene schwarze Kaugummis. Unter der Bordsteinkante sammelt sich braungraues Schmelzwasser, vermischt mit trockenen Blättern. Als ich bei rot über die Straße gehe höre ich wütendes Hupen. Vielleicht sehe ich auf der anderen Seite mehr.
Irgendwo muss ich mich doch verloren haben.

4 Antworten

Kommentare

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    live life light ;-)

    31.01.2007, 13:43 von Connyi
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    *applaus*

    04.09.2005, 16:08 von elaine
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    ich mag deine Art zu schreiben sehr.
    So warm sind deine Worte.
    Und ich kann mich wiederfinden, hinter jeder Zeile
    lauert mein Kopfnicken, ein unkontrolliertes Augenblinzeln, ein kleines Lächeln.
    Danke dafür, ich hatte nicht erwartet dass heute hier zu finden.

    28.03.2005, 01:43 von Moegi
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