lieberberg 27.09.2016, 19:06 Uhr 7 4

Eins nach dem anderen

Sie weiß, dass es nicht die Stadt ist. Aber sie will der Stadt die Schuld geben, damit einmal etwas nicht ihr Fehler ist. Hier: der erste Abschnitt

I. 

Das Blut läuft mir buchstäblich in den Kopf. Auf dem Rücken liegend, hängt er von der Matratze und damit auch auf dem Dielenboden des spartanischen Schlafzimmers. Angesichts der durchzechten Nacht kommt mir der Begriff für dieses Zimmer jedoch nicht richtig vor. In dieser Position verharrend versuche ich die Titel der vielen Bücher gegenüber der Matratze zu entziffern. Bevor ich dazu komme den zweiten Buchtitel zu lesen ,wird die Tür aufgestoßen. Mein Kopf schnellt zur Seite, sodass mir kurzzeitig schlecht wird und ich mich aufrichte. Da steht er. Das braune Haar wirr, der Blick ähnlich. Nur in Boxershorts. Frische Boxershorts,wie ich bemerke. „Was machst du noch hier?“ fährt er mich fast an. Ich muss lachen und stehe auf. Den Blick suchend auf das Klamottenchaos gerichtet, versuche ich unter all dem Kram meinen eigenen wiederzufinden. „Entspann dich, ich bin auf dem Weg.“ Er schüttelt den Kopf und verlässt den Raum mit einem Seufzen. Ich höre wie er in der Küche mit irgendetwas hantiert. „Nur damit du‘s weißt, das war das letzte Mal“, ruft er mir aus der Küche zu. Wieder lache ich, diesmal nur für mich. In meine durchtanzten Sachen gekleidet lasse ich meine Finger über die Buchrücken im Regal streichen. Ich zähle sieben Stück ab und nehme mir das achte. Weder Autor noch Titel sind mir bekannt. Das Buch verstaue ich in meiner Tasche und verlasse ohne weiteres die Wohnung. Im Flur setze ich mich auf den Treppenabsatz und stecke mir eine Zigarette an. So verharre ich einige Augenblicke, versuche den Rest der Nacht zu rekonstruieren. Nichts Besonderes, wie immer. Ich schwinge mich am Geländer die Treppen herunter und bin ungewohnt glücklich.  

Das kalte Wasser läuft mir den Rücken runter und es kommt mir vor, als hätte ich nie bewusster darauf geachtet als an diesem Tag. Schauer durchlaufen meinen Körper. Ich drücke meinen Kopf gegen die kalten Fliesenschließe die Augen und beginne zu beten.  

Nackt liege ich auf dem Rücken. Das Handtuch fühlt sich unter mir warm an. Ich starre hoch. Die Decke des Zimmers hat mehr Risse als sonst. Alt wie das Haus ist, wundert es mich nicht sonderlich. Der Putz ist an vielen Stellen verschwunden und zeigt kahle Stellen der sonst weißen Wand. Renovieren werde ich hier nie.Ich löse meine Gedanken von der Wand und lasse den Blick durchs Zimmer streifen, so gut das auf dem Rücken eben geht. Als es klingelt raffe ich mich auf, werfe ich mir den Morgenmantel über und schlurfe zum Telefon. Auf dem Display die Nummer meiner Mutter. Ich schiebe das Telefon in die äußerste Ecke des Tisches und kehre ich ins Schlafzimmer zurück. Ich reiße das Fenster auf und strecke meinen Kopf ins Freie. Den Blick lasse ich vom einen Straßenende zum anderen gleiten. Die Bäume hier bekommen allmählich Blätter, und sind damit viel später dran als die anderen in der Stadt.Ich denke darüber nach wie es ist, nackt mit jemandem zu telefonieren. Jedes Telefonat das ich geführt habe, hätte mit einem nackten Gegenüber stattgefunden haben. Der Blumenladen auf der anderen Straßenseite bekommt eine neue Lieferung. Die Blumen sind nicht sonderlich schön, der Lieferant hingegen schon. Soweit ich das sehen kann zumindest. Nachdem der Lieferwagen wieder abgefahren ist beschäftige ich mich mit dem Innenleben meiner Wohnung. Ich hole mir das Buch aus meiner Tasche. Der Umschlag ist recht simpel, kein Klappentext und keiner auf der Rückseite. Ich blättere kurz durch ohne richtig hineinzusehen und lege es dann zu meinen eigenen Büchern. Ein paar davon sind zumindest meine.Das fünfzehnbändige Malereilexikon zum Beispiel.Ich habe es zwischen Altpapiercontainern gefunden und war mir sicher, dass der alte Mann welcher mit mir das Bücherarsenal durchstöberte sich den achten Band vor mir geschnappt hatte. Zwei riesige Kartons standen dort, voll von Gedrucktem. Im Band Nummer sieben blättere ich Gustav Klimt auf. Ich lese:Mit virtuos gemeistertem Zeichenstift ergründete er die verschwiegensten Geheimnisse des weiblichen Körpers, den er als das schönste Geschenk der Natur und als letzte Offenbarung des göttlichen Schöpferplans verehrte.“ Ich erinnere mich an einen der vielen Umzüge zu meiner jüngeren Lebenszeit. Damals hatte ich einen Abzug von Klimts Kuss besessen, welcher sich jedoch nach besagtem Umzug nicht mehr auffinden ließ. Den Gedanken daran habe ich nie losgelassen und bin mir sicher,noch einmal in den Genuss eines Abzuges zu kommen. Irgendwann. 

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7 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ich finde es toll,  dass die Niederschrift zwei Absaetze hat :-)

    29.09.2016, 12:22 von Dr_Lapsus
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      ich denke absätze sind ganz gut für die zeitliche strukturierung des textes, sofern man nicht dinge einbauen will wie "später am abend" oder "am nächsten morgen" :)

      29.09.2016, 13:36 von lieberberg
    • 0

      als karibischer Auslaender finde ich sogar Absaetze vorteilhaft,  um uebersichtlich und unfallfrei lesen zu koennen.


      Egal,  ich lasse mir demnext solche Texte vorlesen :-)

      29.09.2016, 14:08 von Dr_Lapsus
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    so als fragment ist das nicht schlecht, da nervt keine story etc.
    und ich hab mich erwischt bei der hoffnug, dass gleich eine wichsszene kommt, als sie nackt auf dem bett liegt und in das buch schaut. und mit solchen enttäuschten hoffnungen muss ich jeden tag leben!

    29.09.2016, 10:25 von libido
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      komm nach Vene, libido, da werden deine Hoffnungen nicht enttaeuscht :-)

      29.09.2016, 12:23 von Dr_Lapsus
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      ich bin sicher du findest mal einen text, der deinen erwartungen entspricht. nur vielleicht nicht bei mir, aber danke für deinen kommentar

      29.09.2016, 13:35 von lieberberg
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      lapsi: die fantasie funktioniert überall.

      liebi: das war weniger eine erwartung als eine hoffnung. da gibts einen unterschied, nämlich die haltung. wer bin ich denn, dass ich anderen diktieren könnte, was in ihren texten zu stehen hat ;)

      29.09.2016, 15:41 von libido
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