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‚Woran man es merkt? Vielleicht, wenn man beim Schaukeln, bei der höchsten Stelle abgesprungen, sicher auf beiden Beinen stehend aufkommt.’
Sie will heute anfangen.
Sie steigt in die U-Bahn.
Sie fährt einige Stationen und ist ganz ruhig. Kopfhörer auf den Ohren ohne Musik. Täuschung, ja, Täuschung. Verwirrungen und Widersprüche. Abrasierte Haare, Nazifrisur, zu einem Batik T-Shirt und Sandalen.
Sie sucht und findet in der S-Bahn.
Ein Mann.
Setzen, vor ihn. Anstarren. Und dann fängt sie an, zu reden.
„Ich bin ein Mann um die 45. Ich trage einen dunklen Anzug, bei dem man erst beim näheren Hinsehen erkennt, dass er von einem Designer ist, ich wohne mit meinen zwei Kindern, um die ich mich nicht kümmere und meiner Frau, die ich nicht liebe in einem Einfamilienhaus in einem dieser typischen Vororte, in die man zieht, um seinen Kindern eine schöne Kindheit zu bescheren.“
Der Mann bemerkt, dass sie mit ihm redet und stutzt.
« Ich habe keine Affären mit anderen Frauen, das würde mir zu sehr dem Klischee entsprechen. »
Er beschließt sie zu ignorieren.
« Ich habe viel Geld, von dem meine Frau nichts weißt. Irgendwann, wenn die Kinder aus dem Haus sind, werde ich einfach weggehen, ohne ihr zu sagen, wohin. Ich glaube sie wird mich dafür lieben, weil sie es nie schaffen wird, zuerst zu gehen. «
Stille.
Sie steigt aus und zwingt sich gelassen zu sein und sucht weiter.
Sie findet auf dem gegenüberliegenden Gleis und wartet geduckt, bis sie einsteigt.
Gegenüber hinsetzen, anstarren und anfangen, zu reden.
„Ich bin ein Mädchen um die 10 Jahre, ich trage ein rosageblümtes Kleid, in dem ich mich wie eine Prinzessin fühle. Ich wohne nur mit meinem Papa zusammen. Mein Papa ist groß und dunkelhaarig und alle Frauen finden ihn toll aber am tollsten findet er mich.“
Das Mädchen lacht und kommt näher.
„Ich gehe jetzt zur Schule und treffe mich danach mit meiner allerbesten Freundin, mit der ich alles teile, nur meine Schildkröte nicht, die mir meine Mama geschenkt hat, bevor meine Mama gegangen ist. Das war an meinem 1. Schultag, sie hatte ein rotes Kleid an und hat mir gewunken und ist dann einfach in ein Auto gestiegen und gefahren.“
„ Meine Mama sitzt zu Hause in der Küche“, sagt das kleine Mädchen.
Sie steht schnell auf und geht weiter, kann ihre Gesichtszüge nicht mehr kontrollieren. Wut. Wut. Wut.
Der nächste ist schnell gefunden.
« Ich bin ein Mann und die 35, ich bin Arzt, was man durch meine weiße Sachen und mein arrogantes Auftreten bemerkt.
Ich habe in meinem jungen Jahren meinen Zwillingsbruder verloren und seit dem eine psychische Störung. »
Der Mann sieht sie verstört an und steht auf.
« Ich bin ein Einzelgänger geworden, weil ich es nicht ertragen kann, wenn jemand versucht, mir nahe zu sein. »
Er steigt aus dem Wagen. Sie läuft hinterher.
« Ich denke dann, », er rennt und sie schreit, « dass er den Platz meines Bruders einnimmt und schäme mich.
« So habe ich auch die Frau abgewiesen. Sie kam, schaute mich an und sah es, dann ging sie und ich bemerkte erst danach, dass es die Frau meines Lebens war. »
Sie ist zufrieden und lacht, geht weiter.
Sie will weitermachen. Sie will die Reaktion.
Sie muss einige Zeit fahren, um jemanden zu finden.
Doch dann sieht sie die Frau und setzt sich ihr gegenüber.
« Ich bin eine Frau, um die 75 Jahre. ich habe vier Kinder geboren, eine wohnt in Afrika, die anderen Zwei in Spanien, und die Kleinste wohnt in Deutschland, sie ist Politikerin. Ich trage gerne Grün, ich habe einen großen Garten, eine Katze, die ist letzten Monat gestorben. »
Keine Reaktion.
« Sie liegt unter der großen Eiche mit dem Küken. ich trage gerne Hüte mit großen Strohblumen, ich mag die Sonne nicht, ich habe viele Falten um die Augen meine Zähne sind ein bisschen kaputt, ich habe einen großen Ring an der einen Hand und an der anderen einen anderen, der zu einem Drittel aus dem Ehering meiner Mutter besteht.
Ich bin nicht knochig und nicht dick. »
Die Frau sieht sie an und hört zu. Doch sie spricht weiter, wird immer leiser.
« Ich bin viel allein, ich habe eine Staffelei zu hause und einen Flügel, ein großes Bücherregal, aber ich habe alle Bilder, die meine Kleinen mir geschenkt haben abgehängt, sie liegen unsortiert in den Aktenordnern. »
« Ach, Kind. », sagt die Frau und schaut sie gütig an.
« Ich bin noch nicht fertig mit meinem Leben, deswegen werde ich in Zukunft nicht sterben, wobei ich nicht glaube, dass ich das Rätsel des Lebens jemals lösen werde. Manchmal bin ich unruhig weil ich alt bin und manchmal bin ich erfüllt von Ruhe. »
Beide sind ganz still und sehen sich an. Die alte Frau drückt ihr einen Apfel in die Hand und geht. Und dann weint das Mädchen mit der Nazifrisur und dem Batik T-Shirt zu Sandalen.
Sie weint so lange, bis sich ihr ein Junge gegenübersetzt.
Sie schämt sich, wird rot, wird wütend, vergisst Tränen, vergisst das Verstandene.
Reißt sich zusammen, starrt ihn an und redet.
«Ich bin 16 Jahre alt. und männlich. Ich habe schwarze Haare, recht kurz, ich finde sie ganz okay. ich bin schlank, nicht sehr muskulös, ich habe sehr schöne Hände, schlanke Finger, meine Bekanntschaften sagen, es seinen Klavierspielerhände. Aber sie sind nicht filigran und schwach wie Frauenhände, es sind schöne Männerhände. Ich lächle mich gerne im Spiegel an. Ich fahre gerne mit meinen Händen über meinen Kiefer, meine Lippen. »
Der Junge sieht sie verwirrt an und dann seine Hände, als sähe er sie zum ersten Mal.
« Meine Mutter ist sehr dominant, sehr spießig, ich bin ein Muttersöhnchen, Leute, die mich nicht mögen, nennen mich so. »
Der Junge zögert, bleich.
« Ich bin ein bisschen schüchtern, ich habe keine Geschwister. Ich weiß nicht, ob ich gerne welche gehabt hätte. Mein Vater ist ein dicker, gemütlicher Mann. »
Er will gehen, weiß dennoch, was kommt. Er bleibt.
« Er liest gerne Zeitung. Im Sessel, bei schummerigem Licht, den Lampenschirm habe ich mit drei oder vier jahren gemacht.
Ich habe letztes Jahr herausgefunden, dass ich schwul bin. »
Sie ist aufgestanden und hat sich neben ihn gesetzt, mit einem bösen Grinsen.
« Ich habe ihn geküsst, », flüstert sie in sein Ohr, « am Abend, am See. Ich bin verwirrt gewesen, aber ich lebe gern so. », sie zischt « Ich bin gespannt darauf, mit jemandem zu schlafen.
Ich möchte in dessen Augen schauen, lächeln, so wie ich mich im Spiegel anlächle und mit meinen Fingern über seinen Kiefer fahren, über seine Lippen. » Sie fährt über seine Lippen, über sein bleiches Gesicht.
« Ich bin jung. Ich werde alles erfahren, ich freue mich. »
Diesen letzten Satz spricht sie heiser, spöttisch, triumphierend.
Der Junge neben ihr zittert.
Sie steht auf, entspannt. Stellt sich an die Tür. Sieht nicht zurück. Will aussteigen. Die Tür öffnet sich.
Und dann eine leise Stimme hinter ihr.
„ Ich bin ein Mädchen um die 19 Jahre, ich bin groß und dünn, habe eine fast knabenhafte Figur.“
Sie bleibt stehen, lächelt gequält.
„Ich habe mir die Haare abrasiert, obwohl ich das hässlich finde. Ich mag diesen Widerspruch zwischen meiner Kleidung und meiner Frisur und das Zögern in den Augen der Tierschützer, die überlegen, ob sie mich auf der Straße ansprechen sollen oder nicht.
Ich fahre mir gerne mit den Händen durch die Haare.“
Sie tritt zurück. Steht gerade mit verkrampften Schultern.
„Ich mag es gerne dramatisch, obwohl ich so selten echt fühle. Ich verliebe mich gerne in unerreichbare Menschen, um zu sehen, wie sich der Schmerz anfühlt. Ich bin jedes Mal enttäuscht.“
Seine Stimme ist fester geworden.
„Einmal im Monat bereite ich mich ausführlich auf einen Selbsteingriff vor. Ich wasche mich und lege mich flach auf den Boden.
Ich suche in meinem Inneren Substanz, doch alles, was ich finde, ist Leere.“
Er tritt hinter sie und umschließt sie von hinten mit seinen Armen.
Er dreht sie langsam um und nimmt sie in den Arm.
„Deswegen habe ich angefangen, bei anderen Menschen zu suchen.", flüstert e in ihr Ohr. "Nach dem zu suchen, was ich nicht habe.“
Sie liegt wie tot in seinen Armen und er trägt sie hinaus.
Hinaus, bis zu einer Wiese, legt sie hin und wacht neben ihr.
‚Woran ich mich noch erinnere?
Daran, dass ich damals schaukelte und sprang, auf dem Boden saß und lachte. An den Flug konnte ich mich nicht erinnern.’





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