Tina_Hubi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 60 52

Einfach alles anders.

Erinnere Dich daran, dass Du dieses Gefühl von Unbeschwertheit, Freiheit und Naivität in dieser Form wahrscheinlich nie mehr zu spüren bekommst.

Du wirst merken, dass es noch etwas anderes gibt, als Party, Kiffen, Saufen. Du wirst nicht mehr exzessive Kneipenabende erleben oder spontan ans Meer fahren, weil Du an einem Montag eben nichts zu tun hast. Du wirst merken, dass Du nicht mehr stetig von Deinen zwanzig Kumpels umgeben bist, sondern dass Kontakte abbrechen; Du den Anschluss verlieren wirst. Dass Du manchen Weg alleine gehen musst und da manchmal Keiner ist, der Dich begleitet. Es wird Dinge geben, für die Du plötzlich kein Lob mehr erwarten darfst. Manchmal wird es nicht mal jemand mitbekommen, wenn Du etwas geleistet hast, weil es selbstverständlich, weil es nebensächlich wird. Keiner wird Dir auf die Schultern klopfen, weil Du jeden Morgen um sechs Uhr aufstehst, Projekte abschließt, den Haushalt schmeißt; aber versteckte Träume platzen lässt. Vielleicht klatscht Keiner mehr in die Hände, aber glaube mir, Du wirst Dich daran gewöhnen. Ich glaube, das ist Erwachsenwerden. Ich glaube, das ist genau dieses beschissene Erwachsenwerden, von dem alle reden.

Vielleicht werden wir nie wieder auf dem Dach in der Sonne sitzen und den billigen und viel zu süßen Wein trinken. Vielleicht werden wir nie wieder nur in Unterwäsche bekleidet von der Brücke springen und mit nassen Haaren nach Hause radeln. Wir werden es nicht tun, weil es anstrengend wird, sich zu verabreden und Wochen vorher einen Termin zu finden, an dem wir uns treffen können. Wir werden viele Dinge nicht mehr tun, weil wir realisieren, wie unvernünftig und ungesund sie sind. Keine selbst gedrehten Zigaretten mehr schnorren. Keine Tiefkühlpizza verbrennen lassen und doch noch essen. Wir werden uns über Rezepte austauschen, statt über dumme Geschichten unserer Freunde. Manchmal haben wir vielleicht gar nichts Neues zu erzählen, weil gar nichts Neues passiert ist. Wir werden akzeptieren, dass es jetzt so weit ist; nicht mehr fragen, ob es das jetzt schon war.

Wir werden im Club stehen, an einem Bier nippen und später mit dem Auto nach Hause fahren, weil wir morgen früh fit sein wollen, um etwas vom Tag zu haben. Wir werden den Kopf schütteln; uns wohlmöglich beschweren, welch schreckliche Musik die Jugend hört und uns darüber lustig machen, wie die Mädels einen tanzenden Kreis um ihre auf einen Haufen geworfenen Taschen bilden. Du wirst das alles irgendwann nicht mehr brauchen. Ich werde kapieren, dass es sinnlos ist, sich sinnlos zu betrinken. Du wirst Videoabende mit Deiner Freundin verbringen und ich werde mich darüber beschweren, wie viel ich früher vertragen habe. Wir werden nicht mehr so vor Energie strotzen, das alles nicht mehr wollen und uns sagen, dass alles seine Zeit hat.


Pack all die Geschichten ein und nimm sie mit auf Deinen Weg. Erinnere Dich daran, wie wir da standen und geglaubt hatten, dass dies der traurigste Abschied unseres bisherigen Lebens ist. Ein Abschied von uns und von intensiven Erfahrungen in einer ganz eigenen Lebensphase. Geh durch die altbekannten Straßen und erinnere Dich daran, dass hinter jeder Ecke eine Geschichte steckt; dass Du dieses Gefühl von Unbeschwertheit, Freiheit und Naivität in dieser Form wahrscheinlich nie mehr zu spüren bekommst. Sehne Dich zurück an die Tage, an denen Du dachtest, Du kannst die Welt retten, das perfekte Leben führen und ewig im warmen Sommerregen tanzen. Falls wir jemals an diesen Ort zurückkehren werden, werden wir gewachsen sein, vielleicht den jugendlichen Leichtsinn abgelegt und eine gewisse Abgeklärtheit übernommen haben. Wir werden uns ansehen und merken, dass sich irgendwie nichts, und doch alles verändert hat. Dass wir uns durch Taten definieren. Dass wir langweilig geworden sind. Dass wir denken werden, uns immer noch gut zu kennen. Und dass wir meinen, uns noch so nahe zu sein, aber doch so weit auseinander gelebt haben. Andere Einstellungen haben, andere Lebensformen führen. Einfach alles anders ist.


 


Tags: Erwachen, Erwachen werden, freunde bleiben
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60 Antworten

Kommentare

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    Perfekt auf den Punkt gebracht.

    04.11.2013, 19:55 von Michulski
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    Ich "mag" selten Texte. Dieses Herzchen allein ist schon verdammt kindisch. Und gerade diese bescheuerte Einstellung von mir ist weg-vom-jugendlichen-zu-sein, ist genau jener billige wein, der auf dem southside versoffen wird, damit man den karton dann wieder mit neuem alk füllen kann... Was ich plötzlich total niveaulos fand. Ich bin erwachsen. Ich lächle über die blabla-emo-stories...
    Der Text ist sehr gut, weil er in unemotionalen Worten Emotionen beschreibt, in den verschiedenen Phasen. Selbstverständlich gibt es - und gerade hier auf NEON! - noch immer stark pubertierende Erwachsene. Aber dies fällt jedem intelligenten Menschen auf. Egal welchen Alters.
    "Der traurigste Abend unseres bisherigen Lebens."
    Überdramatisierung heruntergebrochen auf wertfreie Beschreibung.
    Geniale Worte zu einem Satz zusammengefügt. Vielleicht auch aus einem Song einer dieser Bands geklaut, wie man das oft in Profilen findet. Vielleicht aus einem Buch hängengeblieben. Scheiß drauf! Use it! Cooler Text - und extrem passend für solch eine community, in der sich beides trifft und man sich ja auch mit der frage beschäftigt: was heißt erwachsen werden?
    die frage des alters des autors ist mir unwichtig. es gibt frühreife und ewig-pubertierende...

    19.10.2013, 09:24 von Filousoph
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    es wird nicht jeder auf die selbe Art und Weise erwachsen...ich glaube nicht das es SO sein muss...und es wäre für mich persönlich das schlimmste SO erwachsen zu werden :-)


    16.10.2013, 11:02 von DieHolly1989HH
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    Ein super Text, weil er so viele verschiedene Reaktionen hervor lockt,....Reaktionen, die sich für mich so lesen, als ob das "erwachsene" Leben teilweise verteidigt werden muss, weil es "doch gar nicht so schlimm ist" oder aber dass es dieses Leben so nicht gibt... Für mich kann ich sagen, dass ich die oben beschriebenen Dinge gerade voll auskoste und gerne möchte, dass mein Leben erfüllt ist von einer Mischung aus Unsinn & Sinn, auch wenn ich älter werde soll eine vernünftige Unvernunft mein Begleiter sein und ich möchte meinem Bauchgefühl folgen, auch weiterhin sogenannte "Dummheiten" machen und mich irgendwo verlieren....

    29.09.2013, 23:02 von KleineFreiheit
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    großartig

    26.09.2013, 13:03 von khakirose
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  • 1

    Seltsam. Wenn man seine Pubertät in einer doch eher militanten Religionsgemeinschaft verbracht hat, sich dann noch mal knapp 10 Jahre sein Selbst versteckt hielt, bricht die Pubertät doch immer durch.

    Anstrengend, aber spannend.
    Von daher: Manches geht, manches bleibt und mal ehrlich: Mir schmeckte schon damals die verkokelte Pizza nicht, sodass ich sie immer meinem Mitbewohner rüberschob. 
    Und heute sitze ich allein in dern sommerglühenden Nachthitze am Bahngleis und warte auf was auch immer. Damals war ich dann doch eher betrunken, um auf die irre stille Schönheit zu achten.
    Jedes Alter hat seine eigene Schönheit, Schuldigkeiten und Tiefen. 

    21.09.2013, 14:48 von Frau-Null
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    Alles anders muss nicht immer Schlecht bedeuten.
    Aber gerne erinnert man sich zurück! Ja.

    20.09.2013, 10:20 von marco_frohberger
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  • 1

    Anderen gings auch schonmal so...

    17.09.2013, 18:35 von sailor
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