laralied 30.10.2011, 11:42 Uhr 9 8

Eine Verhütungsmethode

Ich bin kein Miststück. Das heißt, eigentlich nicht. Ich sonne mich in Hilfsbereitschaft und Toleranz. Das heißt, meistens.

Denn manchmal überkommt es mich.
Da weigere ich mich, meinen gelegentlichen Würgreiz zu ignorieren.
Das sind nur Phasen. Denke ich.
In denen möchte ich mich stark fühlen, kühl und distanziert sein.
Und damit begebe ich mich ausschließlich unter Unbekannte.
Denn wem sonst könnte ich zumuten, dass ich mich als verbaler Kühlschrank übe?
Es funktioniert nur bei Menschen, denen ich nie zuvor begegnet bin, die keine Erwartungen haben, bei denen ich für Unverschämtheit einfach keinen Anlass brauche.
Natürlich versprühe ich meine selbst gefeierte Unfreundlichkeit nur in kleinen Dosen. Ich möchte ja niemanden ernsthaft kränken…

Abends im Club.
Er: „Darf ich mich zu dir gesellen?“
Ich: “ Nein!“
Er: „Sorry…, ich dachte nur…naja, du siehst nicht so aus, als ob du auf jemanden wartest.“
Ich: „Tu ich aber!“
Er: „Meinst du nicht, du kannst mich ertragen, bis deine Begleitung aufkreuzt?“
Ich: „Ach komm verzieh dich! Ich hab keinen Bock auf ‘ne ausgelutschte Blondinen-Aufreiß-Masche!“
Dann steh ich auf und geh. Mit einem winzigen Adrenalinstoß.
Für ihn nur ein kleiner Tritt ins Ego, für Außenstehende eine völlig banale Abfuhr,
für mich: Triumph!!! – Ein Ausgleich, wenn man so will.
Und es funktioniert. Auf diese Weise lasse ich meiner minimalen Feindseligkeit freien Lauf. Ohne Verluste, ohne schlechtem Gewissen.

Blöd nur, wenn man dem Opfer dieser  peinlichen Szene erneut begegnet.
Zum Beispiel in der U-Bahn…
Er, lächelnd: „Na? Männer fressende Diva auf dem Weg ins Fegefeuer?“
Ich: „Nein. Dafür hätte ich an der Letzten umsteigen müssen. Jetzt geht’s erstmal heim in die Drachenhöhle! „
Er: „Ach Mädel…, du bist ‘ne einzige Verhütungsmethode!“
Ich: „Eine was?“
Er: „Ach…, du stellst hier doch nur deinen Granitpanzer auf, damit du gegenüber Fremden taff und unantastbar wirkst. Mach dir nichts vor, das bist du nicht. Das seh ich in deinen Augen.
Dann steigt er aus. Ohne sich umzudrehen. Ich schaue ihm durchs Fenster nach.
Mein Gesicht spiegelt sich auf dem zerkratzten Glas.
Auch ich sehe meine Augen – und eine Träne.

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Kommentare

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  • 0

    Die Träne war mir too much, sonst großartig!

    05.11.2011, 19:21 von weissabgleich
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  • 0

    Mach Dir keine Gedanken... Dieses Verhalten ist vollkommen okay für Sensiebelchen, die einfach mal ausbrechen wollen. Das haben wohl ähnlich veranlagte Menschen auch schon ausprobiert... Übel war es für mich zB als ich in dieser Stimmung angetrunken allein am Tresen saß und eine Mittfünfzigerin in meine Augen und danach in meine Seele blickte...

    01.11.2011, 21:15 von Laline
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    Wenn Du Scheiße sein willst, dann steh auch dazu. Und man muß mit Retourkutschen rechnen.
    Diese " Ey , ich kann in Deine altertiefste Seele sehen, Baby"- Nummer war ja noch ausgelutschter als sein Anmachspruch. Und darauf fällst Du dann rein ???

    01.11.2011, 19:50 von cosmokatze
    • 1

      naja, wie schon unten erwähnt..., es war FAST so. In der Realität war mein "Strafzettel für's scheiße sein" sogar noch etwas höher quittiert. Fakt ist: Ich lass jetzt meine "Auskotz-Phasen" etwas mehr an den Leuten aus, die den Würgreiz tatsächlich hervorrufen! :-)

      03.11.2011, 00:46 von laralied
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    naja, wie es in den wald hineinruft...
    aber hut ab für die schlagfertigkeit mit der drachenhöhle, super...:D

    31.10.2011, 11:20 von Ozean
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  • 0

    echt passiert?

    31.10.2011, 04:42 von ravedave0815
    • 0

      Fast. Erfahrung nährt Inspiration. :-/

      31.10.2011, 11:54 von laralied
    • 0

      kenn ich :D

      31.10.2011, 11:57 von ravedave0815
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