zzebra 04.03.2012, 00:17 Uhr 1 2

Eine Portion Glück

bitte“, bat der nächste Kunde. Die Schlange ohne Ende. Es ging doch darum, glücklich zu sein, nicht wahr? So richtiges Glück, erster Klasse, A No. 1

Der große rotweiße Sonnenschirm spendete Schatten. Rettete vor Regen. Hielt Stürme ab, die von oben hereinbrachen. Brach Nebel, schützte vor Schnee. Nur den Regenbogen, den verblasste er rotweiß, weißrot. Man hatte einen guten Ausblick aufs Leben darunter. Auf die Menschen, die bei dem Mann mit der viel zu großen Mütze ihr Glück einkauften.

„Eine Portion Glück bitte.“

Mehr gab es nicht. Nicht auf einmal. Aber Sie dürfen mich gerne morgen wieder aufsuchen, gleiche Öffnungszeiten, Sonntags geschlossen, da ist Religion.

Die normale Portion verkauft sich am besten, erklärte er mir, als ich unter dem Schirm ein wenig abseits vom Glücksgeschehen stand, noch satt und mit verdorbenem Magen von der letzten Portion, einer halben nur, doch die hatte genügt. Nein danke, fürs erste bitte kein Glück mehr. Schlägt auf den Magen. Geht ans Herz. Kriegt man Durchfall von. Aber dies ist eine andere Geschichte.

„Ich hatte früher auch Zufriedenheit im Angebot“, erinnerte sich der Mann mit der großen Mütze. „Aber irgendwann wollten alle nur noch Glück. Und weil ich nie Ruhetag habe, nie Urlaub mache, nie streike oder krank feiere, gewöhnten sie sich daran. So wie an den Sonntag, wenn sie voller Glücksgefühl verdauen, was ihnen sicher ist.“

Sein Regal im mobilen Verkaufswohnwagen hinter im war brechend voll und es schien, dass es nie leer werden wollte, es schien, als füllte es sich von selbst nach, unablässig. Immer die gleiche Packung, rotweiß, oder weißrot, wie man das Schächtelchen eben drehen wollte.

„Eine ziemlich neutrale Verpackung für so ein wichtiges Gut“, bemerkte ich.

„Glück wird überbewertet“, antwortete er etwas gelangweilt, vielleicht weil er sein bester Kunde war? Sich klammheimlich selbst davon bediente? „Irgendwann kriegt man nicht mehr genug davon. Rauchen ist harmlos dagegen. Oder Alkohol.“ (Aber auch das ist eine andere Geschichte.)

Er hatte auch die Luxuspackung doppeltes Glück im Angebot. Eine schmale Reihe doppelt so großer Packungen oben rechts im Regal, mit großer Kaufempfehlung darauf:

DOPPELTES GLÜCK ZUM HALBEN PREIS: GREIFEN SIE ZU!!!

Doch das doppelte Glück zu halbem Preis mit drei Ausrufezeichen gratis wollte keiner kaufen. Sie verlangten alle nach dem, was sie kannten, was das Leben ihnen beigebracht hatte, was ihre Erfahrung sie lehrte, was die Lehrer in der Schule unterrichteten und die Wissenschaftler mit zufriedenstellendem Ergebnis untersucht und getestet und was unabhängige Tests prämiert hatten.

„Wir sind doch nicht blöd und fallen auf so einen üblen Bauerntrick herein...“

„Das ist doch nur Marketing, um Ladenhüter los zu werden.“

„Ich mach mich doch nicht unglücklich! Was keinen Preis hat, hat auch keinen Wert!“

Eines Tages setzte der Mann mit der Mütze den Preis der doppelten Portion auf das dreifache der normalen Packung. Aber die Kunden wurden noch misstrauischer. Also probierte er es zu einem Drittel des Preises. Ein Viertel davon. Schließlich hätte man drei große Packs zum halben Preis einer normalen Packung bekommen. Keiner kaufte.

„Wie du siehst, es gibt die unterschiedlichste Methoden, sich unglücklich zu machen“, dachte der Mann mit der Mütze laut nach, während wir unsere Limonade unter dem rotweißen oder weißroten Schirm neben dem Automaten tranken, an dem man nun seine Standardportion Glück zehn mal so schnell bekam wie vorher. Als es noch durch die Hände des alten Mannes ging.

Der Gesang der leise klackenden Automaten schnurrte eine Melodie

der Zuverlässigkeit, nun auch an Sonntagen, längst war Religion unwichtig geworden, die Sonne, der Regen, Nebel, Schnee, Bogenregen oder etwas in der Art, alles unwichtig. Das unentwegte Surren und Summen der kleinen Laden, die auf das Kullern der einen Münze reagierten und sich öffneten, spielte gut geöltes orchestriertes automatisiertes Glücksgefühl. Schon in den Schlangen, die sich davor bis zum Horizont reihten hellte sich die Stimmung auf, noch ehe man sein Päckchen in Empfang nahm.

Eines Tages gesellte sich ein herunter gekommener, zerlumpter Mann zu uns unter den Schirm.

„Das Glück hat mich verlassen“, erzählte er uns seine Geschichte, während wir amüsiert-gelangweilt auf die Menschenschlangen starrten, betulich Limonade tranken, bedeutsam nickten, ihm auch eine Flasche Limonade reichten.

Er legte eine Münze auf den Tisch.

„Geht aufs Haus“, grunzte der Mann mit der Mütze.

„Sich Glück schenken zu lassen, bedeutet Unglück“, wehrte der man ab. „Und das hier ist mein letztes Geld. Das reicht nicht für den Automaten“, seufzte er.

Der Mann mit der Mütze überlegte kurz. Er ging hinter den Wagen mit den Automaten und kam mit einer der mittlerweile abgegriffenen und verschlissenen großen Packungen zurück, die er zu keinen Preis an den Mann hatte bringen können.

„Etwas alt“, sagte er. „Verfallsdatum längst abgelaufen. Könnte ein wenig Bauchschmerzen bereiten, Magengrummeln. Vielleicht auch Herzeleid. Ich kann auch nicht garantieren, dass man nicht die schnelle Emma davon kriegt, AAAAABER, ich verkaufe es dir für das letzte Geldstück da, was du noch hast. Falls du möchtest.“

Der zerlumpte Mann sah sich die Packung an, drehte abwechselnd die rotweiße Schachtel auf weißrot, rotweiß und in der anderen Hand spielte er mit dem, was ihm geblieben war, wägte ab.

„Ich habe ja nichts mehr zu verlieren“, meinte er und plötzlich legte der Platzregen los, während sich sein Gesicht unter unserem Schirm aufhellte. Der Mann mit der Mütze lächelte. Ich nippte einen kleinen Schluck Limonade.

Er schob die Doppel-Packung Glück in die Mitte des Tisches von sich und die letzte Münze warf er in ein Gebüsch, wo man Stunden gebraucht hätte, um sie wieder zu finden. Er öffnete die Limonade und genoss den gelblichen Geschmack, der sich wie flüssiger Sonnenschein in ihm auszubreiten schien. Ähnlich den leuchtenden Strahlen aus dem Wolkenloch, das sich über uns aufgerissen hatte, genau in dem Moment, als ein Stromausfall das leise Rattern und Surren der Automaten verstummte und ein paar Ärzte mit Umsatzeinbrüchen zu rechnen hatten, weil eine Zeitlang viel weniger Leute sich über Magenverstimmung, Herzschmerzen oder Durchfall beklagten. Eine ganz normale Geschichte. Eigentlich. Aber auch wieder eine andere.

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Kommentare

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    Wie habe ich deine Geschichten vermisst!

    Diese hier schickt mich mit einem Lächeln durch den Tag. Das Glück suchen. Das wahre. Im Erleben, nicht im Konsumieren. Selbstgeschaffen, nicht vorgesetzt.


    04.03.2012, 09:59 von Songline
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