justanotherpicture 30.11.-0001, 00:00 Uhr 100 163

Eine kurze und traurige Geschichte ohne Pointe, in der es nicht um Liebe geht

„Weißt du“, sagt sie, „das Problem sind diese Tage, an denen man das Gefühl hat, nur um sich selbst zu kreisen."

 „Weißt du“, sagt sie, „das Problem sind diese Tage, an denen man das Gefühl hat, nur um sich selbst zu kreisen. Diese Tage, an denen sich alle Probleme potenzieren und schlagartig über einem zusammenbrechen. Das sind die Tage, an denen ich mich fühle, als hätte ich meinen Mittelpunkt verloren. Wie ein Planet, der plötzlich seine Umlaufbahn verlassen hat und ziellos in die Dunkelheit des Weltalls abdriftet.“

„Also fehlt dir etwas wie ein Fixstern, eine Konstante?“, fragt er.

„Keine Ahnung“, antwortet sie, „eigentlich gleicht mein ganzes Leben einer einzigen Konstante. Nein, vielmehr warte ich darauf, dass das Leben so richtig beginnt. Oder anders gesagt, dass das richtige Leben beginnt. Ich habe immer das Gefühl gleich, jetzt gleich müsste es losgehen. Nach einer durchtanzten Nacht, wenn du morgens komplett verschwitzt aus diesem kleinen Club auf die Straße gehst und das erste Mal nach einem langen Winter den Gesang der Vögel in den Bäumen hörst. Oder auf diesem Festival am frühen Abend, wenn die Sonne den Himmel feuerrot aufleuchten lässt und man in die Musik eintaucht und sich wünscht, sie würde niemals wieder aufhören zu spielen. Dann denke ich immer: Gleich, jetzt gleich muss es doch so weit sein. Aber stattdessen geht es einfach immer nur weiter und weiter. Ich bin extra in diese große Stadt gezogen, habe das Chaos zuhause zurückgelassen, zumindest dachte ich das, wollte Geld verdienen und habe mich hier in die Arbeit gestürzt. Aber soll ich dir mal von meinem Arbeitsalltag erzählen?“

Er nickt. Das Café ist an diesem Donnerstagnachmittag fast menschenleer, nur ein Kellner zieht einsam seine Bahnen.

„Ich habe jetzt einen Job, in dem das erste Schreiben morgens mit ‚Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit widerspreche ich…‘ beginnt. Ein Job, in dem die Leute mit breitem Dialekt ‚Maaahlzeit‘ zueinander sagen, wenn sie in die Mittagspause gehen. Mahlzeit, weißt du, was das eigentlich ist?“

Zum ersten Mal seit langer Zeit sieht er sie wieder so emotional. Und ehrlich. Unwillkürlich muss er an ihre früheren Streitigkeiten denken. 

„Mahlzeit", fährt sie fort, "das ist mehr Diagnose als Gruß. Diagnose angekommen zu sein in einem Job, in dem die Kollegen am Mittagstisch übers Wetter reden und freitags TGIF in ihre Smartphones tippen und spätestens am Sonntagabend lamentieren, dass morgen schon wieder Montag ist. Ich möchte am liebsten jeden Einzelnen anschreien: Das Problem sind nicht die Wochentage, das Problem ist dein beschissener Job!“

Er zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug. Eine kurze Pause entsteht, dann fragt er:

„Aber du hörst dich doch mindestens genauso unzufrieden wie deine Kollegen an. Warum kündigst du nicht?“

„Kündigen, kündigen“, ruft sie fast erbost aus und verdreht die Augen, „als ob das so einfach geht. Ich bekomme leider kein Geld von meinen Eltern und ein gemütliches Studentenleben finanziert.“ Er versteht den Seitenhieb. „Ich habe eine eigene Wohnung, ein Auto, dann diese ganzen Verträge, Riester, Versicherungen und so weiter. Irgendwie muss ich das ja schließlich bezahlen.“

„Wer sagt dir, dass du das musst? Wer sagt dir, dass du diese ganzen Verträge brauchst?“, entgegnet er und streift die Zigarette am Aschenbecher ab.

„Wer das sagt?“, antwortet sie hörbar irritiert. „Was weiß ich, der gesunde Menschenverstand, meine Mutter, der Weihnachtsmann? Hey, begreif doch, das ist das Leben. Das ist mein Leben. Diese ganzen Rechnungen, die Routine, ich habe das nicht gewollt, aber jetzt ist es so. Tut mir leid, dass ich mich nicht wie du den ganzen Tag mit Proust und Nietzsche und wie sie alle heißen, beschäftigen kann. Jeder geht nun mal seinen Weg.“ Ausdruckslos blickt sie auf den Tisch.

Eine Minute vergeht schweigend. Nachdenklich rühren beide in ihrem Kaffee. Aus der Küche klappert Geschirr.

„Ich habe letztens eine schöne Geschichte gelesen“, sagt er schließlich und drückt die Zigarette aus, an der er nur dreimal gezogen hat. „Sie handelt von indischen Elefanten. Willst du sie hören?“

Sie hebt den Blick und muss unvermittelt lächeln. „Ich erinnere mich noch, wie du mir einmal die Unterschiede zwischen afrikanischen und indischen Elefanten erklärt hast. Die indischen sind kleiner, haben kleinere Ohren und die Weibchen selten Stoßzähne. Außerdem...“, sie überlegt und hält kurz inne.

„… außerdem hat der indische Elefant eine fingerartige Rüsselspitze“, ergänzt er und grinst sie an. 

„Fingerartige Rüsselspitze!“, ruft sie gestelzt aus und macht ihn nach. „Nur jemand wie du würde das sagen!“

Sie müssen beide herzhaft lachen. Mit einem Mal sieht er wieder dieses Strahlen in ihren Augen, das er früher so sehr an ihr liebte. "Was für eine wunderschöne junge Frau doch aus dir geworden ist", denkt er, ohne es auszusprechen.

Nach einigen Sekunden räuspert er sich, dann nimmt er das Gespräch wieder auf: „Also, eine Geschichte über indische Elefanten. In Indien werden Elefanten wie hierzulande Baumaschinen eingesetzt, das heißt, sie ziehen Bäume durch den Wald oder rupfen auch mal den einen oder anderen kleineren Baum aus der Erde. Aber auch diese, sagen wir ‚Mitarbeiter‘, müssen erst geschult werden, bevor man zuverlässig mit ihnen arbeiten kann. Als sehr junge Elefanten werden sie mit einem bunten Seil festgebunden, wenn die Arbeiter eine Pause machen. In diesem Alter können sie das Seil nicht zerreißen. Die jungen Elefanten lernen, dass dieses Seil stärker ist als sie.“

Er zündet sich eine neue Zigarette an.

„Und weiter?“, fragt sie, das Kinn auf die Hände gestützt.

„Später, als erwachsene Elefanten, lernen sie mit einer Kette Bäume auszureißen und entwickeln wirklich beeindruckende Kräfte. Wenn die Arbeiter, die sie führen, den Wald für eine Weile verlassen und den Elefanten irgendwo abstellen wollen, reicht es jedoch immer noch aus, ihn mit seinem persönlichen bunten Seil festzubinden. Er hat gelernt, dass dieses Seil stärker ist als er - und so bleibt er stehen und wird nie versuchen, das Seil zu zerreißen. Obwohl es ein Kinderspiel für ihn wäre.“

„Eine schöne Analogie“, sagt sie nach einigen Sekunden. „Noch nie hat mich jemand mit einem Elefanten verglichen.“ Sie nimmt einen letzten Schluck aus ihrem Glas, kramt in ihrem Portemonnaie und legt ein paar Euro auf den Tisch. „Das sollte so stimmen. In deiner Welt ist immer alles so verdammt einfach.“

„Melanie, ich…“ – „Lass gut sein. Danke für deine tollen Tipps.“

Schnellen Schrittes verlässt sie das Café. Er sitzt noch eine Weile alleine dort, raucht die zweite Zigarette zu Ende, den Blick gedankenverloren aus dem Fenster gerichtet.

"Übrigens, eigentlich ist hier seit dem ersten Mai Rauchverbot", mit diesen Worten holt ihn der Kellner zurück ins Hier und Jetzt. 

„Oh, das tut mir leid, ich habe nur die Aschenbecher gesehen und dann…"

"Schon gut", der Kellner winkt ab, “unser Boss sucht die Konfrontation mit dem Ordnungsamt, der ist selbst leidenschaftlicher Raucher. Das Date ist ja nicht so gut gelaufen, was?“ 

"Das war kein Date. Das war meine Halbschwester."

"Deine Halbschwester?" Der junge Mann legt die Stirn ungläubig in Falten. Sein dunkles Haar ist akkurat zum Scheitel gekämmt, unter seinem schneeweißen Hemdkragen zeichnet sich eine Tätowierung ab. “Was hast du ihr denn getan, dass sie hier so einen Abgang macht?"

"Eigentlich nichts", antwortet er, “das ist das Problem. Manchmal denke ich, ich habe mein ganzes verdammtes Leben noch nichts getan. Und erst recht nichts für sie. Ich bin übrigens Lukas und ein Idiot."


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100 Antworten

Kommentare

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  • 1

    wundervoller Text.

    27.12.2013, 23:03 von Gedankenkratzer
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  • 1

    Oh wow wow wow!

    Nein, wow ist das falsche Wort,
    eher wunderbar, nüchtern.

    29.06.2013, 15:11 von AlYoung
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  • 0

    großartig! habe dir das herz ja schon vor ner zeit gegeben aber ich muss oft an den text denken und kann nur sagen, dass er der beste ist den ich bislang hier gelesen hab :)

    24.06.2013, 23:44 von petitjulie
    • 0

      Das ist aber überaus nett! :) Die bescheidene Hälfte in mir sagt jetzt, na, da musst du aber noch einige Texte hier lesen, aber die andere Hälfte freut sich einfach nur!

      24.06.2013, 23:47 von justanotherpicture
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  • 1

    "... und freitags TGIf in ihre Smartphones tippen..."

    :D Erst musste ich lachen.
    Ein Text so beklemmend wie das Gefühl, dass man irgendwann genauso endet. Gut gemacht!



    03.06.2013, 23:59 von nousenavonsrideboncoeur
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  • 0

    Die Geschichte gefällt mir und die Überschrift finde ich toll! Aber das Ende passt nicht so richtig. Das alternative Ende auf deinem Blog finde ich gut, aber den letzten Satz hättest du auch weglassen können.

    22.05.2013, 23:22 von Julialacht
    • 0

      Wenn du das sagst. :)

      23.05.2013, 01:05 von justanotherpicture
    • 0

      War nicht böse gemeint :)

      27.05.2013, 02:01 von Julialacht
    • 0

      Hab ich auch nicht so aufgefasst. ;)

      27.05.2013, 02:03 von justanotherpicture
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  • 0

    So richtig zufrieden ist der Protagonist doch aber auch nicht, auch wenn er sich scheinbar für ein Philosophiestudium entschieden hat. Nur der Lust zu folgen ist scheinbar auch nicht das Wahre. 

    Das Geschwisterverhältnis ist der Bezug zum Titel, in dem bereits gesagt wird, dass es hier nicht um die Liebe im klassischen Sinne geht, wohl aber um Geschwisterliebe und dass man sich gegenseitig von den Sorgen erzählt. Die Zuneigung, die er dabei für sie empfindet, könnte man ohne das Ende jedoch auch als Liebe verstehen, nur will eben nicht jeder immer und immer wieder über dieses Thema lesen. 
    Und es ist wohl jeder ein Idiot, der nicht sagt, was er denkt. Zudem ist es ein ganz netter Eisbrecher, wenn er mit dem Kellner noch ein bisschen reden will. 

    17.05.2013, 11:52 von Blickbekanntschaft
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  • 0

    Ich verstehe ihr Problem. Nicht verstehen tue ich das Ende und was er meint und was das Geschwisterverhältnis damit zu tun hat, in meinen Augen nämlich nichts. In meinem Kopf passt auch "eigentlich nichts" und "ich bin ein Idiot" nicht so recht zusammen. Ach, mir fällt soviel dazu ein, ich lass es lieber;). Naja, und die Elefantengeschichte ist halt ein alter Hut. Wenn man die nicht kennt, gibts vielleicht ein ooooh!-Erlebnis, keine Ahnung.

    17.05.2013, 08:30 von halbkindmf
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  • 1

    geil! einfach nur geil!

    15.05.2013, 12:19 von Backslider
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  • 1

    Gefällt mir. Solche Gedanken habe ich auch,stetig.

    14.05.2013, 21:07 von schabernackt
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  • 1

    Mag die Geschichte sehr sehr gern. Das Ende is nich so meins, das alternative Ende schon eher ;)

    13.05.2013, 21:27 von julchen26
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