ein Neubeginn
ein Text für Sultanine, zum neuen Jahr
Nina Sulta betrachtet die
Tabletten in ihrer linken Handfläche, jede Menge Schmerz- und Schlaftabletten,
das müsste reichen.
Es ist mühsam alle runterzuschlucken, aber sie spült immer
wieder mit Wein nach, bis alle unten sind. Sie hofft, dass die Tabletten in
Verbindung mit Alkohol schneller wirken.
Sie legt sich hin, Morgen werden sie
sie finden, dann wird es allen leidtun – Papa weil er sich nie um seine Tochter
gekümmert hat, Mutter die immer nur rumnörgelte, ihrem Bruder der sie immer nur
nervte und nie ein helfender, liebevoller Bruder war.
Leon wird an ihrem Grab
stehen und sich die Augen ausheulen und wird sich die Schuld dafür geben, dass
er sie nur benützt hat, benützt für Sex, benützt um sein aufgeblasenes Ego noch
weiter aufzublasen.
Jetzt denkt sie an Oma und Opa, sie will nicht an Oma und
Opa denken weil das die ganze Sache schwerer macht. Oma und Opa haben sie immer
geliebt, egal ob ihre Noten schlecht waren oder ob sie mit buntbemaltem Gesicht
rumgelaufen ist oder mit zerrissenen Klamotten.
„Unser Papagei“ oder „geliebte
Vogelscheuche“ das waren die liebgemeinten Kommentare ihrer Großeltern.
„Mir
würde das Herz zerbrechen, wenn dir etwas zustoßen würde.“ Das hat Oma auch mal
zu ihr gesagt, Mutter würde so was nie sagen und Papa würde so was nicht einmal
registrieren, ihr Bruder würde höchstens Fragen ob er ihr Zimmer haben könnte,
ach leckt mich doch alle.
„Mir würde das Herz zerbrechen, wenn dir etwas
zustoßen würde.“ Sie hört die Worte ihrer Großmutter, aber sie klingen von weit
her, als würde Oma Gabriele am Rand eines Grabens stehen und sie weit unten am
Grunde des Grabens oder des Grabes.
Das Bild ihrer Oma ist so weit entfernt,
aber sie kann ihre Verzweiflung spüren, sie will hinaufrufen: „Es tut mir
leid.“ Aber das Rufen ist nur noch ein Flüstern, alles ist so neblig, so
schwer, so dunkel …
Sie wird hochgehoben,
irgendwas ist in ihrem Gesicht, irgendetwas schlüpft in sie, rinnt ihren Hals
hinunter und dann verkrampft ihr Magen, zieht sich zu schmerzendem Geröll
zusammen und explodiert, schießt die Kehle herauf, sie erbricht.
Jemand ist bei
ihr, hält sie, hält den Kübel. Sie erbricht, bis zur Erschöpfung. Sie fällt
zurück aufs Bett, wieder dringt etwas in ihren Mund, in ihren Körper, wird ihr
eingeflößt, wieder speit sie Fontänen.
Sie riecht die Kotze, sie ist so
erschöpft, sie kann nicht mehr, lässt sich zurücksacken aufs Bett, die Person
die sie hält legt sie weich ab, sie schläft.
Sie erwacht, es ist kalt,
es ist düster, es ist ungewohnt, sie liegt hart, wie auf einer Pritsche, es ist
nicht ihr Zimmer. Sie setzt sich auf, immer noch geschwächt von den Tabletten
von der Kotzerei, sie schaut sich um, es sieht aus wie ein Kellerraum, wie ein
Gewölbekeller.
Über ihr hängt eine schwach leuchtende Glühbirne, sie betrachtet
die weiß getünchten Ziegelsteine, die Spinnweben, die fetten Spinnen, der weiße
Flaum von den Wasserausblühungen an den Wänden, der abgeblätterte Farbe, der
Lehmboden – wo gibt es Heutzutage noch Lehmkellerböden?
„Wo bin ich?“ denkt
sie, sagt sie, schreit sie. Steht auf geht zur stählernen Kellertür versucht
sie zu öffnen, die Tür ist abgesperrt, sie ruft, brüllt, schreit, schlägt mit
den Fäusten verzweifelt gegen die Türe. Ihre Hände sind heiß und tun weh vom
Trommeln, ihre Augen brennen, bis Tränen kullern, es tut weh so verlassen so hilflos
zu sein „Hilfe!“ Sie ruft so lange bis sie nur noch krächzen oder flüstern
kann.
Von einer Deckenecke des Raums krächzt eine Stimme zurück: „Willkommen in
der Hölle!“ Was? Was hat diese Stimme gesagt? Was ist das für eine Scheiße? Was
wird hier mit ihr gespielt? Die Stimme fragt zurück: „Welche göttliche Strafe
steht auf Selbstmord?“ „Leck mich, du blödes Arschloch, lass mich hier
raaausss!“
Aber diese Antwort akzeptiert die Stimme nicht und wiederholt ihre Frage, sie wiederholt die Frage so lange bis Nina gezwungen ist darüber nachzudenken und zu antworten: „Hölle, auf Selbstmord steht die Hölle, stimmt´s?“ Fragt Nina resigniert.
Die Stimme antwortet nicht
mehr, Nina wartet, die Stimme sagt nichts mehr, Nina wartet, kein Ton kein
Laut, irgendwo tropft Wasser. Nina brüllt den kleinen Lautsprecher an: „Was
soll das, warum hältst du mich gefangen, willst du Lösegeld? Meine Eltern haben
kein Geld!“ Sie ruft so lange bis sie aufgibt, weil niemand ihr antwortet.
Gerade will sie sich wieder auf die Pritsche legen da gehen die Riegel der Tür
zurück.
Aber niemand kommt herein, vorsichtig horcht sie an der Tür, spät
hinaus, schaut in den schwach beleuchteten Flur des Kellers. Betritt den Flur,
sucht die leeren Kellerräume ab, in dem größten lehnt an einer Wand eine
Schaufel neben zwei Eimern. Eine Atemmaske liegt in einem der Eimer, wie sie
eine bei ihrem Onkel Reinhard, beim Kotflügellackieren gesehen hat.
Sie findet eine
zweite Metalltür, bestimmt geht es hinter dieser Tür die Treppen hoch in die
Freiheit. Aber wie sie erwartet hat ist diese Tür abgesperrt. Da ist der Raum
aus dem das Tropfen kommt, ein gefliester Waschraum, mit Dusche, eine Toilette,
ein Waschbecken mit einem kleinen runden Spiegel.
Sie betrachtet sich, sie hat
tiefe Ringe um die Augen, strähnige Haare, sie sieht furchtbar aus, aber das
ist ihr gerade völlig egal. Die einzigen Gegenstände die sie findet sind
frische Handtücher und Seife, nach welker Kamille und ranzig riechende
Kernseife.
Nina betritt eine riesige Gewölbehalle an deren Ende ein großer
Metallofen steht, wärmendes Feuer lodert darin. Sie geht zu dem Ofen um sich zu
wärmen. Sie hört wie irgendwo eine Metallplatte zurückgeschoben wird, folgt dem
Geräusch. Am entgegengesetzten Ende des Kellers, in einem großen leeren Raum,
den sie bereits ausgespäht hatte. In der Mitte, ist ein Lichtschein am oberen
Ende eines Schachts, Tageslicht!
Sie will gerade hinaufschauen, da fallen
schwarze Ziegelsteine herab, sie weicht zurück, es prasseln immer mehr dieser
Steine herab, Kohlenstaub verteilt sich im Raum, sie muss husten, weicht zurück
auf den Flur, auch hier verbreitet sich der Kohlenstaubnebel, sie hält die Luft
an und holt sich die Atemmaske, zieht sie über, klemmt sich ihre Haare ein,
zieht sie nochmal über. Sie wartet im Heizraum bis das Poltern aufgehört hat,
läuft zurück, nur langsam legt sich der schwarze Staub, ein Berg Kohlen türmt
sich bis zu dem Lichtschimmer hinauf.
Sie könnte jetzt emporklettern, die
Briketts zur Seite räumen und zu diesem Loch hinaus in die Freiheit krabbeln,
gerade beginnt sie den Aufstieg als die Metallplatte zurückgeschoben, das
Lichtloch zugeschoben wird.
Sie schreit, Verzweiflung steigt wieder hoch,
Tränen und Kohlestaub verschmiert ihr Gesicht. Bis sie ein Rufen hört, ihr Name
wird gerufen. In ihrer Gefängniszelle spricht die Stimme zu ihr: „Du hast dich
mit den Räumlichkeiten vertraut gemacht – du hast zwei Möglichkeiten, du
bringst dich diesmal richtig um, mit den Handtüchern, Spiegelscherben oder was
du so finden kannst oder du verhungerst einfach.“
Kurze Pause „Oder du
arbeitest, füllst die Kohlen in die Eimer, schüttest sie in den Heizofen, dann
bekommst du zu essen und die Freiheit.“
Kein Lösegeld? Sie soll arbeiten für ihre Freiheit? Was ist sie – eine Geisel oder eine Sklavin? „Leck mich!“ Antwortet sie trotzig der Stimme, die sie mit Schweigen bestraft. Wer ist diese Stimme? Sie kann dieses Blechgeschepper niemand zuordnen oder die Art zu reden oder sonst irgendeinen Anhaltspunkt, sie vermutet nur, soweit sie das herausgehört hat, dass die Stimme männlich und älter ist, so zwischen dreißig und irgendwas?
Sie wartet einfach, sie
sitzt auf der Pritsche, beobachtet die fetten Spinnen, die sie scheinbar
beobachten und wartet ab. Sie ist hungrig und durstig, von trinken hat die
Stimme nichts gesagt, sie brüllt zur Decke: „Ich hab Durst!“ keine Antwort.
Irgendwann steht sie auf geht in den Waschraum und trinkt vom Wasserhahn, sieht
sich im Spiegel und erschrickt, sie ist ganz rußig vom Kohlenstaub, wie ein
Schornsteinfeger, wäscht sich mit den Handtüchern und der ekligen Seife. Setzt
sich auf die Toilette und schaut sich um, da sind Klamotten unter den
Handtüchern. Sie nimmt einen Pullover und eine Hose und zieht sich an, es ist
zwar Jungszeug aber Hauptsache was Wärmendes anzuziehen.
Kleider wie aus dem
Altkeidersack, sie betrachtet sich im Spiegel, ihr fällt auf wie viel
Ähnlichkeit sie mit ihrem Bruder hat. Wie gern würde sie sich jetzt mit ihrem
Bruder streiten.
Sie schlurft zurück in ihr Verlies, denkt sich „Dieser ganze
Scheiß-Keller ist ein Verlies.“ Ihr Durst ist gestillt aber sie hat Hunger,
wird sie eben verhungern, für diese Erpresser arbeiten hat sie keinen Bock.
Irgendwann erwacht sie, wie viel Uhr jetzt ist? Ob sie gesucht wird? Von der
Polizei, von ihren Eltern? Ihr ist schon ganz schlecht vor Hunger. Sie geht in
den Kohlenkeller, schaufelt Kohlen in die Eimer, verbrennt sich die Finger an
der Ofentür, findet Handschuhe und schüttet die Kohlen ins Feuer, pfeffert
Eimer und Handschuhe in ein irgendeine Ecke, geht zurück in ihre Zelle und
schreit zum kleinen Lautsprecher: „So, hab jetzt die ScheißKohlen in den
ScheißOfen getan, hab mir dabei die Finger Scheiße verbrannt, jetzt will ich
was zu essen!“
„Das reicht nicht.“ Ist die knappe Antwort. Sie flippt aus,
beschimpft und beschreit ihren Gefängniswärter, bis sie merkt, dass der kein
Einsehen hat, kein Essen herbeizaubert, sie mal kurz an die frische Luft lässt,
sie mal telefonieren lässt, sie mal kurz zum Mac Donalds fährt. Sie füllt Eimer
und schüttet, sie füllt Eimer und schüttet, sie füllt Eimer und schüttet.
Irgendwann kann sie nicht mehr, sie legt sich zum ausruhen auf ihre Pritsche,
döst ein.
Als sie erwacht steht neben auf dem Lehmboden ein Plastikschüsselchen mit roter Bete. Die ganze Schufterei für ein Schüsselchen roter Bete? Sie fühlt sich verarscht, daheim würde sie so was nicht essen. Sie will es umkicken, aber was bekommt sie dann zu essen? Scheiße? Mit was soll sie das Essen? Mit den Fingern? Wie ein Tier? Mit Daumen und Zeigefingerspitze fischt sie sich, die einzelnen rote Betestücke heraus, ist erstaunt, schmeckt richtig lecker, könnte sogar mehr sein, schlürft den restlichen Saft.
Sie arbeitet weiter,
wieder bis zur Erschöpfung, bekommt einen Apfel, noch nie hat sie so einen
köstlichen Apfel gegessen. Einmal bekommt sie ein kaltes Schnitzel, sie ist
Vegetarierin, weiß denn das dieser Trottel nicht? Aber sie genießt das
Schnitzel, als wäre es ein vier Gänge de Lüx, Festtagsessen.
Jetzt sind öfters
bei den Essensgaben auch kleine Nettigkeiten, eine Blume. Nie hätte sie
gedacht, dass sie sich über ein Gänseblümchen freuen kann. Dann bekommt sie ein
Buch, ein Kinderbuch von Erich Kästner ‚Baron Münchhausen‘, erstens Kinderbuch
und zweitens ‚Münchhausen‘ was soll denn der Scheiß? Aus dem Alter für
Kinderbücher ist sie raus und so ein Typ wie Münchhausen oder Kaiser Augustus
oder König Wilhelm oder so ein Scheiß hat sie nie interessiert. Aber sie liest
es in einem Zug, es ist lustig geschrieben, mit netten Bildern versehen und
eine Abwechslung in ihrem Kerker. Sie hofft auf mehr, von ihr aus auch so ein
Kinderkack.
Irgendwann, Tage später (?), hat sie den Berg Kohlen abgearbeitet,
jetzt hat sie sich ihre Freiheit verdient, meint sie. Aber während sie den
letzten Kohleneimer einschüttet, wird der Kohlenschacht geöffnet und der
Kohlenkeller neu befüllt. In ihrer Wut und Verzweiflung zertrümmert sie beide
Eimer. „Dann musst du die Kohlen so tragen und dir neue Eimer oder was Besseres
verdienen.“
Nachdem sie den Berg zur Hälfte abgetragen hat, steht ein
Sackkarren vor der Stahltür zum Treppenaufgang, jetzt kann sie zwar die Kohlen
bequem von A nach B karren, aber sie muss jede einzeln einwerfen. Sie bekommt
jedes Mal neue Handschuhe wenn die alten verrissen sind, aber sie hat dennoch
an beiden Händen Schwielen und Blasen, sie hat das Ganze soo satt.
Ihr fällt
auf, seit ihrem Selbstmordversuch ist es das erste Mal, dass sie wieder an
Selbstmord denkt, aber es ist kein richtiger Selbstmordgedanke, es ist eher
eine makabre Fluchtabwägung.
Der Kerkermeister, sie nennt ihn Felton wie den, der in die drei Musketiere Lady de Winter bewacht,
erwähnte wieder etwas von Freiheit und sie hält es fast für einen schlechten
Witz als er fragt: „Willst du lieber Kohlen schleppen oder mit Menschen
arbeiten?“
Mit Menschen arbeiten, bedeutet Fluchtmöglichkeiten ohne Ende, Menschen
denen sie sagen kann, dass sie entführt wurde, dass sie gefangen gehalten wird,
sie versucht ihre Begeisterung zu zügeln als sie Felton zustimmt.
Als sie erwacht steht neben ihrer Pritsche ein kleines rundes Tischchen, darauf zwei Tabletten und ein Glas mit Wein, von der Sorte den sie zu ihren Selbstmordtabletten trank, „Soll das witzig sein?“ fragt sie sich, wirft die Valium ein und spült nach. Vorher überlegte sie, die Tabletten nur zum Schein zu schlucken und dann auf den Entführer los zu gehen, inzwischen hat sie ganz schön Muckis. Aber der Gedanke mit der Arbeit mit Menschen scheint ihr die erfolgversprechendere Fluchtmöglichkeit.
Es tut in den Augen weh,
nach so langer Zeit ist sie das Sonnenlicht nicht mehr gewöhnt, sie sitzt
gefesselt im Frachtraum eines Fliegers, kann draußen Wolken und zu ihrer rechten
die Sonne sehen. Sie mag die muffelige Luft in diesem Frachtraum, es riecht
nach alten Säcken, Schmieröl, Zigaretten.
„Sie ist aufgewacht.“ Hört sie hinter sich, sie kann sich aber nicht umdrehen. „Willst du noch ein bisschen schauen oder wieder schlafen?“ Sie bettelt ihre Entführer an noch ein Weilchen wach bleiben zu dürfen. Wohin wird sie gebracht? Es ist ihr egal, Hauptsache kein Kohlenkeller in Novosibirsk. Sie genießt den Flug, die Aussicht, die Gerüche, selbst das Brummeln der Motoren, die sie in ihrem Magen spürt, ist herrlich. Draußen ist es schon lange dunkel, sie spürt wie ihr linker Ärmel hochgeschoben wird „Nein, bitte nicht.“ Aber sie bekommt trotzdem die Spritze.
Sie wacht wieder auf,
der linke Arm schmerzt von der Nadel, wieder ein dunkler Raum, es ist schwül hier, deshalb trägt sie leichte
Kleidung. Wer hat sie umgezogen? Ist sie in einem arabischen Harem oder Puff
gelandet? Sie blickt angsterfüllt in das lächelnde Gesicht einer Asiatin.
Nach
so langer Zeit ein Mensch, ein lächelnder Mensch, sie schöpft Hoffnung, spricht
die Frau auf Englisch an, auf Deutsch, auf Französisch, versucht es mit
abstraktem Italienisch.
Die Frau gebietet ihr mit einem Finger auf den Lippen
zu schweigen. Ist das die Puffmutter? Wird sie jetzt hergerichtet um von
irgendeinem Mädchenhändlerring verkauft zu werden? Sie reißt sich zusammen,
schweigt, will alles befolgen, bis sich eine Möglichkeit zur Flucht bietet.
Die
Frau gibt ihr zu verstehen, dass sie mitkommen soll. Sie folgt der Frau immer
auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit. Sie laufen durch Flure und begegnen
vielen Kindern, die sie anlachen, sich sogar vor ihr verbeugen. Sie kommen in
eine große offene Halle, mit hunderten von Kindern.
Sie setzt sich mit ihrer
Bewacherin und anderen erwachsenen Asiatinnen im Schneidersitz um einen Tisch
und essen, die Kinder um sie warten, beobachten, schweigen. Die Frauen essen
schnell, dann bekommt jede einen großen Topf Reis und auch Nina muss den Reis
an die Kinder verteilen, es wird unruhig, bis die älteste der Frauen in dieser
fremden Sprache etwas ruft, woraufhin alle Kinder singen. Bis die Kinder fertiggesungen
haben ist das Essen ausgeteilt.
Nina
beobachtet alles, ohne jeglichen Gedanken an Flucht. Nach dem Essen muss sie
mit anderen Frauen das Geschirr spülen. Danach folgt sie einer Frau auf die
Felder, sie bringen Essen und Trinken zu den Männern und Frauen die dort durch
das Wasser waten und Reislinge setzten.
Auf dem ganzen Weg und in dem Waisenhaus
hat sie keine europäisch aussehenden Menschen gesehen, seltsam Deutsche,
Schweizer oder Amerikaner triff man doch überall auf der Welt?
Abends will sie
fliehen, sie wird von niemandem gehindert nur belächelt. Doch mit der
Dunkelheit ist wirklich alles Dunkel bis auf ein paar Fackeln, oder Feuerstellen.
Eine alte Frau ist die einzige die sie hindern will, erst als diese Frau ihr
mit fauchen und Krallenhänden die Gefahr zeigt, die womöglich außerhalb lauert,
begibt sie sich zurück in den großen Schlafsaal.
Es ist schön unter so vielen Menschen zu schlafen und nicht mehr allein in irgendeinem Verlies, sie beobachtet die Schlafenden und ein paar der Kinder beobachten sie und kichern als sie sie entdeckt.
Der Morgen bricht an, die Laute des nahen Dschungels werden immer weniger, Nina wird an der Schulter gerüttelt. Sie müssen das Frühstück für die vielen Mäuler richten.
Inzwischen arbeitet Nina
seit vielen Monaten für Mabuhay, eine
Hilfsorganisation die sich um Waisen- und Slumkinder auf den Philippinen
kümmert.
Sie hat die Sprache erlernt, ständig wird getratscht und alberne Witze
gemacht, ihr wird versichert, dass sie nicht bangaw ist, wie man den Leuten hier erzählt hat, nein, sie ist
nicht verrückt sondern eine Schwester eine kapadit
na babae.
Sie ist glücklich sich um ihre Kinder kümmern zu können, sie
kümmert sich um die Kranken und gibt inzwischen Unterricht in Englisch und
Deutsch.
Herr Norbert Engel, der Gründer von Mabuhay, hat das Waisenhaus besucht und ihr versichert, dass
er nicht wusste, dass sie entführt wurde und dass er mit ihr gerne zu einer
Polizeiwache oder zur deutschen Botschaft gehe, aber dazu ist sie zu
beschäftigt.
„Ach, das hat Zeit, das kann ich ja immer noch machen.“ Versicherte Nina Herrn Engel kurz vor seinem Rückflug nach Bamberg.
Sie bekommt einen Anruf: „Willst du immer noch Selbstmord machen?“ Fragt sie ihr Vater, sie legt auf, sie hat Wichtigeres zu tun als sich mit Entführern zu unterhalten.





Kommentare
Das ehrt mich ja ungemein und ich danke dir vielmals! Dein Text gefällt mir und spricht mir schon an vielen Stellen aus dem Herzen.
02.01.2013, 10:45 von SultanineDie Plackerei im Kohlenkeller, ja der muss man sich wohl stellen. Entweder fressen was kommt, um dann auf besseres zu hoffen, nein hoffen zu dürfen! Ein hoffnungsvoller Text voller schöner Metaphern, ich mag ihn sehr und freue mich, dass er so ein gutes Ende nimmt. Woher kennst du Nina Sulta eigentlich so gut, ist sie so durchschaubar, mei o mei ;-) Jedenfalls scheinst du sehr sehr aufmerksam zu sein. Ein Mensch, der mich im neuen Jahr direkt überrascht, kommt nicht so oft vor!
Nina Sulta, ach wenn die nur wüste, was die für ein tolles Mädel ist.
02.01.2013, 20:02 von SteveStitchesein Neubeginn 2
nach dem erfolgreichen
Selbstmord, diesmal kein vereitelter
Nina Sulta betrachtet die
Tabletten in ihrer linken Handfläche, jede Menge Schmerz- und Schlaftabletten,
das müsste reichen. Es ist mühsam alle runterzuschlucken, aber sie spült immer
wieder mit Wein nach, bis alle unten sind. Sie hofft, dass die Tabletten in
Verbindung mit Alkohol schneller wirken. Sie legt sich hin, Morgen werden sie
sie finden, dann wird es allen leidtun – Papa weil er sich nie um seine Tochter
gekümmert hat, Mutter die immer nur rumnörgelte, ihrem Bruder der sie immer nur
nervte und nie ein helfender, liebevoller Bruder war. Leon wird an ihrem Grab
stehen und sich die Augen ausheulen und wird sich die Schuld dafür geben, dass
er sie nur benützt hat, benützt für Sex, benützt um sein aufgeblasenes Ego noch
weiter aufzublasen. Jetzt denkt sie an Oma und Opa, sie will nicht an Oma und
Opa denken, weil das die ganze Sache schwerer macht. Oma und Opa haben sie
immer geliebt, egal ob ihre Noten schlecht waren oder ob sie mit buntbemaltem
Gesicht rumgelaufen ist oder mit zerrissenen Klamotten. „Unser Papagei“ oder
„geliebte Vogelscheuche“ das waren die liebgemeinten Kommentare ihrer
Großeltern. „Mir würde das Herz zerbrechen, wenn dir etwas zustoßen würde.“ Das
hat Oma auch mal zu ihr gesagt, Mutter würde so was nie sagen und Papa würde so
was nicht einmal registrieren, ihr Bruder würde höchstens Fragen ob er ihr
Zimmer haben könnte, ach leckt mich doch alle. „Mir würde das Herz zerbrechen,
wenn dir etwas zustoßen würde.“ Sie hört die Worte ihrer Großmutter, aber sie
klingen von weit her, als würde Oma Gabriele am Rand eines Grabens stehen und
sie weit unten am Grunde des Grabens oder des Grabes. Das Bild ihrer Oma ist so
weit entfernt, aber sie kann ihre Verzweiflung spüren, sie will hinaufrufen:
„Es tut mir leid.“ Aber das Rufen ist nur noch ein Flüstern, alles ist so
neblig, so schwer, so dunkel …
Sie schwebt in einem
Tunnel, ein Tunnel aus Licht und Wärme, sie ist geblendet durch das Helle um
sie herum, sie fühlt diesen Tunnel sie kann ihn nicht richtig erfassen, sie
weiß nicht ob sie von der Wärme nach oben oder zur Seite getragen wird? Am Ende
des Tunnels steht eine Gestalt, ein Alien?
Eine Lichtgestalt, von der Form, von
der Bewegung wie ein Mensch aber aus Licht, wie das Gegenteil eines
menschlichen Schattens.
„Hallo Nina“ Sie möchte der Erscheinung antworten, kann
aber nicht, „Nina, ich möchte dir etwas zeigen.“ Die Gestalt streckt, wie eine
Mutter ihrer Tochter, ihre Hand hin und Nina ergreift sie. Alles wird weiß.
Nina steht an einem Grab,
sie wird vor Verzweiflung geschüttelt, Menschen stützen sie. Sie hört den
Pfarrer, Wortfetzten, wie er von Sinnlosigkeit,
junger Mensch, Nina Sulta berichtet.
Sie schaut zu wie der hellbraune Sarg,
mit Blumen und Kränzen überfüllt, hinabgelassen wird. Wie ein Krampf überkommt
sie der Schmerz um ihre Tochter, ihre Knie knicken ein, aber sie wird gestützt
und richtet sich wieder auf.
Verzweifelte Gedanken prasseln auf sie ein „Ich
hab doch alles für sie getan?“, „Ich war doch immer da für sie?“, „Warum tut
sie mir das an?“
Wie ein Blitz wird alles weiß, sie steht fast an derselben
Stelle nur etwas links davon, neben sich ihre schluchzende Mutter.
Wieder hört
sie die Worte des Pfarrers, aber in ihr ist eine männliche Stimme, die Stimme
ihres Bruders. In seiner Stimme ist nicht nur Trauer, darin liegt auch Wut:
„Warum tut sie uns das an?“, „Ich muss die Scheiße zuhause doch auch aushalten.
In zwei Jahren hätte sie studiert und wäre endlich von zuhause weg gewesen, in
irgendeiner Stadt wo die Alten nicht mehr genervt hätten!“, „Geht’s mir besser?
Einfach Tabletten fressen und abhauen!“
Wut und Trauer vermischt sich, sein
Blick wird verwaschen von Tränen.
Wieder der Blitz, wieder steht sie an einer
anderen Stelle, hält den Arm ihrer Mutter mit starkem Griff, spürt die tiefe
Trauer ihres Vaters, sein Unverständnis, seine nagenden Selbstzweifel
„Hätte
ich mir doch mehr Zeit genommen, meine Angestellten haben Zeit, aber woher
hätte ich mir diese Zeit nehmen sollen?“Er kämpft gegen seine Tränen an
„Wir
wollen doch alle zweimal im Jahr in Urlaub fahren, das Haus, wir wollen alle
gut angezogen sein. Sie wollen doch einen erfolgreichen Vater und keinen der
ihnen nichts ermöglichen kann?“, „Ich hab alles getan, wie hätte ich es anders
machen sollen?“
Er sieht den Sarg hinabgleiten, spürt seine Frau
zusammenbrechen, hält sie, richtet sie wieder auf. „Die Firma war so in der
Krise, wir sind so knapp am Abgrund vorbeigeschrammt, vor der völligen Armut.
Ich musste doch so viel arbeiten, ich musste meine Belegschaft und meine
Familie retten und jetzt steh ich doch am Abgrund.“
Diesem starken, großen,
breiten Mann, laufen Tränen durch sein starres, ernstes Gesicht.
Wieder das
grelle Licht, wieder ist sie an einer anderen Stelle des Friedhofs, aber zum
Glück nicht mehr direkt an ihrem Grab, sie ist weiter hinten, viele Reihen
dunkelgekleideter Menschen vor sich.
Vorher hat sie keine Kälte gespürt, jetzt
fröstelt ihr, der junge Mann denkt sich „Wie lange geht das noch?“
Sie kennt
diese Stimme, sie kennt den Kerl „Wie die mich in der Kirche böse angeschaut
haben, als ob ich was dafür könnte, wenn ihre doofe Tochter austickt und sich
Tabletten schmeißt.“
Ihr Freund Leon! „Es gibt schönere Sachen als hier
rumzustehen.“
Er tritt von einem Bein aufs andere, wo glotzt der Arsch denn
hin? Er glotzt einer ihrer weinenden Mitschülerinnen auf den Hintern!
„Die Mia,
ob die auch so leicht zu knacken ist? Nicht heute und nicht hier, aber
demnächst werd ich die mal anquatschen – ohne Mut kein Mädchen!“
Das muss sie
der Mia erzählen, aber das kann sie ja nicht, sie ist tot.
„Mit ein bisschen
Alkohol und ner Pille, bricht jede Zicke ihr Wille!“ Mensch, was für Sprüche
hat der Depp drauf?
Wegen so einem hab ich mich umgebracht? Sie ist zurück im
Warmen, zurück in diesem Tunnel, zurück bei der Lichtgestalt.
„Die denken ja
alle nur an sich!“, „Nein, deine Eltern und dein Bruder sind voller Trauer.“
Wiederspricht ihr das leuchtende Wesen.
„Ja aber die heulen doch nicht weil ich
gestorben bin, sondern weil sie sich von mir dadurch ungerecht behandelt
fühlen!“
Wieder muss der Engel wiedersprechen „Wenn du nicht gestorben wärst,
würden sie überhaupt nicht trauern, dann wär doch alles beim Alten!“
„Aber so
wollte ich es doch nicht!“ „Wie wolltest du es denn?“
„Anders, vor allem Leon
sollte sich wegen mir die Augen ausheulen! Mein Bruder ist nicht nur traurig,
der ist auch wütend auf mich. Mein Papa macht sich sinnlose Vorwürfe und meine
Mutter belügt sich wie bisher.“
Der Engel erstaunt „Und das wolltest du durch
deinen Tod ändern?“
„Ja! Denen sollten alle die Augen aufgehen und erkennen was
bisher falsch gelaufen ist!“
Der Engel erwidert „Aber dein Papa erkennt das
doch!“
Nina versucht sich vor dem Engel zu rechtfertigen „Aber er kann doch da
auch nichts für, dass es in seiner Firma so Scheiße lief, das wusste ich doch
nicht.“
Nina wütend „Der hat uns doch alle belogen und immer gesagt dass in der
Firma alles Prima läuft.“
Der Engel erstaunt „Hat er das gesagt?“ Nina überlegt
kurz „Nein direkt gesagt nicht, aber er hat sich nichts anmerken lassen, dass
es in seiner Firma kriselt.“
Der Engel zuckt nur mit den, durchs Leuchten, undeutlichen
Schultern. „
Bitte, ich möchte zurück und das alles in Ordnung bringen und dem
Leon, diesem Arsch, mal ordentlich meine Meinung sagen!“
Der Engel erklärt ihr,
was sie eigentlich gerade erfahren hat:„Aber dem ist doch deine Meinung völlig
egal.“ Nina protestiert „Aber sich wegen dem umbringen ist doch völlig
idiotisch!“
Nina fällt gerade etwas auf „Wo sind denn Oma und Opa?“
Der Engel
berichtet „Dein Tod hat deinen Großvater so schwer getroffen, dass er zu Bett
liegt, deine Oma kümmert sich um ihn.“
Nina erschrocken „Aber er wird wieder
gesund?“ Der Engel sachlich „Nein, er wird sterben.“
Nina entsetzt „Bitte, mach
das alles wieder gut ist, das ich zuhause bin, Bitte!“
„Tut mir leid, zu spät,
der Tod ist kein Wunschkonzert.“
Nina zum Engel „Aber was wird dann jetzt?“ Der
Engel zuckt nochmal mit den Schultern, bzw. das was die Schultern sein müssten
„In den Himmel kannst du nicht, wegen Selbstmord. Musst du zurück auf Start.“
Nina verunsichert „Was auf Start? Wieder alles von Geburt an neu?“
Der Engel
erklärt wie eine Klassenlehrerin „Nein, nicht neu – alles, dein komplettes
Leben wieder genauso von vorne – wie so eine Endlosschleife.“
Nina hackt nach
„Bis zu meinem Selbstmord?“ Der Engel nickt.
Nina verzweifelt „Das ist ja die
Hölle!“ Der Engel bestätigt nüchtern „Ja“
03.01.2013, 23:16 von SteveStitches
noch einen text, mensch was habe ich da denn nur angestoßen? danke dir für so viel arbeit! Er ist nicht so hoffnungsvoll wie der andere, er zeigt dennoch deutlich wie sinnlos der selbstmord von nina sulta war und dass es nichts besser machen kann, im gegenteil! Den Twist am Ende finde ich echt cool: Das Leben in Endlosschleife und das ist die Hölle, echt originell!
03.01.2013, 23:34 von Sultanineich habe da wohl was nicht mitbekommen und daher den zusammenhang bezüglich sultanine nicht richtig verstanden. Aber der text ist wirklich gut, auch wenn er seeeeeehr lang ist.
01.01.2013, 21:45 von jetsamDas ist die Rofassung, in meiner Panik hab ich das Floss zusammengezimmert und raus ins Wasser, Kurs Nina. Den Herrn Engel gibt es wirklich und er kann immer helfende Hände gebrauchen (laut Interview).
02.01.2013, 20:06 von SteveStitchesals ich diesen text las, da plätscherte das traumschiff auf der scheibe flimmernd, während neben mir die chipstüte fürchterliche geräusche verbreitete. ich hätte deinen text nicht so achtlos verspeisen und lieber den raum wechseln sollen.
ob rohfassung oder nicht, in diesem text stecken sehr viele gedanken, die genau da ankommen, wo sie sollen.
03.01.2013, 12:14 von jetsamwir lesen das bevor sie dazu kommt..., ist evtl ja auch gut.
31.12.2012, 18:06 von zehnmomentedu bist echt lieb, ihr einen text zu widmen, den kann sie gebrauchen- ich weiß das!
Ich hoffe es nützt.
02.01.2013, 20:07 von SteveStitches