SteveStitches 31.12.2012, 16:18 Uhr 9 5

ein Neubeginn

ein Text für Sultanine, zum neuen Jahr

Nina Sulta betrachtet die Tabletten in ihrer linken Handfläche, jede Menge Schmerz- und Schlaftabletten, das müsste reichen.

Es ist mühsam alle runterzuschlucken, aber sie spült immer wieder mit Wein nach, bis alle unten sind. Sie hofft, dass die Tabletten in Verbindung mit Alkohol schneller wirken.

Sie legt sich hin, Morgen werden sie sie finden, dann wird es allen leidtun – Papa weil er sich nie um seine Tochter gekümmert hat, Mutter die immer nur rumnörgelte, ihrem Bruder der sie immer nur nervte und nie ein helfender, liebevoller Bruder war.

Leon wird an ihrem Grab stehen und sich die Augen ausheulen und wird sich die Schuld dafür geben, dass er sie nur benützt hat, benützt für Sex, benützt um sein aufgeblasenes Ego noch weiter aufzublasen.
 
Jetzt denkt sie an Oma und Opa, sie will nicht an Oma und Opa denken weil das die ganze Sache schwerer macht. Oma und Opa haben sie immer geliebt, egal ob ihre Noten schlecht waren oder ob sie mit buntbemaltem Gesicht rumgelaufen ist oder mit zerrissenen Klamotten.

„Unser Papagei“ oder „geliebte Vogelscheuche“ das waren die liebgemeinten Kommentare ihrer Großeltern.
„Mir würde das Herz zerbrechen, wenn dir etwas zustoßen würde.“ Das hat Oma auch mal zu ihr gesagt, Mutter würde so was nie sagen und Papa würde so was nicht einmal registrieren, ihr Bruder würde höchstens Fragen ob er ihr Zimmer haben könnte, ach leckt mich doch alle.
 
„Mir würde das Herz zerbrechen, wenn dir etwas zustoßen würde.“ Sie hört die Worte ihrer Großmutter, aber sie klingen von weit her, als würde Oma Gabriele am Rand eines Grabens stehen und sie weit unten am Grunde des Grabens oder des Grabes.
Das Bild ihrer Oma ist so weit entfernt, aber sie kann ihre Verzweiflung spüren, sie will hinaufrufen: „Es tut mir leid.“ Aber das Rufen ist nur noch ein Flüstern, alles ist so neblig, so schwer, so dunkel …

Sie wird hochgehoben, irgendwas ist in ihrem Gesicht, irgendetwas schlüpft in sie, rinnt ihren Hals hinunter und dann verkrampft ihr Magen, zieht sich zu schmerzendem Geröll zusammen und explodiert, schießt die Kehle herauf, sie erbricht.

Jemand ist bei ihr, hält sie, hält den Kübel. Sie erbricht, bis zur Erschöpfung. Sie fällt zurück aufs Bett, wieder dringt etwas in ihren Mund, in ihren Körper, wird ihr eingeflößt, wieder speit sie Fontänen.

Sie riecht die Kotze, sie ist so erschöpft, sie kann nicht mehr, lässt sich zurücksacken aufs Bett, die Person die sie hält legt sie weich ab, sie schläft.


Sie erwacht, es ist kalt, es ist düster, es ist ungewohnt, sie liegt hart, wie auf einer Pritsche, es ist nicht ihr Zimmer. Sie setzt sich auf, immer noch geschwächt von den Tabletten von der Kotzerei, sie schaut sich um, es sieht aus wie ein Kellerraum, wie ein Gewölbekeller.

Über ihr hängt eine schwach leuchtende Glühbirne, sie betrachtet die weiß getünchten Ziegelsteine, die Spinnweben, die fetten Spinnen, der weiße Flaum von den Wasserausblühungen an den Wänden, der abgeblätterte Farbe, der Lehmboden – wo gibt es Heutzutage noch Lehmkellerböden?

„Wo bin ich?“ denkt sie, sagt sie, schreit sie. Steht auf geht zur stählernen Kellertür versucht sie zu öffnen, die Tür ist abgesperrt, sie ruft, brüllt, schreit, schlägt mit den Fäusten verzweifelt gegen die Türe. Ihre Hände sind heiß und tun weh vom Trommeln, ihre Augen brennen, bis Tränen kullern, es tut weh so verlassen so hilflos zu sein „Hilfe!“ Sie ruft so lange bis sie nur noch krächzen oder flüstern kann.

Von einer Deckenecke des Raums krächzt eine Stimme zurück: „Willkommen in der Hölle!“ Was? Was hat diese Stimme gesagt? Was ist das für eine Scheiße? Was wird hier mit ihr gespielt? Die Stimme fragt zurück: „Welche göttliche Strafe steht auf Selbstmord?“ „Leck mich, du blödes Arschloch, lass mich hier raaausss!“

Aber diese Antwort akzeptiert die Stimme nicht und wiederholt ihre Frage, sie wiederholt die Frage so lange bis Nina gezwungen ist darüber nachzudenken und zu antworten: „Hölle, auf Selbstmord steht die Hölle, stimmt´s?“ Fragt Nina resigniert.

Die Stimme antwortet nicht mehr, Nina wartet, die Stimme sagt nichts mehr, Nina wartet, kein Ton kein Laut, irgendwo tropft Wasser. Nina brüllt den kleinen Lautsprecher an: „Was soll das, warum hältst du mich gefangen, willst du Lösegeld? Meine Eltern haben kein Geld!“ Sie ruft so lange bis sie aufgibt, weil niemand ihr antwortet. Gerade will sie sich wieder auf die Pritsche legen da gehen die Riegel der Tür zurück.

Aber niemand kommt herein, vorsichtig horcht sie an der Tür, spät hinaus, schaut in den schwach beleuchteten Flur des Kellers. Betritt den Flur, sucht die leeren Kellerräume ab, in dem größten lehnt an einer Wand eine Schaufel neben zwei Eimern. Eine Atemmaske liegt in einem der Eimer, wie sie eine bei ihrem Onkel Reinhard, beim Kotflügellackieren gesehen hat.

Sie findet eine zweite Metalltür, bestimmt geht es hinter dieser Tür die Treppen hoch in die Freiheit. Aber wie sie erwartet hat ist diese Tür abgesperrt. Da ist der Raum aus dem das Tropfen kommt, ein gefliester Waschraum, mit Dusche, eine Toilette, ein Waschbecken mit einem kleinen runden Spiegel.

Sie betrachtet sich, sie hat tiefe Ringe um die Augen, strähnige Haare, sie sieht furchtbar aus, aber das ist ihr gerade völlig egal. Die einzigen Gegenstände die sie findet sind frische Handtücher und Seife, nach welker Kamille und ranzig riechende Kernseife.

Nina betritt eine riesige Gewölbehalle an deren Ende ein großer Metallofen steht, wärmendes Feuer lodert darin. Sie geht zu dem Ofen um sich zu wärmen. Sie hört wie irgendwo eine Metallplatte zurückgeschoben wird, folgt dem Geräusch. Am entgegengesetzten Ende des Kellers, in einem großen leeren Raum, den sie bereits ausgespäht hatte. In der Mitte, ist ein Lichtschein am oberen Ende eines Schachts, Tageslicht!

Sie will gerade hinaufschauen, da fallen schwarze Ziegelsteine herab, sie weicht zurück, es prasseln immer mehr dieser Steine herab, Kohlenstaub verteilt sich im Raum, sie muss husten, weicht zurück auf den Flur, auch hier verbreitet sich der Kohlenstaubnebel, sie hält die Luft an und holt sich die Atemmaske, zieht sie über, klemmt sich ihre Haare ein, zieht sie nochmal über. Sie wartet im Heizraum bis das Poltern aufgehört hat, läuft zurück, nur langsam legt sich der schwarze Staub, ein Berg Kohlen türmt sich bis zu dem Lichtschimmer hinauf.

Sie könnte jetzt emporklettern, die Briketts zur Seite räumen und zu diesem Loch hinaus in die Freiheit krabbeln, gerade beginnt sie den Aufstieg als die Metallplatte zurückgeschoben, das Lichtloch zugeschoben wird.

Sie schreit, Verzweiflung steigt wieder hoch, Tränen und Kohlestaub verschmiert ihr Gesicht. Bis sie ein Rufen hört, ihr Name wird gerufen. In ihrer Gefängniszelle spricht die Stimme zu ihr: „Du hast dich mit den Räumlichkeiten vertraut gemacht – du hast zwei Möglichkeiten, du bringst dich diesmal richtig um, mit den Handtüchern, Spiegelscherben oder was du so finden kannst oder du verhungerst einfach.“

Kurze Pause „Oder du arbeitest, füllst die Kohlen in die Eimer, schüttest sie in den Heizofen, dann bekommst du zu essen und die Freiheit.“

Kein Lösegeld? Sie soll arbeiten für ihre Freiheit? Was ist sie – eine Geisel oder eine Sklavin? „Leck mich!“ Antwortet sie trotzig der Stimme, die sie mit Schweigen bestraft. Wer ist diese Stimme? Sie kann dieses Blechgeschepper niemand zuordnen oder die Art zu reden oder sonst irgendeinen Anhaltspunkt, sie vermutet nur, soweit sie das herausgehört hat, dass die Stimme männlich und älter ist, so zwischen dreißig und irgendwas?

Sie wartet einfach, sie sitzt auf der Pritsche, beobachtet die fetten Spinnen, die sie scheinbar beobachten und wartet ab. Sie ist hungrig und durstig, von trinken hat die Stimme nichts gesagt, sie brüllt zur Decke: „Ich hab Durst!“ keine Antwort.

Irgendwann steht sie auf geht in den Waschraum und trinkt vom Wasserhahn, sieht sich im Spiegel und erschrickt, sie ist ganz rußig vom Kohlenstaub, wie ein Schornsteinfeger, wäscht sich mit den Handtüchern und der ekligen Seife. Setzt sich auf die Toilette und schaut sich um, da sind Klamotten unter den Handtüchern. Sie nimmt einen Pullover und eine Hose und zieht sich an, es ist zwar Jungszeug aber Hauptsache was Wärmendes anzuziehen.

Kleider wie aus dem Altkeidersack, sie betrachtet sich im Spiegel, ihr fällt auf wie viel Ähnlichkeit sie mit ihrem Bruder hat. Wie gern würde sie sich jetzt mit ihrem Bruder streiten.

Sie schlurft zurück in ihr Verlies, denkt sich „Dieser ganze Scheiß-Keller ist ein Verlies.“ Ihr Durst ist gestillt aber sie hat Hunger, wird sie eben verhungern, für diese Erpresser arbeiten hat sie keinen Bock. Irgendwann erwacht sie, wie viel Uhr jetzt ist? Ob sie gesucht wird? Von der Polizei, von ihren Eltern? Ihr ist schon ganz schlecht vor Hunger. Sie geht in den Kohlenkeller, schaufelt Kohlen in die Eimer, verbrennt sich die Finger an der Ofentür, findet Handschuhe und schüttet die Kohlen ins Feuer, pfeffert Eimer und Handschuhe in ein irgendeine Ecke, geht zurück in ihre Zelle und schreit zum kleinen Lautsprecher: „So, hab jetzt die ScheißKohlen in den ScheißOfen getan, hab mir dabei die Finger Scheiße verbrannt, jetzt will ich was zu essen!“

„Das reicht nicht.“ Ist die knappe Antwort. Sie flippt aus, beschimpft und beschreit ihren Gefängniswärter, bis sie merkt, dass der kein Einsehen hat, kein Essen herbeizaubert, sie mal kurz an die frische Luft lässt, sie mal telefonieren lässt, sie mal kurz zum Mac Donalds fährt. Sie füllt Eimer und schüttet, sie füllt Eimer und schüttet, sie füllt Eimer und schüttet. Irgendwann kann sie nicht mehr, sie legt sich zum ausruhen auf ihre Pritsche, döst ein.

Als sie erwacht steht neben auf dem Lehmboden ein Plastikschüsselchen mit roter Bete. Die ganze Schufterei für ein Schüsselchen roter Bete? Sie fühlt sich verarscht, daheim würde sie so was nicht essen. Sie will es umkicken, aber was bekommt sie dann zu essen? Scheiße? Mit was soll sie das Essen? Mit den Fingern? Wie ein Tier? Mit Daumen und Zeigefingerspitze fischt sie sich, die einzelnen rote Betestücke heraus, ist erstaunt, schmeckt richtig lecker, könnte sogar mehr sein, schlürft den restlichen Saft.

Sie arbeitet weiter, wieder bis zur Erschöpfung, bekommt einen Apfel, noch nie hat sie so einen köstlichen Apfel gegessen. Einmal bekommt sie ein kaltes Schnitzel, sie ist Vegetarierin, weiß denn das dieser Trottel nicht? Aber sie genießt das Schnitzel, als wäre es ein vier Gänge de Lüx, Festtagsessen.

Jetzt sind öfters bei den Essensgaben auch kleine Nettigkeiten, eine Blume. Nie hätte sie gedacht, dass sie sich über ein Gänseblümchen freuen kann. Dann bekommt sie ein Buch, ein Kinderbuch von Erich Kästner ‚Baron Münchhausen‘, erstens Kinderbuch und zweitens ‚Münchhausen‘ was soll denn der Scheiß? Aus dem Alter für Kinderbücher ist sie raus und so ein Typ wie Münchhausen oder Kaiser Augustus oder König Wilhelm oder so ein Scheiß hat sie nie interessiert. Aber sie liest es in einem Zug, es ist lustig geschrieben, mit netten Bildern versehen und eine Abwechslung in ihrem Kerker. Sie hofft auf mehr, von ihr aus auch so ein Kinderkack.

Irgendwann, Tage später (?), hat sie den Berg Kohlen abgearbeitet, jetzt hat sie sich ihre Freiheit verdient, meint sie. Aber während sie den letzten Kohleneimer einschüttet, wird der Kohlenschacht geöffnet und der Kohlenkeller neu befüllt. In ihrer Wut und Verzweiflung zertrümmert sie beide Eimer. „Dann musst du die Kohlen so tragen und dir neue Eimer oder was Besseres verdienen.“

Nachdem sie den Berg zur Hälfte abgetragen hat, steht ein Sackkarren vor der Stahltür zum Treppenaufgang, jetzt kann sie zwar die Kohlen bequem von A nach B karren, aber sie muss jede einzeln einwerfen. Sie bekommt jedes Mal neue Handschuhe wenn die alten verrissen sind, aber sie hat dennoch an beiden Händen Schwielen und Blasen, sie hat das Ganze soo satt.

Ihr fällt auf, seit ihrem Selbstmordversuch ist es das erste Mal, dass sie wieder an Selbstmord denkt, aber es ist kein richtiger Selbstmordgedanke, es ist eher eine makabre Fluchtabwägung.

Der Kerkermeister, sie nennt ihn Felton wie den, der in die drei Musketiere Lady de Winter bewacht, erwähnte wieder etwas von Freiheit und sie hält es fast für einen schlechten Witz als er fragt: „Willst du lieber Kohlen schleppen oder mit Menschen arbeiten?“

Mit Menschen arbeiten, bedeutet Fluchtmöglichkeiten ohne Ende, Menschen denen sie sagen kann, dass sie entführt wurde, dass sie gefangen gehalten wird, sie versucht ihre Begeisterung zu zügeln als sie Felton zustimmt.

Als sie erwacht steht neben ihrer Pritsche ein kleines rundes Tischchen, darauf zwei Tabletten und ein Glas mit Wein, von der Sorte den sie zu ihren Selbstmordtabletten trank, „Soll das witzig sein?“ fragt sie sich, wirft die Valium ein und spült nach. Vorher überlegte sie, die Tabletten nur zum Schein zu schlucken und dann auf den Entführer los zu gehen, inzwischen hat sie ganz schön Muckis. Aber der Gedanke mit der Arbeit mit Menschen scheint ihr die erfolgversprechendere Fluchtmöglichkeit.

Es tut in den Augen weh, nach so langer Zeit ist sie das Sonnenlicht nicht mehr gewöhnt, sie sitzt gefesselt im Frachtraum eines Fliegers, kann draußen Wolken und zu ihrer rechten die Sonne sehen. Sie mag die muffelige Luft in diesem Frachtraum, es riecht nach alten Säcken, Schmieröl, Zigaretten.

„Sie ist aufgewacht.“ Hört sie hinter sich, sie kann sich aber nicht umdrehen. „Willst du noch ein bisschen schauen oder wieder schlafen?“ Sie bettelt ihre Entführer an noch ein Weilchen wach bleiben zu dürfen. Wohin wird sie gebracht? Es ist ihr egal, Hauptsache kein Kohlenkeller in Novosibirsk. Sie genießt den Flug, die Aussicht, die Gerüche, selbst das Brummeln der Motoren, die sie in ihrem Magen spürt, ist herrlich. Draußen ist es schon lange dunkel, sie spürt wie ihr linker Ärmel hochgeschoben wird „Nein, bitte nicht.“ Aber sie bekommt trotzdem die Spritze.

Sie wacht wieder auf, der linke Arm schmerzt von der Nadel, wieder ein dunkler Raum, es ist schwül hier, deshalb trägt sie leichte Kleidung. Wer hat sie umgezogen? Ist sie in einem arabischen Harem oder Puff gelandet? Sie blickt angsterfüllt in das lächelnde Gesicht einer Asiatin.

Nach so langer Zeit ein Mensch, ein lächelnder Mensch, sie schöpft Hoffnung, spricht die Frau auf Englisch an, auf Deutsch, auf Französisch, versucht es mit abstraktem Italienisch.

Die Frau gebietet ihr mit einem Finger auf den Lippen zu schweigen. Ist das die Puffmutter? Wird sie jetzt hergerichtet um von irgendeinem Mädchenhändlerring verkauft zu werden? Sie reißt sich zusammen, schweigt, will alles befolgen, bis sich eine Möglichkeit zur Flucht bietet.

Die Frau gibt ihr zu verstehen, dass sie mitkommen soll. Sie folgt der Frau immer auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit. Sie laufen durch Flure und begegnen vielen Kindern, die sie anlachen, sich sogar vor ihr verbeugen. Sie kommen in eine große offene Halle, mit hunderten von Kindern.

Sie setzt sich mit ihrer Bewacherin und anderen erwachsenen Asiatinnen im Schneidersitz um einen Tisch und essen, die Kinder um sie warten, beobachten, schweigen. Die Frauen essen schnell, dann bekommt jede einen großen Topf Reis und auch Nina muss den Reis an die Kinder verteilen, es wird unruhig, bis die älteste der Frauen in dieser fremden Sprache etwas ruft, woraufhin alle Kinder singen. Bis die Kinder fertiggesungen haben ist das Essen ausgeteilt.  

Nina beobachtet alles, ohne jeglichen Gedanken an Flucht. Nach dem Essen muss sie mit anderen Frauen das Geschirr spülen. Danach folgt sie einer Frau auf die Felder, sie bringen Essen und Trinken zu den Männern und Frauen die dort durch das Wasser waten und Reislinge setzten.

Auf dem ganzen Weg und in dem Waisenhaus hat sie keine europäisch aussehenden Menschen gesehen, seltsam Deutsche, Schweizer oder Amerikaner triff man doch überall auf der Welt?

Abends will sie fliehen, sie wird von niemandem gehindert nur belächelt. Doch mit der Dunkelheit ist wirklich alles Dunkel bis auf ein paar Fackeln, oder Feuerstellen. Eine alte Frau ist die einzige die sie hindern will, erst als diese Frau ihr mit fauchen und Krallenhänden die Gefahr zeigt, die womöglich außerhalb lauert, begibt sie sich zurück in den großen Schlafsaal.

Es ist schön unter so vielen Menschen zu schlafen und nicht mehr allein in irgendeinem Verlies, sie beobachtet die Schlafenden und ein paar der Kinder beobachten sie und kichern als sie sie entdeckt.

Der Morgen bricht an, die Laute des nahen Dschungels werden immer weniger, Nina wird an der Schulter gerüttelt. Sie müssen das Frühstück für die vielen Mäuler richten.

Inzwischen arbeitet Nina seit vielen Monaten für Mabuhay, eine Hilfsorganisation die sich um Waisen- und Slumkinder auf den Philippinen kümmert.

Sie hat die Sprache erlernt, ständig wird getratscht und alberne Witze gemacht, ihr wird versichert, dass sie nicht bangaw ist, wie man den Leuten hier erzählt hat, nein, sie ist nicht verrückt sondern eine Schwester eine kapadit na babae.

Sie ist glücklich sich um ihre Kinder kümmern zu können, sie kümmert sich um die Kranken und gibt inzwischen Unterricht in Englisch und Deutsch.

Herr Norbert Engel, der Gründer von Mabuhay, hat das Waisenhaus besucht und ihr versichert, dass er nicht wusste, dass sie entführt wurde und dass er mit ihr gerne zu einer Polizeiwache oder zur deutschen Botschaft gehe, aber dazu ist sie zu beschäftigt.

„Ach, das hat Zeit, das kann ich ja immer noch machen.“ Versicherte Nina Herrn Engel kurz vor seinem Rückflug nach Bamberg.

Sie bekommt einen Anruf: „Willst du immer noch Selbstmord machen?“ Fragt sie ihr Vater, sie legt auf, sie hat Wichtigeres zu tun als sich mit Entführern zu unterhalten.      

    

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9 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Das ehrt mich ja ungemein und ich danke dir vielmals! Dein Text gefällt mir und spricht mir schon an vielen Stellen aus dem Herzen.
    Die Plackerei im Kohlenkeller, ja der muss man sich wohl stellen. Entweder fressen was kommt, um dann auf besseres zu hoffen, nein hoffen zu dürfen!  Ein hoffnungsvoller Text voller schöner Metaphern, ich mag ihn sehr und freue mich, dass er so ein gutes Ende nimmt. Woher kennst du Nina Sulta eigentlich so gut, ist sie so durchschaubar, mei o mei ;-) Jedenfalls scheinst du sehr sehr aufmerksam zu sein. Ein Mensch, der mich im neuen Jahr direkt überrascht, kommt nicht so oft vor!

    02.01.2013, 10:45 von Sultanine
    • 1

      Nina Sulta, ach wenn die nur wüste, was die für ein tolles Mädel ist.

      02.01.2013, 20:02 von SteveStitches
    • 1



      ein Neubeginn 2





      nach dem erfolgreichen
      Selbstmord, diesmal kein vereitelter



       



      Nina Sulta betrachtet die
      Tabletten in ihrer linken Handfläche, jede Menge Schmerz- und Schlaftabletten,
      das müsste reichen. Es ist mühsam alle runterzuschlucken, aber sie spült immer
      wieder mit Wein nach, bis alle unten sind. Sie hofft, dass die Tabletten in
      Verbindung mit Alkohol schneller wirken. Sie legt sich hin, Morgen werden sie
      sie finden, dann wird es allen leidtun – Papa weil er sich nie um seine Tochter
      gekümmert hat, Mutter die immer nur rumnörgelte, ihrem Bruder der sie immer nur
      nervte und nie ein helfender, liebevoller Bruder war. Leon wird an ihrem Grab
      stehen und sich die Augen ausheulen und wird sich die Schuld dafür geben, dass
      er sie nur benützt hat, benützt für Sex, benützt um sein aufgeblasenes Ego noch
      weiter aufzublasen. Jetzt denkt sie an Oma und Opa, sie will nicht an Oma und
      Opa denken, weil das die ganze Sache schwerer macht. Oma und Opa haben sie
      immer geliebt, egal ob ihre Noten schlecht waren oder ob sie mit buntbemaltem
      Gesicht rumgelaufen ist oder mit zerrissenen Klamotten. „Unser Papagei“ oder
      „geliebte Vogelscheuche“ das waren die liebgemeinten Kommentare ihrer
      Großeltern. „Mir würde das Herz zerbrechen, wenn dir etwas zustoßen würde.“ Das
      hat Oma auch mal zu ihr gesagt, Mutter würde so was nie sagen und Papa würde so
      was nicht einmal registrieren, ihr Bruder würde höchstens Fragen ob er ihr
      Zimmer haben könnte, ach leckt mich doch alle. „Mir würde das Herz zerbrechen,
      wenn dir etwas zustoßen würde.“ Sie hört die Worte ihrer Großmutter, aber sie
      klingen von weit her, als würde Oma Gabriele am Rand eines Grabens stehen und
      sie weit unten am Grunde des Grabens oder des Grabes. Das Bild ihrer Oma ist so
      weit entfernt, aber sie kann ihre Verzweiflung spüren, sie will hinaufrufen:
      „Es tut mir leid.“ Aber das Rufen ist nur noch ein Flüstern, alles ist so
      neblig, so schwer, so dunkel …




      Sie schwebt in einem
      Tunnel, ein Tunnel aus Licht und Wärme, sie ist geblendet durch das Helle um
      sie herum, sie fühlt diesen Tunnel sie kann ihn nicht richtig erfassen, sie
      weiß nicht ob sie von der Wärme nach oben oder zur Seite getragen wird? Am Ende
      des Tunnels steht eine Gestalt, ein Alien?

      Eine Lichtgestalt, von der Form, von
      der Bewegung wie ein Mensch aber aus Licht, wie das Gegenteil eines
      menschlichen Schattens.

      „Hallo Nina“ Sie möchte der Erscheinung antworten, kann
      aber nicht, „Nina, ich möchte dir etwas zeigen.“ Die Gestalt streckt, wie eine
      Mutter ihrer Tochter, ihre Hand hin und Nina ergreift sie. Alles wird weiß.



      Nina steht an einem Grab,
      sie wird vor Verzweiflung geschüttelt, Menschen stützen sie. Sie hört den
      Pfarrer, Wortfetzten, wie er von Sinnlosigkeit,
      junger Mensch, Nina Sulta
      berichtet.

      Sie schaut zu wie der hellbraune Sarg,
      mit Blumen und Kränzen überfüllt, hinabgelassen wird. Wie ein Krampf überkommt
      sie der Schmerz um ihre Tochter, ihre Knie knicken ein, aber sie wird gestützt
      und richtet sich wieder auf.

      Verzweifelte Gedanken prasseln auf sie ein „Ich
      hab doch alles für sie getan?“, „Ich war doch immer da für sie?“, „Warum tut
      sie mir das an?“

      Wie ein Blitz wird alles weiß, sie steht fast an derselben
      Stelle nur etwas links davon, neben sich ihre schluchzende Mutter.

      Wieder hört
      sie die Worte des Pfarrers, aber in ihr ist eine männliche Stimme, die Stimme
      ihres Bruders. In seiner Stimme ist nicht nur Trauer, darin liegt auch Wut:

      „Warum tut sie uns das an?“, „Ich muss die Scheiße zuhause doch auch aushalten.
      In zwei Jahren hätte sie studiert und wäre endlich von zuhause weg gewesen, in
      irgendeiner Stadt wo die Alten nicht mehr genervt hätten!“, „Geht’s mir besser?
      Einfach Tabletten fressen und abhauen!“

      Wut und Trauer vermischt sich, sein
      Blick wird verwaschen von Tränen.

      Wieder der Blitz, wieder steht sie an einer
      anderen Stelle, hält den Arm ihrer Mutter mit starkem Griff, spürt die tiefe
      Trauer ihres Vaters, sein Unverständnis, seine nagenden Selbstzweifel

      „Hätte
      ich mir doch mehr Zeit genommen, meine Angestellten haben Zeit, aber woher
      hätte ich mir diese Zeit nehmen sollen?“Er kämpft gegen seine Tränen an

      „Wir
      wollen doch alle zweimal im Jahr in Urlaub fahren, das Haus, wir wollen alle
      gut angezogen sein. Sie wollen doch einen erfolgreichen Vater und keinen der
      ihnen nichts ermöglichen kann?“, „Ich hab alles getan, wie hätte ich es anders
      machen sollen?“

      Er sieht den Sarg hinabgleiten, spürt seine Frau
      zusammenbrechen, hält sie, richtet sie wieder auf. „Die Firma war so in der
      Krise, wir sind so knapp am Abgrund vorbeigeschrammt, vor der völligen Armut.
      Ich musste doch so viel arbeiten, ich musste meine Belegschaft und meine
      Familie retten und jetzt steh ich doch am Abgrund.“

      Diesem starken, großen,
      breiten Mann, laufen Tränen durch sein starres, ernstes Gesicht.

      Wieder das
      grelle Licht, wieder ist sie an einer anderen Stelle des Friedhofs, aber zum
      Glück nicht mehr direkt an ihrem Grab, sie ist weiter hinten, viele Reihen
      dunkelgekleideter Menschen vor sich.

      Vorher hat sie keine Kälte gespürt, jetzt
      fröstelt ihr, der junge Mann denkt sich „Wie lange geht das noch?“

      Sie kennt
      diese Stimme, sie kennt den Kerl „Wie die mich in der Kirche böse angeschaut
      haben, als ob ich was dafür könnte, wenn ihre doofe Tochter austickt und sich
      Tabletten schmeißt.“

      Ihr Freund Leon! „Es gibt schönere Sachen als hier
      rumzustehen.“

      Er tritt von einem Bein aufs andere, wo glotzt der Arsch denn
      hin? Er glotzt einer ihrer weinenden Mitschülerinnen auf den Hintern!

      „Die Mia,
      ob die auch so leicht zu knacken ist? Nicht heute und nicht hier, aber
      demnächst werd ich die mal anquatschen – ohne Mut kein Mädchen!“

      Das muss sie
      der Mia erzählen, aber das kann sie ja nicht, sie ist tot.

      „Mit ein bisschen
      Alkohol und ner Pille, bricht jede Zicke ihr Wille!“ Mensch, was für Sprüche
      hat der Depp drauf?

      Wegen so einem hab ich mich umgebracht? Sie ist zurück im
      Warmen, zurück in diesem Tunnel, zurück bei der Lichtgestalt.

      „Die denken ja
      alle nur an sich!“, „Nein, deine Eltern und dein Bruder sind voller Trauer.“
      Wiederspricht ihr das leuchtende Wesen.

      „Ja aber die heulen doch nicht weil ich
      gestorben bin, sondern weil sie sich von mir dadurch ungerecht behandelt
      fühlen!“

      Wieder muss der Engel wiedersprechen „Wenn du nicht gestorben wärst,
      würden sie überhaupt nicht trauern, dann wär doch alles beim Alten!“

      „Aber so
      wollte ich es doch nicht!“ „Wie wolltest du es denn?“

      „Anders, vor allem Leon
      sollte sich wegen mir die Augen ausheulen! Mein Bruder ist nicht nur traurig,
      der ist auch wütend auf mich. Mein Papa macht sich sinnlose Vorwürfe und meine
      Mutter belügt sich wie bisher.“

      Der Engel erstaunt „Und das wolltest du durch
      deinen Tod ändern?“

      „Ja! Denen sollten alle die Augen aufgehen und erkennen was
      bisher falsch gelaufen ist!“

      Der Engel erwidert „Aber dein Papa erkennt das
      doch!“

      Nina versucht sich vor dem Engel zu rechtfertigen „Aber er kann doch da
      auch nichts für, dass es in seiner Firma so Scheiße lief, das wusste ich doch
      nicht.“

      Nina wütend „Der hat uns doch alle belogen und immer gesagt dass in der
      Firma alles Prima läuft.“

      Der Engel erstaunt „Hat er das gesagt?“ Nina überlegt
      kurz „Nein direkt gesagt nicht, aber er hat sich nichts anmerken lassen, dass
      es in seiner Firma kriselt.“

      Der Engel zuckt nur mit den, durchs Leuchten, undeutlichen
      Schultern. „

      Bitte, ich möchte zurück und das alles in Ordnung bringen und dem
      Leon, diesem Arsch, mal ordentlich meine Meinung sagen!“

      Der Engel erklärt ihr,
      was sie eigentlich gerade erfahren hat:„Aber dem ist doch deine Meinung völlig
      egal.“ Nina protestiert „Aber sich wegen dem umbringen ist doch völlig
      idiotisch!“

      Nina fällt gerade etwas auf „Wo sind denn Oma und Opa?“

      Der Engel
      berichtet „Dein Tod hat deinen Großvater so schwer getroffen, dass er zu Bett
      liegt, deine Oma kümmert sich um ihn.“

      Nina erschrocken „Aber er wird wieder
      gesund?“ Der Engel sachlich „Nein, er wird sterben.“

      Nina entsetzt „Bitte, mach
      das alles wieder gut ist, das ich zuhause bin, Bitte!“

      „Tut mir leid, zu spät,
      der Tod ist kein Wunschkonzert.“

      Nina zum Engel „Aber was wird dann jetzt?“ Der
      Engel zuckt nochmal mit den Schultern, bzw. das was die Schultern sein müssten
      „In den Himmel kannst du nicht, wegen Selbstmord. Musst du zurück auf Start.“

      Nina verunsichert „Was auf Start? Wieder alles von Geburt an neu?“

      Der Engel
      erklärt wie eine Klassenlehrerin „Nein, nicht neu – alles, dein komplettes
      Leben wieder genauso von vorne – wie so eine Endlosschleife.“

      Nina hackt nach
      „Bis zu meinem Selbstmord?“ Der Engel nickt.

      Nina verzweifelt „Das ist ja die
      Hölle!“ Der Engel bestätigt nüchtern „Ja“ 
          



       



      03.01.2013, 23:16 von SteveStitches
    • 1

      noch einen text, mensch was habe ich da denn nur angestoßen? danke dir für so viel arbeit!  Er ist nicht so hoffnungsvoll wie der andere, er zeigt dennoch deutlich wie sinnlos der selbstmord von nina sulta war und dass es nichts besser machen kann, im gegenteil! Den Twist am Ende finde ich echt cool: Das Leben in Endlosschleife und das ist die Hölle, echt originell!

      03.01.2013, 23:34 von Sultanine
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich habe da wohl was nicht mitbekommen und daher den zusammenhang bezüglich sultanine nicht richtig verstanden. Aber der text ist wirklich gut, auch wenn er seeeeeehr lang ist.  

    01.01.2013, 21:45 von jetsam
    • 0

      Das ist die Rofassung, in meiner Panik hab ich das Floss zusammengezimmert und raus ins Wasser, Kurs Nina. Den Herrn Engel gibt es wirklich und er kann immer helfende Hände gebrauchen (laut Interview).

      02.01.2013, 20:06 von SteveStitches
    • 1

      als ich diesen text las, da plätscherte das traumschiff auf der scheibe flimmernd, während neben mir die chipstüte fürchterliche geräusche verbreitete. ich hätte deinen text nicht so achtlos verspeisen und lieber den raum wechseln sollen.

      ob rohfassung oder nicht, in diesem text stecken sehr viele gedanken, die genau da ankommen, wo sie sollen.

      03.01.2013, 12:14 von jetsam
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