Ein Leben das zu Ende ging
um ein neues zu beginnen.
Fünf Jahre, drei Monate, zwölf Tage.
Diese Zahlen schwirren Frank schon seit Tagen im Kopf rum. Sie sind morgens um elf schon mehrfach bedeutend für ihn. Sie könnten gerade auch fünf Kg verloren, drei mal gekotzt, zwölf Kippen geraucht bedeuten. Tun sie aber nicht. Fünf, drei, zwölf. Das sind die Kennzahlen für die Beziehung die gerade in die Brüche ging und das mit gerade einundzwanzig.
Kein Wunder, dass Frank in ein tiefes Loch gefallen ist. Kennzahlen sind auch zwei, dreißig, null, zehn. Diese bedeuten aber etwas anderes. In etwa: Zwei Stunden schlaf pro Nacht, dreißig Kippen am Tag, null Nahrung und zehn Bier. "Ganz schön weit unten" denkt sich Frank. Und das ist er auch. Immerhin hat er seine Arbeit. Hier kann er sich vergraben und hat eine gute Ausrede nicht heim zu fahren. Da wo ihn alles an Manu erinnert. Manu so hieß seine Freundin, heißt sie heute noch, ist aber eben nicht mehr seine Freundin.
Seit der Trennung vor einem Monat schläft Frank nicht mehr, er trinkt jeden Abend und noch mehr. Häufiger hat er nun schon auf dem Geländer seines, zur ein-Zimmer-Wohnung gehörenden, Balkons gestanden. Letztlich doch immer zu feige sich fallen zu lassen. Nach wie vor hat sich Frank nicht daran gewöhnt heim zu kommen und sie nicht zu sehen. Nicht für sie zu kochen, nicht für sie da zu sein. Ihre Ideale haben sich geändert. Ihre Ziele. Ihre Wünsche. In über fünf Jahren haben sie sich nach einer Phase des Zusammenwachsens irgendwann wieder auseinander gelebt. Doch wann fing das an? Nachdem sie ihn betrogen hat? Nachdem sie mit der Ausbildung fertig war? Nachdem er anfing zwölf Stunden am Tag zu arbeiten? Was hatte er denn für eine Wahl? Er musste die Wohnung bezahlen, die Einkäufe, das Telefon. Alles von seinem Auszubildenengehalt. Nun arbeitet er richtig. Nun hätte alles wieder besser werden können. Stattdessen ist nun alles aus. Und genau so fühlt sich Frank auch.
Er kann sich einfach nicht vorstellen wieder in geordnetetn Bahnen zu leben, wieder zu lieben, ja wieder richtig zu leben. Er hat nicht den Willen dazu. Er arbeitet nun doch wieder zwölf Stunden am Tag und wenn er heim kommt arbeitet er weiter. Das ist es woran er sich festhält. Das Zimmer immer halbdunkel, immer ein seichter Nikotindunst im Raum und nur das fahle Leuchten der Computerbildschirme. Ein Dämmerzustand. Im Hintergrund immer die selbe Musik. Musikalisch melancholisch ernährt durch Shivaree und Tori Amos. Jeden Abend die selben Tränen.
Tagsüber versucht er sich nichts anmerken zu lassen. Da ist er auf der Arbeit. Dort gehören diese Gefühle nicht hin. Dort verteilt er plumpe Sprüche, sein Wissen, wenig Charme aber viel Leistung. Die Arbeit ist sein soziales Netz ohne doppelten Boden. Freundschaften gibt es hier kaum welche.
So ziehen zwei weitere Monate ins Land. Langsam isst Frank wieder. Die Haare sind länger geworden. Dafür aber auch wieder gestylter. Gut geht es ihm noch lange nicht. Nach wie vor raucht er zu viel. Nach wie vor arbeitet er sehr lange. Nach wie vor fließen ihm jeden Abend die Tränen und geschlafen wird immernoch nicht. Aber es geht bergauf. Frank hat sich vorgenommen, dass er wenn er die Kraft nicht hat, das Leben zu beenden, er doch zumindest die Kraft haben sollte es wieder zu ändern. Diese Entscheidung gefällt ihm von Tag zu Tag auch besser. Von Tag zu Tag schöpft er mehr Kraft. Nun weiß er, was gestärkt aus einer Krise hervorgehen bedeutet. Seine Einstellung hat sich geändert. Er geht wieder in die Natur, findet dort seinen Ruhepol für einen sonst rastlosen Geist. Obwohl es kalt ist legt er sich mitten in den Wald und atmet ganz tief ein. Tankt so die Energie die er braucht. Frank hat einen Weg für sich gefunden wieder auf die Beine zu kommen, ganz langsam und Schritt für Schritt.
Eines Tages, Frank kommt gerade im Büro an und hat sich gleich einen Kaffee mitgebracht, begibt es sich, dass sein Schreibtisch bereits belegt ist. "Scheiß Mobildesk-Policy" denkt sich Frank noch und spricht die Person an seinem Schreibtisch an. Claudia vergeht sich da an seinem Schreibtisch und benutzt sogar sein geliebtes Mousepad (wohl gemerkt ein ganz besonderes). Sie stellt sich ihm vor. Sie würde ein Praktikum in der Abteilung machen. "Immer diese Studenten". Doch sie hat so ein freundliches Gesicht und so ein lächeln, dass Frank ihr nicht böse sein kann. Er bittet sie nur, sich am nächsten Tag einen anderen Platz zu suchen und begibt sich selbst auf die Suche, nach einen Platz für heute.
Frank und Claudia kommen immer häufiger ins Gespräch. Nicht das Frank wirklich mehr für sie empfinden würde. Er mag sie, als eine Freundin. Sie ist aufgeschlossen, offen und nett. Für mehr hätte Frank sowieso keinen Kopf. Aber wie das so ist, kommt Frank dennoch irgendwann an einen Punkt, an dem er mehr für sie empfindet. Just einen Tag später erfährt er, wie der Zufall das so will, dass sich ihr Freund von Claudia getrennt hat. Frank denkt nicht lange nach. Er ist jetzt für Claudia da, ganz uneigennützig. Er kennt dieses Gefühl. Viel zu frisch sind noch seine Wunden. Er versucht sie aufzubauen, ab zu lenken, kocht für sie, bringt sie sogar zu seinem Ruhepol. Inzwischen ist es Sommer, alles blüht und ist noch schöner. Langsam verblassen die romantischen Gefühle für Claudia wieder in Frank. An deren Stelle treten platonische oder gar brüderliche Zuneigung. Das ist gut so, denn bereit wären sie beide nicht für etwas Neues. Doch so kommt es, dass Frank sich noch schneller erholt. Die Tragödie von Claudia und das ihr beistehen lenken ihn von seinen Schmerzen ab. Und Claudia fällt erst gar nicht so tief, wie Frank es tat. Die beide Leben von einander und so beginnt für Frank ein neues Leben.




Kommentare
mmhhh... kommt mir bekannt vor.
08.09.2009, 21:22 von flitzenderchinese