Fieseise 30.11.-0001, 00:00 Uhr 34 23

Eigentlich schon

Aber nicht um jeden Preis.

„Und, wann ist es bei euch so weit?“

Ich könnte mich dumm stellen und fragen, was „es“ bedeutet. Aber ihr Blick liegt auf den Kindern, die ein Stück weiter quietschend auf der Rutsche toben und ihre Hand auf dem sich rundenden Bauch. Offenbar erlauben mein Alter und die Dauer meiner Beziehung diese Frage, machen die Indiskretion dieses, wenn überhaupt, eher dem nahen Umfeld vorbehaltenen Vortastens in meine Privatsphäre, zunichte.


„Nie.“

Es folgt ein vielfach interpretierbarer Blick und die Frage nach dem Warum. Die gleiche Frage von meiner Seite würde wohl Empörung hervor rufen. Schade, dass sie in diese Richtung immer noch Norm ist. Ärgerlich, dass es immer noch Erklärungen, wenn nicht Rechtfertigungen bedarf, wenn ein simples „Weil ich nicht will.“ doch eigentlich Antwort genug ist. Lange Zeit habe ich in diesen Gesprächen die Argumente der gewollt Kinderlosen verwendet. Sie sind für mich ebenso logisch und nachvollziehbar, wie die derjenigen, die Kinder in die Welt setzen. Dass sie trotzdem häufig zu Diskussionen oder Streit führen, sogar in der Lage sind, eine Gesellschaft zu spalten, liegt nicht selten daran, dass Lebensmodelle, die vom eigenen abweichen, oft als Kritik oder Angriff auf selbiges gewertet werden. In diesem Falle auch gerne beiderseits.

Mittlerweile greife ich nicht mehr auf diese Argumente zurück, denn sie sind zwar Bestandteil meiner Leben - und - Leben - lassen – Welt, für mich persönlich aber nur geliehen. Tatsächlich möchte ich gerne Kinder haben. In meinem Kopf gibt es ganze Photoalben von mir in Eltern - Kind-Situationen. Neben anderen Wunschvorstellungen. Ich, positioniert auf Bestsellerlisten oder unter Norman Reedus, „Zeug' ma!“, beispielsweise. Für all das gilt aber:


„Ist nicht drin.“

Jetzt wird ihr Blick weich. Wieder die Frage nach dem warum, diesmal ohne Angriffsbereitschaft in der Stimme. PCOS. Auf einem Ultraschallbild sieht mein Unterleib aus wie das Miniaturmodell eines Sonnensystems. Als ich zwanzig war, erklärte mir meine Frauenärztin, was das alles zu bedeuten habe und nannte mir im nächsten Moment freudestrahlend Mittel und Wege, wie ich trotzdem schwanger werden könne. Ich bedankte mich artig, ging nach Hause und suchte im Telefonbuch nach einem neuen Arzt. Enttäuscht und zornig, nicht über die Diagnose, sondern viel mehr über die Tatsache, dass die Ärztin automatisch davon ausging, dass diese für mich den Zusammenbruch einer Welt bedeuten würde.


Ich schweige, sie redet. Von Bekannten, die das gleiche Problem hatten und bei denen es dann doch klappte. Von den medizinischen Möglichkeiten. Sie möchte nur helfen und optimistisch stimmen, das ist in Ordnung. Tatsächlich habe ich mich nicht über sämtliche Möglichkeiten informiert. Ich bin kein Anhänger jener Philosophie, die besagt, dass sich die Natur schon irgendetwas dabei gedacht hat. Es gibt den medizinischen Fortschritt und ihn nicht zu nutzen, wenn man darauf angewiesen ist, wäre dumm. Tatsächlich kenne ich Paare, die lässig genug sind, sich von Hormonspritzen und Sex nach Terminplan nicht in ihrer Lust stören lassen. Ich kenne aber auch andere, die an ihrer verbissenen Verzweiflung zerbrochen sind. Oder jene, die lange und zermürbend auf eine Schwangerschaft hingearbeitet haben und nachdem sie erfolgreich waren erkannten, dass es nicht das war, was sie wollten. Das wünsche ich mir weder für mich, noch für meinen Mann. Hochzeit. Kind. Trennung. Die ersten beiden Ideen sind hübsch und die letzte häufig unausweichlich, aber der Gedanke, dass eine Beziehung nicht einfach um ihrer selbst Willen funktionieren kann, sondern auf irgendetwas hin laufen muss, widerstrebt mir.


Sie fragt, wie mein Freund das sieht. Wieder ärgerlich. Falls wir diese Meinung nicht teilten, wäre er nicht mehr bei mir. Ein Kinderwunsch und dessen Realisierbarkeit gehört nicht zu den Themen, bei denen Kompromisse möglich sind. Ich erinnere mich auch an das Gespräch mit meinen Eltern, die erstaunt erklärten, dass sie niemals einen bestimmten Lebensweg für mich vorgesehen hatten und deswegen auch nicht enttäuscht sein könnten.


Mein Umfeld wächst. Räumlich, aber auch, was die Einstellung angeht. Ein Arzt, der versteht, dass es mich mehr nervt, mein Kinn gelegentlich mit der Pinzette bearbeiten zu müssen, als unfruchtbar zu sein. Freunde und Familie, die nicht über Entscheidungen, die andere für ihr Leben treffen, urteilen. Ich empfinde keine Befremdung gegenüber Schwangeren, freue mich mit ihnen über Ultraschallbilder, lausche Berichten und bin fasziniert von Babybäuchen und der Tatsache, dass deren Bewohner begeistert zurück boxen, wenn man sie anstupst. Kinder mögen mich, ich bin nicht aufdringlich, fordere keine Nähe, sodass sie häufig von sich aus zu mir kommen. Diese Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Ich arbeite mit Kindern und Jugendlichen und habe Spaß dabei. Ich helfe meinem Freund bei der Zusammenstellung eines Geschenkpakets für sein Patenkind in Dänemark. Es ist schön zu sehen, wie gut er mit Kindern umgehen kann, beneide ihn um seine Geduld, mit der er Dinge erklärt. Ohne Wehmut. Seit zwei Jahren bin ich selbst Patin und lasse mir von J. einiges beibringen. Unbefangenheit, beispielsweise. Ich verliere die Paranoia, vermeintliche mitleidige Blicke der Eltern im Rücken zu spüren oder die Idee, dass meine Gereiztheit gegenüber nervigem Verhalten Neid entspringt.


„Vielleicht bereust du deine Einstellung eines Tages."

"Möglich. Aber getroffene Entscheidungen bereuen ist nicht so mein Ding."

Ich verabschiede mich von der Bekannten in der vagen Hoffnung, dass sie die Möglichkeit der friedlichen Koexistenz verschiedener Lebensmodelle zumindest begriffen hat und künftig auf Wertung und vor allem auf Mitleid verzichtet.


Denn Mitleid möchte ich nicht, nur Verständnis dafür, dass ich nicht leide.

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34 Antworten

Kommentare

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    Eigentlich schon
    aber nicht um jeden Preis.

    !

    25.11.2012, 14:07 von Blackend
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  • 0

    Denn Mitleid möchte ich nicht, nur
    Verständnis dafür, dass ich nicht leide.

    Kriegste! Und ein Herz dazu, für die Einstellung in Dir + hier.

    21.11.2012, 20:39 von Mrs.McH
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      Genau den Eindruck habe ich auch....

      21.11.2012, 17:30 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Ich unterstelle der Fragerin auch keine böse Absicht, aber wenn sie, wie du sagst, aus ihrer Sicht fragt, dann ist die sehr kurz.

      21.11.2012, 20:41 von Fieseise
  • 0

    Guter Text. Jeder knetet sein Leben bitteschön so wie er möchte. Wenn ich jemandem erzähle, dass ich sehr gerne mal Kinder haben möchte, werde ich auch nicht schief beäugt.

    21.11.2012, 15:52 von petuniaaa
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    • 0

      weil sonst diese ganze horrorfilme mit hinterwäldlern und aliengekramse hinfällig wären?

      21.11.2012, 21:58 von MaasJan
    • 0

      Weil eine Gesellschaft gemeinsame Nenner braucht. Du würdest eine Lebensform, die ihr Glück daraus bezieht, anderen Lebensformen die Aterien bei lebendigem Leibe mit einer Pinzette raus zu ziehen vermutlich auch nicht akzeptieren wollen.

      Eine Gesellschaft sichert ihr Überleben durch möglichst hochprozentige Erhgaltungsrate der vorhandenen Individuen und durch möglichst hochprozentige Erzeugungsrate neuer Individuen. Alos Sterberate senken, Geburtsrate erhöhen. Daraus ergeben sich all die anderen Dinge: die Individuen müssen zufrieden sein, sonst kauen sie sich die Ohren ab. Wir nennen das 'Glück'. Die Forschung muss das unterstützen sowie die Sterberate senken und die Geburtsrate erhöhen. Kriege sind nur dann notwendig, wenn die eigene Existenz kurz- oder langfristig auf dem Spiel steht, ansonsten stellen sie für jede Gesellschaft eine Bedrohung dar. Und insofern ist es schon begreiflicherweise eine natürliche gesellschaftliche Pflicht, Nachwuchs zu erzeugen, wenn man nicht anderweitig (außerordentlichen) Beitrag leistet.

      Insofern ist es verständlich, dass gesellschaftlicher Druck aufgebaut wird, wenn jeman dieser impliziten Pflicht nicht nachkommen will. Interessant ist allerdings, wie das funktioniert, ich denke nicht, dass sich diese Hausmuddis der oben beschriebenen Zusammenhänge immer und jederzeit bewußt sind.

      Allerdings besteht mMn keine Verpflichtung, a) gesellschaftlich zu denken und dann auch b) gesellschaftlich zu handeln. Aaaber, wenn man dem nicht entspricht, muss man auch verstehen, warum die Gesellschaft Druck aufbaut. Und den dann aushalten müssen.

      Menschsein ist halt nun mal kein Ponyhof, sondern Rudelbumsen. Und da sind zwar Individualität total hippe Schlagworte, aber wer glaubt, dass es dabei um Individualität ginge, der hat was nich ganz verstanden.

      Es geht immer noch darum, dass die DNA-Information eine bestimmte Zeitspanne überdauert. Warum, wissen wir nicht.

      Drum, Mädels, helft dem unbekannten Informanten, schmeißt die Pille weg und lasst euch wund vögeln!

      Hallelujah!

      22.11.2012, 09:06 von quatzat
    • 1

      (manchmal erinnere ich mich implizit selbst daran, dass ich meine Pillen nicht hätte wegwerfen sollen)

      22.11.2012, 09:07 von quatzat
    • 0

      Da sagst du es:


      Interessant ist allerdings, wie das funktioniert, ich denke nicht, dass
      sich diese Hausmuddis der oben beschriebenen Zusammenhänge immer und
      jederzeit bewußt sind.
      Ich denke, dieser Druck von außen hat etwas damit zu tun, dass man sich entscheiden muß. Und wenn man sich für Kinder entschieden hat, dann kann man es schlecht aushalten, wenn andere das nicht tun, weil die ja dann ein Leben leben, welches man selbst in dieser Form nie wieder haben wird. Wenn alle Leute Kinder hätten, dann gäbe es diese Unzufriedenheit nicht, weil der Mensch ja keine andere Lebensform kennen würde. (jetzt so hypothetisch betrachtet)

      22.11.2012, 10:41 von Tanea
    • 0

      Es gibt doch noch Hunde und Katzen!

      22.11.2012, 10:42 von quatzat
    • 0

      Stimmt, die brauchen auch alle ein zu Hause!
      Leute, statt euch Kinder anzuschaffen geht doch einfach mal ins Tierheim...

      22.11.2012, 10:44 von Tanea
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  • 1

    Kenn ich. Große, vorwurfsvoll bis mehr oder weniger milde entsetzte Blicke beim "Kommt mir nicht in die Tüte" Antwort auf die Kinderfrage.

    Wenn ich erkläre, dass ich selbst gerne bis in alle Ewigkeit Kind bleiben will (soweit mir das nach Feierabend möglich ist), zum daddeln, lesen, experimentieren mit Lebensmittel (kochen kann man das wirklich noch nicht nennen), bei meinem aaaltem Alter von immerhin schon 31 (waaas? du hast noch nicht geworfen, noch nicht mal geangelt?!?).

    Dafür wird der Junggeselle bestraft mit mehr Steuern bezahlen, mehr Bank beknien für ein Eigenheim, mehr schuften für weniger (Urlaub zu zweit bezahlt sich auch leichter, nech...) etc. Kein Scheiss.

    Aber dat passt mir grad alles sehr gut so in den Kram. Und da braucht sich nun wirklich net viel zu ändern dran. Leben und Leben lassen, jawohl. Machst du schon fein so.

    21.11.2012, 15:51 von LeyluraLegbreaker
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  • 1

    Ein weiterer Aspekt, den ich immer zu hören bekomme, ist: Nur wer Kinder hat, kann später beruhigt alt werden. Kinder als Investition für eine Zeit, in der man vielleicht auf Hilfe und Zuwendung von außerhalb angewiesen sein wird. Wer keine Kinder bekommt, denkt nicht vorausschauend, beteiligt sich nicht an der allgemeinen (örks) Pflicht, späteres Pflegepersonal und Steuerzahler zu schaffen und ist total egoistisch. Und wer so egoistisch ist, hat kein (!!) Recht, auch nur irgendwas zu fremden Kindern, Erziehungsmethoden, etc. kotz kotz zu sagen.  Kinderlose sollten dann wohl bitte schon frühzeitig das Zeitliche segnen. Bekomm ich immer Pickel von solchen Aussagen.


    Guter Text und auch wenn es einer dieser abgedroschenen Kommentare ist: Ich kann das sehr gut nachempfinden.

    21.11.2012, 15:02 von Bender018
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  • 0

    Schon korrekt deine Einstellung, die ich zu großen Teilen teile, aber ich frag mich grad, ob ich das als Text brauche? Eher nein, also persönlich, da würde ich lieber eine Geschichte von dir lesen :D Hoffentlich finden das hier nicht nur wieder die gut, die ihre Lebenseinstellung ohnehin dauernd selbstkritisch hinterfragen.

    21.11.2012, 14:47 von EliasRafael
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    • 1

      Naja, Fiesis Geschichte sind ja schon ein anderes Kaliber... aber ich weiß was du meinst, das wär mal ein gutes Neon täglich,

      21.11.2012, 16:01 von EliasRafael
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    • 0

      Fiesi kann aber nicht jeden Tag metzelnd im Mais rumrobben, wenn ihr so viele andere Sachen durch den Kopf gehen.

      21.11.2012, 20:43 von Fieseise
    • 0

      Neon ist für alle(s) da...

      21.11.2012, 20:52 von EliasRafael
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    Tausend Gedanken, keine Worte.

    21.11.2012, 14:07 von Tanea
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  • Durchs Wochenende mit Oliver

    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Digitalchef Oliver Kucharski.

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