Ein.Enthusiast 15.08.2017, 20:13 Uhr 7 2

Dummdoofes Motivationsgequatsche am Arsch.

Eine Fußmatte, ein Wandtattoo, eine Postkarte - kein Tag vergeht ohne dass mir irgendein Gebrauchsgegenstand Lebensweisheiten mitteilt.

Ich hasse ja dummdoofes Motivationsgequatsche. 

Ich kann mit diesen stupiden Weisheiten nichts anfangen. 
„Lebe deinen Traum“ - „Lebe groß, träume noch größer.“ - „Lebe jeden Tag, als wäre es dein Letzter.“ - „Nicht aufgeben, sondern alles geben.“ - „Du musst nur an Dich glauben."

Sorry, aber mir helfen diese Sprüche im Alltag keinen Meter weiter. Zudem bezweifle ich ernsthaft, dass diese Sprüche überhaupt jemals irgendwem weitergeholfen haben.

„Hey Albert! Wie läuft deine Arbeit an dieser Relativitätstheorie?"
„Gestern war es katastrophal, aber dann hab ich im Internet so ein tolles Bild mit einem wahnsinnig schönen Spruch gelesen und jetzt hab ich’s endlich rausbekommen: E=mc2"

Könnte natürlich so gewesen sein. Könnte. Bezweifle ich aber.

Das Problem solcher Motivationssprüche ist, dass sie immer übertreiben. Sie setzen immer noch eins drauf und simplifizieren damit große Problem, sich selbst zu motivieren.

Zugegeben, Selbstbestimmung, Perfektionierung und Sinnerfüllung sind wichtige Antreiber. Wie man diese Antreiber im Alltag findet und umsetzt verschweigen die netten Bildchen mit den klugen Sprüchen allerdings konsequent.
Doch genau darin liegt das Problem, die Schwierigkeit, der ewige Kampf.

Es reicht eben nicht „Tschaka - Du schaffst es!“ zu rufen und schon erfüllen sich Lebensträume.

Etwas zu wollen ist die eine Seite – es tatsächlich zu tun etwas ganz anderes.

Szenenwechsel:

Fimberpass. 2.608 M.ü.M. 5 Grad Außentemperatur. 28 km/h Windgeschwindigkeit. Mäßiger Regen.

Der Aufstieg von der Heidelberger Hütte ist das härteste, was ich jemals erlebt habe. Es gilt eine Strecke von 2,3 Kilometern zu überwinden, dabei steigt man 300 Höhenmeter hinauf. Teilweise Steigungen von 20%. Die Strecke kostet mich eine gute Stunde Zeit, während der ich mein Mountainbike schieben und tragen muss. Selbst bei bestem Wetter und Sonnenschein wären die Wege hinauf zur Passspitze nicht befahrbar. Bei der derzeitigen Wetterlage hingegen ist sogar das Schieben fast unmöglich. Überall bahnen sich kleine Bäche den Weg hinab ins Tal, wo sonst Trampelpfade den Weg zum Gipfel weisen. Von oben fällt beständig Regen, die Schuhe treten abwechselnd in Sumpf, Matsch oder auf blanken Fels. Selbst die besten Mountainbikeschuhe geben dem ständigen Wasserdruck irgendwann nach und so werden die Socken langsam nass. Hände, Gesicht, Beine, Arme und der gesamte Oberkörper sind es schon. Nur die schiere Anstrengung dieser Tortur sorgt dafür, dass ich vor lauter Schwitzen nicht anfange zu frieren.

Auf der Passspitze angekommen ist für eine ausgiebige Fotosession keine Zeit. Ein einziges lausiges Foto muss reichen. Die Hände zittern stärker, sodass die Aufnahmen vermutlich ohnehin verwackelt wären. Der Wind wird stärker und kühlt mich schneller aus, als ich mich mit Schwitzen warm halten kann. Ich trage mittlerweile alle Klamotten, die ich im Rucksack dabei habe. Doch auch die Hightech-Isolation teurer Spezialbekleidung kapituliert hier und jetzt vor der Beanspruchung. Auf 2.608 Meter Höhe ist dafür ein denkbar schlechter Zeitpunkt.

Ich muss zur nächsten Hütte kommen. Es ist mittlerweile 17 Uhr. Die dicken Regenwolken verdunkeln den Himmel immer mehr und vor mir liegen noch 14 Kilometer und 1300 Tiefenmeter, die ich bergab muss. An manchen Stellen hat der Regen der letzten Tage den Weg völlig überflutet. Wie sich trockene Socken anfühlen kann ich mir kaum noch vorstellen. An der Heidelberger Hütte erfuhr ich, dass an zwei Stellen ein Teil des Hangs abgerutscht sei, fahrbar ist hier gar nichts mehr.

Ich werde sehr vorsichtig und achte immer mehr darauf, wo ich meine Füße hinsetze. Ein technischer Defekt oder gar ein Sturz würde bedeuten zwei Wegstunden zurück zur Heidelberger Hütte oder gar die Bergwacht rufen zu müssen. Eine Straße gibt es nicht. Wenn mir hier was passiert, rettet mich also nur noch „Robin1" - der Rettungshubschrauber der österreichischen Bergrettung. Telefonnummer und Positionssignale für die Bergrettung hab ich im Kopf. Dennoch bin ich bislang guter Dinge, die nächste Hütte zu erreichen bevor es anfängt zu schneien oder mich meine Kräfte verlassen, denn der Regen lässt trotz der dicken Wolken langsam nach. Nur das Zittern wird stärker. Aber wenn hier oben Kühe überleben können und friedlich grasen, als wäre es ein Tag wie jeder andere, sollte ich mich vielleicht einfach nicht so anstellen.

Mir kommt Kahn in den Sinn. Der Fußballer. Der Torwart. Der große, dickliche Typ, den man im Stadion mal mit Bananen beworfen hat. Ich bin menschenseelenallein mitten im nirgendwo und denke an Oli Kahn. Das Gehirn spielt einem manchmal seltsame Streiche.

Im Spiel um die Meisterschaft der Saison 2000/2001. Der FC Bayern schafft in der 94. Minute den Ausgleich und wird in der letzten Sekunde, mit dem letzten Schuss doch noch deutscher Meister. Kahn packt Trainer Hitzfeld kräftig an den Schultern und brüllt ihm seine Botschaft des Lebens ins Gesicht: "Immer weitermachen! Immer weiter! Immer weiter!"

Ich hasse ja dummdoofes Motivationsgequatsche. Ich kann mit diesen stupiden Weisheiten nichts anfangen.

Aber hier im Nirgendwo, spüre ich die simple Wahrheit, die hinter diesen Worten steckt. Manchmal hilft einfach alles Jammern und Schimpfen nichts. Manchmal kann man nicht zurück. Manchmal hilft einfach nur: Weitermachen.
Der Spruch "Aufgeben ist keine Option.“ wird hier erstmals real!
Der Weg zurück über den Bergkamm zur Heidelberger Hütte wird langsam immer länger und damit nahezu unüberwindbar. Einzig ein Rettungshubschrauber kann dich hier abholen.

Da heißt es eben: Immer weitermachen! Immer weiter! Immer weiter!

Nur leider ist es schwer, diese Wahrheit innerhalb seiner Wohlfühlzone zu verinnerlichen und für bare Münze zu nehmen.
Es ist eben leicht daher gesagt, "Aufgeben ist keine Option", wenn das einzig wahre Hindernis des heutigen Tages darin besteht, aus dem Bett aufzustehen und seine Hose richtig herum anzuziehen.
"Immer weitermachen", lässt sich flockig vor sich hinmurmeln, wenn man um 16 Uhr aufgrund spontaner Unlust doch den Stift fallen lassen kann und man kurzerhand ein „dann eben morgen“ hinterhermurmelt.

Auf der Südseite des Fimberpasses hingegen bin ich so weit außerhalb meiner Wohlfühl- und Komfortzone, dass diese Motivationssprüche nicht nur harte Realität werden, sondern zudem die kleinsten Dinge unermesslichen Stellenwert bekommen.
Und so bekommt der Abstieg vom Gipfel langsam schon fast etwas Meditatives. Ich freue mich auf eine warme Dusche, ein schäbiges Herbergenhandtuch, was leicht kratzig ist und eine dicke Bettdecke. Eine heiße Schokolade wäre der größte Wunsch, den ich derzeit formulieren kann und der Gipfel der Glückseligkeit.
Mehr will ich nicht und brauche ich auch überhaupt nicht. Mir wird bewusst, dass dieses Gefühl etwas kostbares ist, das ich in meinen Alltag mitnehmen muss. Hier am Berg muss ich dieses Gefühl festhalten, verinnerlichen und mit nach Hause nehmen. Ach, wie schon wäre es, jetzt einfach an einem Schreibtisch sitzen zu können.

Plötzlich fällt alles ein Stück leichter. Der Weg wird zwar nicht weniger matschig und er wird auch nicht fahrbarer, aber ich mache beständig weiter. Und mit jedem Schritt komme ich meiner Dusche und - wenn die Hütte gut ausgestattet ist - sogar der heißen Schoki immer näher.

Und genau darin liegt die Krux der Motivationsbildchen und der „Leb-dein-Leben-Sprüche.“ Sie verheimlichen, dass sie gar nichts leichter machen. Es bleibt alles genauso hart und schwer wie zuvor, aber mit einer positiven Einstellung lässt sich die Anstrengung besser meistern.

Frust, Traurigkeit und Wut helfen Dir nicht, wenn Du gesund im Tal ankommen willst. Es ist auch nicht hilfreich, sich von seinem Ziel ablenken zu lassen.
Natürlich kommen Rückschläge vor. Es ist nur menschlich, wenn sie uns kurz aufhalten – bloß aus der Bahn werfen dürfen sie uns nicht. Es lohnt sich nicht, jedem negativen Gedanken nachzusteigen und sich im „was-wäre-wenn-Strudel“ zu verlieren.

Und wenn das Durchhaltevermögen, dann tatsächlich nachlässt - was zwangsläufig irgendwann der Fall ist - dann gilt es sich durch selbst gesetzte Anreize weiter anzutreiben. Die warme Dusche, Decke und eine heiße Schokolade.

Wenn Euch das nächste Mal ein Motivationsspruch in Form eines pfiffigen Wandtattoos, einer rotzfrechen Postkarte oder einer Fußmatte über den Weg läuft, dann ignoriert den Spruch bitte getrost und denkt darüber nach, wann ihr das letzte Mal gezwungen ward, Eure Komfortzone wirklich zu verlassen. Und damit meine ich nicht, wann ihr gezwungen ward, Euren Kaffee morgens ohne Milch zu trinken.

Macht was Einzigartiges, etwas besonderes, etwas, das ihr Euch nie trauen würdet. Und wenn ihr dann nicht mehr weiter könnt und wollt - dann müsst ihr weitermachen! Immer weiter! Immer weiter!

Ich erreiche die Hütte in Ramosch. Es ist 21:20 Uhr. Ich werfe mein Bike vor die Hütte und wanke hinein in den Schuh- und Skiraum. Schäle mich sofort aus den nassen Klamotten. Ich zittere am ganzen Körper und bin völlig unterkühlt.
Der holländische Wirt begrüßt mich mit holländischem Akzent

"Usere dapfere Ratfarer! Welkommen! Damit abe ick nich meh gereknet. Ales uberflusike sofot ausziehe. Naturlik reume ich snell die Farad auf."

Ich nicke.

"Dann fileikt eine eiße Schoki?"

Er lächelt. Ich lächle. Hier ist Glück.


Tags: #Alltag, #Leben, #Lebensweisheiten, #Motivation
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7 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich hasse ja dummdoofes Motivationsgequatsche. Ich kann mit diesen stupiden Weisheiten nichts anfangen.


    Ich schon. :)

    Trotzdem gerne gelesen...



    11.09.2017, 00:43 von Fentimans
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  • 2

    Wow! Du bist fast so hart wie ....

    16.08.2017, 09:13 von quatzat
    • 0

      ... Marmelade?

      16.08.2017, 11:43 von sailor
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  • 0

    Wann bist du denn los, wenn du um 1700 Uhr erst auf dem Pass warst...?

    16.08.2017, 06:23 von sailor
    • 0

      Definitiv zu spät. Ich hatte hinter Landeck übernachtet und musste erstmal nach Ischgl kommen. Klassischer Fall von: Vertan! Mit Zeit und Strecke.


      16.08.2017, 07:54 von Ein.Enthusiast
    • 0

      31 Kilometer habe ich gerade spontan komoot entnommen.
      Sportlich sportlich und dann noch Scheißwetter...

      Aber dafür schmeckt der Kakao dann ja um so besser.

      16.08.2017, 08:30 von sailor
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  • 0

    Ich danke für den Tipp, Tipps zu ignorieren... 

    16.08.2017, 06:17 von sailor
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