Du, weil du Bock hattest zu vögeln
Ich war fasziniert über ihre Welt der Bücher. Aber was wußte sie von der Liebe?
Ich entdeckte dich an einer Bushaltestelle. Du saßt,
den Mantel fest um dich geschlungen, in einem der unbequemen Drahtgitterkörbe,
den Schal um das halbe Gesicht gewickelt, dass kaum mehr als deine Augen zu
erkennen waren. Tief versunken huschten deine Pupillen über »Die unerträgliche
Leichtigkeit des Seins« von Milan Kundera. Dein konzentrierter Anblick
faszinierte mich, also sprach ich dich an und wir kamen ins Gespräch.
Du, weil du auf den Bus warten musstest.
Ich, weil ich dich anziehend fand.
Als ich dich wieder traf warst du in »Liebesleben« von Zeruya Shalev vertieft.
Du erkanntest meine Stimme und lächeltest, ohne vom Buch aufzublicken. Ich
fragte, ob wir uns mal treffen könnten, privat, abseits der Bushaltestelle. Du
schautest auf, mustertest mich mit einem prüfenden Blick und sagtest
schließlich: »Warum nicht?«
Du, weil du Bock hattest zu vögeln.
Ich, weil ich dich sympathisch fand.
Wir trafen uns unregelmäßig und vertrieben unsere Langeweile. Kaum hatte ich mir
die Zigarette danach angezündet, blättertest du schon in »Mein Herz so weiß«
von Javier Marias. Viel geredet hast du nie und ich hatte geglaubt, im Bett
würdest du einen Moment nicht an deine Bücher denken. Ich fragte nicht danach,
sondern ob wir mal zusammen ins Kino gehen könnten oder in ein Restaurant. Ohne
aufzusehen und ohne musternden Blick erwidertest du: »Warum nicht?«
Du, weil dir langweilig wieder war.
Ich, weil ich mich in dich verliebt hatte.
So vergingen die Wochen und bald sahen wir uns täglich. Wohin wir auch gingen,
»Salz auf unserer Haut« von Benoite Groult begleitete uns. Du warst inzwischen
ein fester Bestandteil meines Lebens. Aber wir wohnten weit auseinander und
verbrachten zu viele Stunden in der Bahn. Deshalb schlug ich vor, zusammenzuziehen.
Wir hätten mehr Zeit für einander und könnten uns eine Miete sparen. Während
ich alle Vorteile aufzählte unterbrachst du mich: »Warum nicht?«
Du, weil du nichts besseres vorhattest.
Ich, weil ich mich besser fühlte, nicht alleine zu sein.
Du lagst auf der Couch mit »Sie kam und blieb« von Simone de Beauvoir. Du hattest
dich dick in eine Decke eingemümmelt und die Füße auf den kleinen
Wohnzimmertisch gelegt. Ich setzte mich zu dir, schmiegte mich an und flüsterte
dir ins Ohr: »Ich will immer mit dir zusammen bleiben.« Entsetzt sprangst du
auf und ließt das Buch fallen: »Warum?«
Dann blieben wir schweigend nebeneinander sitzen.
Du, weil du nicht wusstest wohin.
Ich, weil ich wusste, dass ich dich liebte.
Auf dem Küchentisch stand ein Glas Rotwein, an dem du während »Anna Karenina«
von Leo N. Tolstoi nipptest. Ich wollte mit dir über Liebe sprechen und obwohl
du sonst nie viel geredet hattest, debattierten wir die ganze Nacht bis in die Morgenstunden.
Endlich begriff ich, dass alles, was du über die
Liebe wusstest, nur angelesen war. Ich packte meine Sachen und ging, während du
am Küchentisch den Rotwein austrankst.
Du, weil das Buch noch nicht zu Ende war.
Ich, ...
Tags: Rotwein, Vögeln, Beauvoir, Bushaltestelle







Kommentare
Ich würde gerne wissen, ob die Geschichte weitergeht.
28.12.2012, 14:27 von Sommerregen03Ganz nett geschrieben, aber nichts neues.
06.10.2012, 01:02 von WasisteloquentUnglaublich echt geschrieben...
03.10.2012, 21:31 von uebermorgenificationSo wie das leben nun mal ist ....
24.09.2012, 11:21 von 4thnightschön.
24.09.2012, 00:27 von sharkai_elaydhammer!!
21.09.2012, 22:42 von vespa86toller text... mehr kann ich dazu gerade nicht sagen. einfach unglaublich rund.
20.09.2012, 11:20 von UrbitektDem kann ich ganz einfach nur zustimmen!
21.09.2012, 15:13 von IniPopiniIst dieser Text nicht schon vor Jahren veröffentlicht worden?
19.09.2012, 23:57 von Steakpalme