Stea 02.12.2014, 21:05 Uhr 0 0

Du und ich - zehn Jahre lang Mutter. Ein Liebesgeständnis.

Tatsache ist, dass ich mich allein in den Klang Deines Herzschlages hoffnungslos verliebt habe - und keinem Menschen lieber begegnet wäre, als Dir.

Die Reaktionen auf uns sind herrlich unterschiedlich.
Manche Blicke verfolgen uns neugierig, andere fast schon ein wenig empört. Manche grinsen amüsiert; die schrullige, alte Apothekerin lächelt mich über die Brille hinweg an und fragt "Habt Ihr auch noch kleinere Geschwister zu Hause?" und auf diversen Elternabenden bin ich noch immer eine Kuriosität, weil die meisten der Anwesenden wohl eher meine eigenen Eltern sein könnten.
Der nette Kerl, mit dem man zum ersten Mal einen Kaffee trinken geht, hebt amüsiert die Augenbrauen, fragt grinsend "Oh, Du hast schon ein Kind? Wie alt ist es denn?" und verkneift sich jeden weiteren Kommentar auf die Antwort "Fast elf."
Auf Formularen bleibt die Spalte "Vater" leer. Man zieht einen dicken Strich hindurch.
Nicht anwesend. Irgendwo vorhanden, aber ohne jegliche Bedeutung; "..da steht ledig, sind Sie ALLEINERZIEHEND?" blafft einem die kritische Personalchefin über den Schreibtisch entgegen.
Alleinerziehend - man erzieht also alleine. So einfach ist das.
Für mich klingt "alleinerziehend" nach einer Kühlschranktür voller Dienstpläne und Zettel und dick markierten Tagen im Kalender. Nach dem Gefühl, sich mit einem 8-Monats-Bauch und dem Ausmaß eines Schlachtschiffs hinter das Steuer eines Fahrschulautos zu zwängen und den Führerschein zu machen. Nach dem Geschmack des Kissens im Krankenhausbett, in das man beisst, um nicht zu heulen, wenn die Bettnachbarin Besuch von Papa bekommt. Nach dem Gefühl, sich auf einer Grundschultoilette umzuziehen, weil man ansonsten die erste Rede der Abschlussfeier versäumen würde und dann genervt festzustellen, die passenden Schuhe zu Hause vergessen zu haben.
Du bist etwa 4 oder 5 Jahre alt, als ich inmitten überschwänglich begeisterter Väter am Fußballplatz stehe und dir laut zuschreie, als Du mit dem Dreck im Gesicht landest. An Deinem ersten Schultag platze ich fast vor Stolz, husche mit einer Frisur, die aussieht, als hätte sie mir ein Blinder hochgesteckt und einem breiten Grinsen vor die Kamera des Fotografen, die Spitze deiner Schultüte piekst mir in die Wange. 
Fröhliches Lächeln. Winken. Sechsjährige, die ihr bestes tun, um ihre Tränen zu verbergen, die ihnen vor Aufregung und Angst in den Augen stehen. 
Mir gelingt es weit weniger gut.

Ich hetze und laufe und fluche und schreie und weine und lache und sehe Deinem kleinen Rücken, der immer aufrechter und stärker wird, überall hin nach.
"Alleinerziehend" bedeutet: Keine Zeit für ein "Was wäre, wenn..?"

Du bist ein paar Tage alt und schläfst auf meinem Bauch. Nirgendwo sonst. Nur dort. Ich kann Dein Gewicht kaum spüren; es ist eher das Gefühl bloßer Anwesenheit.  Wie ein Lächeln, dass an mir haften bleibt. Ein Schmetterling auf dem Handrücken. Oder Sonnenstrahlen.
Deine Haut riecht nach einer fremden Welt.

Heute riecht sich nach dem Hier und Jetzt. 
Deine Hände sind schon jetzt so groß wie meine eigenen.
Und ich kenne keinen Menschen, den ich großartiger und schöner und liebevoller finden würde, als Dich.
Und ich kenne keinen Menschen, dem ich lieber begegnet wäre, als Dir.

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