Du und ich und die Dunkelheit
Wieder einmal habe ich nichts zu sagen, und wenn der Tag kommt, werden wir so tun, als ob wir uns an nichts erinnern könnten.
Dein
Atem geht leise, ich kann sehen, wie sich dein Brustkorb hebt und senkt
und ich kann dich hören. Im Halbdunkel des Zimmers wandern immer wieder
Lichter über die sorgfältig geweißte Decke und ich rede mir ein, dass
das mit den vorbeifahrenden Wagen zusammenhängt. Aber ich bin mir nicht
sicher. Seitlich liegend habe ich den Kopf auf meine Hand gestützt und
starre über deinen Brustkorb in die Mitte des Zimmers, wo ein dunkler
Schatten unbeweglich auf dem Boden sitzt. Für mich sieht es so aus, als
ob da ein Mensch im Schneidersitz betet, vielleicht ist er auch nur in
dieser seltsamen Position eingeschlafen, nachdem er zu lange über Yoga
nachgedacht hat. Es gibt sicher noch viele andere Thesen und
Möglichkeiten, ich lasse sie alle offen und versuche herauszufinden, ob
meine Atmung in derselben Geschwindigkeit wie deine geht. Es muss einen
Rhythmus geben, an den ich mich klammern kann, während ich auf das
dunkle Etwas in der Mitte des Raumes starre.
Ganz plötzlich ist es
still. Ich halte den Atem an. Deine Augen öffnen sich. Schließen sich.
Öffnen sich. Klebriges Erwachen. »Wie spät ist es?«, fragst du mich, ich
sage nichts. »Ich hatte einen seltsamen Traum«, sagst du leise, »es war
jemand in der Wohnung.« Ich nicke und lege zwei Finger auf deinen Mund.
Du blickst an die Decke, dann in meine Richtung. Ich deute mit dem Kopf
in die Richtung des Schattens. Deine Augen wandern wie die Lichter an
der Decke, langsam, in einem leichten Bogen. Sie weiten sich etwas, das
glaube ich zu erkennen. Meine Finger liegen noch auf deinem Mund, deine
Augen treffen wieder mich und ich kann in ihnen die Angst sehen. »Das
ist er«, flüsterst du und ich nicke.
Wir liegen eine Ewigkeit
nebeneinander und sehen abwechselnd uns und den Schatten an, der
unbeweglich in der Mitte des Raumes verharrt. Wir schweigen, aber ich
kann deine und meine Gedanken hören, wie sie sich ineinander verhaken,
weil sie sich allein vor sich selbst fürchten. Ich suche unter der
Bettdecke deine Hand, lasse sie schließlich auf deinem Bauch liegen.
Viel mehr an Bewegung ist nicht möglich, weder du noch ich haben die
Kraft aus dem Bett zu steigen. »Wie war das in deinem Traum?«, flüstere
ich. Du zuckst mit den Schultern und schielst wieder zu dem Schatten
herüber. »Ich kann mich nicht mehr daran erinnern.«
Es könnte immer
alles einfacher sein, besonders nachts. Schlaf wäre hilfreich, denke ich
und kaue auf meiner Unterlippe herum. Wenn es irgendwann draußen hell
wird, dann muss auch der Schatten verschwinden, wir werden aufstehen
können und der Tag wird uns die Schrecken der Nacht vergessen lassen.
Manchmal auch nur, weil der Tag schlimmer als die Nacht ist und kein
Schatten der Dunkelheit das übertreffen kann, was die Realität des
Lichts offenbart.
Du suchst nach meiner Hand auf deinem Bauch, dann
halten wir gemeinsam den Atem an. Und als ob das ein Zeichen wäre, kommt
nun Bewegung in den Schatten, der sich langsam aufrichtet. Verängstigt
und fasziniert starren wir auf die Dunkelheit, die sich langsam erhebt.
Es wirkt so, als ob sie sich reckt und streckt, aber dabei bleibt es
still, als hätte man meine Ohren mit Samt ausgelegt. Der Schatten dreht
sich, in welche Richtung er sieht, ist nicht zu erkennen. Ich hoffe
einfach, dass er nun das Zimmer verlässt. Stattdessen macht er kleine
Schritte auf unser Bett zu. Langsam, so als wolle er uns nicht
aufwecken, so als wäre er auf diese Weise unsichtbar. Er muss doch
sehen, er muss doch wissen, dass wir wach sind und ihn beobachten. Ein
kurzer Blick auf dich und ich weiß, dass du mal wieder ähnlich fühlst.
Wie schon seit Jahren. Aber dieser Schatten ist neu.
»Ich schlafe
nicht.« Es ist eine Mischung aus Frage und Aussage und Angst. Ich
schweige, aber halte deine Hand etwas fester, als der Schatten vor dem
Bett stehen bleibt. Vielleicht bemerkt er uns auch gar nicht, vielleicht
sieht er uns nicht, vielleicht ist seine Wahrnehmung eine andere. Ich
sehe, dass dir Tränen über die Schläfe rollen. Du liegst noch immer auf
dem Rücken, unbeweglich wie immer, ich liege auf der Seite und stütze
noch immer meinen Kopf auf den rechten Arm.
Der Schatten vor uns
kniet sich hin. Es sieht so als, als falte er die Hände und senke den
Kopf. Er bleibt einige Minuten in dieser Position, ehe er sich dann
langsam wieder erhebt und aus dem Zimmer geht. Wir reden kein Wort. Ich
bin unfähig, Gedanken aneinanderzureihen, verfolge den Weg deiner Augen
und die Tränen, die über die Schläfen hinweg irgendwann im Stoff
versinken. Wieder einmal habe ich nichts zu sagen, und wenn der Tag
kommt, werden wir so tun, als ob wir uns an nichts erinnern könnten.
Langsam
drehe ich mich auf den Rücken. Mein Unterarm schmerzt und das tut gut,
weil ich glaube, noch am Leben zu sein. Aber vielleicht bleibt es in
diesem Zimmer immer dunkel. Ich höre wieder deinen Atem, mein Herz pumpt
einen Rhythmus, den ich in meinem Ohr hören kann und an der Decke
tauchen wieder diese Lichter auf, von denen ich glaube, sie stammen von
den vorbeifahrenden Wagen. Aber vielleicht ist das auch alles anders,
als es sich irgendjemand gedacht hat.




Kommentare
Mir hat's beim Lesen fast merklich die Kehle zugeschnürt. Du schaffst es, die Spannung zu halten und den Bogen gekonnt zu spannen. Ich muss ihn glaub ich nochmal lesen, um zu verstehen.
03.02.2012, 16:32 von topfbluemchenEin Dunkelmenschenbrief. Erzählerisch dicht. Spannend und bedenklich sichtbar.
Wow! Top!
02.02.2012, 20:09 von Kokomiko