Melliteratur 19.01.2013, 11:19 Uhr 8 10

Du bist wichtig

Irgendwann bist du so alt, dass du die Enkel im Kinderwagen schiebst, das Haus abbezahlt ist und die künstliche Hüfte knarrt.

Irgendwann bist du alt. Richtig alt. Nicht so alt, dass du endlich in der Oberstufe bist oder an der Uni oder Auto fahren darfst oder Kinder bekommen willst oder in einem Büro hockst. Nein. So alt, dass du ergraut im Garten sitzt und deinen Enkeln Geschichten erzählst und dir dann auf die Frage, was wichtig im Leben ist, hoffentlich eine Antwort einfällt.

Du hast mal in der Nacht so viel geweint, dass deine Eltern dachten, du würdest nie wieder damit aufhören. Du hast mal in der Schule so viele Bilder gemalt, dass du dachtest, du wirst Künstler, wenn du groß bist. Du hast mal in den Sommerferien so viele Bücher gelesen, dass deine Freundin dachte, du wirst nie wieder mit ihr spielen.

Wichtig ist, mit dem Weinen hört man immer wieder auf. Mit dem Bilder malen leider auch, trotzdem kann man Künstler sein. Die Freunde gehen, neue Freunde kommen und einige Freunde bleiben. Vielleicht für immer.

Du bist mal von zu Hause weggelaufen und hattest dabei selbst ein wenig Angst, dass das der Anfang vom Ende ist. Du hast mal so viel Matheunterricht geschwänzt, dass alle dachten, du würdest sitzen bleiben. Du hast mal so viele Stunden gebetet, dass dein Vater wieder gesund wird, deine Mutter ihre Arbeit nicht verliert und deine kleine Schwester glücklich ist, da hast du gehofft, es gibt einen Gott.

Wichtig ist, mit dem Weglaufen muss man irgendwann aufhören. Von Zahlen muss man nichts verstehen, trotzdem kann man überleben. Die Hoffnung verschwindet und taucht wieder auf, wie alles im Leben, nur Gott bleibt. Vielleicht für immer.

Du hast mal ganz vorn auf Demos so laut geschrien, dass du dir der Veränderung schon sicher warst. Du hast mal einen Sommer lang so viele Drogen genommen, dass du dachtest, das ganze Leben kann eine Party sein. Du bist mal aufgewacht, mit Ehemann und Sohn im Bett und dachtest, die Liebe macht alles wieder gut.

Wichtig ist, mit dem Schreien muss man gar nicht erst anfangen. Die Drogen kann man ruhig auslassen und trotzdem ausgelassen feiern. In der Familie läuft es mal gut und mal schlecht, doch die Liebe hält alles zusammen. Vielleicht für immer.

Eines Tages bist du alt. Richtig alt. Nicht so alt, dass du Rente kassierst oder die Enkel im Kinderwagen schiebst oder das Haus abbezahlt ist oder die künstliche Hüfte knarrt. Nein. So alt, dass du leblos in einem Kasten unter der Erde liegst und die Menschen über dir Geschichten erzählen und ihnen dann hoffentlich bewußt ist, dass Freunde, Gott und die Liebe das Leben wundervoll machen. Doch wichtig ist, dass du allein jeden Tag die Entscheidung triffst, weiter zu machen. Für immer. Und dich.

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8 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Starker Text. Funktioniert mit Gott ziemlich gut - alles drin. 

    20.01.2013, 17:36 von schriftstehler
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  • 1

    Es gibt nur ein Rudi Völler...

    19.01.2013, 14:04 von sailor
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  • 1

    Ich finde den Artikel richtig stark. Aber wie die anderen schon gesagt haben, die Passage mit Gott ist sehr gewagt - manchmal muss es das jedoch sein.

    19.01.2013, 14:02 von Henry.Kafur
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  • 1

    "Für immer. Und dich."  schönes wortspiel.
    das mit gott ist mutig, das wird wenigen zusagen..
    ansonsten wieder schöne, weiche atmosphäre im text, ich mag das bei dir einfach..

    19.01.2013, 13:47 von nnoaa
    • 0

      nnoaa - warum Wortspiel? Melliteratur - warum soll Gott das Leben wundervoll machen, warum sollte er daran interessiert sein?

      20.01.2013, 12:30 von SteveStitches
    • 0

      öh.. naja, "für" wird meist in verbindung mit dingen/menschen gebraucht ("für dich"). "für immer" hat ja ne ganz andere bedeutung. und das hier zusammengestellt. mh, für mich war das ein wortspiel.

      20.01.2013, 13:25 von nnoaa
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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