Pompidou 30.11.-0001, 00:00 Uhr 9 23

Du bist so leise

Fremde konnten nie verstehen, warum sie schwieg.

Fremde konnten nie verstehen, warum sie schwieg. „Du bist so leise, ist irgendwas?“

Und weil sie inmitten ihres Schweigens niemandem je eine Antwort schuldig blieb, rechtfertigte sie ihre Wortlosigkeit – immer und immer wieder. Jedes Mal kam ihr die eigene Stille ungerechtfertigter vor, sodass sie schließlich versuchte, ihr Schweigen loszuwerden, doch es klebte an ihr wie eine zweite Haut. Sie konnte sie zerkratzen, sich aufkratzen, aufgekratzt sein und all den Fremden eine Freude machen, die sie zum „Loslassen!“ und „Lockermachen!“ trieben.

Es dauerte eine Weile, doch dann hatte sie es satt, wenn die Leute so nonchalant unter ihre Haut krochen wie unter einen Rock auf dem Bierfest. Sie ließ ihr Schweigen wieder wachsen und misstrauisch musterten die Fremden sie wie einen stillen Horizont, an dem ein Sturm aufzieht. Was hat dieses Mädchen? Hasst sie uns? Es muss doch einen Grund geben, warum sie so schweigsam ist?

Wie oft wünschte sie sich, tatsächlich einen guten Grund zu haben. Ich schweige gerne war kein guter Grund. Ich schweige gerne war eine Provokation in den Ohren derer, die sich unterhalten wollten – die unterhalten werden wollten. Sie würde sie enttäuschen wie ein Kino, das alle Filme ohne Ton vorführte. Wie eine Disko, in der die Musik so leise spielte, dass die Tanzenden ihre eigenen Füße schlurfen hörten, aber das wäre auch nur einmal der Fall, zur Eröffnungsparty, und danach nie wieder, weil es die Nachtschwärmer in andere Diskos, laute Diskos, zog.

Sie brauchte einen wirklich guten Grund für ihr Schweigen, der allen die Sprache verschlug. Vielleicht ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit, eine schwere Krankheit, ein Schicksalsschlag. Irgendetwas, worauf die Leute nach der ersten Schrecksekunde „Aaah“ sagen und den Oberkörper zurücklehnen konnten: „Verstehe. Die Arme. Wenn ich in ihrer Lage wäre... puh, ich weiß nicht, ob ich jemals wieder reden würde.“ Mit einem Mal wäre ihre Stille nicht mehr unheil-, sondern bedeutungsvoll.

Aber sie hatte keine tote Zwillingsschwester und wollte sie auch nicht heraufbeschwören, also kam sie zurück zur Wahrheit: „Ich schweige gerne.“ Und sie schwieg, sprach nur, wenn es ihr danach war. Sollten die anderen sich doch peinlich berührt in die Ecken der leisen Disko drücken – sie wollte tanzen. Ihre Absätze klapperten, als sie auf die Tanzfläche trat. Sie schloss die Augen, bewegte sich und übte, das Räuspern und Murmeln der Gäste zu vergessen – tage-, wochen-, monatelang – bis sie die Augen öffnete und zwei, drei Leute neben sich tanzen sah, im Rhythmus der leisen Musik. In diesem Augenblick war sie ihr stilles bestes Selbst und trotzdem nicht allein.

Fremde konnten nie verstehen, warum sie schwieg. Freunde fragten nicht danach. 

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9 Antworten

Kommentare

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    Klappe halten, ist nicht verkehrt. Stille heilt. Der verbale Müll, muss entsorgt werden.

    31.12.2015, 15:44 von Yergusch
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    Schöner Text. Die Idee, das nicht immer alles einen Grund haben muss gefällt mir :)

    28.12.2015, 14:04 von viff
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     Ich schweige gerne war eine Provokation in den Ohren derer, die sich unterhalten wollten – die unterhalten werden wollten.
    steckt sehr viel wahrheit drin.

    24.11.2015, 18:01 von mondmaedchen7
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    Schön geschrieben.

    24.11.2015, 06:40 von ClaudiaE
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      Ja, und manchmal ist sie still :)


      24.11.2015, 10:50 von Cyro
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    kenne ich. Manchmal können Fremde so etwas einfach nicht verstehen. Man muss ja nicht ständig reden, manchmal kann man viel besser nachdenken wenn man es nicht macht.

    22.11.2015, 14:49 von riverboat_amy
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Und ich bin dir dankbar wie immer. :)

      19.11.2015, 22:37 von Pompidou

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