Downtown Train
02:10 - immer noch schlaflos. Gedankenfetzen schießen von Zeit zu Zeit durch meinen Kopf.
Es ist ruhig bis auf das Blut, dessen Puls ich in meinen Ohren höre. Manchmal nehme ich auch vereinzelt Schritte von der Strasse her wahr. Was mache ich eigentlich?
Ruhe – finde aber trotzdem keinen Schlaf. Die Kirchenuhr schlägt – einmal, zweimal, dreimal. Versuche an nichts zu denken, vielleicht hilft das. Ein Auto wird langsam hörbar, tiefes Brummen, lauter als sonst, verstärkt durch die Stille der Nacht. Jetzt ist das Auto schon ganz nahe und durch die Jalousien wirft das gelbe Einsatzlicht ein eigenartiges Muster an die Decke. Es dringen Wortfetzen der Arbeiter durch das Motorengeräusch zu mir. Kein Schlaf nur Gedanken - nicht greifbar aber trotzdem da. Lasse den gestrigen Abend zum hundertsten Mal Revue passieren. Der letzte Abend des Sommers, der Letzte mit meinen Freunden. Der Letzte?
Ab heute wird alles anders. Neue Stadt, neue Wohnung, neue Umgebung, neue Menschen.
09:25 - Die Zukunft ist noch nicht geschrieben, aber zumindest bestimmt durch die Entscheidungen der letzten Wochen. Aber waren das alles gute Entscheidungen? Entscheidungen, die man zwischen im Schwimmbad liegen und fortgehen getroffen hat. Vielleicht beim schlafen gehen oder aufstehen getroffen hat. Vor der nächsten Strandfeier, vor dem nächsten Bier...
Jedenfalls Entscheidungen die ich getroffen habe.
Was mache ich jetzt? Schnell noch die letzten Dinge in die Taschen packen. Noch mal kontrollieren, ob wirklich alles da ist. Man weiß ja nie was man braucht. Meist merkt man erst was man braucht wenn man es nicht mit hat. Wer weiß, wann ich das nächste Mal nach Hause komme? Frühestens in einem Monat, wenn sich die Termine der nächsten Wochen nicht verschieben werden. Zumindest haben wir uns das gemeinsam gestern Abend ausgemacht.
13:09 - Bahnhof. Mein Vater hat mich zum Bahnhof gebracht und noch auf den Bahnsteig. Mir noch geholfen mein Gepäck in den Waggon zu hieven. Zuvor habe ich mich noch bei meiner Mutter und meinen Großeltern verabschiedet. Ein Abschied auf Zeit, jedoch für länger als früher.
Ich sitze jetzt im Abteil, horche Musik und schweife mit dem Blick immer hin und her und warte, dass etwas passiert. Was passieren soll weiß ich selber nicht.
Meine Freunde sitzen auch im Zug. Nur nicht in meinem, sondern in Zügen in ganz andere Städte. Ich weiß nicht warum, aber ich bin der Einzige, der in eine andere Stadt geht als meine Freunde.
16:06 - Wieder wach. Den Schlaf den ich in der Nacht nicht hatte, habe ich jetzt nachgeholt.
Meine Freundin hat gesagt „Ruf mich an sobald du da bist!“... Sobald ich dort bin, aber wo eigentlich? Wo bin ich jetzt? Hmm, irgendwo unterwegs mit dem Zug. Ich weiß nicht, wo sie gerade ist, was sie gerade macht. Sie ist mit der Schule noch nicht fertig, sie hat noch ein Jahr um sich zu entscheiden was sie danach macht.
Ich starre aus dem Fenster auf einen nichtexistenten Punkt am Horizont. Die CDs sind auch schon durchgehört. Wir rasen an Landschaften, Gebäude und Menschen vorbei. Zu schnell um genaueres zu erkennen.
18:50 - Es wird dämmrig. Wo bin ich? Kurz vor der Stadtgrenze. Es wird schon wieder bewohnter. Links und rechts erstrecken sich auf den Hügeln kleine Siedlungen. Überall be-leuchtete Fenster. Dort sind schon die Menschen nach Hause gekommen. Jetzt wird es dann Zeit zum Aussteigen. Ich suche meine Taschen zusammen, stopfe die Zeitschriften und Bü-cher wieder zurück in meinen Rucksack.
Der Zug hält nun und ich steige aus. Hinaus auf den Bahnsteig mit den vielen Leuten, Lichtern, unbekannten Geräuschen. Nein, nicht unbekannt, sondern unvertraut. In der Halle dann diffuses Stimmengewirr aus allen Ecken, gepaart mit den Geräuschen der Züge und Informationsdurchsagen. Doch das lasse ich jetzt gleich zurück, atme noch einmal tief durch und trete aus dem Gebäude, hinaus auf den Platz.




Kommentare
sehr gut geschrieben. ich konnte mich total in deine lage hineinversetzen , wie ich glaube.
06.11.2004, 13:05 von kunigunditraurig, wie die zeit vergeht. gestern abend sitzt man noch mit den lieben freunden an einen tisch in einer bar, es wird über insider-witze gelacht und an schöne momente erinnert und am nächsten tag befindet man sich an einem ort, an dem niemand mit einem momente teilt.alles fremd ist. kein mensch scheint dazu sein, bei den man mal schnell vorbeischauen kann, um sich einen film anzugucken oder um den kopf auf eine schulter zu legen. jeder anfang ist schwer. ich wünsche viel glück.grüße, ria
@kunigundi also, bei mir is dieser aufbruch etwa 4 jahre her. und (zum glück) ist der text nur teilweise autobiographisch.
06.11.2004, 13:26 von dnmxgrüße aus wien, michi