Dienstag Nachmittag...
...und plötzlich ist der Boden weg.
Manchmal überkommt es mich, manchmal ist es einfach da. Dieses Gefühl, jetzt ist der Boden weg, jetzt ist Ende, hier und nicht weiter. Manchmal merke ich, wie sich dieses Gefühl einschleicht, wie es sich über Tage langsam ansammelt, sich verbindet, wie ein hässliches Tier. Ein scheiß Gefühl, gegen welches man sich kaum wehren kann. Und dann ist der Topf voll, einfach so. Er läuft über, am Anfang wenig, dann immer mehr!
In dem Topf ist einfach nur Angst, böse Gedanken, dass ich das alles nicht schaffe. Plötzlich bin ich einfach wieder ein blöder, kleiner Student, der da vor dem großen Berg steht. Dieser Berg kommt mir unüberwindbar vor. Klar wartet auf der anderen Seite ein toller Beruf, das Arzt-Sein, der mögliche Doktortitel, der weiße Kittel, das Helfen - aber jetzt gerade, jetzt in diesem Moment fühle ich mich hilflos, ein hilflose Helfer. In meinen eigenen vier Wänden. Die Aquariumpumpe nervt mich. Vor mir liegen diese furchtbaren Anatomiebücher.
Donnerstag ist die Prüfung, Freitag die Nächste…und gerade habe ich keine Kraft mehr. Ich stehe am Anfang eines sechsjährigen Studiums und habe nach dem Ende des ersten Semesters keine Ausdauer mehr. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren, muss jeden Satz zwei Mal lesen…und mit jedem Satz-Neuanfang wächst die Angst. Das kleine Männchen im Kopf schlägt nicht mehr nur noch mit einem kleinen Hämmerchen, sondern hat den Vorschlaghammer rausgeholt.
Es ist nicht zufrieden mit mir, ich bin nicht zufrieden mit mir. Ich grummele in mich hinein, ich lecke meine Wunden und bemitleide mich selbst. Aber das bringt nichts, die Minuten schwinden wie Sand in den Fingern und der kleine Mann haut gegen meinen Kopf. Ich habe ein schlechtes Gewissen bei allem was ich tue, was nicht Lernen heisst. Ich schreibe diesen Text mit schlechtem Gewissen, ich gucke meinen Fischen beim Schwimmen zu. Fische haben ein Gedächtnis von drei Sekunden.
Tja - und nun? Nun warte ich, bis sich der Boden wieder unter meine Füße schiebt, warte, dass alles gut wird. Im Rettungswagen sage ich den Patienten häufig, alles wird immer gut! Das beruhigt - oft! In diesem Augenblick jedoch, glaube ich selbst nicht dran, stehe nicht hinter diesem Satz. Aber ich sollte es tun…Also packen wir es neu an, dieses Anatomiebuch, diese Physik…fassen wir neuen Mut, man muss immer das Ziel im Auge behalten. Das Ziel ist der weiße Kittel, der Satz: Guten Tag, ich bin Dr. Müller, der Notarzt…Ein langer harter Weg, sicherlich kein leichter Weg…aber irgendwie boxen wir uns schon durch.
Auch mit solchen beschissenen Dienstagen, mit solchen Momenten wie diesen. Denn das ist vielleicht das, was am Ende zählt. Vielleicht macht uns das zu anderen Ärzten, zumindest zu anderen Studenten, wenn man weiß, wie es ist. Wie es ist, den Boden zu verlieren und jemanden braucht, der sagt, Herr Müller, ich bin der Notarzt, alles wird gut. Und dann fühlt man sich wohl…und dann fällt das Anatomie lernen auch nicht mehr so schwer. Wieder von vorne - aufstehen…wir packen das und am Freitag gibt es ein Bier. Herzlich Willkommen, der Boden ist wieder da.




Kommentare
hey...ich hab es gepackt. Es war nicht einfach, aber jetzt ist alles gut!
06.04.2007, 17:47 von phillip11Sorry, aber hört sich für mich so an, als wäre es das wichtigste für Dich, irgendwann sagen zu können: " Guten Tag, ich bin Dr. blubb blubb..." Ich finde es wichtiger, dass Ziel zu haben, Menschen helfen zu können und nicht wie ich einmal in ein paar Jahren angesprochen werde. Du solltest das vielleicht alles noch mal überdenken. Oder liege ich da irgendwie falsch?
08.03.2007, 15:39 von sabrina1980Ich bin begeistert. Ich kann nicht so genau sagen warum, aber der letzte Satz ist der allerbeste. Der trifft das Herz, der macht Mut, der ist grandios. Dankeschön. :-)
06.03.2007, 21:10 von ZoZeich versteh dich nur zu gut - studiere auch medizin, inzwischen im 5. semester. kann mich noch an den präpkurs im 3. semester erinnern: die komplette anatomie in einem semester, 5 testate, davon 3 mündlich im präpsaal - für mich der totale horror; nebenher noch physio und biochemie...
04.03.2007, 18:48 von kleineballerinaund am aller schlimmsten der abend vor dem testat, allein zu hause mit einer endlosen liste "noch mal anschaun, noch nicht gelernt, nicht verstanden..." das ist ein ekelhaftes gefühl, man bekommt panik, macht sich vorwürfe und kann sich erst recht nicht mehr konzentrieren. trotz allem hab ich den präpkurs geschafft... kurz vor dem physikum hatte ich eines nachts so herzklopfen vor nervosität, dass mir total schlecht wurde und wär am liebsten einfach nicht angetreten. am nächsten tag hab ich mir gesagt, das reicht, jetzt ist schluss. wir leisten so viel in unserem studium und ich will mich nicht so fertig machen lassen, dass ich nach dem pj reif für die anstalt bin - das hat irgendwie geholfen. die klinik jetzt ist auch anstrengend, es wird zwar interessanter, aber auch immer mehr. nur inzwischen lern ich mehr mit anderen leuten zusammen, da fehlen dann auch die gelegenheiten, sich allein zu hause verrückt zu machen.
und - wie richtig beschreibst- man muss sich immer wiedersagen, wohin man will, wofür man sich jahre lang plagt...
ich wünsch dir weiterhin viel erfolg und glück!
alex
egal ob intrinsisch oder extrinsisch: motivation ist das A&O! ;-) .. mir gehts manchmal, wenn ich meist alleine bin, wie dir .. dass ich angst habe das studium nicht zu schaffen, dass mir alles über den kopf wächst .. doch wenn ich mit komilitonen rede, die genauso denken und fühlen oder einfach nur positiv gestimmt sind, gehts mir wieder besser .. ;-)
04.03.2007, 00:01 von de_Sesealles gute für dich, herr doktor müller .. ;-)
Ich kann ja so mitfühlen! Anatomie lernen hat mich auch regelmäßig zur Verzweiflung gebracht. Aber hey, für das Kopftestat nur 3 Tage Zeit - Schädel, Muskeln, Hirnnerven, Ohr, Auge, Nase, Hirn, Rückenmark in 3 Tagen reingeballert, irgendwann findet man's schon fast lustig!! Ich hab mich jedenfalls sehr mit meiner besten Freundin amüsiert, wie wir uns gegenseitig unsere utopischen Lernpläne für den Tag vorgelesen haben... Und wir haben trotzdem bestanden!! Es steckt so viel Potenzial in uns, man darf es nur nicht ersticken, weil man die Nerven verliert! Und leider ist es jedesmal am Ende des Semesters wieder der selbe Kampf gegen die Bücher, die auf dem Schreibtisch lauern und darauf warten, uns ins Gesicht zu springen!! Kopf hoch! Dafür darf man danach umso wilder feiern!!! ;)
03.03.2007, 23:55 von moe3004