TinaHubi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Die Zeit, in der alles angeblich schwierig ist

Ich verstehe nicht, warum wir nicht einfach die Zeit, die wenige Zeit, die wir eh nur miteinander haben, genießen können.

„Schon schwierig“, sagt Katharina. „Schon schwierig“. Sie zieht ihren Mund nach unten, nickt, blickt in die Runde und sucht in unseren Gesichtern Bestätigung für diese Aussage.

Wollten wir das? Wollten wir hier sitzen und uns gegenseitig vorjammern, wie schwer wir es haben? Haben wir das Ganze hier nicht schon so viel früher geahnt? Ist denn hier alles überhaupt so furchtbar schwierig?

Wir sitzen an einem Tisch zusammen, alte Freunde, wir haben uns lange nicht gesehen, teilen so viele schöne Erinnerungen miteinander. Wir sind Vertraute, denen man alles erzählen kann und die am Ende immer noch zuhören.

Irgendwas ist anders.

Meine Freundin Katharina weinte mit mir, lachte mit mir, sie machte all das, was so furchtbar kitschig klingt. Manchmal waren wir nur zusammen, um zusammen zu sein. Wir redeten den ganzen Tag miteinander, auch wenn die Hälfte davon redundant war. Unvernünftiges Zeug. Sie ging mehrmals die Woche feiern, sie genoss ihr Leben, kam mit einen paar Euro zu wenig gut klar und bekam leuchtende Augen, als wir spontan entschieden, für einen Tag ans Meer zu fahren. Einfach so. Jetzt sitzt sie da und sagt „schon schwierig“. Jetzt ist sie seriös, macht keine Dinge mehr, die unklug sind und trägt ihre Termine Wochen vorher in einen Kalender ein. Jetzt weiß sie, wie man ein Leben zu führen hat. Ich frage sie, wie alles läuft. Sie sagt, gut gut. Stressig ist es. Natürlich. Jannik steigt mit ein. Er zählt auf, wie viel er arbeiten muss, wie viele Stunden er im Büro verbringt und dass er die nächsten Wochenenden in eine Schulung gehen wird, um noch besser zu werden. Die freien Minuten verbringt er mit seiner Freundin vor der Glotze, wenig Zeit habe man zusammen und müde sei man sowieso. Rike versucht das alles zu überbieten, indem sie von ihrem Nebenjob, ihren Überstunden und ihren Abenden allein daheim erzählt. Stress, Stress, Stress, früher war alles besser und die Welt wird untergehen. Ganz still und leise, immer heftiger wird sie, unsere Flut an Stress. Wie in einem Wettkampf überbietet man sich. Wer arbeitet mehr, wer verdient das Geld schwieriger, wer hat das stressigere Leben?

 Früher trafen wir uns, um uns zu treffen. Heute treffen wir uns, wenn wir einen Termin finden, an dem alle Beteiligten Zeit haben, das Ganze doch wieder verschieben und letztendlich nur für eine Stunde Kaffee zusammenzusitzen. Heute treffen wir uns, um gegenseitig abzugleichen, was die letzte Zeit passiert ist; wer von uns etwas voran gebracht hat und wer der tollste, beste, mächtigste ist. Wer der mit der Karriere ist.

Letztes Jahr um die gleiche Zeit, saßen wir in der gleichen Runde zusammen. Jannik hat ein bisschen zugelegt, er hat keine Zeit mehr, sich um seine Fitness zu kümmern. Rike kann es kaum erwarten, unter die Haube zu kommen und Katharina redet auf mich ein. Mein Leben, ja, mein Leben. Wie wäre es mal, Kekse zu backen, statt feiern zu gehen? Wie wäre es mal, die Zeit sinnvoller zu nutzen? Noch immer keinen Typen in Aussicht, der heiratswillig ist? Was soll nur aus dir werden, wenn du dich nicht endlich von jemandem abhängig machst?

Letztes Jahr um die gleiche Zeit, da war es cool, was ich tat. Freunde klopften mir auf die Schulter, lächelten und sagten „Weiter so!“. Jetzt ist es uncool, was ich tue. Freunde tätscheln meinen Kopf, schauen mitleidig und sagen „Na, du kriegst das auch noch hin!“.

Die Freude sollte man trotzdem nicht vergessen, sage ich. Wie unpassend. Lieber hätte ich erwähnen soll, dass das Leben kein Ponyhof ist und der letzte Urlaub sowieso schon wieder viel zu lange her ist.

 Ich weiß nicht, wie es so passieren konnte, aber bei meiner besten Freundin Katharina hat sich ein kleines Monster ans Bein gehängt, als sie in die Arbeitswelt eintrat. Ein Monster, das sich an ihrem Bein fest klammert und das sich so schwer macht, dass Katharina gerade mal ihren Weg zur Arbeit schafft. Das Bein schleift sie hinter sich her, aber was soll‘s, auch wenn Katharina müde ist, muss sie zur Arbeit. Muss im Büro ihre Stunden absitzen. Selbst wenn sie ihren Job hasst, und selbst wenn er nur dazu dient, um allen Menschen danach zu erzählen, wie stressig ihr Leben gerade ist. Dass Katharina am liebsten alles ändern würde, würde sie nie zugeben. Nein, das Leben muss so sein. Man muss da durch. Man findet sich damit ab. Gibt Wünsche und Ideen auf, für die es sich einst zu kämpfen lohnte. Verliert den Ehrgeiz, für seine Ziele einzutreten und seinen Traum zu verwirklichen. Es ist eben „schon schwierig“.

 Ich verstehe nicht, warum wir nicht einfach die Zeit, die wenige Zeit, die wir eh nur miteinander haben, genießen können. Und warum wir nicht einfach akzeptieren, dass man nicht der Einzige ist, der manchmal Stress hat. Oder der manchmal Spaß hat. Wie sehr wünschte ich, dass wir für einen Augenblick den Moment genießen, uns freuen, dass wir am Leben sind. Wie sehr wünschte ich, dass wir nur an einem Abend mal nicht über die Zukunft sprechen, über Krankheiten, über Ereignisse, die erst in einem halben Jahr stattfinden und über vernünftige Dinge.

Ist es denn wirklich Sinn der Sache – ist das das Leben, dieses eine Leben, was wir nur zur Verfügung haben, dazu da, uns zu einer Arbeit zu quälen, die wir nicht mögen? Soll das so sein, dass man seine naiven Vorstellungen aufgibt, seine Ideale und seine gedankliche Freiheit? Sind wir da, um Stress zu haben und Geld zu verdienen, aber keine Zeit finden, es jemals auszugeben?

„Man gewöhnt sich dran“, sagt Katharina. Man gewöhnt sich ans Arbeiten, Alleinsein, Langweiligwerden. Ich sehe das ein. Ich weiß, dass es jeden einmal erwischt. Nur, weil wir die Sonnenseite des Lebens kennen gelernt haben, sollte uns bewusst sein, dass nicht immer die Sonne scheinen kann. Ich verstehe das. Die Erkenntnis, dass alle erwachsen geworden sind, bis man auf selbst, ist ernüchternd. Man denkt immer, man ist darauf vorbereitet und hat schon alle Gedankengänge durchgespielt. Doch so ist es nicht.

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