Die weise Mutter
Oder: Eine Kindheitserinnerung, die sich in mein Gehirn gebrannt hat.
Im Jahre 1991 wagte Vater Staat einen ersten Eingriff in meine verfassungsrechtlich verbürgten Grundrechte: ich wurde eingeschult (siehe auch Garmonbozia, Skandale soweit das Auge reicht – Eine Chronologie lebzeitiger Grundrechtsbeeinträchtigungen, Band I, S. 1). Vor diesem Hintergrund traf es sich ausgezeichnet, dass ein Elektriker unseren Fernseher bereits zwei Monate vor besagter Beschneidungspremiere mit einem Zauberkabel verbunden hatte, welches uns ermöglichte, Kabel zu haben und dies auch den Nachbarn unter die Nasen zu reiben. Somit half mir eine für damalige Verhältnisse beachtliche Programmauswahl, mein Freiheitsdefizit zumindest teilweise zu kompensieren. Malzbier und Schokoladenzigaretten taten ihr Übriges.
Wer anno 1991 Kabel hatte, hatte auch MTV – ein Umstand, der mir als musikbegeisterter 6-jähriger äußerst gelegen kam. Wenn mich Mathias von gegenüber nachmittags ausnahmsweise mit meine Teilnahme voraussetzenden Plänen verschonte, gab ich mir stundenlang das aktuellste Gesinge der seinerzeit populärsten Bad-Hair-Days.
Auf MTV lernte ich dann auch die wohl größte Leidenschaft meiner frühen Grundschulzeit kennen: Michael Jackson. Nachdem ich zum ersten Mal das Video zu „Black or White“ gesehen hatte, erkundigte ich mich bei meinem Vater über die Bedienung unseres Videorekorders und zeichnete in der Folge einen jeden Michael-Jackson-Clip auf, der während meiner TV-Sessions über die Mattscheibe flimmerte. Überdies ließ ich mir Kassetten von MJ schenken, Poster, T-Shirts, sogar eine Biographie, obwohl ich zum damaligen Zeitpunkt bloß meinen eigenen Namen lesen konnte, dieser aber gar nicht in dem Buch auftauchte.
Ich trainierte vor dem Spiegel den Moonwalk und suchte die Wohnung nach Lockenwicklern ab. Derweil ich versuchte, mich Michael Jackson anzugleichen, nahm sich Michael Jackson Elizabeth Taylor zum Vorbild. Möglicherweise fand ich ihn deshalb so hübsch. Ja, sagen wir einfach mal, ich war gar nicht in Michael Jackson verliebt, sondern in Elizabeth Taylor.
Wie so viele Liebschaften, ebbte jedoch auch meine Liebe zu Elizabeth Taylor eines Tages ab. Es sollte meine eigene Mutter sein, die meine Gefühle mit Zweifeln kontaminierte. Wahrscheinlich aus Eifersucht. Man kennt das.
So gab meine Mutter beim allabendlichen Familien-Couchen einen folgenschweren Kommentar zu einem im Fernsehen übertragenen Michael-Jackson-Konzert ab. Während ich mich beim Betrachten der Veranstaltung wie die geistesgestörten Konzertkartenbesitzer in der Arena gebärdete, also bereits wie am Spieß quiekte, als sich MJ zu Beginn des Konzerts nach minutenlangem Strammstehen seiner Ray Ban entledigte, verfiel meine Mutter zusehends in Schockstarre - bis es irgendwann aus ihr herausbrach: „Also nee, die sind ja alle verrückt, die spinnen ja. Eine gewisse Begeisterung – ok, aber das ist ja nicht mehr normal. Ich sag dir jetzt mal was, Garmonbozia. Du darfst niemals einem Menschen blind folgen. Niemals! Hörst du? Beim Hitler war das früher genauso. Dem sind die Menschen auch blind gefolgt. Ohne irgendwas zu hinterfragen. Das darfst du nicht tun. Verstehst du? Niemals einem Menschen blind folgen. Oder einer Gruppe. Oder sonstwas. Hörst du mich?“
Sommermärchen 2006. Nach dem Auftaktsieg gegen Costa Rica schnappt sich Lukas Podolski ein Megafon, rennt zur Südkurve und schreit „Gebt mir ein H?“, woraufhin die Südkurve „H!“ plärrt. Doch ich, der ich auch Karten in der Südkurve ergattert habe, gebe kein „H“, genauso wenig wie ein „U“, ein „M“, ein „B“ oder ein „A“. Ich singe auch nicht „Humba humba humba täterä“. Oder hüpfe, wie mir geheißen. Selbst wenn ich wollte, ich könnte es nicht. Weil sich meine Fußnägel schon bei dem bloßen Gedanken kräuseln, nach Podolskis Pfeife zu tanzen.




Kommentare
aber ganz leserlich geschrieben.
09.08.2011, 20:11 von MiZa.hähä.
ich mag texte von kindern für kinder.
09.08.2011, 19:39 von Kata_Pultbis zum letzten absatz: ja, ja, vorfreude auf den schluszgag.
09.08.2011, 12:41 von Der_Misanthropdann der letzte absatz: nej. das kanns ja wohl nicht sein.
versemmelt! setzen!
deurich
Einen Bogen von Jackson über Hitler zu Podolski zu spannen ist schon .... gewagt? Aber gut, „Humba humba humba täterä“ und "Heal the world" klingen ja auch ganz ähnlich wie "Heil" irgendwen.
09.08.2011, 12:27 von ...niemand...Da kann man mal sehen, was unüberlegtes Geplapper hysterisch besorgter Eltern für Spätfolgen haben kann.
Wenn es Dir darum geht zum Ausdruck zu bringen, dass Du nicht viel von Gute-Laune-auf-Knopfdruck hälst (bin ich auch nicht der Typ für) oder Dir hysterisches Fantum fremd ist (mir in der Regel auch), ist das ja schön und gut. Aber Konzertbesucher oder Fußballfans per se auf eine Stufe zu stellen mit politisch fanatisierten Mengen geht ein wenig weit.
Noch dazu staubt der "Witz" im Text gewaltig. Gab´s alles schon mal, nur besser. Das Sommerloch auf der Startseite ist tief.
Ich kann zwar die orgasmusähnliche Dauerbegeisterung für manche Berühmtheiten auch nicht immer nachvollziehen...aber hier den
09.08.2011, 12:25 von der_blonde_rennerNazivergleich zu ziehen. Boa! Man kann auch wirklich alles schlecht reden, bloß weil man es nicht aus eigener Erfahrung kennt.
Und bloß, weil Mami mir mal gesagt hat, dass dies und jenes nicht richtig ist, muss ich das heute nicht auch noch so sehen. Immerhin habe ich ein eigenes Hirn und bin eigener Meinung und Entscheidung fähig. Und daher kann ich Mitgröhlen als das betrachten, was es ist: A Mordsgaudi.
Lasst den Leuten doch ihr überwältigendes Gefühl beim Jubel - gibts im Alltag viel zu selten.
@der_blonde_renner In den Augen der Leute hier favorisiere ich ja auch den Nazionalsozialismus weil ich fand, dass die Androhung der Folter bei Gäfgen die Mittel geheiligt hat, da sie ja das Kind retten wollten.
09.08.2011, 15:36 von Stefania2703Also hier muss man sich über nüscht mehr wundern...
Das ist total geil, wenn man auf der Bühne steht, keiner klatscht, keiner macht mit. Alle stehen mit verschränkten Armen und unbewegter Miene mit drei Meter Abstand zur Bühne.
09.08.2011, 11:55 von sailorTotal attraktive Vorstellung für Musikanten...
Ansonsten... Nunja...
@sailor „Das ist total geil, wenn man auf der Bühne steht, keiner klatscht, keiner macht mit.“
09.08.2011, 12:33 von CyroHm, meinst Du den Auftritt von Udo Lindenberg in der damaligen DDR vor den Partiefunktionären, während die wahren Fans nicht rein durften ?
Nun ja, ich fand es genial dass er im „Sonderzug nach Pankow“ sang: „ ... ich habe viele Freunde in der DDR, und stündlich werden es mehr“ :D
@Cyro Partiefunktionäre - Partyfunktionäre? Und trotzdem haben sie nicht geklatscht?
09.08.2011, 12:52 von LenulitschkaMuha.
War damals kein einziger "wahrer Fan" dabei?
@Lenulitschka Na ja, höflich und zurückhalten geklatscht schon ...
09.08.2011, 13:05 von CyroAber immerhin konnte Udo offiziell dort (ich glaube im Palast der Republik) auftreten, darum ging es ihm.
In einem Fernsehbericht waren die zögernd und zurückhaltend applaudierenden Leute drinnen und die echten Fans draussen zu sehen.
Wie auch immer, daran musste ich bei Sailors Kommentar denken.
Und was soll das jetzt für ein Text sein? Ein 'lustig' geschriebener Moralbeitrag? Eine verkorkst langweilige Selbstreflektion? Oder doch einfach nur 'irgendwas'?
09.08.2011, 11:43 von kruppDie Kernaussage ist sowas von altbacken, dass selbst das Wort 'Hitler' darin schon etwas Erfrischendes versprüht.
Und bei sowas: 'Im Jahre 1991 wagte Vater Staat einen ersten Eingriff in meine verfassungsrechtlich verbürgten Grundrechte: ich wurde eingeschult (siehe auch Garmonbozia, Skandale soweit das Auge reicht – Eine Chronologie lebzeitiger Grundrechtsbeeinträchtigungen, Band I, S. 1).' fällt mir spontan unsere verdammt schlechte Abizeitung und deren verkrampft unwitzige Witze ein.
Merkste, was ich sagen will, hm? Unwitzig.
ich krieg auch das kotzen, wenn im stadion die masse "sieg!" brüllt.
09.08.2011, 11:35 von lavish@lavish Und solche Aussagen wie eben diese gerade getätigte sind keine affektiv-reaktionären 'Sieg'-Schreie der neuzeitlichen Liberalen?
09.08.2011, 12:07 von kruppWie wahr! Immer schön die Hände unten lassen.
09.08.2011, 10:30 von LenulitschkaGefällt mir gut.