Die Tagebücher
Zerrissen. Und gestopft.
Ich war mit meinen 15, 16 Jahren anders als die Jungs in der
Schule oder Nachbarschaft. Interessierte mich nicht für Autos, für
Fußball oder sonstige, typische Dinge, für die sich ein Junge in meinem
Alter zu interessieren hatte, die der Norm, den Klischees der
Gesellschaft entsprachen und so, wie es die Erwachsenen vorlebten und an
ihre Kinder weitergaben. Nein, ich passte nicht in diese alltägliche
Welt, die so vorhersehbar, so langweilig und farblos war. Zumindest sah
ich das so. Anstatt mit den anderen Jungs pöbelnd um die Häuser zu
ziehen und Mädchen dumm anzumachen, zog ich dem die Stille, den
unvergleichlichen Zauber der Natur vor und saß oft ganz für mich alleine
an meinem Lieblingsplatz, dort unten am Rheinufer, versteckt zwischen
Büschen und hohen Gräsern und der für mich meine kleine, ganz eigene
Welt bedeutete. Dort konnte ich ungestört in meine Bücher, in deren
Geschichten eintauchen, konnte in meinen Träumen versinken und mit den
Wellen des Flusses auf Gedankenreisen gehen.
Selbst im Winter,
wenn es bitterkalt und grau war, saß ich manches Mal dort unten an
meinem Platz, dick eingepackt und glücklich, nur für mich sein zu
können, und dem zu entfliehen, was so oft zu Hause abging und zu meinem
noch so jungen Leben dazugehörte, wie die Ängste und Alpträume die ich
oft in den Nächten hatte, gerade wenn meine Mutter mal wieder bis in den
Morgen soff oder der Stiefvater auch wie so oft seiner Vorliebe
nachkam, mich zusammen zu prügeln, wenn ihm danach war. Das alles war
genauso normal, wie der tägliche Gang zur Schule ohne ein
Frühstücksbrot, ohne ein nettes Abschiedswort, oder die vergessenen
Geburtstage, an denen ich bis tief in die Nacht dieser, meiner Tage
hoffend wach in meinem Bett lag, hoffend, dass ich doch nicht vergessen
wurde. Wieder mal.
Und umso mehr ich diese Normalitäten zu
akzeptieren begann, sie für mich als gegeben hinnahm, umso tiefer
versank ich in meiner ganz eigenen Welt. In eine Welt der Tiefen meiner
Gedanken und Gefühle, die ich behütete und die ich nur mit meinen
Tagebüchern teilte, die ich angefangen hatte mit dem zu füllen, was mich
bewegte, was ich jemanden erzählen wollte und musste. Ihnen, diesen
Tagebüchern, konnte ich alles anvertrauen, ihnen alles erzählen und
niederschreiben, was in meinem Kopf herumschwirrte, von meinen Wünschen,
Träumen und Sehnsüchten, die ich Tag für Tag so schmerzlich fühlte und
doch so beherrscht verbergen konnte. Vor den Eltern, die mich kaum
wahrnahmen und einer Welt, die nicht meine war. Tagsüber funktionierte
ich so wie sie, wie man es von mir erwartete, mechanisch und gehorsam
und immer bemüht, alles recht zu machen. Ich hatte gelernt eine Rolle zu
spielen, auch wenn mich das nicht vor dem bewahrte, was trotzdem oft
genug und immer wieder geschah und was ich wortlos ertrug, solange
ertrug, bis ich Nachts alleine in meinem Zimmer war und diesem täglichem
Ertragen in meinen Tagebüchern die schreiende Wortlosigkeit nahm.
Manchmal
schrieb ich bis die ersten nebligen Lichter des neuen Tages durch das
Fenster meines Zimmers lugten, dann, wenn ich nicht aufhören konnte
meinen Tagebüchern von dem zu erzählen, was ich erlebte und mich
beschäftigte. Und was mich gerade in letzter Zeit so sehr verwirrte und
verunsicherte, mich fragend am Ende eines Tages in meinem Bett
zurückließ, nachhorchend, was da auf einmal in mir vorging, was sich
begann zu verändern und zu entwickeln und von dem ich lange nicht
wusste, was es ist. Bis zu dem Tag, als ich Jonas begegnete. Er, schon
17 und neu auf der Schule, war nicht wie die anderen Jungs, tat es ihnen
nicht gleich und grölte und pöbelte rum, um den Mädchen zu imponieren
und ich war auf eine Weise von ihm fasziniert, die mich irritierte und
die mich nicht aufhören ließ, an ihn zu denken, an Jonas und jeden Tag
ein bisschen mehr. Genau wie ich saß er in den Pausen alleine für sich
und las oder beobachtete stillschweigend das Treiben der Mitschüler um
sich herum oder zeichnete mit Bleistift etwas auf die weißen Seiten
seines Blocks, den Jonas immer bei sich trug. Und so sehr ich auch
bemüht war, ihn unbemerkt und mit wild pochendem Herzen zu beobachten,
so sehr musste Jonas meine Blicke gespürt haben und ich war wie gelähmt,
als sich unsere Blicke trafen, auf eine Weise, die uns beide
gleichermaßen irritierte, und uns doch mit der Erkenntnis zurückließ,
dass es jemanden gab, der ähnlich fühlte und dachte. An diesem Tag,
diesem Morgen in der Schulpause und mit diesem Blick, der für eine kurze
Zeit der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft war.
Ich war
nie zuvor so glücklich, so befreit in meinem jungen Sein, wie in den
Momenten, die ich mit Jonas verbrachte, dort unten am Rheinufer, meinem
geheimen Platz zwischen den Büschen und hohen Gräsern und den ich
niemals vorher mit jemandem anderen teilen wollte, als mit mir und
meinen Gedanken, die den Wellen des Flusses folgten. Waren meine
Tagebücher bisher mit den dunklen Seiten meines Erlebens gefüllt,
verdrängte das Zusammensein mit Jonas, die Dinge, die wir uns erzählten,
das Verstehen und Fühlen, diese Innigkeit füreinander mehr und mehr die
Schatten der vollgeschrieben Seiten jener Gedanken und Gefühle, die
bisher mein Leben bestimmt und gequält hatten. Ich erzählte ihnen davon,
wie es war, Jonas zuzuhören, wie es war, mich selbst in seinen
Geschichten zu erkennen – und umgekehrt, wie es war, als wir beide uns
das erste Mal berührten, so zaghaft und schüchtern, wie es war, als sich
unsere Lippen das erste Mal zu einem sanften Kuss trafen, der nicht
enden wollte. Und wie es war, als sich unsere Körper das erste Mal
zusammenfanden, zitternd und so unwirklich schön und aufregend, dass ich
dieses erste ganz besondere Zusammensein mit Jonas kaum in Worte fassen
konnte, als ich ihnen diese Gefühle anvertraute, ihnen, den Seiten
meiner Tagebücher.
Und wie es war, als ich eines Abends von
meinem geheimen Platz und von den Stunden mit Jonas heim kam, und mich
der Faustschlag meines Stiefvaters mitten ins Gesicht traf, mit einer
Wucht, die mich gegen die Flurwand straucheln ließ. Wie es war, als er,
wieder mal besoffen, nicht aufhörte auf mich brutal einzuprügeln und als
schwule, perverse Sau beschimpfte, während er weiter nach mir schlagend
und mit zu tiefster Abscheu in seinen vom Alkohol geröteten und
triefenden Augen versuchte, mir die herausgerissenen Seiten meiner
Tagebücher in den Mund zu stopfen.
Wie es war, sehen zu müssen,
dass meine Mutter wortlos dabei stand und wie es war, als ich glaubte,
jeden Moment an meinen niedergeschrieben Gedanken und Gefühlen ersticken
zu müssen.
Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wusste
nicht mehr, wie lange ich starr vor Schmerzen und Scham dort in der
dunklen Ecke des Flures gekauert, wann er aufgehört hatte, auf mich
einzuprügeln und mich zu beschimpfen, um dann wie üblich mit ihr, dieser
Mutter die nie eine war, sturzbesoffen ins Bett zu fallen. Der Morgen
dämmerte bereits, als ich mit einigen, wenigen zusammengepackten Dingen
und den Überresten meiner Tagebücher leise die Tür meines Elternhauses
hinter mir zuzog und ging. Ich wusste nicht wohin, aber ich wusste, dass
es kein Zurück mehr geben würde. Nicht für mich und niemals mehr. Für
mich, und das was dort in meiner Tasche auf vollgeschrieben und
zerrissenen Papierseiten von mir übrig geblieben war.
Meine Freiheit.







Kommentare
Herzzerreißend! Großes Lob an dich
10.12.2012, 20:38 von VonGruenwaldMal wieder ein Text,der mich berührt,und Erinnerungen weckt,danke Dir.....:-)
30.11.2012, 17:16 von blackswanIch finde, dass der Text aber der Mitte eigentlich vorausschauend ist, wenn der Leser in der Mitte bereits weiß, wohin es geht, dann stellt sich mir die Frage der Notwendigkeit, ob der Text zu Ende gelesen werden muss. Den Spannungsbogen hast du jedenfalls nicht gehalten, wenn auch nüchtern erzählt.
29.11.2012, 19:37 von marco_frohbergerDieser Text ist gleichzeitig Melancholisch, aber auch auf gleiche Weise Aufbauend.
sprachlos..
28.11.2012, 21:12 von SunFeatherWow! Wunder, wunderschön geschrieben! Ich hatte tränen in den Augen! Weiter so :)
28.11.2012, 20:11 von amatoryDie Wahrheit erklärt die Realität und ist schmerzhaft.
28.11.2012, 02:23 von zeitvergeudet