derHalbstarke 30.11.-0001, 00:00 Uhr 7 28

Die Tagebücher

Zerrissen. Und gestopft.

Ich war mit meinen 15, 16 Jahren anders als die Jungs in der Schule oder Nachbarschaft. Interessierte mich nicht für Autos, für Fußball oder sonstige, typische Dinge, für die sich ein Junge in meinem Alter zu interessieren hatte, die der Norm, den Klischees der Gesellschaft entsprachen und so, wie es die Erwachsenen vorlebten und an ihre Kinder weitergaben. Nein, ich passte nicht in diese alltägliche Welt, die so vorhersehbar, so langweilig und farblos war. Zumindest sah ich das so. Anstatt mit den anderen Jungs pöbelnd um die Häuser zu ziehen und Mädchen dumm anzumachen, zog ich dem die Stille, den unvergleichlichen Zauber der Natur vor und saß oft ganz für mich alleine an meinem Lieblingsplatz, dort unten am Rheinufer, versteckt zwischen Büschen und hohen Gräsern und der für mich meine kleine, ganz eigene Welt bedeutete. Dort konnte ich ungestört in meine Bücher, in deren Geschichten eintauchen, konnte in meinen Träumen versinken und mit den Wellen des Flusses auf Gedankenreisen gehen.

Selbst im Winter, wenn es bitterkalt und grau war, saß ich manches Mal dort unten an meinem Platz, dick eingepackt und glücklich, nur für mich sein zu können, und dem zu entfliehen, was so oft zu Hause abging und zu meinem noch so jungen Leben dazugehörte, wie die Ängste und Alpträume die ich oft in den Nächten hatte, gerade wenn meine Mutter mal wieder bis in den Morgen soff oder der Stiefvater auch wie so oft seiner Vorliebe nachkam, mich zusammen zu prügeln, wenn ihm danach war. Das alles war genauso normal, wie der tägliche Gang zur Schule ohne ein Frühstücksbrot, ohne ein nettes Abschiedswort, oder die vergessenen Geburtstage, an denen ich bis tief in die Nacht dieser, meiner Tage hoffend wach in meinem Bett lag, hoffend, dass ich doch nicht vergessen wurde. Wieder mal.

Und umso mehr ich diese Normalitäten zu akzeptieren begann, sie für mich als gegeben hinnahm, umso tiefer versank ich in meiner ganz eigenen Welt. In eine Welt der Tiefen meiner Gedanken und Gefühle, die ich behütete und die ich nur mit meinen Tagebüchern teilte, die ich angefangen hatte mit dem zu füllen, was mich bewegte, was ich jemanden erzählen wollte und musste. Ihnen, diesen Tagebüchern, konnte ich alles anvertrauen, ihnen alles erzählen und niederschreiben, was in meinem Kopf herumschwirrte, von meinen Wünschen, Träumen und Sehnsüchten, die ich Tag für Tag so schmerzlich fühlte und doch so beherrscht verbergen konnte. Vor den Eltern, die mich kaum wahrnahmen und einer Welt, die nicht meine war. Tagsüber funktionierte ich so wie sie, wie man es von mir erwartete, mechanisch und gehorsam und immer bemüht, alles recht zu machen. Ich hatte gelernt eine Rolle zu spielen, auch wenn mich das nicht vor dem bewahrte, was trotzdem oft genug und immer wieder geschah und was ich wortlos ertrug, solange ertrug, bis ich Nachts alleine in meinem Zimmer war und diesem täglichem Ertragen in meinen Tagebüchern die schreiende Wortlosigkeit nahm.

Manchmal schrieb ich bis die ersten nebligen Lichter des neuen Tages durch das Fenster meines Zimmers lugten, dann, wenn ich nicht aufhören konnte meinen Tagebüchern von dem zu erzählen, was ich erlebte und mich beschäftigte. Und was mich gerade in letzter Zeit so sehr verwirrte und verunsicherte, mich fragend am Ende eines Tages in meinem Bett zurückließ, nachhorchend, was da auf einmal in mir vorging, was sich begann zu verändern und zu entwickeln und von dem ich lange nicht wusste, was es ist. Bis zu dem Tag, als ich Jonas begegnete. Er, schon 17 und neu auf der Schule, war nicht wie die anderen Jungs, tat es ihnen nicht gleich und grölte und pöbelte rum, um den Mädchen zu imponieren und ich war auf eine Weise von ihm fasziniert, die mich irritierte und die mich nicht aufhören ließ, an ihn zu denken, an Jonas und jeden Tag ein bisschen mehr. Genau wie ich saß er in den Pausen alleine für sich und las oder beobachtete stillschweigend das Treiben der Mitschüler um sich herum oder zeichnete mit Bleistift etwas auf die weißen Seiten seines Blocks, den Jonas immer bei sich trug. Und so sehr ich auch bemüht war, ihn unbemerkt und mit wild pochendem Herzen zu beobachten, so sehr musste Jonas meine Blicke gespürt haben und ich war wie gelähmt, als sich unsere Blicke trafen, auf eine Weise, die uns beide gleichermaßen irritierte, und uns doch mit der Erkenntnis zurückließ, dass es jemanden gab, der ähnlich fühlte und dachte. An diesem Tag, diesem Morgen in der Schulpause und mit diesem Blick, der für eine kurze Zeit der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft war.

Ich war nie zuvor so glücklich, so befreit in meinem jungen Sein, wie in den Momenten, die ich mit Jonas verbrachte, dort unten am Rheinufer, meinem geheimen Platz zwischen den Büschen und hohen Gräsern und den ich niemals vorher mit jemandem anderen teilen wollte, als mit mir und meinen Gedanken, die den Wellen des Flusses folgten. Waren meine Tagebücher bisher mit den dunklen Seiten meines Erlebens gefüllt, verdrängte das Zusammensein mit Jonas, die Dinge, die wir uns erzählten, das Verstehen und Fühlen, diese Innigkeit füreinander mehr und mehr die Schatten der vollgeschrieben Seiten jener Gedanken und Gefühle, die bisher mein Leben bestimmt und gequält hatten. Ich erzählte ihnen davon, wie es war, Jonas zuzuhören, wie es war, mich selbst in seinen Geschichten zu erkennen – und umgekehrt, wie es war, als wir beide uns das erste Mal berührten, so zaghaft und schüchtern, wie es war, als sich unsere Lippen das erste Mal zu einem sanften Kuss trafen, der nicht enden wollte. Und wie es war, als sich unsere Körper das erste Mal zusammenfanden, zitternd und so unwirklich schön und aufregend, dass ich dieses erste ganz besondere Zusammensein mit Jonas kaum in Worte fassen konnte, als ich ihnen diese Gefühle anvertraute, ihnen, den Seiten meiner Tagebücher.

Und wie es war, als ich eines Abends von meinem geheimen Platz und von den Stunden mit Jonas heim kam, und mich der Faustschlag meines Stiefvaters mitten ins Gesicht traf, mit einer Wucht, die mich gegen die Flurwand straucheln ließ. Wie es war, als er, wieder mal besoffen, nicht aufhörte auf mich brutal einzuprügeln und als schwule, perverse Sau beschimpfte, während er weiter nach mir schlagend und mit zu tiefster Abscheu in seinen vom Alkohol geröteten und triefenden Augen versuchte, mir die herausgerissenen Seiten meiner Tagebücher in den Mund zu stopfen.

Wie es war, sehen zu müssen, dass meine Mutter wortlos dabei stand und wie es war, als ich glaubte, jeden Moment an meinen niedergeschrieben Gedanken und Gefühlen ersticken zu müssen.

Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wusste nicht mehr, wie lange ich starr vor Schmerzen und Scham dort in der dunklen Ecke des Flures gekauert, wann er aufgehört hatte, auf mich einzuprügeln und mich zu beschimpfen, um dann wie üblich mit ihr, dieser Mutter die nie eine war, sturzbesoffen ins Bett zu fallen. Der Morgen dämmerte bereits, als ich mit einigen, wenigen zusammengepackten Dingen und den Überresten meiner Tagebücher leise die Tür meines Elternhauses hinter mir zuzog und ging. Ich wusste nicht wohin, aber ich wusste, dass es kein Zurück mehr geben würde. Nicht für mich und niemals mehr. Für mich, und das was dort in meiner Tasche auf vollgeschrieben und zerrissenen Papierseiten von mir übrig geblieben war.

Meine Freiheit.


Freak Like Me

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7 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Herzzerreißend! Großes Lob an dich

    10.12.2012, 20:38 von VonGruenwald
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich finde, dass der Text aber der Mitte eigentlich vorausschauend ist, wenn der Leser in der Mitte bereits weiß, wohin es geht, dann stellt sich mir die Frage der Notwendigkeit, ob der Text zu Ende gelesen werden muss. Den Spannungsbogen hast du jedenfalls nicht gehalten, wenn auch nüchtern erzählt.

    29.11.2012, 19:37 von marco_frohberger
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  • 0

    Dieser Text ist gleichzeitig Melancholisch, aber auch auf gleiche Weise Aufbauend.


    Ich bin fasziniert und inspiriert worden von dir, Danke!

    Schreib weiter!

    29.11.2012, 18:44 von Neo23
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  • 0

    sprachlos..

    28.11.2012, 21:12 von SunFeather
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  • 1

    Wow! Wunder, wunderschön geschrieben! Ich hatte tränen in den Augen! Weiter so :)

    28.11.2012, 20:11 von amatory
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  • 1

    Die Wahrheit erklärt die Realität und ist schmerzhaft.

    28.11.2012, 02:23 von zeitvergeudet
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