Die Scheune
Glück
Auch am späten Nachmittag ist dieser Ort noch kühl. Nur vereinzelt dringen Sonnenstrahlen durch die Blätter der Bäume und malen tanzende Lichtflecken auf die Oberfläche des Sees. Das Wasser ist kalt und dunkel, und wäscht neben den letzten Rußflecken auch den unsichtbaren Dreck von meiner Haut.
Es ist der vierte Brief. Die Schrift scheint sicherer, gleicht nicht länger dem ungelenken Gekrakel eines Erstklässlers, aber der Inhalt verstört. Vier Wochen noch. Mindestens. Sie schickt Geld und schreibt, ich solle sie besuchen. Und immer wieder schreibt sie von Glück. Krankenhäuser gebären Absurdität. Glück ist ein Körper, der nur halb zerschmettert wurde. Glück sticht wie eine Nadel in gelblich schimmernder Haut. Glück duftet nach Äther, Desinfektionslösung und fettigem Haar. Wir haben so großes Glück, wir sollten uns schämen.
Bei dieser Hitze breiten sich die Flammen schnell aus. Flüsternd und beißend fressen sie sich durch Gestrüpp, Holz und Haut. Jetzt hört man die ersten Sirenen. Es wird Zeit, aber auf die Gemeinschaft ist Verlass. Man ist füreinander da. Man achtet aufeinander.
Der Fahrtwind ist kühl und zieht die letzte Feuchtigkeit aus meinem Haar. Ich muss mich beeilen, sonst machen sich die Hofmaiers Sorgen und wir müssen so dankbar sein, dass sie mich vorübergehend aufgenommen haben. Dankbarkeit, noch so eine Sache, die nur im Elend gedeiht. Sei dankbar, für alles, was sie für uns tun. Dankbar für die Überwachung, die Verbote. Dankbar für den Schlafplatz, das Bett und den hübschen Schleiflacknachttisch, dessen Inhalt in meiner Abwesenheit stets umsortiert wird. Dankbar für die Mahlzeiten, die Bohnen. Das Fleisch. Die wabbelige weiße Soße, ohne die man offenbar kein Gemüse verzehren kann und die die gleiche Konsistenz besitzt, wie das Zeug, das ich mir mit zitternden Fingern vom Bauch wischte und über das man vor lauter Dankbarkeit nicht redet. Dankbar für den Familienanschluss, die Ausflüge, die warmen Umarmungen, die gierigen Finger.
Wie eine dunkle Säule steht der Rauch über der Hofmaier Scheune. Blaulichtflackern darunter. Feuerwehr. Und ein Krankenwagen. Ich hoffe, die Heftchen sind nicht verbrannt. Sie waren sicher teurer, als die Unterhose, die dort oben zerrissen wurde.
Man hat meine Abwesenheit nicht bemerkt. Die Flurdielen schweigen, immer schweigen sie und wenn doch eine knarrt, dann nur nachts, weil jemand unterwegs ist, um nach dem Rechten zu sehen.
Er macht um diese Zeit oft eine Radtour zur Scheune, um dort Pornohefte zu betrachten oder die Nachbarstochter zu entjungfern. Seine Frau ist zuhause, umringt von Nachbarinnen, die tröstende Worte flüstern. Stockend berichtet man mir, was passiert ist. Hilflosigkeit gleicht rosa farbener Spitze, Scham trägt sanftes Rot, Wut flammt wie Feuer. Er lebt, schwer verbrannt, aber er wird leben. Meine Worte mischen sich unter das betretene Gemurmel, lassen es verstummen.
Er hatte Glück. Wir sollten dankbar sein.






Kommentare
Ein bisschen mehr als gut.
10.01.2013, 13:02 von seek4happinessHach.....das war jetzt mal gut.
19.12.2012, 11:41 von SambreYeah!
Gutes Stück Text.
19.12.2012, 10:19 von Jingeling89Sanft-leise und schrecklich-hart... wie gebrochene Unschuld.
Danke für ein Stückchen Literatur zwischen all dem Klump hier.
18.12.2012, 23:14 von cosmokatzeDu hattest Recht :D
19.12.2012, 10:19 von Jingeling89!!!
19.12.2012, 17:31 von cosmokatzeschöne Bilder
18.12.2012, 19:40 von Finn_FadoIch finde den Text einfach nur gut. Ein paar aufscheinender Wortkreationen, die nachhallen in der Stille. Ein schöner Klang.
18.12.2012, 18:18 von marco_frohberger
18.12.2012, 14:28 von frl_smillaErdigschwerschön.
Ist der neu? Mir deucht, ich hab' ähnliches schon mal bei dir gelesen.
Mir auch. Allerdings ist mein Dingens in der Beziehung z.Z. etwas unzuverlässig.
18.12.2012, 14:40 von TaneaJa, der war schonmal da. Mit den gleichen Tippfehlern.
19.12.2012, 11:41 von FieseiseMir war nostalgisch.
tiptop!
18.12.2012, 13:22 von derWaschbaerLonyl!
19.12.2012, 11:41 von FieseiseDie Ambivalenz eines Jeglichen schmerzt mitunter weit mehr als ein klarer Hieb mit der Axt. Doch selbst der spaltet immer in mindestens zwei Teile.
18.12.2012, 13:15 von Sasali