B.tina 17.12.2006, 00:28 Uhr 12 4

Die mageren Jahre sind vorbei.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wann es begann. Es war ein schleichender Prozess.

Ich muss ungefähr sechszehn gewesen sein, als ich plötzlich registrierte, dass meine Zellen auf Nahrungsaufnahme reagieren. Speziell der Bauchumfang war mir ein Dorn im Auge. Ihn hatte ich im Visier. Völlig zu unrecht: Ich wog 47 kg bei einer Größe von 1,63 m, was alles andere als schwerwiegend ist. Mein Körper war einfach kein Kinderkörper mehr.

Also stellte ich mich jeden Morgen auf die Waage und strebte ein Idealgewicht von 45 kg an. Zeigte das Gerät mehr, legte ich einen Tag FdH ein. Ein leichtes Spiel.

Problematisch wurde es, wenn ich z.B. in den Ferien keine Waage zur freien Verfügung hatte. Konnte ich mich nicht auf diese Kontroll-Instanz stellen, setzte ich mich stattdessen prophylaktisch auf Diät, was zur Folge hatte, dass ich nach einem zweiwöchigen Urlaub unglaublich erleichtert war, was mir selbstverständlich sehr entgegen kam.

Mein Traumgewicht senkte ich mit der Zeit auf 43 kg. Um das zu halten, durfte ich echt nicht mehr viel essen. Ich fing an, Kalorientabellen auswendig zu lernen und versuchte täglich unter 1000 kcal zu bleiben.

Um auf Nummer Sicher zu gehen, aß ich so wenig wie möglich, in der Regel weit weniger als 1000 kcal pro Tag. Ich gewöhnte mich an einen Minimal-Speiseplan, empfand kein Hungergefühl mehr, sondern jede noch so kleine Mahlzeit als körperliche Belastung. Ich liebte diese innere Leere. Das klingt wahnsinnig und bescheuert, war es wohl auch. Ich genehmigte mir allerhöchstens einen Apfel, ein Knäckebrot oder ganz gewagt: ein Stückchen Schokolade.

Ich wusste, dass mein Lebens-Stil einen Namen hatte. Magersucht war schon vor zwanzig Jahren ein Thema. Wie jeder Süchtige war ich jedoch überzeugt davon, jederzeit mit meiner Null-Diät aufhören zu können. Nur noch ein Kilo weniger, dachte ich oft, und dann ernähre ich mich wieder normal. Und dann noch ein Kilo und noch ein Kilo und noch Kilo...

Ich las, dass Magersucht „Selbstmord auf Raten“ sei, fühlte mich aber weder angesprochen noch selbstmordgefährdet, sondern sehr wohl in meiner hauchdünnen Haut. Ich wollte an meinem Zustand nichts ändern, nie und nimmer! Ich empfand mich als stark, denn ich hatte mich im Griff. Absolute Selbst-Kontrolle!

Daher wollte ich auch unter keinen Umständen von anderen Leuten, wie Familie oder Freunden, entlarvt werden. So gab ich, wenn ich auf speisende Menschen stieß, stets vor, bereits gegessen zu haben. Sucht macht erfinderisch. War ich zum Essen eingeladen, kam ich unter Vorwänden so derartig zu spät, dass ich mir allerhöchstens das Dessert genehmigen musste. Wenn man sich geschickt anstellt, kann man vieles vertuschen.

Es wunderte sich übrigens kaum jemand über meinen klapperigen Zustand. Wenigen Freunden gegenüber outete ich mich, signalisierte aber im gleichen Atemzug, keine Hilfe nötig zu haben oder annehmen zu wollen.

Als ich endlich bei einem unterirdischen Albtraumgewicht angekommen war, kippte ich nachts auf der Straße um, knallte mit dem Kopf auf die Bürgersteigkante und kam im Krankenhaus mit einer ordentlichen Gehirnerschütterung zu Bewusstsein. Mein Fliegengewicht hat auch in der Klinik komischerweise niemand für zu niedrig befunden. 39 kg bei 1,63 m scheinen noch im grünen Bereich zu liegen. Gut zu wissen. Mir war das natürlich gerade recht.

Einige Tage nachdem ich das Krankenhaus verlassen hatte, bemerkte ich, dass der nächtliche Sturz mehr angerichtet hatte als nur mein Gehirn zu erschüttern. Ich konnte nicht mehr riechen! Tote Hose in der Nase. Mein Riechorgan war wie ausgeschaltet.

Jetzt werden viele sagen: „Wenn man nichts riecht, dann schmeckt man doch auch nichts.“ Das stimmt nur bedingt. Mit der Zunge konnte ich noch grob die Richtungen süß, sauer, salzig und bitter ermitteln. Da ich aber eh kaum etwas zu mir genommen habe, war das mein geringstes Problem.

Ich tingelte mit meinem Nasen-Defizit von Arzt zu Arzt. Keiner konnte mir helfen, einige haben mir noch nicht einmal geglaubt. Doch das ist eine andere Geschichte.

Tja, das hatte ich nun von meinem ersehnten Untergewicht.

Zu allem Überfluss ereilte mich kurze Zeit später ein weiterer dezenter Schicksalschlag, der mein Leben extrem veränderte. Ich werde nicht schreiben, was passierte, weil das eine Person kompromittieren würde und für alle Außenstehende sowieso schnurzpiepegal ist.

Ich musste jedenfalls ungefragt von einem auf den anderen Tag auf eigenen Beinen stehen. Und ich fing im gleichen Atemzug an zu essen. Als wenn mich jemand umgeschaltet hätte. Ich aß wie ein ganz normaler Mensch. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich fand das zunächst gar nicht klasse, denn ich nahm dadurch natürlich zu. Aber ich konnte nichts dagegen tun. Der Spuk war vorbei.

Erschwerend hinzu kam, dass ich einen neuen Freund hatte, der mit einem ausgesprochen gesunden Appetit gesegnet war. Neben ihm hätte ich meine konsquente Kostverächtung überhaupt nicht durchziehen können.

Nun ja, seitdem esse ich ohne großartig nachzudenken oder mich auf die Waage zu stellen, geschweige denn total verfettet zu sein und ich fühle mich sauwohl dabei. Meinen Bauch, der als Austragungsort für zwei Schwangerschaften herhalten musste, was ihn nicht wirklich straffer gemacht hat, finde ich immer noch ziemlich doof, aber was soll’s? Er ist doch nur meine persönliche Wampe...

Ich hatte Glück: Ich hatte ein Problem, von dem ich nichts wusste und das mich unaufgefordert verlassen hat. Ich weiß nicht, ob ich die Schwierigkeit sonst erkannt und bewältigt hätte. Die hatte viel tun mit: Erwachsen zu werden, mich so zu akzeptieren, wie ich bin, Schwächen zu haben und zu denen zu stehen. Der allgemeine Schlankheitswahn, den ich trotzdem absolut verurteile, hatte eigentlich herzlich wenig mit meiner Magersucht zu tun.

Ich habe leider kein Patentrezept gegen Essstörungen auf Lager. Magersucht ist das Symptom eines psychischen Problems, welches erkannt und bekämpft werden muss.

Wenn man zu sich selber findet, sich sogar irgendwann mag und gerne mit sich zusammen ist, dann ist man auf dem richtigen Weg. Leichter gesagt, als getan. Das gebe ich zu...

Meine Nase hat ihre Funktion übrigens auch ganz langsam, still und leise wieder aufgenommen.

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12 Antworten

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    »zu sich selbst finden« und sich selbst annehmen, gar mögen ... ich denke, das ist die mutmachende kernaussage. ich danke dir für diesen text, er hilft mir gerade persönlich sehr weiter!

    29.11.2008, 15:03 von andreaskuhn
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    Super beschrieben :) Und gut gemacht, dass mit der Kurve kriegen!

    04.04.2008, 13:31 von LifeInANick
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    Echt ein Alptraum, aber zum Glück mit Happy End

    11.03.2008, 18:32 von Marcogiotto
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    Ich hatte so eine Phase, als ich in der Grundschule war. Ernsthaft. Die ganze Klasse sollte zu Hause das Körpergewicht feststellen, was dann an die Tafel geschrieben würde. Mit 35 Kilo war ich fast die Schwerste, auch außerhalb der Schule hab ich den ein oder anderen Kommentar abbekommen. Also hab ich so wenig gegessen, wie das möglich ist, wenn man Eltern hat, die aufpassen. Ich habe mein Gewicht solange gehalten (ab dann bin ich immer wieder auf die Waage), bis ich im Durchschnitt 10 Kilo leichter war, als meine Freunde. Komischerweise haben einige Kinder um mich herum auch abnehmen wollen und so gab es kleine wer-wiegt-am-wenigsten- und wer-isst-am-wenigsten-Wettbewerbe.
    Von einem Tag auf den anderen hat es aufgehört und es gab seit dem nie wieder Diät für mich.

    05.07.2007, 20:17 von scherzkeks123
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    mir gefällt an dem text, dass du nicht in diesem ''ich bin so arm dran, weil mich die böse welt dazu getrieben hat''-ton schreibst und beglückwünsche dich, dass du es geschafft hast.
    figurprobleme wie etwa bauch, beine, po kennen übrigens auch frauen, die nicht an ess-störungen leiden oder litten ;)

    21.04.2007, 11:31 von NeonBlond
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    Hi Bettina, danke, dass Du uns daran teilhaben lässt. Ich habe Magersüchtige immer als Psychowracks gesehen und wie Aliens gemieden. Für mich waren die einfach nicht zurechnungsfähig. Dein Text hat mir zum ersten Mal die Sicht aus der Ich-Perspektive gezeigt und klar gemacht, dass Magersüchtige ganz normale Menschen sind, die halt eine Krankheit haben, so wie andere Diabetes oder auch viele Männer pornosüchtig sind oder so. Deswegen sollte man aber niemanden verurteilen oder gar meiden.
    Prime Lee

    21.04.2007, 11:12 von primelee
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    ich finds echt klasse wie du das so ganz alleine hinbekommen hast... ich bin nun schon seit einem jahr in therapie und komme trotzdem einfach nicht los von den gedaken ums abnehmen....
    ich habs auch erlebt, dass sich freunde und bekannte kaum darum scherten.... bis es dann zu spät war und ich ins krankenhaus musste.
    ich hoffe, dass bei mir auch eines tages so ein gedankenblitz wie bei dir kommt und ich ein ganz normalen umgang mit dem essen haben kann.

    wirklich ein sehr schöner text, der mut und hoffnung gibt!

    28.12.2006, 11:58 von scherry
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    der text ist supi :)) da fällt mir ein buch ein, was ich mal zu dem thema "Magersucht" gelesen habe: "Luft zum Frühstück" von Jana Frey- das ist echt klasse- auch wenns ein Jugendbuch ist- ich finde man muss es gelesen haben!!
    mfG

    18.12.2006, 20:29 von butterfly17
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    oh ja.. Finger und Klo kommt mir auch bekannt vor. aber hey - es schmeckt rückwerts echt scheiße!
    also ein für alle mal lassen, und auch ein bauch, der nicht aussieht wie hohlkreuz rückwerts, kann echt ein Reiz sein...

    REINHAUN!!!!! ;-)

    17.12.2006, 16:26 von knops
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