sohalt 30.11.-0001, 00:00 Uhr 19 12

Die linke Hand

Martin schläft gern mit Männern. Mindestens ebenso gerne redet er darüber.

Martin schläft gern mit Männern. Mit welchen, warum, wie oft, auf welche Weise? Kein Geheimnis für jeden, der jemals Gelegenheit hatte, auch nur flüchtig Martins Bekanntschaft zu machen. Denn mindestens ebenso gerne, wie er mit Männern schläft, redet er auch darüber.

Das beschäftigt mich, weil es in mir einen Zug zu Tage fördert, auf den ich nicht unbedingt stolz bin – einen säuerlichen Zug um die Mundwinkel nämlich. Wenn mir Martins Ausführungen zum Thema zu graphisch geraten, verziehe ich das Gesicht. Und wenn eine seiner Andeutungen über eher obskure Sexualpraktiken ausnahmsweise etwas subtiler ausfällt, so dass sich tatsächlich jemand in der Runde bemüßigt fühlt, nachzufragen, bin unfehlbar ich es, die so schnell wie möglich etwaige Erläuterungen im Keim erstickt. „Das wollen wir lieber nicht näher erforschen“. „Das muss ich es jetzt eigentlich gar nicht so genau wissen“. Solche Sachen sage irgendwie immer nur ich.

Das mag durchaus auch damit zu tun haben, dass es bei mir selbst in dieser Hinsicht meist eher wenig zu berichten gibt. Kann sein, dass ich solche Gespräche nicht goutiere, weil sie mich so unangenehm an diesen Umstand erinnern. Kann sein, dass ich einfach nur lieber etwas Distanz wahre und ungern zu früh zu tiefe Einblicke in die Intimsphäre anderer Leute erhalte. Kann sein, dass mich die Dominanz dieses Themas in Gesprächen mit Martin, die Redundanz der darin verpackten Kern-Information irgendwann auch einfach etwas langweilt. Ja, Martin, du bist schwul. Nach der lückenloser Aufzählung deiner gesammelten Eroberungen, der ich bereits bei unserer letzten Begegnung lauschen durfte und auf der weibliche Namen irgendwie frappant unterrepräsentiert waren, hätte ich beinahe schon etwas in dieser Richtung vermutet.

Vielleicht bin ich auch einfach nur prüde und verklemmt.

Nur eines bin ich sicher nicht: homophob. Niemand wird mir vorwerfen können, dass ich bei heterosexuellen Männern und Frauen, die mich ungefragt allzu detailliert an ihrem Sexualleben teilhaben lassen, nicht ebenso indigniert das Gesicht verziehe. Und ich habe auch mindestens ebenso oft Gelegenheit dazu. Ich hätte auch Walter oder Angela als Beispiel wählen können – beide recht ostentativ dem jeweils anderem Geschlecht zugetan und nicht minder auskunftsfreudig, was ihre entsprechenden Aktivitäten betrifft.

Die Sache ist nur die, dass ich bei Martin interessantere Gründe hinter diesem Verhalten vermute. Bei Angela und Walter gehe ich davon aus, dass sie erstmal einfach nur ein wenig angeben wollen. Oder mich ein bisschen schockieren, weil ich dann immer so lustig das Gesicht verziehe. Das will Martin vermutlich auch, zu einem guten Teil. (Ich sehe wirklich sehenswert bescheuert aus mit meinem Zitronengesicht.). Aber bei Martin steckt vielleicht mehr dahinter. Das ist mir allerdings erst unlängst klar geworden, als ich mich an Gerry erinnert habe.

Gerry war der Schrecken meiner Kindergartenzeit. Etwas größer und kräftiger als die anderen Buben konnte er einem ganz schön Angst einjagen, wenn er wütend war. Und wütend war er oft. Man kam ihm dann besser nicht in die Quere, das hatte ich bereits beobachtet und suchte vorsorglich schleunigst das Weite, sobald er nur um die Ecke bog. Kein anderes Kind war schließlich so oft in Prügeleien verwickelt wie er. Als er in der Volksschule der Parallelklasse zugeteilt wurde, war ich erleichtert und verlor ihn schnell aus den Augen. Ich dachte nicht mehr an ihn, bis ich eines Tages seine Cousine im Bus traf. Zum ersten Mal hörte ich die Geschichte aus Gerrys Perspektive.

Komisch, ich hatte mich immer nur vor Gerrys Wut gefürchtet, mich aber nie gefragt, warum er so wütend war. Wie sich heraus stellte, hatte er einen Grund. Gerrys linke Hand war durch einen Unfall in seiner frühen Kindheit beschädigt worden und er wurde deswegen ständig von den anderen Kindern ausgeschlossen und verhöhnt. Von mir auch? Ich könnte mich nicht darin erinnern, jemals etwas über Gerrys Hand gesagt zu haben; ich hatte ihr doch offensichtlich nie viel Beachtung geschenkt. Warum sonst hätte ich sie beinahe vergessen im Lauf der Jahre? Als Gerrys Cousine davon anfing, war das ein Aha-Erlebnis für mich: „Achja, der hatte ja was an der Hand“ – es war bestimmt nicht das erste, was mir zu Gerry eingefallen wäre.

Und doch ist es verdächtig, dass ich so blind gewesen bin für den Zusammenhang zwischen Gerrys Hand und seinem Verhältnis zu den anderen Kindern. Vielleicht hatte ich Grund, etwas zu verdrängen, weil ich Grund hatte, mich für etwas zu schämen.

Vielleicht war ich aber auch nur blind, weil ich ein Kind war. Kinder mögen sich viele Fragen stellen – warum ist Schnee kalt, warum sagt man zum Haus Haus? – aber eine gewisse Art von Fragen stellen sie sich eher selten. Warum manche Menschen so wütend sind, zum Beispiel. Oder warum ein Rechtshänder dir immer die linke Hand gibt, wenn er dich begrüßt.

Es ist eine Vorwarnung. Sieh her, das bin ich. Das ist meine linke Hand. Manche Menschen machen blöde Bemerkungen darüber. Wenn du zu diesen Menschen gehörst, mach deine blöde Bemerkung lieber gleich, damit ich weiß, dass ich dich abschreiben kann – mach sie, bevor ich meine Zeit an dich verschwende.

Du musst so viel über mich wissen, weil ich etwas über dich wissen muss. Da ist etwas an mir, dass ich nicht verbergen will, auch wenn es bei vielen Leuten auf Ablehnung stößt – das ich auch gar nicht verbergen könnte; nicht, ohne mich selbst zu verraten. Wenn du damit nicht umgehen kannst, hat jede weitere Interaktion zwischen uns keinen Sinn.

Es ist ein Test.

Deshalb gibt Gerry dir immer die linke Hand. Deshalb redet Martin so viel über Analsex. Und wer weiß, vielleicht gebe ich mich deshalb auch manchmal gar so gouvernantenhaft.

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19 Antworten

Kommentare

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    Ich kenne auch viele solcher Menschen, vorallem Schwule die sich durch ihr Schwulsein in den Vordergrund drängen.

    06.11.2008, 09:59 von chiquito-loco
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      @chiquito-loco Das war irgendwie nicht ganz das, was ich mit dem Text ausdrücken wollte.

      05.01.2009, 20:24 von sohalt
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    "Vielleicht bin ich auch einfach nur prüde und verklemmt."

    Find ich gut, wie du auf genau dieses Phänomen hinweist...den anderen schnell den Wind aus den Segeln nehmen, damit sie einen bloß nicht komisch finden, sondern vielmehr selbstironisch und selbstbewusst.. Und damit beide wissen, woran sie sind.
    Ist nur die Frage, ob man das nun auch geschickt anstellen kann, oder sich wie dein Martin um jeden Preis selbst darstellen muss....;-)

    23.04.2008, 20:01 von Ellestnoir
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    ...zu viele schubladen auf dieser welt!

    07.02.2008, 23:37 von ninchen-lu
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    Text am Anfang lahm (sorry), aber dann wird er. :)

    06.02.2008, 20:52 von barcafan
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    Man, und ich dachte, Martin holt sich mit links einen runter...

    06.02.2008, 08:38 von chessige
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    Gefällt mir.

    05.02.2008, 23:17 von Songline
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