hanako 07.07.2007, 09:46 Uhr 20 7

Die Katze

Sie war einst engste Vertraute einer glücklichen Kindheit. Heute ist sie der einzige Begleiter einer gealterten Frau.

Die Katze ist krank. Offensichtlich krank. Eigentlich ist „Katze“ schon zuviel des Guten. Kann man gar nicht so nennen. Ein sabberndes Bündel aus Knochen und verklebtem Fell schleppt sich durch das Haus, einziges Überbleibsel von dem, was einmal eine glückliche Familie war.
Die Kinder studieren im Ausland, der Mann ist weg mit einer Geliebten im Alter der jüngsten Tochter und geblieben ist der Katze nur die Frau. Oder die Katze der Frau.

Die Frau ist offensichtlich gealtert. Der Lippenstift, der jugendlich wirken sollte, ist verschmiert und gibt ihre verbitterten Lippen der Lächerlichkeit preis. Sie hat das Alter erreicht, in dem man seine Lesebrille an auffälligen Ketten um den Hals trägt, diese und die großen, sich der Schwerkraft beugenden Brüste schwingen mit bei den betont energischen Bewegungen, die dem skeptischen Besucher den Inhalt der letzten Yogastunde näher bringen sollen.

Der Besucher fühlt sich sowieso unwohl auf seinem weißen Sofa, er sitzt ganz an der Kante, auf der Schutzdecke, die das Leder vor dem Sabber der kranken Katze schützen soll und fühlt sich selber schon ganz räudig. Die Frau spricht immer ein bisschen zu laut, so dass es gerade unangenehm ist, und kennt nur ein Thema. Die Frau trinkt ein bisschen zu viel Sekt und raucht ein bisschen zu viele Zigaretten und tut ein bisschen zu sehr so, als ob alles gut sei. Aus ihren Augen spricht Verzweiflung.

Bleib doch über Nacht, Platz ist ja genug. Abends wird ferngesehen. Auch der Ton des Fernsehers ist ein bisschen zu laut. Zu besprechen gibt es nicht mehr viel, wahrscheinlich verlernt man, sich zu unterhalten, wenn der einzige Zuhörer eine kranke Katze ist, die zur Antwort höchstens sabbert. Die bestellte Pizza ist längst gegessen.

Der Besucher fragt sich, wann er wohl ohne Verdacht zu erregen das weitläufige Wohnzimmer verlassen kann, um sich über die Sabberspuren hinweg und um die Katzenhaarbüschel herum einen Weg zu seinem Zimmer zu bahnen. Ekel kriecht ihm den Rücken hinunter. Der Katze kriecht Speichel die Schnauze hinunter. Sowohl Ekel als auch Speichel erreichen und imprägnieren das Sofa gleichermaßen.

Die Frau liegt auf dem Sofa und hält die Katze mit dem Fuß auf Abstand. Auch sie ekelt sich vor der Katze, fasst sie nur mit Tüchern an, die das Bedürfnis der Katze nach Liebe nicht befriedigen können. Die Katze kriecht aus dem Wohnzimmer. Einige Viertelstunden später verabschiedet sich auch der Besucher unter Aufbietung all seiner schauspielerischen Kräfte, um die angemessene Müdigkeit darzustellen.

Die Frau war auf dem Sofa eingenickt und protestiert nicht gegen das Verlassenwerden. Das hat sie schon genug getan, an anderer Stelle. Der Besucher steigt die Treppe hinauf und begegnet der Katze, die in den Flur vor seinem Zimmer gepinkelt hat. Er sperrt seine Tür von innen zu und findet Katzenhaare auf seiner Bettdecke. Wieder der Ekel.

Irgendwann Schlaf. Am nächsten Morgen begegnet der Besucher der Katze, die sich die Treppe hinaufschleppt. Ihr knicken die Beine weg, aber sie kämpft wie ein Löwe. Auf ihrem knochigen Rücken lastet alle Verantwortung für die Frau.

Die Katze rührt den Besucher. Sie war einst die beste Vertraute seiner glücklichen Kindheit. Schon damals hatte sie das Herz eines Löwen. Ich möchte weinen. Ich bin der Besucher. Die Frau ist meine Mutter, und sie ruft mich zum Frühstück, um mit ein bisschen zu lauter Stimme meinen Vater zu verteufeln.

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20 Antworten

Kommentare

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    unglaublich. da sagt der autor zwei mal in aller deutlichkeit, dass der text pure fiktion ist und trotzdem schickt man das arme tier im nächsten kommentar wieder zum tierarzt. leute, fangt bitte das LESEN und das DENKEN an. ansonsten muss man euch vermutlich ganz bald einschläfern lassen :-)

    09.08.2007, 19:43 von homeless
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    Du, geh doch einfach mit der Katze zum Tierarzt.
    Das beste wäre es sicherlich, wenn du sie einschläfern lässt, damit ist dem Tier am meisten geholfen.
    Deiner Mutter bringst du am besten ein Jungtier mit, da hat sie etwas um dass sie sich kümmernd freuen kann und dann ist sie vielleicht auch nicht mehr so unglücklich.

    20.07.2007, 14:23 von ViperTwingo
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    klingt wie das leben.
    und dann frag ich mich, warum der/die "Ich-Erzählerin" nicht aus den selbstgewobenen Netzen ausbricht.
    ich mag lieber ein ende, das etwas optimismus weckt - und man merkt, dass da noch hoffnung da ist.

    13.07.2007, 23:30 von lila-hexe
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    Iss ja gut, habe ich übersehen. *g* Ich mag den Text trotzdem nicht.

    12.07.2007, 17:58 von Freydis
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    DIESER TEXT HANDELT WEDER VON MEINER KATZE NOCH VON MEINER MUTTER!!!!!!!


    schön dass der text emotionen in euch weckt, aber ich finde manche kommentare tatsächlich etwas daneben...

    nichts für ungut, aber ich bin weder herz- noch lieblos...

    die distanz, die der beobachter an den tag legt, nennt sich stilmittel.

    ich empfehle zum tiefergehenden verständnis der gesamtsituation die kommentare von quergedacht und noerle

    12.07.2007, 17:28 von hanako
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Warum nicht gleich auch die Mutter einschläfern lassen?! Alles Alte, Häßliche, Unansehnliche! Dass du keine Katzen magst, merkt man, und so seine eigene Mutter zu sehen ist einfach lieblos wie der ganze Artikel.

    11.07.2007, 23:57 von Freydis
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    Oh my god, killercats from mars !

    Ok der text regt nicht wirklich zum witze machen an, schön geschrieben, aber ein bischen ekel vor katzen ist jetzt dennoch geblieben.

    11.07.2007, 20:16 von Mewkew
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    finde den text ehrlich gesagt richtig gut, ich verstehe die vorangegangene kritik in dem maße auch gar nicht. das thema ist sehr traurig, aber leider zu wahr. wie viele ältere leute sind einsam und kommen da selbst nicht aus ihrer einsamkeit raus? gerade das festhalten an den alten erinnerungen und werten in form der katze find ich gut festgehalten

    11.07.2007, 17:46 von noerle
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    So sehr ich die Tatsache auch hasse, dass meine Mutter wieder geheiratet hat - zumindest wird ihr das nicht passieren wenn meine Schwester bald auszieht. Das ist wirklich hart. Ich hoffe du schaffst es tortzdem ihr Kraft zu geben

    11.07.2007, 15:28 von and-why
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