Die fetten Jahre sind vorbei...
... und ich habe mir nichts vom Büfett geholt.
Ich bin ein Kind der 80er und das ist mein Verhängnis. Ich bin verwöhnt. Damals hatte ich ein eigenes Kinderzimmer, das groß genug war, ausufernde Träume zu entwickeln. Dabei hatte ich selbst immer das Gefühl, ich sei ein eher bescheidener Träumer unter meinen Zeitgenossen. Ich wollte kein Cabrio, kein dickes Auto, keine Villa, kein Schloss. Ich wollte keinen Chefsessel in einem großen Konzern, keinen Nerz, keine Juwelen. Ich wollte einfach nur einen Job, in dem ich mich verwirklichen kann. Mit Kleingeld zum Reisen, ohne Sterne an Hotelmauern, dafür mit allen Sternen über mir. Und später mal ein kleines Haus im Grünen, in dem ich meine Kinder großziehen könnte.
Für diesen Traum ging ich also in den 80ern ins Rennen, drückte brav meine Schulbank und hängte das Studium hintendran. Die Reisen kamen kürzer als ich es wollte, weil ich seit den 90ern trotz Nebenjobs tendenziell pleite bin. Ich habe mein Studium abgeschlossen mit besseren Noten, als ich es selbst für möglich gehalten hätte, habe meine Berufspraktika gemacht – einschlägig versteht sich –, mein Auslandsstudium mit dazu gepackt und eine zusätzliche Fremdsprache gelernt.
Jetzt sitze ich in einem neune Jahrzehnt fest, das noch nicht mal einen ordentlichen Epochennamen hat. 00er? Klingt irgendwie nach Toilettenspülung, und damit sind wir im Bild ja auch gar nicht mal so verkehrt. Man kann in diesem Jahrzehnt einiges ins Klo spülen, das einem ursprünglich so selbstverständlich erschien wie das Atmen. Allem voran die geballte bürgerliche Weisheit der Kindheit: „ Von nichts kommt nichts.“ „Wer etwas aus sich machen will, der lernt was Ordentliches.“ „Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“ „Mit Abitur und Studium steht dir die Welt offen.“ „Qualifizierte Arbeitskräfte werden immer gebraucht.“ „Die guten Studenten kommen auch unter.“ „Wer als Praktikant überzeugt, der hat gute Chancen auf Festanstellung.“ Alles runter damit...!
Anfang dieses namenlosen Jahrzehnts saß ich wieder in meinem Kinderzimmer, in dem ich damals meine Träume spann, und musste feststellen, wie klein es mir geworden war. Mit meinen 30 Jahren völlig pleite wieder bei Mama und Papa gelandet, ein halber studentischer Hausrat in Kisten im Keller und außer unbezahlten Praktika nichts in Aussicht – da blieb auch in diesen kuscheligen vier Wänden nicht mehr viel übrig von der Geborgenheit der Kindheit.
Und ich komme nicht umhin, mich betrogen zu fühlen. Es kommt mir so vor, als sei ein dicker großer Mann im schwarzen Anzug, der mich erschreckend an Helmut Kohl erinnert, bei Nacht und Nebel mit einem großen grauen Koffer über die Grenze geflohen – wahrscheinlich in die Schweiz. In dem Koffer hat er alles mitgenommen, was Deutschland und mir einmal versprochen wurde. Die Renten, die soziale Absicherung, meinen Zahnersatz und den Bausparvertrag. Und hinter sich her zieht er einen großen Handkarren, in dem sind meine Träume: Meine Kinder, von denen ich nicht weiß, wann ich sie bekommen soll, wenn ich mit 35 Jahren vielleicht irgendwann mal so weit bin, beruflich durchzustarten. Mein Job, für den ich mich über zehn Jahre ausgebildet habe. Mein Stolz, der viel gelitten hat als hoch qualifizierte Kopierhilfe, als unterbezahlte Fachkraft, die sich aus Angst auch diesen Job zu verlieren viel zu viel gefallen ließ, und schließlich als namenlose Arbeitslose.
Die Zukunft hat nichts mehr von dem bunt schillernden Bild aus meiner Kindheit. Es ist ein gruseliges Zerrbild geworden, das mich nachts wach hält. Und ich selbst bin auch nur noch ein verzerrtes Abbild von der Person, die ich mal sein wollte. So bin ich also eine von denen geworden, die jammert. Und dafür sollte ich mich in Deutschland bestimmt schämen. Aber das tue ich nicht. Ich habe mich geschämt, als ich keine Arbeit hatte, als ich mit 30 bei meinen Eltern wohnte und als ich dem Arzt sagen musste, dass ich mir seine Zahnbehandlung nicht leisten kann. Ich bin durch mit Schämen.
Aber ich bin auch nicht gerade stolz, weil ich meine eigenen Ziele eben nicht erreicht habe. Dennoch hat sich mein Leben mittlerweile stabilisiert und ich habe keinen Grund, unglücklich zu sein. Ich habe meine Liebe, meine Freunde, meine Gesundheit, mein Glück, und ich weiß, dass das mehr ist, als mir vielleicht zusteht. Ich habe eben gelernt bescheidener zu sein als das 80er-Jahre-Kind in mir.
Die fetten Jahre sind vorbei. Das ist nun mal so, da hilft kein Heulen und Zähneklappern. Sie sind vorbei und kommen, so sagt man, nicht wieder. Nur leider war ich darauf nicht vorbereitet. Ich habe mir nichts vom Büfett geholt, weil ich dachte es sei morgen auch noch da. Ich habe nichts davon in Tupperdosen gepackt, nichts im Drei- Sterne-Eisfach eingefroren. Und manchmal wache ich nun nachts auf und mein Magen knurrt.




Kommentare
Also Texte schreiben kannst Du. Hättest Du Dir das mal träumen lassen ? :-)
09.10.2007, 17:49 von Tim123Ich glaube nicht, dass die fetten Jahre vorbei sind, eher die "fetten Träume".
Gerade an der Uni ist Realitätsverdrängung weit verbreitet. Tausende beginnen jedes Jahr Studiengänge, von denen sie bereits am Anfang wissen müssen, dass die Chance hier einen Job zu bekommen, äußerst gering sind. Un die wenigen Jobs in diesem Bereich nicht die erhalten, die sich gerade hierzu keinen Gednakne machen. Am Ende steht dann entweder der Studienabbruch oder eine Tätigkeit in einem ganzen anderen Bereich. Das muß nicht Schlimm sein, auch damit kann man glücklich werden. Schlimm ist aber die von Dir angesprochene verlorene Lebenszeit im Bezug auf Familie und Kinder. Das läßt sich nicht mehr aufholen oder umschulen. Am Ende steht dann ein paar Jahre Sorglosigkeit im Studium gegen geplatze Lebensträume.
DAS ist das Problem von uns 80ern.
Liebe Grüße, Tim123
das ist wahrlich ein ausdruck, der sehr, sehr subjektiv ist.
20.05.2007, 12:51 von NeonBlondWenn man seine Unterhose im Sommer nass macht, und dann ins Eisfach legt, um den Joker an einem heißen Sommertag zu zücken..... dein Betrag ist sehr nachvollziehbar und dich glaube, dass du da so einigen aus der Seele sprichst, mir inclusive. Die Unterhose liegt schon seit zehn Jahren im alten Blaupunkt Kühlschrank. Erst als mir der Gedanke an kühle Unterwäsche wieder in den Sinn kommt, muss ich feststellen, dass sie zwischen viva Vital Gemüse und Dr Oetker festgefroren ist.
20.05.2007, 12:32 von tantiNur eine Frage hab' ich zu deinem Text: Woraus besteht dein Buffet?
Liebe Grüße, Tanti
Genauso geht es mir auch - und auch wenn ich "erst 23" bin, habe ich das Gefühl, die Türen schliessen sich, die Trillerpfeife trillt und der Zug fährt ab. Da ist es egal, dass man sieben Jahre im Ausland war und ier Sprachen fliessend spricht. Dass man Sterne in den Augen hat, wenn man vom Traumjob spricht. Denn so was kann man einfach in kein dämliches Motivationsschreiben packen.
19.05.2007, 20:04 von PrincipessaDir alles Gute!!
waren die jahre wirklich sooo fett und sind sie jetzt wirklich sooo mager? fragen wir mal die 80 % der menschheit, die unter unserem ach so niedriegen standard leben, wer von denen sauberes wasser, ärtzliche versorgung, ein leben ohne ständige angst oder sogar zugang zu einem pc hat. nichts gegen die geplatzen träume vom beruf, das kenn ich selbst nur zu gut, aber dieses dramatische geheule von allen seiten regt mich weit mehr auf..
12.05.2007, 12:52 von alohaheeJetzt ist schon etwas viel Zeit vergangen, aber ich kam einerseits nicht früher dazu, denn – um die Frage, was ich außer Jammern tue, zu beantworten - ich arbeite fleißig, um meine Träume dennoch zu verwirklichen, und das mit jeder Menge Abstrichen (aber das nur am Rande). Und andererseits äußere ich mich nicht gern zur Kritik, denn das klingt nach Rechtfertigung und das ist nicht meine Absicht, aber ein paar Sachen muss man auch nicht einfach so hinnehmen.
14.04.2007, 15:13 von cosima.van.tutteLieber FalcoT,
bei allem Verständnis für Kritik an meinem Text, muss ich sagen, dass mir da dann doch die Grenzen zur Kritik an meiner Person etwas arg verschwimmen. Ob Du meine persönlichen Sorgen nachvollziehen kannst oder nicht ist eine Sache, dass Du sie lächerlich findest ist zwar bitter, aber auch das ist Deine berechtigte Meinung, aber dass Du mir unterschwellig Egoismus, Ignoranz, Naivität und fehlende Weitsicht unterstellst, finde ich dann doch ein wenig dreist.
Unterstützt von cherryNow, die dem Egoismus dann noch Materialismus oben drauf packt, zeichne ich dann – zusammen mit den andern Jammerlappe der Welt – also auch noch verantwortlich für Depression und Suizid.
Und schönster Weise gipfelt das dann in eine „Abhandlung“ (wie Du es nennen würdest) über Darwin und den Kreis des Lebens....!!! ????!!!
Für mich ist Darwin der personifizierte Götze des Egoismus, der uns allen vorbetet, dass nur der Stärkste überlebt und die Schwachen ausgesondert werden.
Ich persönlich dachte immer, dass der Darwin’sche Gedanke und nicht das Jammern die Triebfeder des Materialismus ist und Materialismus der Tod des sozialen Gedanken. Bist Du nicht vielleicht schon vielmehr zum Opfer der materialistischen Welt geworden? Denn offensichtlich ist für Dich und ähnlich Denkende der soziale Gedanke eine Art Modebegriff geworden, der sich nur gestaffelt anwenden lässt: „Dritte Welt“ und Todkranke, da geht schon ein bisschen soziales Bewusstsein, aber in Deutschland darf’s einem schon aus politischer Korrektheit nicht schlecht gehen?
Ich arbeite mittlerweile in einer Einrichtung, in der ich mit sehr vielen Schicksalen von Menschen in Deutschland konfrontiert werde und ich sage Dir und all den anderen, die die jammernden Deutschen so verurteilen: Armut zieht sich mittlerweile durch alle Schichten unseres Landes, finanzielle Absicherung hat nicht mehr allein mit Fleiß zu tun, nicht jeder der arbeiten will, findet Arbeit und auch körperlich gesunden Menschen in unserem Land geht es dreckig!
Wer gibt uns das Recht den Maßstab anzusetzen, ab wann es jemand berechtigt schlecht geht??
Und um es noch mal ganz klar zu sagen: ich habe den Vergleich mit der „wahren Armut“ oder „wahrem Leid“ nicht ins Feld geführt. Ich habe meinen Artikel noch mehrmals gelesen und finde, wenn man ihn richtig verstehen will, dann steht das auch nirgends.
Ich habe kein Problem mit Kritik an meinem Text, aber diese Unterstellungen, was ich als „bekennende Jammernde“ – ja, ich habe Sorgen! verdammt noch mal, wer von Euch kann das beurteilen! – egoistisch zu schimpfen.... ich finde das steht niemandem zu!
Und ganz zum Schluss möchte ich deshalb Dich, FalcoT selbst zitieren: “Was ich damit sagen will, lernt die Dinge besser zu verstehen, gerade im zwischenmenschlichen Bereich fehlts mächtig bei vielen hier.“
@cherrynow
28.03.2007, 04:34 von Falco_TransparenTohne hier jetzt eine kapitalismus-manöver-kritik zu starten liegen die gründe für mich (wie du schon sagtest) in der materialistischen welt. infolge derer rückte der glanz des besitztums viel mehr in den vordergrund als anderswo. ich jammere auch, wenn ich allein bin, und fühle mich gleichzeitig schlecht wenn ich dann an menschen denke, die in genau diesem moment an hunger oder krankheit leiden. später komme ich dann zu folgender antwort: der zunehmende materialismus verdrängt kultur und menschliche werte, schafft leere in den köpfen der menschen. einige versuchen das zu kompensieren in dem sie sich perfekt anpassen, schule, studium, karriere. sie werden nur scheinbar zufriedener und merken spätestens im alter das sie nicht glücklich sind, weil sie vergessen haben mensch zu sein. viele leute funktionieren einfach nur in der gesellschaft ohne ihr innerstes zu finden und fühlen sich dann alleine zumeist mit gefühlen konfrontiert, welche sie nicht kennen und lieber verdrängen. das ist im groben der anfang einer herrkömmlichen psychose ;-). im detail gibts dafür soviele gründe, zum beispiel in der erziehung, wo eltern dem kind gewisse ideale anerziehen. das kind fühlt sich bei nichterfüllung dieser neuen ideale natürlich schlecht und will das kompensieren, bevor es überhaupt die möglichkeit hat sich selbst zu finden und ein eigenes ego aufzubauen. darüber lässt sich viel diskutieren und spekulieren. nach darwins theorie überleben die lebewesen, die am besten an die umwelt angepasst sind. somit bleibt dem menschen nur die wahl zwischen urwald oder großstadtdschungel, die wahl zwischen überlebenskampf oder entfremdung..................
Danke Falco TransparenT! bin da deiner Meinung.
25.03.2007, 16:01 von cherryNowAber wie kommt es zu dieser Unzufriedenheit?
Warum z.B. treten Depressionen und Suizide gehäuft in Wohlstandsländern auf? (Übrigens: Deutschland gehört dazu!)
Ich denke Risikofaktoren sind Egoismus und Materialismus...
Manchmal hilft es den Blick nach oben wieder auf andere Werte und Ziele zu richten.
@Reinhard Häfner,
23.03.2007, 14:55 von bemmenbuechseich glaube, vom Prinzip her bewegen wir uns auf der gleichen Welle. Doch fehlt Dir eindeutig der Feinschliff, Meister.
Um nach liberalen Prinzipien unsere Gesellschaft lebens- und leistungswerter zu gestalten, ist der Holzhammer die falsche Waffe. Besser ist meiner Meinung nach der Schafspelz, den Du Dir eindeutig noch überziehen solltest...
VG J.Hartz
Was isn das bitte für ne Argumentation???
23.03.2007, 08:10 von HaferschleimDu wirst doch nicht ernsthaft die Finanzierung von Kindergartenplätzen oder Studium und das Umverteilen von Geld an Leute, die aus eigenem Unvermögen nicht in die Gänge kommen, miteinander vergleichen wollen.
Das eine sind Investitionen in die Zukunft, das andere ist rausgeworfenes Geld!