Honigmelone 28.07.2011, 22:36 Uhr 5 15

Die Diktatorin und das Meedchen

Die Diktatorin konnte gut rechnen, sie war konsequent und leicht grausam. Das Meedchen hingegen war ziemlich emo. Es mochte Süßigkeiten und Knutschen

leider war es ein bisschen dumm. Eigentlich konnten die Diktatorin und das Meedchen sich nicht ausstehen, dummerweise waren sie gezwungen, miteinander auszukommen - mussten sie sich doch beide denselben Körper teilen: Sabrina.

Solange sie schliefen, ging das noch halbwegs gut, doch sobald Sabrina aufwachte, wurde es schwierig. Sabrina machte ihre Augen heute um sechs Uhr früh auf, die Diktatorin hatte den Wecker am Abend zuvor auf diese Uhrzeit gestellt, weil sie fand, Sabrina könne ein bisschen Waldlauf vor dem Büro nicht schaden. Jetzt wollte sie aus dem Bett und unter die kalte Dusche springen, doch sie schaffte es nur bis in den Flur, genau genommen bis zum Bücherregal. Die Katze, die darauf saß, entzückte das müde Meedchen. Es sagte: "Miezi, Miezi, Mäuzi-Maus", nahm die Katze, gähnte. Im Bett rollte es sich zu einem Miezi-Meedchen-Knäuel zusammen und hielt sich die Ohren zu, um die Vorhaltungen der Diktatorin nicht hören zu müssen, die dem Meedchen ein zahn- und kinderloses Leben in Trübsal und Arbeitslosigkeit prophezeite.

Das Meedchen bekam Fetzen davon mit, denn um sich am Bauch zu kratzen, musste es mit einer Hand das Ohr loslassen. Irgendwann stand es freiwillig auf (na gut, vielleicht wurde es auch von der Diktatorin am Ohrwaschel herausgezogen, wer weiß das schon) und ging ins Büro. Auf dem Weg dahin besorgte es sich noch ein Cupcake, doch das sah die Diktatorin, haute dem Meedchen auf die Finger und warf das Gebäck in den Abfalleimer. "Du bist fies.", hatte das Meedchen gequengelt und sich in eine Ecke verzogen. Ob das Meedchen ernsthaft schmollte, war nicht ganz klar, es versteckte sich eigentlich immer, wenn Sabrina das Büro betrat. Es hatte ein bisschen Angst vor Excel-Tabellen und es mochte keine Schreibtische.

Die Diktatorin dagegen blühte in diesen Stunden regelmäßig auf. Sie genoss es, dass sie von allen Ingenieuren den aufgeräumtesten am klarsten strukturierten Büroraum hatte, und dass ihre Berechnungen immer am effektivsten waren (sie waren auch die kompliziertesten). Mehrfach war sie für ihre Druckmaschine ausgezeichnet worden, die einen spektakulär geringen Reibungsverlust hatte. In der Pause wischte sie gern ihre Trophäen mit einem aluminiumbeschichteten Tuch ab, danach ließ sie sich von ihrer Sekretärin ein Mineralwasser und etwas Stangensellerie bringen. Manchmal mischte sie sich auch unter ihre Kollegen und wies sie auf Schludrigkeiten in ihren Berechnungen hin. Alles war ganz wunderbar und das war nur möglich, weil das Meedchen zuverlässig in seiner Ecke blieb.

Leider hatte das Meedchen in der letzten Zeit angefangen, sich dort grässlich zu langweilen. Die Diktatorin hatte das mitbekommen und das Meedchen bestechungshalber ein paar Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen schauen lassen. Auch hatte sie versucht, das Meedchen mit ein paar Gummibär-Schlümpfen ruhigzustellen. Sie ahnte allerdings, dass das Meedchen sich davon nicht lange beeindrucken lassen würde. Es würde nicht immer den Mund halten. Am Tag, an dem die Diktatorin ihm den Cupcake weggenommen hatte, war es nun so weit.

"Guck mal!", wisperte das Meedchen.

"Ja?", fragte die Diktatorin schroff. Sie hatte gleich eine wichtige Präsentation und war dementsprechend ungehalten.

"Der da!", flüsterte das Meedchen weiter und winkte mit dem Kopf in Richtung Kopierer.

Am Kopierer stand ein braunhaariger Mann mit Brille. Wie die meisten Ingenieure hier trug er ein Hemd und darüber einen Pullunder.

"Nicht so auffällig. Der ist neu, glaube ich. Was ist mit dem?" Die Diktatorin hatte
nun auch ihre Stimme gesenkt.

Der Mann hatte einen bordeauxroten Pullunder und eine Nickelbrille.
"Der ist süß." Das Meedchen kicherte leise.

Er war wohl Ende 30, Anfang 40. Allerdings fand es die Diktatorin schwierig, einzuschätzen, wie alt Männer wirklich waren.

"Ach du immer!"

"Ich immer?" Leicht verwirrt schaute der Mann zu der Diktatorin. "Kennen wir uns?"

"Das darfst du doch nicht laut sagen!!!!" zischte das Mädchen.

"Nein, äh, nein. Tut mir leid. Ich war gerade in Gedanken. Entschuldigen Sie." Die Diktatorin wurde rot und ging zurück in ihr Büro. Mechanisch rechnete sie weiter, hatte aber keinen rechten Spaß mehr an der Sache. Das Meedchen bekam eine Menge Kopfnüsse. In Zukunft würde die Diktatorin woanders kopieren.

Dumm nur, dass das Meedchen neugierig geworden war. Wenn die Diktatorin nicht aufpasste, hackte es sich in das Betriebssystem der Personalabteilung. Es fand heraus, dass der Mann vom Kopierer Ole hieß, neununddreißig Jahre alt war und in der Supermarktkassenentwicklung arbeitete. Von nun an trug das Meedchen regelmäßig komplizierte Druckmaschinenmodelle in der Supermarktkassenentwicklung vorbei, bevorzugt an Oles Büro und in der Hoffnung, dass das Modell beim Aufprall auf die Erde in tausend Stücke zerspringen würde. Sicher war Ole hilfsbereit. Leider wurde es jedes Mal von der aufgebrachten Diktatorin abgehalten, das Modell tatsächlich fallenzulassen.

So blieb dem Meedchen nichts anderes übrig, als in einem unbeobachteten Moment auf Ole zuzustürmen, ihn anzulächeln und zu fragen: "Kopieren Sie öfter?"

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5 Antworten

Kommentare

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    eigentlich nicht mein "cup of tea" aber wegen dem letzten Satz dann doch ne Empfehlung.

    03.08.2011, 21:05 von plattenbau-beau
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    Dieses tägliche Gefühlschaos in einen feinen Text gepackt. Schöne Idee - gefällt mir gut.

    01.08.2011, 10:30 von Jackie_Grey
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    Der letzte Satz ist toll :D Ich mag die Ironie des Textes, das 'Meedchen' usw.... echt niedlich :D

    29.07.2011, 12:42 von LaVieCurrieux
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    Ich mag Deine Texte.
    Zum Schluss wirds ja interessant ... ergibt sich ein Gespräch, und wenn ja, wer wird die Oberhand gewinnen ... Diktatorin oder Meedchen ? :)

    29.07.2011, 11:37 von Cyro
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    Und Ole antwortete: "Ich bevorzuge Originale."

    28.07.2011, 22:47 von MissRaten
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