Die Dame in Schwarz
Ich habe noch eine Verabredung, von der du nichts weißt.
„Ich kann‘s manchmal auch nicht fassen, wie seltsam es ist, überhaupt irgendwas, irgendwer zu sein.“, sage ich und erkläre dir, warum mich gerade diese letzte Zeile aus „In The Aeroplane Over The Sea“ so berührt. „Geht‘s dir nicht manchmal genauso?“, frage ich dich. Du bist gerade damit beschäftigt, dir dein Nachthemd anzuziehen und wirfst einen müden Blick auf deinen Radiowecker, dessen eisblau leuchtenden Zahlen dir verraten, dass es mittlerweile fast Mitternacht ist. „Du, ich hatte heute einen anstrengenden Tag und es ist schon spät. Lass uns doch morgen darüber reden, okay?“, sagst du, legst dich neben mich ins Bett und schenkst mir ein tröstendes Lächeln. Ich zögere kurz, schenke dir aber schließlich ein verständnisvolles Lächeln zurück und gebe dir einen Gutenachtkuss. Du machst das Licht aus und schließt die Augen.
Ich weiß, dass wir morgen nicht über die Gedanken reden werden, die mich gerade beschäftigen, weil man bei Tag kaum über solche Dinge nachdenkt, geschweige denn spricht. Tagsüber ist man ständig abgelenkt vom geschäftigen Alltagstreiben. Tagsüber hat man zu funktionieren, nicht zu phantasieren. Du funktionierst reibungslos – so reibungslos, dass ich dich mal boshaft „mein Zahnrädchen“ genannt habe, was dich sehr verletzt hat. Ich bin mir nicht sicher, warum ich das getan habe, ob aus Abneigung oder aus Neid. Ich vermute, dass es Letzteres war, denn manchmal wäre ich auch gerne ein funktionierendes Zahnrad. Ich bin es aber leider nicht. Ich habe die falschen Ecken und Kanten, die irgendwie nicht so recht zu dir, zu den anderen Zahnrädern und in die große Maschine passen wollen.
Es ist verrückt: Während viele „normale“ Menschen gerne anders wären, wären viele „andersartige“ Menschen gerne normal. Man kann sich allerdings beides nicht einfach aussuchen. Man kann sich nicht für eines der Persönlichkeitsmodelle „Normal“ oder „Anders“ entscheiden und es sich auf die Nase setzen wie eine zu groß geratene Brille. Man kann sich höchstens dazu entscheiden, für eine Weile Urlaub im Land der Normalen oder der Andersartigen zu machen, wird dort aber immer als Tourist erkannt werden.
Ich weiß: Ich schweife ab. So ist das eben, wenn nur meine Gedanken und ich noch in der Dunkelheit wach liegen. Ich höre zu, wie deine Atmung ruhiger wird. Du bist eingeschlafen, auf Reise in dein Innerstes gegangen. Einen Augenblick lang bin ich schrecklich wütend auf dich, weil du dich einfach aus dem Staub gemacht hast. Nur einen Augenblick, weil ich mich langsam daran gewöhnt habe. Ich verüble es dir nicht mehr, wenn du mich mit meinen Gedanken allein lässt. Du meinst es nicht böse. Du bist einfach nicht wie ich und dafür kannst du nichts. Ich gebe zu: Es ist nicht nur mein gewonnenes Verständnis für dein Verhalten, das mir schlaflose Nächte mittlerweile erleichtert. Nein, viel entscheidender ist wohl, dass ich anderweitig Gesellschaft gefunden habe. Ich werde gleich auch auf Reise gehen. Ich habe noch eine Verabredung, von der du nichts weißt.
Eine Weile warte ich noch, bis ich mir sicher bin, dass du tief und fest schläfst. Ich richte mich ganz vorsichtig auf, um dich nicht aufzuwecken, und steige aus dem Bett. Ich gehe lautlos die Treppe hinunter, gekonnt die knarzenden Stellen meidend. Ich habe das hier schon unzählige Male gemacht. Im Flur fische ich unseren gemeinsamen Autoschlüssel aus deiner Handtasche, ziehe mir meine Jacke an und trete vor die Haustür. Ich ziehe sie leise hinter mir zu und gehe hinüber zum Auto. Meine Verabredung sitzt bereits auf dem Beifahrersitz und erwartet mich sehnsüchtig. Ich habe sie seit unserem letzten Treffen ebenfalls sehr vermisst. Sie ist wie immer ganz in Schwarz gekleidet. Sie sieht umwerfend aus. Ich setze mich auf den Fahrersitz und lege die CD mit der Musik ein, mit der du nichts anfangen kannst, wir beide aber umso mehr.
Ich fahre los, aus der Stadt hinaus – dorthin, wo uns kein künstliches Licht der Welt mehr stört. Ich schaue in den sternenklaren Himmel, der mich in seiner Grenzenlosigkeit einmal mehr daran erinnert, dass unser Planet nichts weiter ist als ein winziges Raumschiff im riesigen Weltall, das auf Autopilot um die Sonne kreist. Wir als die uneinige Besatzung werden uns dessen viel zu selten bewusst, finde ich. So wie bei Tag Arbeit und Medien unsere Gedanken zerstreuen, so zerstreut der Himmel das Sonnenlicht und verwehrt uns den Blick über seinen stahlblauen Tellerrand. In gewissem Maße ist das auch sinnvoll: Es hilft uns dabei, hier und jetzt zu leben, statt uns in der Ungewissheit zu verlieren, die uns umgibt. Ich verliere mich trotzdem hin und wieder gerne in ihr. Mir ist bewusst, dass ich zu keinem Ergebnis kommen werde, aber das stört mich nicht. Ich glaube nicht an die Mathematik und daran, dass am Ende einer Rechnung immer ein eindeutiges Ergebnis zu stehen hat. Ich glaube nicht daran, dass sich die Wahrheit mit nüchternen Formeln und Zahlen erfassen lässt.
Meine Beifahrerin versteht das. Mit ihr kann ich über all die Gedanken reden, die mich beschäftigen. Sie schweigt und hört mir aufmerksam zu. Sie spricht nur, wenn sie wirklich etwas zu sagen hat und stellt im richtigen Moment Fragen, die von echtem Interesse zeugen. Im Gegensatz zu dir stellt sie mir nie die Frage, wo wir zwei eigentlich hinfahren, wo das alles hinführen soll. Sie kritisiert mich nicht dafür, dass ich kein klares Ziel habe. Sie verurteilt mich nicht für meine Schwächen und Probleme. Sie erschrickt nicht, wenn ich ihr von meinen dunkelsten Geheimnissen erzähle. Sie unterscheidet nicht nach „gut“ und „schlecht“. Sie gibt mir die Freiheit, nicht funktionieren zu müssen, sondern einfach nur sein zu können. Es gibt nur eines, was mich an ihr stört: Sie fragt sehr oft nach dir.
In solchen Momenten wird mir unweigerlich wieder bewusst, dass ich alleine im Auto sitze. Nicht die Dame in Schwarz ist es, die nach dir fragt, sondern ich selbst. Sie und ich mögen seelenverwandt sein, doch im Gegensatz zu dir stellt sie mir nie die Frage, ob sie mich mit nach Hause nehmen kann. Spätestens, wenn die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen die Dunkelheit langsam auflösen, verschwindet sie auf die gleiche geheimnisvolle Art und Weise, in der sie erschienen ist.
„Warnung: kritischer Treibstoffmangel“, lässt der Bordcomputer meiner Fluchtkapsel verlauten. Meine Flucht vom Raumschiff Erde ist erneut misslungen. Ich muss umkehren.
Ich fahre in die Stadt zurück, zu dir nach Hause, lege mich wieder neben dich ins Bett und kuschle mich an deine Seite. Du wachst auf und fragst mich mit schlaftrunkener Stimme, ob ich gut geschlafen habe. Ich antworte nur leise „Mh-hm…“ und drücke dich ganz fest. Du bist nicht sie, aber du bist echt. In diesem Moment bin ich dir unglaublich dankbar dafür, dass ich nach deiner Hand greifen und auf den Boden der Tatsachen zurückkehren kann, auf dem du mit beiden Beinen so fest stehst. Ich genieße stillschweigend die letzten Minuten, bevor ein neuer Tag beginnt, an dem ich wieder irgendwie funktionieren muss.
„Mir geht‘s übrigens manchmal genauso.“, sagst du.





Kommentare
Zum drin versinken, wunderbar.
02.04.2013, 21:07 von VonGruenwaldDanke für den Text (:
Wahnsinnig fantastisch. Ich finde mich in deinen Worten wieder und genieße einfach deine Kunst.
01.04.2013, 21:17 von FrauFlauschigeinfach toll!
30.03.2013, 17:06 von SomebodyisinIch verliere mich ein bisschen in Deinen Worten, dieser Geschichte. Sie ist so nah und echt.
29.03.2013, 22:22 von fassadenmenschUnglaublich gut niedergeschrieben und formuliert, herzlichen Dank!
wow! wundertoll.
28.03.2013, 11:18 von kawikaniSehr schöner Text! Eigentlich nur eine kleine Anekdote aus dem Leben und doch so viel mehr!
17.03.2013, 17:43 von VivYanaWundervoll.
16.03.2013, 18:32 von NoDoubt489Wow!
15.03.2013, 18:07 von Peacieganz groß! Gänsehaut.
13.03.2013, 22:14 von liasich bin gerade wirklich geschockt... du sprichst mir aus der seele.!
13.03.2013, 21:49 von kopfverirrt