Die Crux mit der Erinnerung
Ich weiß nicht erst seit heute, dass mein Bruder in mein Zimmer will. Schließlich ist meines größer und heller. Und voll mit meinen Erinnerungen.
Obwohl in einem anderen Haus, in einem anderen Zimmer, mein Freund auf mich wartet, drücke ich mich davor, mein Zimmer auszuräumen.
Es ist ein Schoko-Nikolaus, mindestens haltbar bis Feb. 2005, der mich daran hindert, mein Zimmer auszuräumen und mich einem schon laufenden, anderen Lebensabschnitt vollkommen zuzuwenden.
Diesen Schoko-Nikolaus habe ich am 7. Dezember 2003 von dir bekommen. Ich weiß dieses Datum deshalb noch so genau, weil wir an diesem Tag genau 11 Tage zusammen waren. Weil meine Mama an diesem Tag Geburtstag hatte und wir - meine beiden Brüder, mein Vater und ich - mit ihr essen waren. Weil du mich an diesem Tag das erste Mal zu Hause besucht hast.
Ich hatte viele erste Male an diesem Tag.
Dieser Schoko-Nikolaus war das erste und einzige Geschenk, das ich von dir bekommen habe. Die Zeit mit dir war irrsinnig kurz. Sie hat gehalten bis Februar 2004. Dem 25., um genau zu sein. Auf den Tag genau 3 Monate. Gesehen haben wir uns 5 oder 6 Mal. Vielleicht auch öfter. Aber so genau weiß ich das leider nicht mehr. Wir haben uns im Internet kennen gelernt. Und leider hattest du nur selten Zeit für mich. Weil dein Vater nicht mehr da ist und du der Älteste bist.
Als ich dich kennen gelernt habe, habe ich neue Bettwäsche gekauft. Schließlich hatte ich nur kindische bunte mit komischen Mustern. Die wollte ich dir nicht zeigen. Also habe ich neue gekauft. In gelb und orange. Einfarbig.
Ich hatte schon immer 2 Kopfkissen und 2 Bettdecken in meinem Bett. In dem Bett, das ich jetzt mit meinem Freund teile, liegen auch 2 Kopfkissen und 2 Bettdecken. Aber die Bettwäsche, die ich damals gekauft habe, als ich dich kennen gelernt habe, kann ich nicht auf die beiden Kopfkissen und Bettdecken aufziehen, die in dem Bett liegen, das ich mit meinem Freund teile. Die Erinnerung an dich hat sich nämlich nicht raus waschen lassen.
Heute hat mich meine Mama zum Mittagessen “nach Hause” beordert. Ich habe das Haus betreten, das so lange mein Zuhause war, bis ich meinen Freund kennen lernte. Obwohl ich, streng genommen, nicht das Haus und auch nicht immer meine Familie als mein Zuhause angesehen habe, sondern nur mein Zimmer. Mein Zufluchtsort. Meine Hochburg. Zu oft nämlich hat meine Mutter mich im Alter zwischen 12 und 17 unter Ohrfeigen und Koffer nach werfen aus diesem Haus geworfen. Und mich “gnädigerweise” immer wieder zurück geholt.
Mein Freund und ich sind seit Mai 2005 zusammen. Seit Juli 2005 wohnt er in der Nähe meines Elternhauses. Er kam wegen eines Jobs aus Berlin nach Frankfurt und aus Liebe zu mir zog er in meinen Ort. Ein Dorf, 30 Autominuten von Frankfurt entfernt. Seit August 2005 habe ich immer öfters bei ihm übernachtet. Bis ich irgendwann jede Nacht, jeden Tag und jeden Abend bei ihm war. Wann genau das war, weiß ich nicht mehr. Aber ich bin glücklich. Mit ihm, mit seiner und meiner Liebe, mit dem Leben mit ihm und den Geschenken. Vielen Geschenken. Den Rosen und Orchideen. Den Karten und Briefen.
Den Ringen.
Eigentlich gibt es also nichts, was mich daran hindern sollte, mein Zimmer wieder an meinen Bruder abzugeben. Das Zimmer nämlich, das er mir 3 Jahre nach unserem Einzug ins Haus überlassen hat. Weil meine Eltern im Raum über ihrem Schlafzimmer kein Kind mehr wollten. Um Ruhe zu haben. Und eigentlich hieß es, dass ich dafür das jetzige Zimmer meines Bruders bekomme. Ein winzig kleines, das eher einer Abstellkammer gleicht. Groß genug aber, um meine paar Sachen dort unter zu bringen. Allerdings haben meine Eltern nun beschlossen, dass diese Abstellkammer das Büro meines Vaters werden soll. Für mich ist also kein Platz mehr in diesem Haus. Ich soll gehen. Ohne Ohrfeigen und Koffer nach werfen. “Freiwillig” eben. Dabei dachte ich immer, dass ich es selbst entscheide, wann ich ausziehe.
Die Wohnung meines Freundes ist sehr schön. Aber es knarrt und knirscht überall, wenn er auf Dienstreise oder in Berlin bei seiner Familie ist. In diesen Zeiten schlafe ich immer zu Hause. In der Nähe von anderen. Alleine sein ist mir nämlich nichts. Aber das ist wohl jetzt vorbei. Schließlich bin, pardon, wurde ich freiwillig aus meinem Elternhaus ausgezogen.
Ich sollte unbedingt diesen Nikolaus weg werfen.
Er ist ja auch schon lange abgelaufen.
Nicht mehr genießbar.
Aber es ist doch das einzige, was ich von dir habe…





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