Diagnose – Depression
Ich sehe dich an und vermisse dich. Ich sehe dich an und frage mich: Wo bist du? Wo bist du und dein Lächeln?
Du warst gerade mal 11, als du das erste Mal den Gedanken hattest, dass irgendetwas nicht mit dir stimmt. Du konntest nicht sagen, was es war, aber du wusstest, dass es nicht normal war, wie traurig du ständig warst, dass es viel zu wenig Tage gab, an denen es dir gut ging, an denen du glücklich warst, an denen du dich wirklich lebendig gefühlt hast.
Erst 12 Jahre später hast du den Mut gefunden, dir endlich
Klarheit zu beschaffen. Du bekommst die Bestätigung: Schwere Depression.
Es beruhigt dich für einen Moment, jetzt die Gewissheit zu haben, was mit dir los ist. Doch dann taucht die Frage auf: Was willst du tun?
Therapie, ganz klar, denn du willst nicht mehr so
weiterleben. Wenn du nicht irgendetwas änderst, dann schaffst du dieses Leben
nicht. Das sagt dir dein Gefühl. So oft fragst du dich, warum leben, wenn es
doch so einfach wäre zu sterben?
Ich sehe dich an und frage mich, was hat dich so werden lassen?
Ich erkenne dich nicht wieder. Du bist jemand anderes geworden. Ich merke es in jeder Minute, die wir miteinander verbringen.
Oft bist du mit deinen Gedanken ganz woanders. Etwa da, wo du dir erklären kannst, warum es dir so geht? Suchst du einen Schuldigen? Oder hast du etwa schon jemanden gefunden, den du für dein Leid verantwortlich machst?
Deine Therapeutin sagt, eigentlich hattest du fast gar keine Chance.
Du bist ein Sandwichkind. Eine große Schwester. Eine kleine Schwester. Und du mittendrin. Du bist nichts besonderes. Du bist nur das zweite Kind. Nicht das erste und auch nicht das kleinste, nur das zweite. Du hattest deine Eltern nie für dich allein und bevor du groß genug warst, waren sie schon mit deiner kleinen Schwester beschäftigt. Du musstest von Anfang an selbstständig sein.
Und dann verlässt dein Vater auch noch die Familie. Sandwich- und Scheidungskind. Nein, es hätte gar nicht anders kommen können. Aber es hätte dich nicht noch schlimmer treffen müssen.
Du musstest eine schlimme Trennung ertragen. Du hast dadurch
fast deinen ganzen Freundeskreis verloren und auch noch einen großen Teil
deiner Familie. Du hast dich in vielen Menschen so getäuscht. Du hast viel
verloren und als dann auch noch dein Lehrer, deine männliche Bezugsperson,
starb, hast du es nicht mehr ausgehalten. Dein Leben wurde verändert und was
verloren ging war dein Urvertrauen.
Du hast mir von den Tabletten erzählt. Und ich konnte in deiner Stimme hören, wie enttäuscht du warst, dass es nicht funktioniert hat.
Ich beobachte dich, wie du da sitzt, der Fernseher und dein PC laufen und in deinen Händen hälst du auch noch eine Zeitschrift. Als ob du es nicht ertragen könntest, deinen Gedanken einen freien Lauf zu gewähren.
Ich versuche dein altes Ich wiederzufinden, aber ich habe
die Hoffnung fast schon aufgegeben.
Du hast immer Musik gehört, egal wo du warst, du konntest gar nicht anders, aber jetzt scheint es so, als ob du sie nicht mehr ertragen könntest. Du hast immer gesagt, Musik macht glücklich, auch wenn sie dich manchmal traurig macht. Musik bringt dich dazu, sich an viele winzige Momente zu erinnern.
Und jetzt willst du keine Musik hören, weil du nicht erinnert
werden möchtest.
Wenn wir über die Straßen gehen, bemerke ich, wie du jedesmal langsamer wirst, als ob du keinen Grund siehst weiter zu gehen. Als ob du nur darauf wartest, dass ein Auto zu schnell um die Kurve gerast kommt und nicht mehr bremsen kann. Dann hättest du das alles wenigstens hinter dir.
Kannst du eigentlich sehen, dass du dich sogar äußerlich verändert hast? Dein Gesicht ist markanter geworden, ernster, erwachsener.
Wenn du alleine bist, weinst du viel. Es vergeht fast kein
Tag, an dem du nicht weinst. Es ist nicht nur die Traurigkeit, die
Verzweiflung, die dich zum Weinen bringen, sondern auch die Wut. Die Wut
darüber, dass du so früh an einer Depression leidest.
Du sitzt vor mir. Deine Nase und Lippen blutig, deine rechte Hand geprellt. Mit einem Fremden hast du dich geprügelt, weil er dich belästigt hat und nicht nachlassen wollte. Er ist handgreiflich geworden, aber durch deine Wut hast du einfach zugeschlagen.
Du zeigst mir deine linke Hand, streckst deine Finger aus und ich sehe, wie sehr du zitterst. All deine Gefühle, die gerade durch dich fließen, bringen dich dazu, dass du deinen Körper nicht unter Kontrolle hast. Ich höre dich leise auflachen, als würdest du alles nur noch lächerlich finden.
Ich sehe dich an und vermisse dich. Ich sehe dich an und frage mich: Wo bist du? Wo bist du und dein Lächeln? Nicht das sarkastische, zynische, ironische Lächeln. Nein, wo ist dein ehrliches Lächeln, das jeder so sehr liebt, das dein ganzes Gesicht zum Strahlen bringt, das dich so unglaublich schön macht?
Wirst du mir jemals wieder dieses Lächeln schenken?






Kommentare
23.08.2012, 11:03 von EliasRafaelZwischen einer Diagnose/Erkenntnis und 'den Dingen einen Namen geben' liegen aber Welten.
23.08.2012, 11:09 von quatzatEine Diagnose ist schnell gemacht. Ich würde das nicht mit einer Erkenntnis verwechseln.
23.08.2012, 11:13 von EliasRafaelEin Name gibt einem meist Erleichterung, so doof es klingt, aber diese Ungewissheit ist endlich weg.
23.08.2012, 11:17 von TaneaBei Depression kommt ja noch hinzu, dass man es sich nicht selbst eingestehen möchte.
Warum möchte man es sich nicht eingestehen? Und warum ist dann die Ungewissheit weg? Kann ich nicht zustimmen.
23.08.2012, 11:21 von EliasRafaelNimm bitte mal das Wort Diagnosis in seiner Ursprünglichkeit und du wirst sehen, wie klar es mit 'Erkenntnis' korreliert.
23.08.2012, 11:27 von quatzatWenn du 'Diagnose' schreibst, dann benutzte den Terminus doch so, wie er angewendet wird. Nur weil es fehlerhafte Diagnosen gibt, muss eine Diagnose keine Erkenntnis sein. Es gibt auch fehlerhafte Erkenntnisse.
Eine Diagnose, aufgestellt anhand wissenschaftlicher oder medizinischer Befunde und Leitfäden ist _immer_ ein Erkenntnisgewinn, selbst wenn sich heraustellen sollte, dass die Diagnose falsch war.
Das ist Wortklauberei, ich gehe hier nur von der praktischen Anwendung aus: Ich gehe zum Arzt, bekomme eine Diagnose. Nur kann der nur diagnostizieren, was man bereits selbst erkannt hat. Es kann deinen Beobachtungen einen Namen geben, mehr nicht. Er kann aber nicht in dich reinschauen. Für mich ist das daher zirkulär, oder auch trivial. Bei der Suche nach Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten beginnt dann erst der hilfreiche Teil. Aber das mag für jeden anders sein, das will ich einräumen.
23.08.2012, 11:34 von EliasRafaelWenn du ernsthaft glaubst, dass du erkennen kannst, was ein Arzt erkennen kannt, bist du entweder ein Arzt oder ein Ignorant.
23.08.2012, 11:37 von quatzatIch rede nicht von Ärzten allgemein, sondern von der Diagnose Depression". Die ist in meinen Augen sehr allgemein und sagt noch gar nichts aus über Ursachen, Behandlung und Verlauf. Man braucht auch kein Arzt zu sein, um Fieber zu messen.
23.08.2012, 11:45 von EliasRafaelDu erkennst, dass etwas mit dir nicht okay ist. Deswegen gehst du doch zum Arzt. Außerdem lebt man in seinem Körper, ich denke, da kann man sehr gut und viel erkennen. Oft sogar mehr, als ein Arzt. Meist fehlt nur das nötige Wissen um sich selbst zu helfen.
23.08.2012, 12:19 von TaneaDiese Auffassung von der Krankheit Depression ist eine recht populistische. Natürlich ist es ein Modephänomen, aber auch die Wissenschaft und die Medizin unterliegt Modeschwankungen und inzwischen gibt es genug Ärzte, die bei den Modediagnosen Borderline, Depression, NPS und ADHS kritischer hinschauen.
23.08.2012, 15:06 von quatzatUnd normalerweise wird nicht einfach nur 'Depression' diagnostiziert. Das ist ja genau der Unterschied zwischen Diagnose und 'einen Namen geben'.
Für dich als Laien mag es so aussehen, als würde nur ein Stempel drauf gedrückt werden. Frage mich, was dich dazu veranlaßt zu glauben, dass du das ohne Fachwissen bewerten kannst.
Erstens steht im Text nur "Schwere Diagnose", ist ja kein Fachartikel hier, zweitens gibts schon genug Veranlassung für mich, über derartige Diagnosen und ihre Wirkung auf den Patienten eine Meinung zu haben, danke der Nachfrage, drittens, was stört sich genau an meiner Meinung, bistu Arzt und therapieerfolgreich?
23.08.2012, 15:12 von EliasRafaelIch sehe im Freundes- und Familienkreis immer mehr Menschen, diie glauben, sich selbst therapieren zu können. Da trifft Selbstüberschätzung auf Google und im Endeffekt wird alles verschlimmbessert. Wenn man einem Arzt nicht ttraut, holt man sicch Vergleichsiagnosen ein. Das ist der richtige Weg der Eigenverantwortung.
23.08.2012, 15:26 von quatzatAber zu glauben, etwas besser zu verstehen als der Fachmann zeugt eher von einer verzerrten Wahrnehmung von der Bedeutung von Bildung.
Und nein, ich bin kein Arzt, aber Wissenschaftler und darf mir immer wieder die Hirngespinste von Laien durchlesen/anhören. In der Beziehung bin ich einfach nur froh, kein Arzt zu sein, weils da nur noch mehr abgeht.
Ich plädiere nicht für Götter in weiß, bestimmt nicht, sondern für ein anderes weiß: ich weiß, was ich nicht weiß.
Vielleicht wird die Meinung sich selbst therapieren zu können durch eine Vielzahl von überforderten und inkompetenten Ärzten mit geschürt?
23.08.2012, 15:36 von TaneaIn meinen Augen hat der Recht, der dem Menschen hilft gesund zu werden, und nicht derjenige, der an der Uni Medizin studiert hat, einem Patienten zur Begrüßung nicht die Hand reicht oder in die Augen sieht und ihn nach 2 Minuten Gespräch mit einem Zettel wieder nach Hause schickt.
Das mag alles stimmen, befähigt aber nicht zur Eigentherapie, sondern sollte dazu führen, dass rzte sorgfältiger ausgesucht werden...
23.08.2012, 15:40 von quatzatDeine Behauptungen laufen aber ins Leere, denn du hast mehr rausgelesen, als in meinem Kommentar stand, insofern finde ich deine Aufregung nicht befriedigend erklärt, in dem du jetzt mit Allgemeinplätzen kommst. Die Diagnose selbst stand überhaupt nicht zur Debatte.
23.08.2012, 15:46 von EliasRafaelDas stimmt natürlich, nur leider steht im telefonbuch hinter dem Namen vom Arzt nicht, wie er seinen Beruf auffasst und ausführt. Ergo bleibt mir als Patient nichts anderes übrig als ein Ärztemarathon, bis ich den finde, der mir hilft. Das kostet Zeit und Kraft. Ich bin deswegen ein Freund der Selbsthilfe, bis zu einem gewissen Grad natürlich. Bei Depressionen wäre ein guter Arzt der Eigentherapie sicher vorzuziehen.
23.08.2012, 15:47 von Tanea@Elias: Warum antwortet du dann in dem Zusammenhang 'Eine Diagnose ist schnell gemacht. Ich würde das nicht mit einer Erkenntnis verwechseln.'
23.08.2012, 16:06 von quatzatSich da nu so rauszuwinden find ich etws abtörnend.
@Tanea: Eigenverantwortung ist gut, aber fachmännische Überprüfung sollte immer stattfinden. Ab welchen Krankheitsbildern, ist natürlich nur schwammig definierbar. Depression muss aber klar fachmännisch behandelt werden, wie du sagst.
Mich nervt nur die generelle Hybris ala 'die (Ärzte) lernen ja eh nichts und machen das nur wegen der Kohle'. Damit wird dann jedwede Verweigerungshaltung gerechtfertigt, wie auch immer sie begründet sein mag, und wenn dann der Zeitpunkt der prophylaktischen Behandlung verschlafen wurde, es weh tut und die Hämorrhoiden geplatzt sind, dann wird geschriem, geheult, letztendlich doch zum Arut gerollstuhlt und das Gesundheitssystem sinnfrei extrabelastet.
Und nur weils Willi Winzig wieder besser wusste.
Da kann ich kotzen.
(bei porschefahrenden Arztgöttern aber auch)
Ich diagnostiziere dir jetzt mal eine leichte Frustration, ob dich das als Erkenntnis weiterbringt, lass ich mal dahin gestellt.
23.08.2012, 17:14 von EliasRafaelIch teile die meisten deiner Ausführungen im Übrigen und finde nicht, dass sie dem Kommentar zu diesem Text und einigen Erfahrungen meinerseits in irgendeiner Form widersprechen, ich denke aber, wenn man aneinander vorbereidet, muss man das nicht bis zur totalen Erschöpfung tun.
Um dir nochmal zu verdeutlichen, dass nicht wir aneinander vorbeireden, sondern du die Terme falsch verwendest:
23.08.2012, 17:42 von quatzatDu diagnostizierst mir nicht Frustration, du unterstellst sie mir. Weil du sie nicht begründen kannst. Eine Diagnose begründet sich wissenschaftlich fundiert.
Und deine bisherige Argumentation negiert diesen Zusammenhang recht engstirnig. Darauf bin ich angesprungen.
Und nein, es ist _keine_ Wortklauberei. Es ist der saubere Umgang mit Definitionen. Natürlich kann man diese Vorraussetzung für sich nicht geltend machen, aber dann braucht man sich nicht wundern, wenn man an anderen vorbei redet.
Hä? Sorry, alles an seinem Platz, ich wiederhole mich, das hier ist kein Fachartikel, hier geht es um einen Neon-Text. Die Diagnose Frustration lässt sich schon begründen aus systematischer Beobachtung deines Kommentarverhaltens im Zeitablauf, ich frage mich wirklich, worauf du hinaus willst. Aber meinetwegen bestätige ich dir: streng im Wortsinn ist eine Diagnose ist eine methodisch und mit Hilfe wissenschaftlich abgesicherter Methoden ermittelte Erkenntnis für den Arzt. Ob dies auch die Protagonistin galt und sie gar weiterbrachte nach über einer Dekade des Leidens, erfahren wir erst gar nicht. Kannst du dazu vielleicht was sagen?
23.08.2012, 18:01 von EliasRafaelIch glaube keine Therapeutin der Welt würde sagen, dass man ja eigentlich keine Chance hatte, nicht Depressiv zu werden. Und ich glaube auch nicht, dass eine Therapeutin versucht, eine Krankheit mit Sandwichkind und Scheidung zu entschuldigen.
23.08.2012, 09:50 von Lia89Und in welcher Kirche wird dieser Glaube gelehrt?
23.08.2012, 10:08 von quatzatIn der "Erfahrungskirche".
Vll war "ich glaube" nicht bestimmt genug. Sagen wir: Ich weiß / es sollte so sein, dass keine Therapeutin es sagt!
23.08.2012, 10:10 von Lia89Steht wo?
23.08.2012, 10:33 von quatzatWas steht wo? oO Im klaren Menschenverstand vll? Weiß nicht, ob es therapieförderlich ist, wenn man jemandem sagt, er hätte ja garkeine andere Chance gehabt als depressiv zu werden... So kommt man doch erst recht zu einer starken Resignation.
Bei einer Depression ist der erste Schritt zur "Heilung" doch Selbsterkenntnis, wird einem aber gesagt "Hey, es ist ganz normal, immerhin bist du Sandwichkind" dann hat man doch keinen "Anreiz" mehr...
23.08.2012, 10:39 von Lia89Aber es nimmt dem Patienten die selbst auferlegte Schuld.
23.08.2012, 11:01 von quatzatIch bin kein Experte in dem Gebiet, aber wenn jemand sag 'das ist so' und dann den 'gesunden Menschenverstand' als Argument aufführt, stellen sich bei mir die Arschhaare auf.
Dann kämm sie wieder runter :) Beult ja sonst nur in der Hose ;-)
Dann ersetze "gesunder Menschenverstand" mit "Empathifähigkeit"
23.08.2012, 11:07 von Lia89Das schwächt mein oben genanntes Argument genausowenig.
23.08.2012, 11:09 von quatzatGut, dann ein letzter Versuch: Die Aussage meinerseits beruht auf Tatsachen und Erfahrungen. Hoffe, dass dich das etwas mehr befriedigen kann :)
23.08.2012, 11:11 von Lia89Gefällt mir leider gar nicht.
Seit wann gibt es eine Altersbeschränkung für Depressionen?Würde ich so nicht unterschreiben.
Für mich ist dieser Text nicht ausreichend durchdacht.
23.08.2012, 09:10 von lalina
Oh... wie mich das berührt!
22.08.2012, 23:40 von LillyIdolDa ist jemand, der versucht, Verständnis aufzubringen.
Du hast mir Mut gemacht, dass es sowas noch geben soll. Danke dafür!!!
"Du zeigst mir deine linke Hand, streckst deine Finger aus
22.08.2012, 23:50 von LillyIdolund ich sehe, wie sehr du zitterst."
"Ich sehe dich an und vermisse dich. Ich sehe dich an und
frage mich: Wo bist du?"
Es wird mir Mut machen, wenn es bei mir wieder soweit ist. Das kannst du dir auf die Fahne schreiben, auch wenns um mich nicht geht. Es gibt Menschen, die sich fragen, die warten... auf uns!
Danke!!!
Ich danke dir für deine Kommentare. Finde es schön, dass dir der Text hilft, das freut mich wirklich sehr
22.08.2012, 23:54 von NoDoubt489