mo_chroi 20.02.2013, 12:57 Uhr 11 19

Destruktor

Geduldet hatte er mich höchstens neben sich. Ebenbürtig war ich ihm nie. Wenn man immer um Zuneigung betteln muss, webt sich das irgendwann als ein Ist-Zustand in die eigene Realität mit ein. Nicht zu wissen, wann und was und wie man beanspruchen darf und kann, ist einfach ein sehr langsamer Selbstmord. Er besaß mich und ich ich wusste nicht einmal, ob er das ahnte. Ob er es darauf anlegte, ein kleines Haustier zu haben, dass ihm entgegen kam, Gedanken lesend, was sein derzeitiges Begehren war? Ich buckelte vor ihm, machte Männchen, tanzte wippend auf dem Balkonsims zu seiner Unterhaltung. Oft, wenn ich dann in die Weiten hinter dem Balkon sah, fragte ich mich, was wäre, wenn ich abgleiten würde. Was würde passieren, wenn ich hinab stürzen und in den Boden eindringen würde? Würde er kommen und mich heraus heben, meine kaputten Glieder flicken und behutsam in sein Heim tragen, um meinen geschundenen Körper auf einen mit Blütenblättern bestäubten Altar zu betten und die Alten um Heilung anzuflehen? Seiner Liebe zu mir wegen; wenn es eine solche gab.

Wie ausgegorene Trauben liefen mir seine stummen Worte des „Vielleichts“ an der Stirn hinab, wenn er mich in den Arm nahm, ohne mich an sich zu drücken und er in eine Dunkelheit hinein flüsterte, die ich selbst nicht als solche erkannte. Vielleicht würde er mich lieben können und vielleicht wäre ich irgendwann ein Teil seines Lebens. Vielleicht würde er mich auch einfach nur so lange da behalten, bis ich ein Bewusstsein darüber entwickelte, wie schäbig er mich eigentlich behandelte und mich dann erschlagen. Vermutlich aber würde sich irgendwann einfach nur die Erde auftun und uns beide verschlingen, so eitel und dumm, wie wir waren, einander besitzen zu wollen. Wobei ich mich fragte, was genau ich besitzen wollte. Einen Status oder Beschützer, vielleicht aber auch nur einen Grund, das Leben nicht zu verfluchen, in seiner engstirnigen, tiefen Einöde; hinter Glas sitzend, die Schönen Dinge betrachtend, im Fastbewusstsein, sie niemals erreichen zu können.

Ich war mir nie sicher gewesen, ob diese Beziehung einen krankhaften Aspekt hatte. Immerhin kannten wir uns schon mein Leben lang. Ich konnte mich an Zeiten erinnern, in den er mich mit kalten Tüchern und ruhigen Worten pflegte, wenn ich fiebrig in meinem Bett hin darb und zynische Geister meinen Kopf verließen, um im strapazierten Wahn umher zu tanzen und mir eitrige Küsse zu geben, von denen ich Würgereiz bekam. Fluchend wischte er jeden Schwall meines sauren Erbrochenen auf und mahnte mich mit kalten Blicken, mich nicht wieder küssen zu lassen. An seine Hände kann ich mich erinnern, wie sie weiche auf meinem Rücken lagen und mich kitzelten, wenn ich mich regte. Seine blauen Augen waren immer wie ein Lot im Horizont gewesen, der Abendstern, der mich in der Nacht nach Haus geleitet hatte. Aber das ist Jahre her, so lange schon, dass kaum noch ein Bild in meinem Kopf zurück geblieben ist. Und doch waren es immer nur wir beide gewesen. Niemand anderem hätte ich meine Liebe so sehr geben wollen wie ihm. Er war ein Gott in meiner Welt, einer den ich erkoren hatte, um darin zu herrschen, Regeln zu zertrümmern und zu erschaffen.

Manchmal waren seine Launen unerträglich, wenn er in seinem Sessel saß und mich anwies ihm Bier oder eine seiner Schnapsflaschen zu bringen. Es loderte dann irgendetwas in ihm, das Schmerzen bedeutete. So richtig hab ich es nie heraus finden können. Er war ein sehr verschlossener Mensch. Und ich dachte immer, dass ich ihm helfen könnte. So wie er mir half, die Welt zu verstehen, wollte ich ihm helfen, sein Leid zu verarbeiten. Aber so verschlossen wie er war, so stur war er auch. Stur und unberechenbar. Ich wusste nie, wann der nächste Hieb kam, der mich zu Boden werfen sollte. Innerlich zerrissen, wartete ich ab und an darauf, provozierte ihn beinahe. Die einzigen Berührungen, die ich erhielt, waren seine Schläge und es machte mich schier verrückt, ihn derart heraus zu fordern, um nur ein einzige Mal berührt zu werden. Doch los sagen konnte ich mich nicht davon. Bis zu dem Tag, an dem er mich halb tot prügelte und dann in den Flur zum Sterben warf.

Ich stieg hinab in edelgrüne Gärten, deren Blätter das Sonnenlicht auf ihrer Häuptern trugen trugen. Marmorfelsen ragten zu meiner Linken empor und warfen seidene Luft zurück, die sich an der glatten Oberfläche brach und wirbelnd den Weg zu mir suchten, um hinter mir in den auslaufenden Wiesen zu verschwinden. Die Wärme meines Blendwerks umhüllte mich derart sanft, dass sich etwas Unbekanntes in mir rührte, mitten in meiner Brust. Es knisterte und knackste und ich horchte in mich hinein und spürte ein Wachstum. Es wuchs und wuchs und ich erkannte schemenhafte Umrisse bis es eine Form ergab. Ich erkannte Sehnsucht darin. Sehnsucht nach dieser Wärme und nach wirklicher Geborgenheit, nach Zuneigung und Zärtlichkeit. Nach Wahrhaftigkeit einer Liebe, wie man sie sich nur vorstellen kann, bis sie einem widerfährt. Die Form wuchs weiter an, verdunkelte meinen Schatten im Hain und dann den ganzen Horizont. Unter Schmerzen öffnete ich die Augen. Ich muss Stunden dort im Flur gelegen haben, denn die Vögel außerhalb der Wohnung zwitscherten einen neuen Tag heran und das junge Tageslicht irrte durch die Fensterscheiben und wärmte meine Fußsohlen.

Behutsam versuchte ich aufzustehen und hielt mir dabei den Bauch, der wie verrückt schmerzte. Mein Speichel klebte trocken an den aufgesprungenen Lippen und mein Blut zeichnete Märchengestalten auf den Boden, an der Stelle, auf der mein Kopf eben noch geruht hatte. Bitterkeit übermannte mich und trieb mich an, mich zu erheben. So leise wie möglich stieg ich auf schweren Zehenspitzen durch seine Höhle und suchte Dinge, die nur mir gehörten. Davon gab es nicht viele, daher brauchte ich kaum Zeit, mein Hab und Gut einzusammeln. Ein Knarren ließ meine Bewegungen gefrieren, als ich gerade die Tür zu ziehen wollte. Er stand im Rahmen der Schlafzimmertür und starrte mich an, wie ein Tier, bereit zur Jagd.

„Wo willst du hin?“ bahnte sich seine zornige Stimme den Weg durch den Spalt zu mir.

„Einkaufen. Brauchst du noch etwas?“ versuchte ich so unbesorgt wie möglich zu klingen.

„Bring mir zwei Schachteln Lucky Strikes mit und eine Flasche Jim Beam.“ klang er etwas weniger gereizt.

„Mach ich, Papa.“ beschwichtigte ich ihn und zog die Tür hinter mir zu, um nie wieder zu ihm zurück zu kehren.


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11 Antworten

Kommentare

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  • 2

    du hast mich wieder reingelegt ;) da lese ich zwischen den Zeilen ein liebesgeschichte, natürlich mo-like, und dann knallst du mir den letzten satz so einfach um meine ohren.


    klasse gemacht! ;) 

    21.02.2013, 20:56 von jetsam
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  • 1

    Mit dem letzten Satz hatte ich nun gar nicht gerechnet.
    Stark.

    21.02.2013, 10:12 von seiduselbst
    • 0

      Nicht, ich schon... war doch im Text vorbereitet.

      21.02.2013, 10:35 von Tanea
    • 0

      Habs nochmal gelesen..bin eher von einer Paar-Perspektive ausgegangen und dann haut das Ende um so mehr rein. Die Hinweise im Texte sehe ich erst nach dem mehrfachen Lesen.
      Aber egal wie, der Text ist Hammer.

      21.02.2013, 10:41 von seiduselbst
    • 2

      Selektives Lesen... kenn ich. Passiert mir auch öfters, vorallem bei so strammen Themen.

      21.02.2013, 10:50 von Tanea
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  • 1

    Fein geschrieben, das Ende hat mich etwas aus der brutalen Stimmung gerissen,

    20.02.2013, 13:41 von EliasRafael
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  • 1

    krank, schlimm.

    20.02.2013, 13:15 von Tanea
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  • 1

    Uh. Guter Dreh im letzten Satz.

    20.02.2013, 13:14 von Jimmy_D.
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  • 1

    "... hinter Glas sitzend, die Schönen Dinge betrachtend, im Fastbewusstsein, sie niemals erreichen zu können."   - Wen?



    20.02.2013, 13:14 von Karlee
    • 0

      niemanden. einfach nur schöne dinge des lebens.

      20.02.2013, 13:26 von mo_chroi
    • 1

      ah, jetzt : )

      20.02.2013, 13:27 von Karlee
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