nyx_nyx 26.12.2012, 02:50 Uhr 6 16

Der weiße Thron

Erleben was Geschichte schreibt, gesprochenes Wort die Zeit vertreibt

Da sitze ich nun in der Straßenbahn, auf dem Weg dorthin wo all meine über die Jahre hinweg gesammelten Habseligkeiten in Schubladen verstaut sind, wo ich einschlafe und morgens wieder aufwache.
Mit mir sitzen nur wenige Menschen hier. Mit Kopfhörern, Büchern und Einkaufstaschen. Schräg gegenüber ein Mädchen das sich mit ihrem Handy beschäftigt. Auf den hintersten Sitzen ganz allein, ein dunkelhäutiger Mann der die Tageszeitung liest. Die meisten sehen aus dem Fenster, auf der Stirn reich an Falten und ohne ein Lächeln. Wenn sie mich fragen würden wohin ich fahre, müsste ich sagen „nach Hause“. Ich habe nie gelernt welcher Ort das sein soll und bin froh, dass niemand fragt.

Ich folge ihrem Blick und sehe die Lichter der Stadt vorbeiziehen, die meinen Augen kaum einen Anhaltspunkt der Orientierung geben. Hin und wieder Leuchtreklame und ein paar hastige Menschen. Dazwischen, fast unbemerkt vor den Eingängen auf wärmenden Lüftungsschächten, ruhende Obdachlose. Ob sie wissen was Zuhause bedeutet? Um sie herum weihnachtliche Dekorationen ohne Schnee und ohne Stimmung. Mitten am Tag und doch beinahe schon dunkel.

Ich erinnere mich an einen längst vergangenen Sommertag, an dem es furchtbar gewittert hatte. Ähnlich wie heute, sorgten dichte Wolkenschürzen für eine Weltuntergangsstimmung. Meine Oma hielt mir schützend die Jacke über den Kopf und ging mit mir so schnell sie konnte durch den Regen. Als Kind hatte ich schreckliche Angst vor Gewittern, doch in ihrer Gegenwart war all das stets verflogen. Sie roch nach einer Mischung aus frischem Kuchen, 4711 und Geborgenheit. Zu jeder Gelegenheit erzählte sie Geschichten, die meist spannend und mit glücklichem Ende, selten nur traurig waren.
Obwohl allen klar war, dass sie nichts davon selbst erlebt hatte, hörten alle gerne zu. Wir Kinder saßen schon bevor sie den Raum betrat, erwartungsvoll auf dem Fußboden. Manchmal mit Decken und Kakao. Sie versank wie eine Königin in ihrem Sessel und hörte erst auf zu erzählen, als zum Essen gerufen wurde.

Beim Spazierengehen erklärte sie mir die Welt in Anekdoten und Märchen. Sie baute all die Vögel und Baumarten, Gräser und Pilze in ihre Erzählungen ein, dir wir auf unserem Weg wahrnahmen. An diesem einen regnerischen Tag fragte ich sie, wer hinter dem Feld am Waldrand wohnt und freute mich schon auf die nächste Geschichte. Sie sprach von Baracken und dass dort nur Neger wohnen würden. Ganz ohne Märchen und mit finsterem Blick. Ich wusste nicht was Neger sind und streckte meinen Hals neugierig in die Richtung. Da war ein Junge mit gelben Gummistiefeln der uns zuwinkte, als er uns sah. Meine Oma zog mich grob am Arm und sagte, das seien die, die kleine Mädchen wie mich antatschen wollen. Ich solle mich fernhalten. Ihr ernster Gesichtsausdruck machte mir damals Angst. Der Rückweg war unangenehm still und ich erinnere mich, wie ich lange über ihre Worte nachdachte.

Die Durchsage meiner Haltestelle holt mich zurück aus der Gedankenwelt. Ich sehe mich um. Einige Menschen sind hinzu gestiegen, andere waren fort. Der dunkelhäutige Mann sitzt noch immer völlig allein am Ende des Abteils. Bis die Bahn anhält, beobachte ich wie er liest. Er sieht friedlich und konzentriert aus. Als ich aufstehe, sieht er über den Zeitungsrand nach oben. Ich lächle ihn an und steige aus. Ich weiß ja, dass meine Oma nichts von all dem was sie erzählte, je selbst erlebt hat.

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6 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich mag's. Grad' in seiner Widersprüchlichkeit. Mit der tollen Oma, die aber halt auch nicht aus ihrer Haut kann. Ich glaub', die sind alle auf ihre Weise geprägt. Meiner ist es immer noch superpeinlich, dass sie beim BDM eine doch ganz nette Position hatte. Und sie meint immer, sie müsse sich dafür entschuldigen.

    08.04.2013, 18:40 von TheCaptainsFiancee
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  • 1

    ich mag den melancolischen Grundton

    03.01.2013, 10:10 von Surecamp
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  • 0

    Macht nachdenklich, aber irgendwie ist es mir der Schluss etwas zu offen.

    27.12.2012, 11:50 von EliasRafael
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  • 2

    Als Kind hatte ich schreckliche Angst vor Gewittern, doch in ihrer
    Gegenwart war all das stets verflogen. Sie roch nach einer Mischung aus
    frischem Kuchen, 4711 und Geborgenheit.
    <3

    26.12.2012, 20:53 von Jackie_Grey
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  • 1

    Interessant. 


    Aber hier " Mit mir im sitzen" fehlt was, oder? 

    Herz für den mittleren Teil. 

    26.12.2012, 20:23 von Jimmy_D.
    • 0

      Dankesehr, den hab ich übersehen :)

      26.12.2012, 21:48 von nyx_nyx
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