First.Of.The.Gang 30.11.-0001, 00:00 Uhr 11 11

Der traurige Fisch

Allein der Mond konnte vor Sehnsucht nach der Sonne nicht schlafen, und sehnte den Morgen herbei.

Es war ein mal ein kleiner Fisch, der lebte in einem kleinen Teich. Die Teichbewohner waren einander wohlgesonnen, es herrschte kein Streit und Zank, denn es war genug für alle da. Tagsüber schien die Sonne auf das klare Wasser, und wenn der Wind leicht die Oberfläche kräuselte, dann meinte man Millionen und Abermillionen von kleinen Diamanten glitzern zu sehen. Abends, wenn sich die Sonne, feurig herausgeputzt, zu ihrem kurzen Rendezvous mit dem Mond traf, dann sangen die Frösche romantische Melodien, und ein jeder Teichbewohner lauschte andächtig dem Konzert.
Danach sank die Sonne, und mit ihr ein jeder Teichbewohner, in friedlichen Schlummer. Allein der Mond konnte vor Sehnsucht nach der Sonne nicht schlafen, und sehnte den Morgen herbei, wenn er seine Geliebte wieder für eine kurze Zeit strahlend schön am Himmel sehen könnte. Begleitet wurde der Mond von seinen vielen Freunden den Sternen, und wenn man nun den Blick vom Teich zum Himmel hob, meinte man abermals Millionen und Abermillionen Diamanten funkeln zu sehen.

Nur ein kleiner Fisch fand - genau wie der Mond - des nächtens keine Ruhe. Genau wie der Mond war er tieftraurig und haderte mit seinem Schicksal. Der Fisch glaubte, er müsse das unglücklichste Wesen auf der ganzen Welt sein. immerzu widerfuhren ihm allerlei Missgeschicke und Unglücke. Ganz egal, ob er sich die Flosse stieß oder seine Lieblingsmuschel zerbrach, immer schien es ausgerechnet ihn und nur ihn zu treffen.
Doch was trieb das Fischlein Nacht für Nacht ganz allein, nachdem alle seine Freunde, die Sonne und die Frösche zu Bett gegangen waren? 
Er versuchte sich einen Stern zu fangen. Er hatte sich überlegt, dass so ein Stern wohl das glücklichste Wesen auf der ganzen Welt sein müsste - nicht umsonst sprach man vom sogenannten 'Glücksstern'. Und überhaupt: hatte man jemals von einem Stern gehört, dem ein Unglück widerfahren sei? Gewiss, von Zeit zu Zeit fiel einer von ihnen vom Himmel, aber doch nur, um als Sternschnuppe Wünsche zu erfüllen, oder einem ganz ausgemachten Glückspilz in den Schoß zu fallen, und fortan dessen Glücksbringer zu sein. 
Von derlei Überlegungen getrieben, sprang der kleine Fisch Nacht für Nacht aus dem Teich heraus, und versuchte vergeblich, sich einen Stern vom Himmel zu schnappen. Natürlich war er am nächsten Morgen stets so unausgeschlafen, dass ihm vor lauter Müdigkeit nur noch mehr Missgeschicke widerfuhren. 
So ging es Nacht für Nacht. Bis - der Fisch glaubte sich wie immer unbeobachtet - er ein ganz leises glockenhelles Lachen hörte. Genau genommen war es vielmehr ein Kichern als ein Lachen, und als der Fisch sich umwandte um den frechen Störenfried zornig anzufunkeln, da erblickte er ein kleines Krebslein, dass da auf einem Stein saß, und sich so vor Lachen und Kichern schüttelte, dass seine Scheren bebten. 
"Du dummer Fisch!" sprach das Krebslein, "versuchst Du etwa die Sterne zu fangen?"
Nachdem ihm der Fisch erklärt hatte, warum er das tat, den ungebetenen Gast gefragt hatte, was ihn das überhaupt anginge, und das Krebslein aufmerksam gelauscht hatte, sprach es: "Ach du dummer kleiner Fisch! Lass die Sterne doch dort wo sie sind. Denn stell Dir nur vor, was passieren würde, wenn ein jeder sich die Sterne vom Himmel holte, so wie es ihm beliebt. Kein einziger Glücksstern würde am Himmel übrig bleiben, und die Welt würde in ein furchtbares Unglück stürzen."
Der Fisch, der zwar nachdenklich geworden, aber dennoch nicht ganz überzeugt war, antwortete: " Wie aber kann mir ein Stern Glück bringen, wenn er so weit weg ist?" 
"Schau mich einmal an, kleiner Fisch", sprach das Krebslein, und schaute dem Fisch lange und prüfend ganz tief in die Augen, ehe es zu sprechen ansetzte. "In deinen Augen, spiegeln sich die Sterne, ich habe es ganz deutlich gesehen. Das bedeutet, dass Dir die Sterne näher gar nicht sein könnten." da verstand der Fisch und fortan war er überzeugt kein Unglücksfisch mehr zu sein. Tatsächlich widerfuhren ihm jetzt weniger Missgeschicke, was aber wohl schlicht an der Tatsache lag, dass er nachts wieder ordentlich schlief, und somit frisch und ausgeruht sein Tagwerk vollbringen konnte. 
Wenn ihm aber doch von Zeit zu Zeit ein Missgeschick widerfuhr, so tröstete er sich mit dem Gedanken, dass zum Beispiel nur eine Muschel zerbrochen war, und dass er sich glücklich schätzen konnte, dass ja alle anderen noch heile waren.
Und so kam es, dass der Fisch fortan glücklich und zufrieden lebte, abends die herausgeputzte Sonne bewunderte und dem Konzert der Frösche lauschte, um danach - genau wie die Sonne - in einen friedlichen, erholsamen und tiefen Schlaf zu sinken.

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Kommentare

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    liest man hier sehr selten, fabel-haftes in kinderleichter sprache. und du kannst das echt gut. ist nicht gerade leicht, da nicht ins zu erzwungen-gewollte abzurutschen.
    der teaser-satz ist schön.
    den höhepunkt der geschichte hätte ich mir vielleicht noch ein bisschen ausführlicher gewünscht. es baut so lange auf, und dann vollzieht sich in nur zwei sätzen die komplette kehrtwende..
    ("Das bedeutet, dass Dir die Sterne näher gar nicht sein könnten."
    da verstand der Fisch und fortan war er überzeugt kein Unglücksfisch
    mehr zu sein.").
    liest sich bisschen, als hättest du da plötzlich keine lust mehr gehabt..
    nichtsdestotrotz, ein herz gibts, weil ich gerade auf märchen/fabeln stehe und das genre hier so gut wie gar nicht vertreten ist.

    28.10.2013, 14:16 von nnoaa
    • 1

      ohgott, ich mag einen text, den andere mit zauberschön kommentieren!...

      28.10.2013, 14:16 von nnoaa
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  • 1

    Zauberschön <3

    28.10.2013, 13:59 von keinmaerchenbuch
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  • 1

    Ein bisschen heile Welt zum Lesen! :)

    28.10.2013, 12:48 von Klitzekleinste
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  • 0

    total schön. ich will mehr davon!

    18.10.2012, 12:09 von Red-she-devil
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  • 1

    Abgesehen davon, was dahinter steckt, solltest du Kinderbücher schreiben.

    16.07.2012, 12:24 von Tora
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    Mag ich.

    13.07.2012, 13:01 von AtomA
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  • 0

    toll<3

    29.06.2012, 16:44 von Nebelholz
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