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Der Tag an dem meine Mutter starb

Das Schlimmste und gleichzeitig das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Das Beste? - Ja, das Beste, ich wäre nicht der Mensch, der ich heute bin.

Meine Mutter erkrankte an Krebs, als ich zwölf Jahre alt war. Es war das übliche Prozedere: Krankenhausaufenthalte, Chemotherapien, Operationen, Bestrahlung. Ein Jahrelanger Kampf, der mit ihrem Tod endete. Eine Achterbahnfahrt zwischen Hoffnung und Angst, dem unbedingten Lebenswillen und dem Nichts.

Wir Kinder, mein kleiner Burder und ich, haben diese ganze Geschichte anfänglich mehr oder minder unterschwellig miterlebt. Wir waren lange Zeit wie in einem geschützten Raum, denn ein Kind kann ja diese Tragweite des Geschehens noch gar nicht wirklich begreifen. Die Krankheit zog sich über sechs Jahre hin. Es waren meine prägenden Jahre. Ein zwölfjähriges Mädchen, welches sich zur Frau entwickelt, immer begleitet von einer kaum greifbaren Ahnung, einem Schatten, mal mehr und mal weniger bedrohlich. In manchen Momenten gänzlich vergessen, in anderen schmerzlich präsent.

Meine Mutter fing damals eine Kunsttherapie an. Das bedeutete, sie fing an zu malen. Sie suchte einen Halt. Die Unaussprechlichkeit des Todes lastete auf ihr. Ein Todeskampf!? Sie hat eine unglaubliche Entwicklung gemacht, rasend schnell. Sie hatte nicht viel Zeit, sie musste alles raussetzen, was in ihr war. Sie schrieb Gedichte und malte mit einer unglaublichen Intensität. Erhielt unglaubliche Erkenntnisse, die man als Außenstehender glauben mag, oder nicht.

Ich kann nur sagen, dass, je mehr sie körperlich zerfiel, ihr Geist umso klarer wurde, umso weiser blickten ihre Augen in die Welt. Die Unausprechlichkeit wich einem Verständis, ein Annehmen des Schicksals. Eine unauslöschliche Lebensfreude, ein intensives Erleben. All das passierte vor meinen Augen. Ich erlebte, wie ein Mensch dem Tod entgegenschreitet und seine Angst zusehends davor verliert. Und damit wich auch ein Stück weit meine Angst.

Wir sprachen sehr offen über ihren Tod, machten sogar schlechte Scherze über ihre Beerdignung. Sie lehnte alle weiteren Chemotherapien ab, die lediglich nur noch dazu dienen sollten, den Krebs ein Stück weit aufzuhalten und ihr Leben künstlich in die Länge ziehen sollten. Das alles wollte sie nicht. Sie wollte leben!
Aber nicht Leben um jeden Preis, nicht angeschlossen an Apparaturen, im Krankenhaus, dort, wo die Angst und die Hoffnungslosigkeit regieren. Sie wollte bei uns sein, bei ihrer Familie und ihren Freunden. Die Ärzte hatten ihr, ohne hinhaltende Chemotherapien, noch drei Monate Lebenszeit prognostizert. Da war ich knapp 16 Jahre alt.

Sie starb, als ich 18 war. Wir hatten noch zwei wundervolle Jahre. Die letzen drei Monate ihres Lebens wurde sie bettlägrig. Mein Vater, eine gute Freundin und ich pflegten sie abwechselnd. In einigen Tagebucheinträgen von mir steht, wie angenervt ich manchmal war. Ich wollte mich mit Freunden treffen, nicht an das Unausweichliche denken, lieber abhauen. Meine Nerven lagen blank, denn wenn es soweit ist, wenn man spürt, dass ein geliebter Mensch geht, dann kehrt die Angst zurück.

Man will es einfach irgendwann hinter sich bringen, man hält diese Ungewissheit kaum noch aus. Und andererseits will man diesen Menschen, den man abgöttisch liebt, nicht verlieren. Am. 16.02.1997, ich weiß es noch ganz genau, kam ich aus der Schule, und ich hatte mit einem Mal dieses Gefühl. Alles in mir trieb mich zur Eile an. Ich fing an zu rennen, ich wusste mit einem Mal, dass der Moment gekommen war. Als ich zuhause ankam, rannte ich nach oben ins Schlafzimmer und sie lag da und war nicht mehr ansprechbar. Sie lebte noch, aber ich konnte nicht mehr mit ihr sprechen. Ich hatte ihr noch so viel zu sagen.
Und nun konnte ich es nicht mehr. Ich brach an ihrem Bett zusammen. Stundenlanges Warten und Weinen.

Am Abend hielt ich es nicht mehr aus, ich rief eine Freundin an und bat sie, mich auf einen Kaffee abzuholen. Ich wollte raus, ich wollte weg. Als ich wieder heim kam, war meine Mutter zurückgekehrt. Sie sagte dies und sah uns mit ihren riesigen, weisen Augen an, die schon das "Drüben" gesehen hatten. Sie sagte, sie sei zurückgekehrt um sich zu verabschieden. Das tat sie, in vollem Bewusstsein, blickte uns alle an, und versprach mir und meinem Bruder immer bei uns zu sein. Irgendwann verlor sie dann ihr Bewusstsein. Ihr Atem ging röchelnd und schwer. Es ist unausprechlich und unbeschreiblich, was in diesen Momenten in mir vorging.

Ich hielt meine kleine, zarte Mutter im Arm, wiegte sie und heulte mir die Seele aus dem Leib. Ich wollte mit ihr sterben. Spät in der Nacht flüsterte ich dann in ihr Ohr, dass sie jetzt gehen dürfe, dass es O.K. wäre für mich. Kurze Zeit später tat sie ihren letzten Atemzug. Ein letzes tiefes Ausatmen, es kam mir vor, als ob ihre Seele den Körper, die physische Hülle, verließ. Dann lag ihr Körper da. Noch ganz warm, friedlich schlafend. Erlöst. Diesen Moment werde ich nie vergessen.

Es ist das Schlimmste und das Beste was mir passiert ist in meinem Leben. Ich sage heute, dass meine Mutter geheilt war, als sie starb. Wie kann man davon sprechen, wo sie doch tot ist, gestorben, an Krebs verreckt? Sie ist ganz bewusst und mit sich geklärt in den Tod gegangen. Sie ist immer noch da. Das spüre ich.
Und das ist ein gutes, geborgenes Gefühl.

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94 Antworten

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    Wirklich schön geschrieben und ich fühle mich genauso, meiner Mama ist vor 2 Jahren an Krebs gestorben und ich spüre einfach, dass sie bei mir ist.

    24.02.2014, 19:41 von Engelslachen
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    schoen.
    und es macht mut was irgendwann einmal bevorsteht...

    20.08.2011, 17:35 von lockengeloet7
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    sehr schoen geschrieben
    und es gibt einem mut fuer das was noch bevorsteht...

    20.08.2011, 17:34 von lockengeloet7
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    tja, ich weiß nicht, was ich nach all den kommetaren noch großartiges schreiben soll. toller text, schöne sprache und viele textstellen, bei denen ich mit dem kopf nicken musste, weil ich das nachvollziehen kann. meine mama ist noch am kämpfen und ich fürchte mich vor dem tag, an dem sie stirbt. und vor allem vor der zeit danach. ich kann mir noch nicht vorstellen, dass ihr tod "das beste" ist, was mir in meinem leben passieren wird, aber ich hoffe darauf. ich höre so oft von freunden, bekannten und verwandten, dass ich so stark und tapfer bin und nach ihrem tod noch viel stärker werde. und das mich das alles so prägen wird. und da stellt sich mir immer die frage: wozu?! vielleicht will ich nicht stark sein/werden, vielleicht will ich kein anderer mensch werden mit anderer einstellung. vielleicht will ich nur meine mama in den nächsten jahr(zehnt)en noch um mich haben und mit ihr noch ganz viele gespräche über das leben führen. ich kann mich mit dem gedanken an ihren tod einfach (noch) nicht abfinden und habe angst, dass das auch nie der fall sein wird.

    12.10.2010, 18:27 von gila87
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    ich bin auch am weinen. und ich kann dich verdammt gut verstehen! Meine Mutter ist auch an Krebs gestorben und hat in der Zeit von der Diagnose bis zu ihrem Tod eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Ich meine auch,. dass sie weise geworden ist. Das unausweichliche angenommen...
    Ich studiere Kunsttehrapie. :)
    danke für den Text!!!

    24.08.2010, 16:27 von Wassermelonenkern
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Auch mir stehen die Tränen in den Augen, dieser Text ist wundervoll geschrieben und man bekommt aus irgendeinem Grund Hoffnung beim lesen...

    20.12.2009, 15:08 von Buecherdiebin
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    traenen

    09.12.2009, 17:55 von KATwoman
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    ich kann mich den anderen nur anschließen..
    wirklich schön geschrieben :)

    19.10.2009, 16:08 von IIR
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    Wunderbar : "Ich erlebte, wie ein Mensch dem Tod entgegenschreitet und seine Angst zusehends davor verliert. Und damit wich auch ein Stück weit meine Angst."
    Meine Mutter starb vor einem halben Jahr. Eine sehr seltene chronisch fortschreitende Erkrankung. Ich finde du beschreibst einen gesunden Umgang mit dem Tod. Meine Mutter hat es immer versucht...leider wohl nur versucht. Es zeugt von unheimlicher Stärke, im Angesicht des Todes das Leben zu entdecken. Aber genau das wünsche ich allen, die in solchen Situationen sind.

    08.09.2009, 21:33 von ichundalldieanderen
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