Der Tag, an dem die Traurigkeit mein Eigentum wurde
Denn ich kann es nicht. Nicht vor all diesen Leuten. Ich hoffe, daran ändert sich nichts.
Als das erste Mal ein mir nahe stehender Mensch zu Grabe getragen wurde, zählte ich dreizehn Jahre und war gerade mit Dingen beschäftigt, die alles andere als mit Tod zu tun hatten: Vollgepumpt mit brodelnden Hormonen suchte ich einen frischen Halt in der Welt, obwohl meine Gemütslage auf Grund der Veränderung wackeliger denn je war.
Ein vorwurfsvolles Wort meiner Mutter an die Adresse meiner Seele brachte meine Laune zum jaulen. Ein ruppiges Raunzen meines enttäuschten Vaters, dem ich nicht schnell genug vom Leben lernte, war wie ein Knüppel zwischen den Beinen beim Zwischenspurt meines noch frischen Lebensmarathons. Das verächtliche Grinsen meines Bruders ob meiner altersbedingten Unzulänglichkeiten versetzte mir schwere Körpertreffer, die anhaltende Bauchschmerzen, Schwindelgefühle und Ängste erzeugten.
Noch kein richtiges Imago eines Menschen, aber voller Drang und Sehnsucht, endlich als solches wahrgenommen zu werden, spulte sich das Leben manchmal wie ein Leinwandfilm großformatig vor meinen Augen ab, ich mit offenem Mund davor, die Eindrücke bass erstaunt verarbeitend, und es begann sich etwas zu entwickeln, von dem ich noch nicht ahnte, dass es später einmal Hauptbestandteil meiner Personal Firewall sein würde: Eine kontrollierte Maske aus Distanziertheit, Regungslosigkeit und aufmerksamer Beobachtung. Stoisches "learning by doing nothing just watching". Weil mir niemand erklären konnte, was genau in mir ablief – und da ich obendrein gar nicht wusste, wonach ich diesbezüglich hätte fragen sollen – musste ich mir notgedrungen das Handling dieses neuen Schutzschirms selbst beibringen.
Die Bedienungsanleitung gespickt mit Begriffen, mit denen ich nicht zurechtkam, die Sprache unverständlich und der Apparat selbst mit zig Klappen, Kästchen und komplizierten Kippschaltern ausgestattet, die, je nachdem wie man sie umlegte, mich entweder grob justierten oder total aushebelten.
In dieser Lebensphase starb mein Opa. "Nur der Opa" hörte ich es hin und wieder aus einem der schwarzen Boxen raunen, nur der Opa, nicht Mama, nicht Paps, sprachen mir automatisch klickende Schaltkreise Mut zu: alles noch in Ordnung, alles beherrschbar, bloß keine Panik. In solchen Momenten kramt man in den niedersten Schubladen nach Trost, und siehe: mein Kramen unterschied sich, wie mir schien, wenig von der Rede des Pfarrers an Opas Grab: Auch die sollte Trost spenden und Mut wecken.
Wie so oft in diesen Tagen wurde ich wieder einmal gänzlich unvorbereitet auf eine diese herausfordernden Lebenssituationen losgelassen. Ich fragte mich, warum es gerade jetzt so dicke käme. Aber "Ausgerechnet Opa" zu sagen, so weit ging dennoch keiner, denn Opa stand auf der Rechnung, er war alt geworden, krank gewesen, hatte zu viel gegessen und getrunken, zu ungesund gelebt. Es war absehbar, wir waren vorbereitet gewesen, wenn man das, allen Zynismus beiseite lassend, beim Tod eines Menschen jemals behaupten kann.
Er wurde in einer ergreifenden Trauerrede – wie so viele andere auch, wie ich mit der Zeit noch erfahren sollte – als großartiger Mensch in Gottes Hände entlassen, liebenswürdige Episoden schimmerten kurz durch, in denen er tatkräftig Gas gab, seine Werke wurden gelobt, sein Platz in der Welt als letzte öffentliche Bühne noch einmal glänzend mit den besten Farbfiltern unter günstigen Lichteinfällen ausgeleuchtet. Hatte ich diesen Menschen überhaupt gekannt?
Ich wusste einiges über ihn, aber mir jagten andere Erzählungen durch den Kopf, vor allem diese eine, wie er meinem Vater einen Lederfußball zu Weihnachten geschenkt hatte, der jahrelang jeden Herbst auf unerklärliche Weise verschwunden war und zu Weihnachten frisch verpackt erneut auf dem Gabentisch landete, etwas abgegriffener, aber nicht minder bejubelt. Und ein paar andere Erinnerungen, die man am Tag der Beerdigung besser nicht zum besten gibt.
Solche Geschichten aus seltsamen Zeiten, die mir uralt und ganz weit weg erschienen, die mich immer beeindruckt hatten, spielten sich bei der Beerdigung vor meinen Augen ab. In ihnen flogen Granatsplitter, verhungerten Babys, trat eine Kuh meinem Vater eine Zehe ab und dort hing von der Zimmerdecke, genau über der Mitte des Abendtisches, ein gebratener Fisch, an dem jeder der vielköpfigen Familie seine Kartoffel abstreifen durfte, den aber dann allein das Familienoberhaupt, nun Opa Sargbewohner, verspeisen durfte. Dieser Opa hatte fraglos das harte Leben eines harten Mannes gelebt.
Ich stand in zweiter Reihe, durch schwarze Ärmel hindurchschielend, das aberwitzig passende Nebelwetter bewundernd, und sah einen überdimensionalen Bratfisch über dem geöffneten Grab hängen. Ich lugte ungeduldig in die Runde und wartete darauf, dass jeder aus der Trauergemeinde einen Pellkartoffel aus Jackett oder Mantel zog und diesen am Fisch entlang strich, um Opa die letzte Ehre zu erweisen. Als alle dampfenden Kartoffeln verschlungen waren, fuhr eine erdkrumenschwarze riesige Hand aus der Tiefe und riss den ramponierten Bratfisch jählings nach unten.
"Amen", schnurrte der Pfarrer, und ich hatte den genauen Wortlaut des Gleichnisses mit Petrus, dem Menschenfischer, leider verpasst.
Dies war meine erste Beerdigung und ich schämte mich, dass ich vor mich hinträumte, mich langweilte, dann blieben meine Blicke in den Gesichtszügen der Anwesenden hängen. Ich begutachtete aufmerksam Miene für Miene und es schien mir, als lernte ich soeben, die Gesichter von Menschen zu durchleuchten, spürte, wie Traurigkeit und Anteilnahme zu entlarven waren, die jeder mit betroffen vorgetragener dünner Stimme mittels eines "Mein (aufrichtiges) Beileid" hauchte, so als wollte man sich bei Oma, Tanten, bei meinem Vater entschuldigen.
Ich fühlte mich einmal mehr völlig fehl am Platze, außerdem kniff mich meine Unterhose in den Hintern.
In bewusstem Moment war mir es nicht sonderlich klar, doch als der Letzte die kleine Schaufel mit dem langen Stiel in die frische Erde rammte, der Zug der schwarz gekleideten Schar sich allmählich in Richtung Dorfmitte und Gasthaus auflöste, überraschte mich die Inszenierung mit einer Wendung in der Dramaturgie: Bis auf Oma, die gestützt werden musste, fingen alle kunterbunt zu reden an, erst ein Murmeln, dann fielen ungetrübt heiter hallenden Worte. Hinter der Friedhofsmauer beobachtete ich fröhliche Gesichter, ausgelassen schwatzend. In der Dorfhauptstraße hing etwas später lautes Scherzen in feierlichem Schwarz in der Luft.
Heute kenne ich den Begriff "Farce" dafür. Cousinen, die noch vor Minuten flennend und am Boden zerstört ungehemmt ihre Tränen in kostbar bestickte Taschentücher rotzten, alberten nun munter herum, neckten sich, kokettierten mit Jungs, ärgerten kleinere Geschwister. Entfernte Verwandte, deren Leidensmienen eben selbst die Vögel des Herrn, ein paar fette Kolkraben, verstummen ließen, lebten jählings heiter und erlöst auf. Besinnlichkeit und Anteilnahme schienen ebenso zu Grabe getragen worden zu sein wie der Leichnam, den man nun vorgab bildlich verschmausen zu wollen.
War ich erst durch die Dimension des Neuen von aller äußerer Rührung abgehalten worden, atmete ich plötzlich auf, mich nicht so schizophren wie die anderen zu verhalten: Ich spürte mehr und mehr, dass wahre Trauer stumm ist. So stumm wie die eine alte Frau, die allein am Grabe stand und eine Rose in den verschränkten Händen hielt, die sparsam lächelte, wie es schien, in deren Miene sich tiefe Verbundenheit spiegelte. Ich gab vor, etwas vergessen zu haben, und schlich noch einmal zurück.
Von einer Steinmauer und einem mannshohen Grabstein geschützt, musterte ich die Dame. Man sah ihr an, dass sie ganz bei ihm war. Dort unten. Die Mitte ihrer Seele schien zu verschmelzen mit diesem Erdloch. Ihre Augen waren nicht feucht, im Gegenteil, sie strahlten hell und klar. Sie hielt die Rose vor ihre Nase, drehte sie dann in ihren knorrigen Fingern und wendete sich ab – das tiefe Rot unbeirrt vor ihre Brust haltend auf einem Weg, der eine andere Richtung einschlug als der unsere gehabt hatte.
Ich schämte mich ein wenig und ärgerte mich auch, dass ich viel zu sehr mit mir selbst und den vielfältigen extrovertiert zelebrierten Gefühlen anderer beschäftigt gewesen war. Nicht zusammen passende Emotionen, die über mich hergefallen waren, die mir meine eigenen weit unterhalb des Halses in einem unangenehmen Bauchgrummeln erstickten hatten.
Die sich nachträglich als unaufrichtige Maskerade rührseliger Abschiednehmer entpuppen wollende Betroffenheit, die keine zehn Minuten nach dem letzten Erdwurf auf den Sarg knapp hinter der Friedhofsmauer in erwartungsfreudigem Gelächter und Getratsche mündete, warf akut zwei Fragen in mir auf: Was (außer Unglaubwürdigkeit) brachte es einem, solchen Gefühlen freien Lauf zu lassen? Warum erschienen die leisen Gesten der unbekannten Frau um so viel wertvoller?
"In stiller Trauer" stand auf vielen Grabsteinen, an denen ich gedankenversunken zurückschlenderte. In stiller Trauer.
Wenig später hallten helle ausgelassene Stimmen aus dem Saal der Gaststätte, wo man sich zum Leichenschmaus verabredet hatte. Ich nahm dort stumm und brav meinen Platz ein und als meine Mutter mich fragte, warum ich so traurig guckte, verstand ich die Welt nicht mehr.
"Weil Opa tot ist" wäre gelogen gewesen.
"Weil alle so gut gelaunt sind" hätte es passender getroffen.
So wurde die Traurigkeit mein Eigentum. Das erste Mal war zugleich das letzte Mal. Was ich mir aus Unsicherheit zu eigen machte, zeigte mir später, wozu Masken bestens taugen. Ich merkte mit der Zeit immer mehr, ich konnte nicht öffentlich weinen. Nicht vor all den Leuten, nicht aus diesem Grund. Noch nach Jahren nicht. Nicht am Grab meiner lieben Oma. Nicht als die Erde meinen Vater verschlang.
Weiter mag ich heute nur ungern denken. Ich mag nicht wissen, wie das bei meiner Mutter einmal sein wird. Und: Ich will den Tag nicht erleben müssen, an dem in der Erde vor mir vielleicht mein Sohn liegt. So ist es nicht vorgesehen. Denn es könnte sein, dass ich mein antrainiertes Eigentum zurückgeben muss: Dass ich dann Rotz und Wasser heule. Ein stummer blasser Junge mit ernstem Gesicht, dessen Unterhose kneift, soll mir dann später an der Tafel mein Lachen gefrieren lassen zu schwerem Schlucken.
Ich hoffe inständig, dass sich daran, dass die Traurigkeit mein Eigentum geworden ist, nichts ändert. Denn in der Trauer bleibt man sein Leben lang Amateur.




Kommentare
dem habe ich nichts hinzuzufügen.
14.03.2007, 12:19 von hibDeine Geschichte mit dem Brat fisch überm Grab ist köstlich!
08.03.2007, 14:28 von NinaBerthAuch ich bin zwiegespalten, wenn es um den Leichenschmaus geht; lang habe ich ihn verurteilt. Bis ich begriffen habe, dass er ein Zeichen dafür ist, dass das Leben weiter geht.
Trauer ist etwas ganz Persönliches. Jeder wie er kann - Aufrichtigkeit vorausgesetzt. Das Mädchen, das sich schreiend ins Grab ihres Vaters stürzen wollte, den sie wie die Pest gehasst hatte, war mein peinlichstes Beerdigungserlebnis.
Wie immer wohl durchdacht und gut formuliert.
07.03.2007, 13:35 von SonglineDoch ich sehe es anders als Du. Seit ich an einem Grab stand, an dem ich das antrainierte Eigentum zurückgab und Rotz und Wasser heulte. Vor allen Leuten. Und es war mir egal, dass sie es sahen. Weil es aus ehrlicher Trauer heraus geschah.
Und man sich seiner Gefühle nicht schämen sollte.
Gruß,
Songline
da ich vor kurzem ähnliches erlebt habe, steckte mir die hälfte der zeit ein riesiger klos im hals, der mir die luft wegschnürte.
07.03.2007, 12:15 von deelija. genauso ist es. und manchmal kann lachen unglaublich weh tun.
Abgesehen vom tollen Text, den Bildern, geht mir der Titel nicht aus dem Kopf, sehr interessante, catchy Zeile!
07.03.2007, 12:09 von KiyanGrüße!
Du hast einmal mehr mein teifstes Inneres bewegt mit diesem Text!
01.03.2007, 09:59 von Juli.Danke!
Zum Schmunzeln komisch, zum Heulen schön geschrieben... (mir guckt ja keiner zu... :) )
Ja
01.03.2007, 09:47 von freddie