Schockfrow 30.11.-0001, 00:00 Uhr 38 14

Der schönste aller Gerüche

Der Lieblingskletterbaum meiner Kindheit war eine richtig alte Birne.

Nicht der Gewitterbaum direkt hinter unserem Haus, dessen Stamm im oberen Bereich eine tiefe Furche hatte - von einem Blitz, wie ich damals annahm. Oder der Baum mit den herab wachsenden Ästen, an denen ich mich immer so schön hochziehen konnte. Oder die hohe und schlanke Birke, auf die sich nur die mutigsten Elfjährigen trauten. Ich mochte die alte Birne am liebsten.

Zum Klettern musste ich von unserem Haus aus immer einige hundert Meter gehen. Sie stand ganz einsam auf einer klitzekleinen Wiese mitten in einem Neubaugebiet, umzingelt von einem hoch eingezäunten Privatgrundstück, einem Maisfeld und den hässlichen, neuen Häusern.

Ich bin schon zur alten Birne gekommen, da gab es weder Maisfeld noch Neubauten. Immer nach einem Regenschauer war die Fläche so schön voller Matsch und richtig tiefen, großen Pfützen. Meine Schwester und ich spielten unzählige Nachmittage dort. Bauten uns Flöße und probierten aus, wer mit seinen Beinen tiefer in den Matsch kommt - das war herrlich.

Das besondere an der alten Birne war ihr Stamm. Der wuchs nicht gerade aus der Erde, sondern schräg, in einem Winkel, etwa 45 Grad. Ich musste nie raufklettern, sondern einfach nur mit ein bisschen Schwung rauflaufen. Am oberen Ende des Stammes begann die große und mächtige Krone, die kerzengerade in den Himmel wuchs. Anlaufen, die drei, vier Schritte bis zur Krone und dann den erstbesten Ast schnappen, hochziehen und hinsetzen, schon war ich der König der Welt, zwei Meter über der Erde. Eigentlich keine große Herausforderung für einen erfahrenen und tollkühnen Kletterer wie mich, aber ich liebte meine alte Birne. Am liebsten saß ich oben in der Krone auf meinem Stammplatz wenn es Sommer war und die Blätter so richtig schön dicht, grün und saftig waren und die Birnen schon eine beachtliche Größe hatten.

Stundenlang konnte ich so da sitzen und durch die Gegend gucken, meine Nachbarn beobachten und mir die Autos anschauen, wie sie vorbeifuhren. Es war das Größte, versteckt im Baum zu sitzen, selbst nicht gesehen zu werden, aber alles im Blick zu haben, alles unter Kontrolle. Mein Vater kam immer um halb fünf von der Arbeit nach Hause. Es gab nichts Spannenderes als ihn zu beobachten, wenn er an der alten Birne vorbeifuhr und keine Ahnung hatte, dass ich ihn gerade sehe. Er sieht immer gleich aus, wenn er Auto fährt. Konzentriert, grimmig und müde.

Als mein Vater mich letztes Wochenende vom Bahnhof abholte sah er nur müde aus. Schließlich freut sich der Papa, wenn der Sohn mal wieder zu Besuch kommt. Auf dem Weg nach Hause sind wir an meiner alten Birne vorbeigefahren. Alles was von ihr noch zu sehen war, war ein Teil des Schieflagen-Stammes, mit ein, zwei unbedeutenden Ästen dran, mehr nicht. Alles bedeutende lag daneben - abgebrochen oder vielleicht abgesägt. Leblos und ohne Blätter. Meine Birne starb an Altersschwäche, irgendwann zwischen diesem und meinem letzten Besuch.
Seitdem weiß ich: Dass du älter wirst, merkst du nicht nur daran, dass Profifußballer plötzlich jünger sind als du, sondern auch daran, dass Dein Lieblingsbaum aus Deiner Kindheit ohne Vorwarnung nicht mehr existiert.

Ich würde mich gerne daran erinnern, wann ich das letzte Mal auf meine alte Birne geklettert bin, aber das gelingt mir beim besten Willen nicht. Ganz ganz manchmal, wenn ich kurz vor Feierabend über einen Wochenmarkt gehe, habe ich plötzlich den Geruch in der Nase, den meine alte Birne jedes Jahr im Herbst versprühte. Alte, verfaulte Birnen - für mich der schönste aller Gerüche.

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38 Antworten

Kommentare

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    sehr schön geschrieben. Bei mir war es eine knorrige alte Eiche auf einem Feld kurz vor Blumenthal. Sie steht immer noch. Ich komme nur nicht mehr hoch - das Alter.

    29.10.2008, 17:15 von Nette-2008
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    bei wars ein hollunderbaum undden gedanken mit den profifußballern kam mir auch schon ein paar mal. sehr schön geschrieben, so was braucht man hier, für die träumer unter uns. =)

    21.10.2008, 17:01 von see-through
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    Schöne Geschichte. Wenn ich den Geruch von frisch geschnittenem oder zersägtem Holz rieche, fühle ich mich wieder in meine Kindheit versetzt.

    15.10.2008, 13:09 von XxSchraeubchenxX
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    nette geschichte, kann wohl fast jeder irgendwie nachvollziehen, leider sehr platt und tränig geschrieben.

    13.10.2008, 15:59 von enfant.terrible
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    Solche Erinnerungen sind total schön & total wertvoll. Die kann einem niemandniemandniemand nehmen.
    :]

    13.10.2008, 13:58 von knuddelkeks_
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    bei mir ist es der Duft von Regen nach einem Sommergewitter. Wir sind als Kinder und manchmal auch heute noch barfuß die Wege lang gelaufen! schön...

    13.10.2008, 13:07 von avalance
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    könnte im bad kirchhoffer tagesblatt stehen; so ergreifend wie der leipziger waldbote; warum steht so was auf der ersten seite von neon? rückkehr zur natur? rettet die bäume?
    hängt die grünen, solange es noch bäume gibt?
    unverständnis

    13.10.2008, 02:24 von Mein_jetziges_Leben
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    ganz nett..
    man kann es sich sehr gut vorstellen..

    12.10.2008, 22:21 von Chaosmotte
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    =) eine sehr schöne geschichte.
    ich hatte einen riesen großen lieblingsbaum, wo man über ein großes feld bis zu einem bauernhof schauen konnte. und jeden sonntag konnt man die ganzen spaziergänger beobachten. das war toll;).
    mit meinen freunden kletterte ich auch gerne durch eine baumreihe. beim räuber & gendarm spielen konnte man sich dort prima verstecken. bis eines tages alle äste ,der ganzen baumreihe abgesägt wurden:( sie ist bis heute nicht mehr so schön gewachsen, wie damals.

    12.10.2008, 13:34 von jippie
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