HisHiasness 21.09.2009, 13:38 Uhr 19 9

Der Ritter mit der rostigen Rüstung

Wenn man merkt, dass der Zahn der Zeit an den Eltern nagt, wird es endgültig Zeit, erwachsen zu werden.

Mein Vater war immer ein Ritter. Stark, jeder Bedrohung oder Herausforderung gewachsen, jederzeit bereit, mich zu schützen, mir zu helfen, mich mit Rat und Tat (und Geld) durchs Leben zu geleiten: mit beruflichen Ratschlägen, die erschreckend zutreffend waren, obwohl er aus einer ganz anderen Branche kommt; mit den klassischen Vater-Sohn-Weisheiten über das Leben und die Liebe, zwar oft zutreffend, aber doch vergeblich, weil vom Sohn vorschnell abgetan; mit Existenziellem über das Fußballspiel ("Stoppe - gucke - spiele, des muss schnell geh'!"); mit Tipps zur Persönlichkeitsentwicklung und zum erfolgreichen Umgang mit anderen; bis hin zu Geschenken in Form von Kleidung, die mir nicht selten besser stand und passte, als Sachen, die ich mir selbst gekauft hatte.

Als Kind und zum Teil auch als Teenager (zumindest als unrebellischer wie in meinem Fall) akzeptiert man den Vater: Man glaubt an seine Selbstsicherheit, man vertraut auf seine Tipps und Entscheidungen. Denn es hat sich mehr als einmal herausgestellt, dass er es eben doch sehr oft besser weiß. Und wenn vielleicht auch nicht immer, dann doch oft genug, um ihm zumindest immer gut zuzuhören. Er zeigt dir vor, was es heißt, "erwachsen" zu sein und gleichzeitig bewahrt er dich so gut es geht vor eben den unangenehmen Seiten dieses Erwachsenendaseins.
Er ist der Ritter, er hat die Erfahrung, er weiß alles, er kann alles und wenn mal doch nicht, dann kann er jemanden organisieren, der es weiß oder kann. So sehr man sich auch manchmal mit ihm streitet, uneinig ist und ihn für seinen ritterlich-starken Charakter (sprich, seinen metallenen Sturschädel) verdammen möchte, so schön ist es doch wieder, zu wissen, dass es da jemanden gibt, der dich auffängt, der dich aus fast jeder Patsche des Lebens wieder rausholen könnte und es auch jederzeit ohne Wenn und Aber tun würde.

Aber auch der stolzeste Ritter wird einmal alt: Sein Haar wird grau, sein Kopf wird schwer, sein Arm wird schwach und auch seine Rüstung ist letztlich nur aus Metall und fängt irgendwann an, zu rosten. So auch in diesem Fall: Der Fels, der er für mich in der Brandung des Lebens gewesen ist, hat langsam zu bröckeln begonnen. Er steht immer noch da, er hält mir immer noch die großen Wellen so gut als möglich vom Leib. Aber das Bröckeln ist nicht mehr zu übersehen. Dabei sind es nur Kleinigkeiten. Nicht Großes, kein Alzheimer, keine akute Demenz, kein sonstige unheilbare Alterskrankheit haben ihn befallen. Er wird einfach alt.
Die sportlichen Hochzeiten sind vorbei, keine Bergtouren oder ausgedehnten Skitage mehr. Vom Fußballspielen ganz zu schweigen, er ächzt schon nach einem kurzen Spaziergang. Die Haare sind zwar noch voll und nur teilweise ergraut, aber der fast schon weiße Schnauzbart deutet bereits die Richtung an. Die Lesebrille gehört schon seit einiger Zeit zu seinem Gesicht wie die Nase, auf der sie sitzt. Er hört nicht mehr so gut. Die Erinnerung lässt nach, Gesichter wechseln den Namen, Zusammenhänge die Protagonisten und umgekehrt; Kleidungsstücke, die man vor Jahren mit ihm gekauft hat, sind ihm plötzlich neu, neue dagegen "haben dir schon immer gut gestanden".

Kleinigkeiten, natürlich. Nicht zu vergleichen, mit dem, was Kinder durchmachen, deren Eltern im Alter wirklich an Alzheimer, Demenz oder Ähnlichem leiden und wirklich rund um die Uhr gepflegt werden müssen. Aber nichtsdestotrotz erschreckt es dich. Immer mal wieder. Du denkst nicht dauernd daran, aber eben immer mal wieder. Bei dieser und jener Gelegenheit, vielleicht beim Anschauen eines alten Fotoalbums, schießt dir der Gedanke durch den Kopf "Ui, da war er aber jung", was folgerichtig zum Gegenschluss führt: "Ui, er wird alt". Und plötzlich haben diese wenigen Worte keinen spöttisch-neckischen Unterton mehr, sondern versetzen dir einen kleinen Stich. Immer mal wieder ein bisschen.

Und dann sitzt er eines Tages vor dir und erzählt dir von seinem Gespräch mit der Pensionsversicherung. Dass er, wenn er jetzt in Pension ginge, eine absolut lächerliche Pension bekäme, er, der jetzt gute 30 Jahre für Firma und Familie gebuckelt hat, nicht selten 14 Stunden am Tag. Dass er also weitermachen muss, auch wenn er merkt, dass es ihm schon lange zuviel wird, dass er nicht mehr kann, aber auch nicht einfach aufhören kann, er, der schon zwei Herzinfarkte hinter sich hat, und dem der Arzt schon prophezeit hat, dass bei ihm drei nicht aller guten Dinge sein werden, sondern das Ende aller Dinge.

Und da merkst du, dass es Zeit wird. Du konntest immer mit deinen Problemen zu ihm kommen, jetzt bist du dran, ihm einige der seinen abzunehmen. Früher hatte er das Wissen, das Können und die Kontakte, um dir unter die Arme zu greifen, jetzt ist es an dir, dasselbe für ihn zu tun. Der große, stolze Ritter, der dich ins Leben gebracht hat, dich so weit als möglich an der Hand hindurch geführt hat, wird langsam, aber sicher zum kleinen grauen Männchen, dass nun du so weit als möglich führen musst. Junge, es wird Zeit, erwachsen zu werden.

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19 Antworten

Kommentare

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  • 0

    So ist es. Die eigenen Eltern altern zu sehen, bringt jeden zum Nachdenken. Ich seh jedenfalls nur noch graue Haare und Angst vor der Altersarmut, obwohl viele ältere Leute wohl auch dazu neigen, sich in Tiefs zu stürzen, so jedenfalls mein Eindruck von der Front.

    08.10.2009, 10:59 von Rumburak
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    gefällt mir ... :)

    29.09.2009, 16:55 von johifranz
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    das ist schon beschissen, das Ding mit der Verantwortung - unbequem und anstrengend

    28.09.2009, 17:32 von Perdurabo
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    Leider ja...
    Meine Freundin hat ihren Vater leider schon verloren, ich kannte ihn gar nicht. Aber dort sehe ich immer wieder was wir noch besonderes haben was dort schon fehlt... Auch wenn er einem manchmal auf die Nerven fällt :-)

    28.09.2009, 13:32 von isee66
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    Hat mir sehr gefallen. Thema ebenso wie Schreibweise.

    Ich denke, ob es der eine einen Ritter in Rüstung oder der andere eine Löwin oder einfach nur Mutter und Vater nennt kann dahin stehen.
    Ich denke jeder der ehrlich zu sich selbst ist, hat trotz des rationalen Wissens, dass es irgendwann unweigerlich dazu kommen muss eine unheimliche Angst davor auf einmal die gesamte Verantwortung zu übernehmen. Für die Eltern sowie für sich selbst . Kein Rat mehr-auch wenns der falsche ist.
    Ich denke der Punkt kommt immer mit einem Schlag und erschreckt einen!
    Und dann ist man tatsächlich erwachsen.

    28.09.2009, 09:14 von Cooco
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    Schöner Text.

    Und wenn man wirklich so behütet aufgewachsen ist, kann man das auch so schreiben. Basta!

    ...

    27.09.2009, 20:53 von Batida72
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      @Batida72 entschuldigung, kenne solche Gefühle auch. finde sie auch sehr ansprechend verpackt. und duselleien tuen einfach gut, vor allem wenn man sie Teilt.

      27.09.2009, 22:30 von Babeinthewords
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    guter text. die idealisierende haltung, die durchschimmert, finde ich gar nicht so verkehrt: sie sorgt doch dafür, wohlwollend über den eigenen vater zu denken - etwas, das jeder sohn tun sollte.

    27.09.2009, 16:34 von prefab
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      @prefab idealisierende haltung is für mich eher die summe des Wohlwollens. ob das nicht eher kontraproduktiv ist? wahrscheinlichkeitsrechnung ist einfach mein Angstgegner, aber auf die Summanden kann man ja bauen.

      27.09.2009, 22:04 von Babeinthewords
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Brille Fielmann? Traurig, das ich so etwas nicht ernst nehmen kann. Ich würd es so gerne tun. Habe zwischen den Generationen immer eher ein wider als ein für beobachtet. Ich konnte aber auch nie weit blicken. Nicht, das ich alle jungen Leute als Schnösel abtun wollte, es gibt aber sicher auch nicht so viele Väter, die beruflich wie privat tatsächlich mit ihrem Rat die Wellen brechen könnten. Ein romantisches Bild, ganz sicher poetisch. Aber letztenendes auch nicht mehr.

    25.09.2009, 18:57 von Babeinthewords
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    Ich mag die Schreibweise und die Haltung.
    Wirkliche Probleme mit der ganzen Rittermetaphorik hab ich keine. Ich hab eher das gefühl, das ist ein Stilmittel, das an die Kindheit erinnert. Und da idealisieren nun mal die meisten ihre Eltern.

    25.09.2009, 16:29 von clara.tornova
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      @clara.tornova "Und da idealisieren nun mal die meisten ihre Eltern. "

      Götterglaube hat nichts mit idealisieren zu tun.

      25.09.2009, 19:01 von Babeinthewords
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      @Babeinthewords "Götterglaube hat nichts mit idealisieren zu tun."

      moet

      Ich muss vielleicht doch mehr fernsehen.

      27.09.2009, 22:14 von Babeinthewords
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