Ubu 30.11.-0001, 00:00 Uhr 26 22

Der nächste Tanz

Mit M. gab es alles, nur keine Zukunft. Jetzt heiratet sie, und ich gratuliere zwei Mal.

Mit M. konnte man durch Rumänien trampen, mit M. konnte man in Eckkneipen Walzer tanzen, mit M. konnte man im Bett rauchen, M. trank einen unter den Tisch, setzte sich dann selbst darunter und schenkte immer weiter nach, mit M. lachte man beim Sex. Eineinhalb Jahre war alles Hals über Kopf zwischen uns, ein paar Monate lang, dann kam erst ein Hendrik und dann eine Julia, dann kamen viel zu laute Gespräche und viel zu leise Telefonate und dann noch nicht einmal das. Das war alles traurig, aber man schob es auf den Lauf der Dinge. Von der Zukunft hatten wir wenig gesprochen, und schon gar nicht von einer gemeinsamen. Das war vor acht Jahren. Ich zog nach Berlin, M. erst nach Barcelona, dann nach London und schließlich nach Hamburg. Drei Mal haben wir uns nur wieder gesehen, einmal verkrampft, einmal abgeklärt und nun bei ihrer Hochzeit.

"Wie schön, dass du da bist", sagte M. bei der Begrüßung und umarmt mich stürmischer als ich erwartet hätte. "Pass auf mit deinem Make-up", sage ich, und hätte es lieber nicht gesagt.
Wo denn C. sei, fragt sie. "Die ist leider krank", sage ich. M. schaut bedauernd. "Schade, ich hätte sie gern kennen gelernt."

M. sieht gut aus, fast noch besser als damals, aber so etwas redet man sich leicht ein, besonders bei Hochzeiten. Auch T., der Bräutigam, sieht natürlich gut aus, und natürlich ist er nett und herzlich und umarmt mich auch, obwohl wir uns zum ersten Mal sehen. "Ich habe viel von dir gehört", sagt er, und man merkt, dass das nicht stimmt. Ich kenne niemanden auf der Hochzeit. Nicht einmal M.s Eltern, so etwas spielte damals keine Rolle. Ich bin an Tisch 5 platziert, gemeinsam mit Katrin, der Frau von irgendjemandem, der irgendetwas mit T. zu tun hat, gemeinsam mit Diana, die mit M. in London studiert hatte, und gemeinsam mit Johannes, einem "alten Freund von M.", wie er sagt.

Später stellt sich heraus, dass auch zwischen ihm und M. einmal alles Hals über Kopf war, ein paar Jahre nach mir. "Seltsam hier zu sein, oder?", fragt er. "Ach, das ist doch schon so lange her", sage ich und sage es nicht besonders gut.

Es gibt die üblichen Reden, es gibt die üblichen Spiele, es wird, wie üblich, musiziert und man soll, wie üblich, in das Hochzeitsbuch schreiben. "Herzlichen Glückwunsch", schreibe ich, dann überlege ich lange nach einem etwas persönlicherem Zusatz, "Wie gut, dass es jetzt Zukunft gibt", schreibe ich schließlich und unterschreibe möglichst unleserlich. Erst spät setzt sich M. zu mir. Katrin ist längst zu ihrem Mann, Diana hat den Brautstrauß gefangen und tanzt nun sehr eng mit dem Trauzeugen, Johannes war früh betrunken, "Ich hätte nicht herkommen sollen", hat er irgendwann gesagt und war seitdem verschwunden.

"Geht's gut?", fragt M.
"Großartig", sage ich.
M. zieht sich die Schuhe aus, massiert sich die Füße und legt sie dann auf den leeren Stuhl von Katrin. Ich lege meine dazu.
"Ist C. wirklich krank?", fragt sie.
"Nein", sage ich. "Es ist nur gerade alles etwas kompliziert."
M. nickt ein paar Mal und schenkt uns Wein nach.
"Das ist es immer", sagt sie, und ich sage, dass sie bitte nicht weise sein soll. M. lacht und legt den Kopf an meine Schulter.
"Und bei dir ist es doch auch offensichtlich gerade alles andere als kompliziert", sage ich und achte darauf, dass es keinesfalls wie ein Vorwurf klingt.
M. richtet sich auf. "Wie bitte? Ich habe gerade geheiratet. Geht es vielleicht noch komplizierter?"
"Keine Ahnung, ich habe noch nie geheiratet."
"Ich auch nicht", sagt M. "Ich erzähl dir dann, wie es ist."

Dann sagen wir nichts mehr, M.'s Kopf kehrt zurück an meine Schulter, wir sehen Diana und den Trauzeugen beim Küssen auf der Tanzfläche zu, irgendwann kommt T., der Bräutigam, auch nicht mehr ganz nüchtern, zu uns an den Tisch. "Bitte tanz mit mir, Gattin", sagt er und streckt seine Arme aus. "Mit Vergnügen", sagt M. und lässt sich von ihm hochziehen.
Ich trinke noch mein Glas aus, dann verabschiede ich mich.
"Bis morgen", sagt M. und wuschelt mir durchs Haar.
"Herzlichen Glückwunsch", sage ich.
M. beißt sich kurz auf die Unterlippe, "Danke" sagt sie, dann beginnt der nächste Tanz.

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26 Antworten

Kommentare

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    tragisch...

    und fein geschrieben!

    25.07.2008, 11:01 von Hirnauswurf
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    schoen, irgendwie

    18.04.2008, 14:57 von lila-punkt
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    Mich nervt das Abkürzen der Namen irgendwie, dann änder die Namen lieber

    13.03.2008, 20:34 von Boosi
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    Sehr gute, aber traurige Geschichte. Kenne das so oder so ähnlich auch. Habe meine Ex jetzt auch schon sehr lange nicht gesehn, weiß halt nur sie wohnt jetzt in München mit nem neuen Freund und ich bin nach Köln gezogen, aber die letzten Begegnungen waren auch sehr komisch.

    13.03.2008, 12:53 von Croutcho
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    super gut geschrieben...

    13.03.2008, 12:38 von Neverseen
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    schöner...dennoch trauriger text...ich werde die frauen bzw. männer nie verstehen, die ihre "EX" freunde zu ihren hochzeiten, geburtstagen, etc. einladen...irgendwie total verdreht...oder?..

    13.03.2008, 12:31 von canim
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