der mann, der sich den kopf amputieren ließ, um ihn durch eine meereswoge zu ersetzen
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der mann, der sich den kopf amputieren ließ, um ihn durch eine meereswoge zu ersetzen, stieß mit seinem vorhaben anfangs auf erheblichen widerstand.
die meisten der von ihm angesprochenen chirurgen weigerten sich, überhaupt einen gesprächstermin mit ihm zu vereinbaren. andere verwiesen ihn an befreundete psychiater. einige wenige, denen die unstillbare sehnsucht mancher menschen angesichts ihrer zweifellos wunderbaren, oft aber auch auf tragische weise als unvollkommen empfundenen körperlichkeit vertraut war, nahmen sich zumindest die zeit, auf handwerkliche und physiologische hinderungsgründe hinzuweisen. nur einer von ihnen verwies auf den markantesten punkt innerhalb dieser ärztlichen erfahrung:
"verehrter herr", sagte er am telefon zu ihm, "ich respektiere ihre sehnsucht und bekenne mein vielfältiges unvermögen in dieser sache. ich bin, kurz und knapp gesagt, nicht der richtige für sie und ihren wunsch. mein metier ist der weibliche körper unterhalb des halses. mea culpa. jedoch verfüge ich dort über einige erfahrung und möchte sie auf eine sache hinweisen. die sehnsucht ist unstillbar, das liegt in ihrer natur. man braucht deshalb, volkstümlich gesagt, luft nach oben. sollte die verpflanzung einer meereswoge gelingen, wonach würden sie sich danach wohl sehnen?"
"ich werde voll und ganz zufrieden sein, rundum glücklich.", lautete die antwort.
der arzt schwieg skeptisch.
"warum glauben sie das?", erkundigte er sich dann.
"es handelt sich dabei nicht um einen glauben. es ist die reflexion des ozeans in meinem inneren, ein traumschatten aus schwarzer, salziger tiefe, kühl und heimatlich, bevölkert von ungezählten kreaturen ohne namen. dies alles schlägt immerzu wellen an den stränden meines bewußtseins, in meinem denken und fühlen, doch kann es nicht zu einer form finden, zur freiheit gelangen, solange es in gewebe verflochten ist und von knochen umhüllt. ich suche also niemanden, der mich verändert. ich suche jemanden, der mir eine tür zu öffnen vermag, oder, wenn sie so wollen, mir helfen kann, einen damm niederzureißen, welcher mehr und mehr zu einer gefängnismauer wird."
erneut schwieg der arzt, nachdenklich diesmal.
für einige zeit tauschten sie nur das leise geräusch ihres atems.
dann sagte der arzt:
"ich gebe ihnen eine telefonnummer. aber sie haben diese nummer nicht von mir, verstehen wir uns? ganz egal, wie die sache für sie ausgeht."
"ja, natürlich. herzlichen dank."
"ich wünsche ihnen glück. haben sie etwas zu schreiben?"
zwei monate später wurde der mann in einer kleinen privatklinik operiert. man hatte ihn auf jedes denkbare risiko hingewiesen, und die fachleute in dieser klinik konnten sich eine menge risiken vorstellen. der mann unterzeichnete alles, jedes formular, das ihm vorgelegt wurde, ruhig und mit einem lächeln auf den lippen.
ja, er wußte um die zukünftig sehr starke verflechtung seines gemüts mit dem mond, und das er sich auf ebbe und flut einstellen mußte. auch die unvorhersehbare belastung mit allen möglichen verunreinigungen der verwendeten woge war ihm klar. er wollte ölreste, plastikmüll und chemikalienrückstände gern in kauf nehmen.
als ihm eröffnet wurde, daß die gemeinschaftlich mit der woge entnommenen anteile der meeresflora und -fauna für den rest seines lebens ein unzertrennlicher bestandteil seines körpers werden müßten, schien er sich sogar zu freuen.
so machte man sich ans werk.
zwei weitere wochen vergingen, der mann erholte sich gut von dem eingriff und erhielt eines tages besuch vom chefarzt der klinik.
"wie geht es ihnen heute?", wurde er gefragt.
die woge rauschte sanft zur antwort und warf eine winzige gischtkrone. über ihr rief fröhlich eine möwe möwisches in den wind.
"das freut mich sehr.", erwiderte der arzt und stellte einen kühlbehälter auf den kleinen tisch nahe beim fenster.
"dies", so fuhr er dann fort, "wäre also das letzte, was zu tun bleibt. kann ich ihnen irgendwie behilflich sein dabei?"
die möwe segelte schweigend im aufwind über der woge.
"dann lasse ich sie allein.", sagte der arzt und ging nach draußen.
die woge flachte ab, verlor für kurze zeit fast gänzlich ihre form. dann öffnete der mann den kühlbehälter, entnahm ihm seinen ehemaligen kopf und ließ ihn in die salzige tiefe seiner neuen behauptung fallen.
der möwe entfuhr ein gieriger futterschrei, sie stieß hinab, verfehlte aber den kopf. dieser sank in die tiefe, ungehindert, rasch.
der mann griff sich an den hals, verspürte eine kurze, schreckliche atemnot, dann war es vorbei und konnte nun beginnen.
endlich.
Tags: Robert, Suydam





Kommentare
den anfang im ende finden.
28.01.2013, 10:33 von zehnmomenteDanke für diese Text! Ich weiss nicht, wann ich zuletzt besseres gelesen habe.
ich hätte Interesse an den Kontaktdaten dieser Privatklinik.
21.01.2013, 19:23 von Ansotica041 41 999 351 79 1 - 0
21.01.2013, 19:52 von robert_suydamaber sie haben diese nummer nicht von mir, verstehen wir uns? ganz egal, wie die sache für sie ausgeht.
Großartig.
21.01.2013, 19:08 von justanotherpictureeine wirklich schöne vorstellung ;)
21.01.2013, 11:53 von jetsamWas für eine Vorstellungsgabe.
19.01.2013, 23:54 von Lady_Hope