Garmonbozia 30.11.-0001, 00:00 Uhr 18 17

Der Lustmolch

Oder: Eine Kindheitserinnerung, die sich in mein Gehirn gebrannt hat.

In der vierten Klasse war ich verliebt, in eine Klassenkameradin, Sandra. Ich erinnere mich noch an Sandras scheue Rehaugen, die wuchsen und wuchsen, wenn man "Hey Sandra, guck mal!" rief und dann seine Schürfwunden versorgen musste. Liebreizend war das. Aber selbst wenn gerade niemand "Hey Sandra, guck mal!" rief, was selten vorkam, galt Sandra als das schönste Mädchen der Klasse.
Ich wusste, dass ich mich in Sandra verliebt hatte, weil ich sie mir irgendwann nicht mehr tot vorstellen konnte, ohne mich elend zu fühlen. Auch dachte ich plötzlich laut über die Einführung einer Frauenquote bei meiner nächsten Geburtstagsparty nach, woraufhin sich meine Eltern perplex anstarrten, zweistimmig "Warum das denn? Sind Mädchen nicht mehr doof?" gackerten, ich völlig beleidigt vom Schlauchboot sprang und "Vergesst es einfach, ihr Idioten!" keuchte. Anschließend kraulte ich supergeschmeidig ans Ufer zurück und war stolz auf mein goldenes Schwimmabzeichen

Da ich seinerzeit nicht gar so ängstlich durchs Leben schlich wie heute, gönnte ich mir nur drei Bedenkmonate, ehe ich mich entschloss, Sandra meine Liebe zu gestehen. Emotionale Reden von Angesicht zu Angesicht überforderten jedoch auch mein Viertklässler-Ich. Also schrieb ich den ersten und wahrscheinlich letzten Liebesbrief meines Lebens:

"Hallo Sandra!

Ich glaub, ich hab mich in Dich verliebt.

Kennst Du Haddaway?

What is love? Baby don't hurt me! Don't hurt me! No more!

Dein Garmonbozia"

Nachdem ich ihr meinen Liebesbrief heimlich in den Schweinslederranzen gesteckt hatte, fing mich Sandra nach der Schule mit golfballgroßen Rehaugen am Mülleimer ab und laberte irgendwas von "Bruno", "ganz nett" und "nicht in dich" und all diese Wörter bohrten sich so tief in mein Herz, dass ich daheim nurmehr Leere verspürte, als ich Romario und Matthias Sammer in mein Panini-Sammelheft klebte und der Himmel golfballgroße Hagelkörner weinte.

Was machte Bruno in Sandras Augen bloß so interessant? Da ich seinerzeit nicht gar so gleichgültig durchs Leben traumwandelte wie heute, quälte mich diese Frage vier lange Tage, ehe ich ganz stark auf Brunos Rüpelimage tippte. Brunos Körper konnte es nämlich nicht sein, sein Schweinslederranzen stand meinem in nichts nach. Es gereichte ihm sicher auch eher zum Nachteil, dass sein Schweinsgesicht perfekt mit besagtem Schweinslederranzen harmonierte. Ja, alles deutete auf Brunos Rock'n'roll-Attitüde hin. Der ausgefranste Vokuhila, die "Bad and mad"-Pullover, die zerfetzten Jeans, die versifften Chucks, der Eastpack-Rucksack, das Schuleschwänzen, die frechen Kommentare, die Lese-Rechtschreib-Rechen-Töpfer-Schwäche - Bruno hatte sich eine Nelson-Muntz-Aura zugelegt, die mich hämisch auszulachen schien: Ha ha!

Sicher, ich hätte mich abfinden können mit Sandras Korb. Doch hätte Matthias Sammer das getan? Nein. Natürlich nicht. Matthias Sammer hätte weitergekämpft, hätte gekratzt, gebissen und gespuckt. Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Also kämpfte ich, betrieb Imagepflege, neue Klamotten, falsche Lösungen, pulverisierter Traubenzucker an der Nase. Auch Sandra registrierte meine Verwandlung. Während meine Lehrerin nur noch den Kopf über mich schüttelte, schenkte mir Sandra disarmende Smiles, wenn ich mal wieder "den Bus verpasst" hatte.
Bis sich Sandra eines schönen Julitages bückte. In der Pause. Irgendwas war ihr heruntergefallen. Ich glaube, ein Schleckstängel. Sie trug an jenem Tag einen Blümchenrock. Und bückte sich. Ich weiß noch, ich hörte Stimmen. Tu es, tu es. Sandra bückte sich tiefer, immer tiefer, so dass sich ihr Rock weiter und weiter nach oben schob. Als hätte der Rock sagen wollen: "Na, du Rüpel, traust du dich? Komm schon!"
Lange Rede, kurzer Sinn: ich traute mich. Und Sandra ohrfeigte mich - und sah mich fortan nicht mal mehr mit ihrem Arsch an.

17

Diesen Text mochten auch

18 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Sehr gute Formulierungen. Genre Popliteratur bzw. das, was auf Poetry Slams in die Endrunde kommt.

    Das Ende mit dem Kinder-Hintern und dem Schleckstängel "versaut" die hohe Qualität des Textes.

    31.12.2011, 13:59 von TilmannKleye
    • Kommentar schreiben
  • 0

    - weil ich sie mir irgendwann nicht mehr tot vorstellen konnte, ohne mich elend zu fühlen
    - Da ich seinerzeit nicht gar so ängstlich durchs Leben schlich wie heute,

    Sehr süß geschrieben, und Bruno ist einfach ein geiler Name, da kann Garmonbozia nicht mithalten.

    28.08.2011, 17:30 von Jackie_Grey
    • Kommentar schreiben
  • 0

    In der vierten Klasse schon so ein "Lustmolch"?
    War die Songzeile zufällig gewählt oder hast du wirklich mit 10 Jahren Englisch gekonnt?
    Nette Pointe und schön geschrieben, aber diese Fragen bleiben bei mir offen.

    28.08.2011, 14:49 von liarsenic
    • 0

      @liarsenic Man kann doch wohl mit 10 Jahren Eurodance-Textzeilen mitsingen und verstehen!!

      28.08.2011, 16:18 von FrauKopf
    • 0

      @FrauKopf Na wenn du meinst...

      29.08.2011, 19:00 von liarsenic
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar schreiben
  • 0

    So toll. Wertvolle Erinnerungen, toll verpackt.

    26.08.2011, 00:32 von hoppipollaa
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Die "Lese-Rechtschreib-Rechen-Töpfer-Schwäche" ist eine großartige Diagnose. Meine Güte, wieviele von diesen Brunos damals in meinem Jahrgang waren. Und heute haben íhre Kinder die "Lese-Rechtschreib-Rechen-Töpfer-Schwäche". Ist das ein endloser Kreislauf?

    25.08.2011, 19:09 von GeisterHund
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Meine Sandra hieß Karin und sitzt heute auf einem Hintern von geschätzt 150 Kilo kuhäugelnd auf der Zulassungsstelle der Stadt, die mich dereinst in die Welt gespuckt hat, um zu lernen, dass Großstädte anders riechen.
    Das war noch vor Facebook. Doch sie erkannte mich wieder. Ich sie. Dann nie mehr. Glück!

    <:-DD
    Besser geht es nicht!

    25.08.2011, 14:05 von Kokomiko
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Fantastisch geschrieben! Gefällt mir die Geschichte!

    24.08.2011, 20:56 von aniuaniu
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Tooooooll :)
    Nur mal ne Frage: Erst Schweinslederranzen und dann Eastpack-Rucksack?

    24.08.2011, 15:02 von schmackofatzin
    • 0

      @schmackofatzin Ja. Auf dem Rücken trug er einen Eastpack-Rucksack. Und vorne wuchs sein Schweinslederranzen.

      24.08.2011, 15:11 von Garmonbozia
    • 0

      @Garmonbozia Ah gut, jetzt hab ichs kapiert :-D

      24.08.2011, 15:23 von schmackofatzin
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare