Federstaub 15.10.2012, 00:12 Uhr 14 41

Der kleine weiße Punkt.

Ich drehe mich um, die Bettdecke ist kalt. „Nie wieder“ – denke ich und suche die Spuren seiner Hand auf meinem Kissen.

„Bis bald“ – er drückt mir einen Kuss auf den Mund, schaut mich kurz an, dann dreht er sich um und geht. Die Tür fällt ins Schloss, ich höre seine Schritte im Treppenhaus. Ich bleibe zurück.

Ich und ein Lächeln auf meinen Lippen.Ich rede mir ein „dieses Mal schaffe ich es. Dieses Mal kann ich es differenzieren.“ Aber es bleibt noch etwas anderes.

Zweifel. 

Das Kopfkissen ist noch warm, die Matratze formt noch seine Gestalt, da wo er gelegen hat.

Sein schöner Rücken, hinunter bis zu seinem makellosen Hintern und hinunter zu seinen Füßen. Bildlich sehe ich es vor mir, wie er vorhin noch mit seinen Zehen an meinem Bettgestell rumgespielt hat. Da ist es wieder, das Lächeln. Und da sind sie wieder – die Zweifel.

Wie eine Nebelwolke schweben sie im Raum, senken sich langsam und drücken auf den Parkettbogen.

Ich fröstel, mir ist kalt.

Langsam ziehe ich einen Pulli über, nehme die Gläser, die neben dem Bett stehen und beseitige die Spuren der Nacht. Ich lasse Wasser in die Spüle ein. Bin in Gedanken – soll ich das Bett gleich noch überziehen? Oder gönne ich mir noch diese eine Nacht in seinem Geruch, in seiner Erinnerung. Ich verbrenn mich ,das Wasser läuft über meinen Handrücken, hinunter in meinen Pulli. „So ein Dreck“, denke ich. Ich lasse die Gläser stehen, krieche zurück unter die Bettdecke und starre an die Zimmerdecke.

Da ist er wieder, dieser kleine weiße Punkt an der Decke. Er ist ein bisschen weißer als die andere Farbe. Schon heute Nacht war er mir aufgefallen, wie er da raus sticht. Wie er mich vorwurfsvoll anstarrt und mir sagt „Wach auf, das wirst du nie für ihn sein.“ Und schon heute Nacht wusste ich, dass er Recht hat, der Punkt. Ich wusste es schon vor zwei Wochen und auch schon vor drei Monaten. Ich wusste es seit dem ersten Mal vor einem Jahr.

Ich werde nie einer der Punkte sein, der ihm auffällt. Ich bin einer von denen, die untergeht in seiner Decke. Den er vielleicht kurz wahrnimmt, es nicht für nötig findet ihn auszubessern. Er ist einfach da, der Punkt. Ich bin einfach da. Es ist nicht nötig mich zu überstreichen, aber es ist auch nicht nötig mich länger zu betrachten.

Ich drehe mich um, die Bettdecke ist kalt. „Nie wieder“ – denke ich und suche die Spuren seiner Hand auf meinem Kissen.

41

Diesen Text mochten auch

14 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 2

    Sehr schön geschrieben. Und was du beschreibst, ist leider gar nicht schön. Hab sowas auch erlebt, ist noch gar nicht sooo lange her. Hab das sogar schon zwei, dreimal erlebt und jedes Mal verfluche ich mich wieder für das Fühlen. Wie du sagst: Man kann einfach nicht differenzieren. Man nimmt es sich vor, denkt, man schafft es und dann sitzt man und muss aufpassen dass man sich nicht selbst verrät...

    24.10.2012, 00:52 von bunteschaos
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich
    werde nie einer der Punkte sein, der ihm auffällt. Ich bin einer von denen, die
    untergeht in seiner Decke. Den er vielleicht kurz wahrnimmt, es nicht für nötig
    findet ihn auszubessern. Er ist einfach da, der Punkt. Ich bin einfach da. Es
    ist nicht nötig mich zu überstreichen, aber es ist auch nicht nötig mich länger
    zu betrachten.

    Der Teil ist sehr gut geworden! Ich mag solche kurzen Sätze. Klingen so belanglos, schnell dahingesagt. Und erst, nachdem man sie gelesen hat, und zum nächsten Absatz schweifen will, bleiben sie hängen und formen einen größeren Sinn. Gut ausgedrückt!

    19.10.2012, 00:24 von mellilou
    • Kommentar schreiben
  • 1

    schön, endlich mal die andere Sicht zu lesen, was sich nicht so wehleidig liest.

    17.10.2012, 17:06 von Surecamp
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wenn mehr vom Geruch die Rede wär, könnt  ich es ja nooch verstehen, aber diese vielen Abdrücke sind mir suspekt. Handelt es sich vielleicht um ein Sandbett? Das wäre dann allerdings wieder nachvollziehbar, weil es da wirklich Abdrücke und Spuren geben würde.

    17.10.2012, 08:54 von Tanea
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Sehr schöne traurige Geschichte !

    17.10.2012, 00:00 von DasEnte
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ach Gott, wenn die Punkte anfangen zu sprechen, würde ich den Arzt rufen

    16.10.2012, 20:57 von EliasRafael
    • 0

      Schonmal was von Metapher gehört ? Oo

      17.10.2012, 00:01 von DasEnte
    • 1

      Ist das besser als Zyprexa?

      17.10.2012, 23:50 von EliasRafael
    • 1

      elsi, du bist konter-könig! :D

      18.10.2012, 10:16 von nnoaa
    • 0

      Ja, außer bei dir, daher halt Angstgegner

      18.10.2012, 10:30 von EliasRafael
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "und suche die Spuren seiner Hand auf meinem Kissen". Welche da wären? Fingernägel? dreckpfotenabdrücke?

    16.10.2012, 19:13 von topfbluemchen
    • 0

      Kennst du das, wenn du etwas lange auf deinem Kopfkissen liegen hast, es dann hoch nimmst und das Kissen den Abdruck weiterhin formt?

      16.10.2012, 19:18 von Federstaub
    • 0

      Mein Kopfkissen ist schon so plattgelegen, da seh ich nix mehr. :-)

      16.10.2012, 19:19 von topfbluemchen
    • 1

      der Profiler ! °°

      18.10.2012, 12:31 von blueRiver
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Mai 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android