smillalotte 02.05.2018, 12:10 Uhr 14 2

Der Kindermantel oder all die guten Vorsätze

[...] - wobei ich in der Badewanne ertrinken nicht zu meinen favorisierten Fehltritten rechne.


Kaum zu glauben; da wird man siebenundzwanzig um sich von seiner Mutter fragen zu lassen ob man in der Badewanne ertrinkt. „Bist Du eingeschlafen?“ „JA!“ „Oh, dann mach schnell die Tür auf!“ „NORMALERWEISE REDET MAN NICHT, WÄHREND MAN SCHLÄFT!!!“

Unerfreulicherweise scheint die Kinderrolle sich auf einen zu stürzen, sobald man das elterliche Haus betritt. Die Elternrolle hat zwar sowieso nie Urlaub, lässt sich durchs Telefon aber doch besser fernhalten. Dennoch kann das Leben in einer anderen Stadt sieben dreiviertel Jahre wunderbar laufen, das gemeine Elternhirn blendet das offensichtlich aus.

Wohnungen mieten, vor fünfzig Menschen plus Professor schlaue Dinge erklären, Behördenquatsch regeln, Haushalt führen, Partys feiern und überleben, sich mit Freunden streiten und vertragen, Beziehungen führen. „Nicht, dass Du ertrinkst, das ist so gefährlich!“

Okay, offensichtlich vergebliche Liebesmüh.

Plausibel erscheint mir dass Eltern (ungleich Erwachsene) innerhalb von dreißig Jahren vergessen, dass sie ihre Fehler auch gerne selber machen wollten - wobei ich in der Badewanne ertrinken nicht zu meinen favorisierten Fehltritten rechne.

„Du musst auch mal was für Deine kulturelle Bildung tun!“ „Nee, muss ich nicht.“ „Ich hätte mir diese Lesung ja nicht entgehen lassen.“ „Hättest ja hingehen können!“ „Nein, das konnte ich nicht!“ (innerliches Brodeln und Schnaufen meinerseits, was sich je länger ich schweige zu einem Kochen entwickelt und die Überlegung, ob ich den mehr oder weniger qualifizierten Ausspruch‚ 'wieso muss ich mich für Autoren interessieren, die Du toll findest?’ nun bringe oder nicht. Ich entscheide mich für nicht.) Tage später fällt mir was richtig gut schwerwiegendes ein: „Ich tue in meinem Studium seit Jahren nichts anderes, als mich kulturell zu bilden. Bloß weil Du nicht verstehst, was ich da mache, heißt das nicht, dass ich kulturell ungebildet bin.“ PÄNG!! Das hätte gesessen. Muss einfach schneller denken. Klappt doch bei mir zuhause auch. Tja. der Kindermantel. Verschleiert anscheinend auch die Geistesgegenwart.

All die guten Vorsätze, sich mal anders zu benehmen und total schlagfertig und gleichzeitig überlegt zu reagieren, klappen also dieses Jahr auch nicht, obwohl das so schön neu und erst drei Tage alt ist. Nun denn, fahre ich eben erstmal n paar Monate nicht zu den Eltern und übe rege in Gedanken. Könnte doch sein, dass so das Kindergewand überlistet wird. Naive Hoffnung befürchte ich. Oder man lockt die Erzeuger-Generation aus der vertrackten Ich-werd-wie-ne-Fünfjährige-behandelt-Butze raus und lotst sie woanders hin. Ob es allerdings viel schöner ist, sich im Restaurant Haare vom Pulli zupfen zu lassen (was nicht so schlimm wäre, gäbe es nicht den entsprechenden Blick dazu), bleibt fraglich. Die unser-Kind-Mentalität nehmen sie wohl sowieso mit, nur die Kulisse ändert sich. Grandioser Plan. Also Ferngespräche.

Durchs Telefon auf gleicher Augenhöhe ist zwar ganz schön, ich dachte trotzdem, man wird irgendwann wie ein ernstzunehmender Mensch behandelt. Vielleicht erst wenn man selber Kinder hat? Und wenn ja, zählt auch ein Hund?

All das verfestigt meinen Eindruck, dass „erwachsen“ ein Mythos ist. Ein Konzept, geschaffen um Leute zu beschreiben, die dieselben Dinge machen wie Halbwüchsige. Nur haben sie im Laufe des Lebens genug Erfahrungen und Routine gesammelt um Dinge argumentativ zu tarnen. „Solche Feiern steckt man in meinem Alter eben nicht mehr einfach so weg“ heißt es dann, um Hängeaugen am Montagmorgen zu rechtfertigen. Oder – eigentlich noch lästiger – Kunstgriffe, die Jugendlichen als Leichtsinn vorgeworfen werden – sind dann plötzlich „man muss ja auch mal flexibel sein“ – ein Ausbund an Spontaneität.

Betrachtet man das Ganze vor diesem Hintergrund, ist es nur noch halb so schlimm, sich den Kindermantel überwerfen zu lassen, egal wo und wie man nun gerade ist. Und außerdem gibt’s ja – wenn man Glück hat – auch noch die Leute, die unseren Eltern ihrerseits den Kindermantel, oder wohl eher das Kinderkorsett überwerfen. Ätsch.

Bleibt die Hoffnung, dass ich meinen Kindern die Haare auf dem Pulli, das Einschlafen und etwaige Ertrinken in der Wanne und Nicht-Besuche von osteuropäischen Nischen-Autoren zutraue, ohne ihnen das Gefühl zu geben, ein erneuter Besuch des Kindergartens im Anschluss des Studiums wäre eine Option.





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14 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Das Kind vermag viele Mäntel zu tragen. :)

    02.05.2018, 23:28 von Freyr
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      Stimmt. Inzwischen hat es auch diverse Umhänge.

      03.05.2018, 08:47 von smillalotte
    • 0

      Schöne Sprache ist schöne Sprache ist schöne Sprache.

      03.05.2018, 08:47 von smillalotte
    • 1

      Also, "stimmt" bezog sich auf viele Mäntel.

      03.05.2018, 09:55 von smillalotte
    • 1

      Ach. Bour­geois, Oberklassegelaber. Das sind doch bürgerliche Kategorien. :)

      03.05.2018, 10:20 von Freyr
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    • 2

      Witzig. Und nicht witzig!

      03.05.2018, 14:17 von MaasJan
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      hui.

      02.05.2018, 17:16 von smillalotte
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    • 2

      hm. da will mir partout keine erwiderung einfallen...

      02.05.2018, 17:23 von smillalotte
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  • 1

    Zum Glück, das du den Text aufbewahrt hast. Die 'Tags' sind auch Prima! :D

    02.05.2018, 14:42 von Fin_Fang_Foom
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