ninasofie 14.10.2009, 21:44 Uhr 4 2

Der Geschmack von Butterbrot

Was bleibt ist die Sehnsucht. Ein Sehnen nach Leben, nach alten Geschichten, nach wärmenden Stunden und Butterbrot. Butterbrot, denn Butter ist Leben

Mit großen Augen betrachtete ich sie. Oma, wie sie da stand, mit dem Rücken zu mir, in der großen alten Küche. Eingehüllt in ihren Haushaltskittel, wie man sie auch heute noch an billigen Marktständen finden kann. Blau, mit bunten Blumen.
Glanz, Staunen und eine unergründbare Tiefe waren in meinen Augen zu lesen. Nicht nur wegen der alten Frau, die für meinen Kinderblick zeitlebens ein Rätsel, ein Labyrinth aus Falten voll unendlich vieler Geschichten, Erfahrungen und Geheimnissen bleiben sollte.
Ich starrte vor allem auf das lange Küchenmesser in ihrer Hand, dessen Klinge weit länger war als meine Kinderärmchen. Ausgestreckt.

Und der Glanz in den Augen, der kam nicht minder von dem Duft, der langsam hinter Oma hervorkroch und nach und nach die Stube wärmte. Brot, frisches noch warmes Brot.
Es war, als könnte man jeden einzelnen Tropfen des schweren Sauerteiges in sich aufnehmen.

Ich konnte nicht länger stillsitzen und sprang von Opas Drehstuhl, den er mir lieh, wenn er nicht selbst gerade ein Päuschen nötig hatte. Opas Drehstuhl, der eigentlich viel zu hoch und groß war, weil er ja für Großpapa bestimmt war und nicht für kleine Mädchen.

Warmes, frisches Brot, pappig und mit dicker Kruste. Pappebrot nannten mein Bruder und ich es immer. Es war wie ein Ritual. Meine kleinen Hände griffen nach dem Laib, hoben ihn auf Kopfhöhe und verleiteten das runde Mündchen zu einer heimlichen kleinen Kostprobe. Nur das mit dem „heimlich“ war gar nicht so einfach und oft verriet mich ein kleiner Mehlbart, der nach dem auch noch so winzigen Verkosten der Kruste meine Nasenspitze umspielte.
Danach legte ich das Brot ganz schnell wieder auf Omas großes Holzbrett, wartete ich doch auf nichts sehnlicher, als darauf, dass Oma langsam das Messer ansetze, leicht mit den großen alten Händen ruckte, auf das Durchgleiten des Messers und den erneut aufsteigenden Duft des Brotes.

Und da lag es, Scheibe um Scheibe, zentimeterdick, bereit für den Höhepunkt.
Ich lief zum Kühlschrank, stieg auf den kleinen Schemel, den mir Opa zum dritten Geburtstag gebastelt hatte und der meine Beinchen so lang machte, dass ich sogar bis zum obersten Kühlfach greifen konnte. Auf Zehenspitzen.

Schnell fand ich, was ich suchte, denn nichts aus dem Kühlschrank zog meine Augen so sehr an, wie der in Goldpapier gewickelte Butterwürfel. Gut, dass ihn Oma immer in der Mitte gleich neben der Erdbeermarmelade aufbewahrte und nicht ganz oben, wo ich nur unter großen Anstrengungen hingelangte und riskierte, noch vor dem Erreichen der Butter, vom Hocker zu fallen.
Aber Oma dachte wohl immer ganz genau mit und nie, aber auch kein einziges Mal, landete ich auf den Boden oder ließ die Butter aus meinen Händen gleiten.

Tataaa – ich streckte die Ärmchen aus und hielt ihr die Butter entgegen. Trotz der goldenen Hülle schien sie nicht zu wissen, wie wertvoll der Butterklotz war. Ihre Augen jedenfalls nahmen nichts von dem goldenen Glanz der Folie auf und auch ihre Mundwinkel veränderten sich nicht, während ich mir schon vor Vorfreude die Lippen wund schleckte.
Mit ihren großen, knochigen Fingern griff sie nach der Butter, öffnete das Goldpapier und schnitt mit einem etwas kleineren Messer dicke Scheiben von dem schimmernden Klotz, dessen kalte Härte inzwischen durch den immer noch wärmenden Atem des Brotlaibes einer nun cremigen, gelbglänzenden Zartheit gewichen ist.
Sachte bestrich sie die ovalen Brotscheiben mit der Butter, wie eine weiche Decke, die sich über den Leib legt.
Was mich so an ihrem Tun faszinierte, kann ich nicht sagen. Ich mochte es einfach, wie sie die Butter über die Brotstulle strich. In der Mitte etwas dicker, zum Rand hin immer dünner, wie eine niedrige Kuppel über einem Bauwerk.
Erst als sie das Messer zur Seite legte, löste sich mein Blick und ich hatte die glorreiche Aufgabe, das Schichtwerk zu vollenden. Durch Daumen und Zeigefinger lies ich die kleinen Salzkörner auf die Scheiben regnen. Salz, so simpel und doch die Vollendung, der letzte Schliff.


Butterbrot...

Butterbrot, zentimeterdick...

Butterbrot mit Salz...


Wir nahmen das Holzbrettchen mit den Broten, suchten uns ein Plätzchen auf Omas Küchenbank und Oma begann zu erzählen. Von Früher, ihrer Kindheit, von ihren Geschwistern, von Böhmen, vom langen traurigen Weg Richtung Westen. Sie erzählte auch von Opa, von Hoffnung und neuem Glück.
Ich liebte diese alten Geschichten, den Klang ihrer Stimme, der eins zu werden schien mit dem Duft des zarten Butterbrotes, der noch lange nach dem letzten Bissen anhielt und unsere Körper wärmte.

So vergingen die Nachmittage in Omas Stube, so vergingen meine ersten Jahre. Mit Butterbroten und Geschichten. Buttergeschichten aus Omas Leben.


Butterbrot...

Butterbrot, zentimeterdick...

Brot mit viel Butter und Salz...


Doch mit den Jahren wurde nicht nur die Oma immer weniger, kleiner und schwächer. Mit ihr schwand auch immer mehr die Butter auf dem Brot des Mädchens. Erst immer dünner, bald nur noch eine kaum sichtbare fahle Haut, die sich in ein Nichts aufzulösen begann.


Brot...

Brot, nur ein Scheibchen...

Ein Scheibchen Brot ohne Butter...


Und mit der Butter schwand auch immer mehr das kleine Mädchen, der Glanz in den Augen, das Rosa der Wangen, die kindlichen Polster, die Freude am Leben.


Brot...

Brot, nur ein Stückchen...

Ein Stückchen Brot, sonst nichts...


Und was bleibt ist die Sehnsucht. Ein Sehnen nach Leben, nach alten Geschichten, nach wärmenden Stunden und Butterbrot.


Butterbrot...

Butterbrot, zentimeterdick....

Brot mit viel Butter...

Denn Butter ist Leben.

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4 Antworten

Kommentare

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    erinnerst du dich noch an mich? :) wir haben vor zwei jahren oder so mal geschrieben glaube ich, ich hab auch einen ähnlichen text bei mir zu stehen... zumindest zu diesem thema.

    was mich jedes mal am meisten ergreift, wenn ich solche geschichten lese oder höre, ist, dass es sich so anfühlt, als würde jemand meine eigene geschichte erzählen. man muss auch gar nicht so viel sagen und ich weiß trotzdem was alles dahinter steckt, was unausgesprochen bleibt... es ist ein verdammter teufelskreis und ich hasse es und ich will es nicht mehr. aber ich kann nicht aufhören. weil ich nicht will?

    ich hoffe dir geht es im moment besser... liebe grüße

    12.01.2010, 22:10 von Camryn
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    @quatzat: es spielen leider zu viele Faktoren mit, die eine Essstörung auslösen. Zu viele, um es an dem Tod festzumachen. Ich wollte den Gang der Sucht eher vergleichen mit einem lanhgsamen "Verfall"... Und mit der Sucht schwindet alles schönes, alles was dem Körper gut tut und was man sich gönnen sollte... Ubd das ist für mich eben die Butter... einfache Butter, das ist Leben. Und wenn man die nicht mehr essen "darf", das ist dann wie ein innerliher Tod.
    Vielleicht verwirrend ausgedrückt, ich hoff, du verstehsts.
    gruß,
    Nina Sofie

    15.10.2009, 17:55 von ninasofie
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    Interessanter Text, der Bruch hat mich ganz gut erwischt, leider wurde er damit eingeleitet:

    "Mit ihr schwand auch immer mehr die Butter auf dem Brot des Mädchens."

    Und das impliziert nunmal, dass das langsame Dahinscheiden eines geliebten Menschen eine Esstörung auslösen kann. Ich kenn mich da wenig aus, aber ist das so?

    An der Stelle hats auf jedenfall nicht mehr so gut funktioniert. Trotzdem interessanter Ansatz.

    15.10.2009, 11:46 von quatzat
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