DASkannNICHTklappen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 3

Der gelutschte Drops

Ohne dem ganzen Beachtung zu schenken versuchte er sich auszumalen wie es ist, wenn man seine Identität verliert.

Es war ein scheiß Tag, ein Freitag. Ironischer Weise sogar tatsächlich und wahrhaftig Freitag der Dreizehnte. Aber geschissen auf das Datum, es war ein Freitag und Freitage haben gut zu sein. Egal ob man unter der Woche schuften war wie ein Tier, oder herum hing und seiner Zeit beim sterben zusah. Wobei das eine das andere natürlich nicht ausschließt.

Es war der Freitag an dem er sich vorgenommen hatte mal wieder in die Stadt zu fahren, in der man ihn auf die Welt losgelassen hatte. An und für sich nichts schlimmes, doch in den letzten Jahren und vor allem in den letzten paar Wochen wurde das Gefühl, das er damit verbandt diese Stadt zu besuchen, immer mulmiger, diffuser und auf eine Art unnahbar, welche in ihm Übelkeit hervorraf.

Dennoch machte er sich auf und traf nach viel zu langer Abstinenz in dem Haus seiner Jugend ein und wurde herzlichst empfangen. Er dachte sich mittlerweile schon selbst das man ihm es anmerken würde und er es nicht vertuschen könnte oder wollte, dass er hier nicht mehr zuhause war. Und wenn nicht irgendetwas nicht stimmen würde, täte ihm das Leid für seine Mutter, aber irgendwie war da nichts.

So verbrachte er den Tag in dem alten Zimmer in dem noch älteren Haus, in dem er den Anfang machte um so alt zu werden. Nicht älter als er jemals werden wollte, aber immerhin so alt, als das er niemals einen Gedanken daran verloren hatte, wo er dann angelangt wäre. Und dies wurde ihm auch jetzt wieder bewusst. Das Zimmer sah noch so aus wie er es vor 6 Jahren verlassen hatte. Die Einrichtung in der neuen Stadt, in die er gezogen war, war größtenteils schon vorhanden und im Prinzip besaß er auch nichts von Wert, oder etwas auf das er aus ideellen Gründen nicht hätte verzichten können. Alles nur Kram, alles ersetzbar. Klingt komisch, ist aber so. Schade.

Der Tag trottete so vor sich hin und nichts geschah, außer das er sich auch hier, in dem alten Zimmer, in dem noch älteren Haus, in die bekannte und vertraute Welt aufmachte, die er überall hätte finden können, solange da ein Computer mit Internetverbindung gewesen wäre.

Nach einigen geposteten Kommentaren und gemochten Songs, sowie der einen oder anderen nichtssagenden Plauderei, schrieb er eine knappe SMS es an Thomas: „Hey, geht heute irgendwas? Bin in der Stadt.“. Sobald er die Nachricht verschickt hatte, fragte er sich was das hier eigentlich alles solle und mit ihm überhaupt noch zu tun hätte und warum er eigentlich hier sei und weshalb er sich darauf einließe. Pflichtbewusstsein? Reue? Schlechtes Gewissen? Alles Dinge die nicht für einen Besuch bei seiner Mutter und alten Freunden verantwortlich sein sollten. Schade.

„Klar! Komm zu Basti! Wir wollen nachher ins Shanghai!“, war die ebenso kurze aber klare Antwort. Basti wohnte nur 2 Straßen weit entfernt von ihm. Also schnappte er sich ein paar Bier für den bevorstehenden Abend und machte sich auf den Weg durch die verregneten Straßen. Am Ende seiner Straße, gegenüber von Angelo – der wirklich gute Pizza macht! – kam ihm ein junger Mann mit einem großen Hund entgegen. „Hunde spüren Angst“, redete er sich wie immer ein, wenn zu kleine Menschen versuchten zu große Hunde spazieren zu führen, und blickte einfach nicht auf den Hund, konnte aber nicht anders als den Halter zu mustern. Er kannte das Gesicht. Es war ein Junge den er noch aus der Grundschule kannte, dessen Namen er aber noch nie wusste. Es gab nur eine Story über ihn, die bis heute hängen geblieben war. Der Typ hatte einmal auf dem Spielplatz in die Büsche gekackt, während alle Kinder Fangen spielten, sich danach mit seiner Unterhose den Arsch abgewischt und dann weiter mitgespielt. Natürlich wurde er dafür ausgelacht, ausgeschlossen, niedergemacht, niedergetrampelt, mit Mistgabeln durch das Dorf gejagt und letztendlich verbrannt. Richtig so. Schade.

Das Gesicht ging ihm auf dem ganzen Weg nicht aus dem Kopf und er musterte nun andere Gesichter, von anderen Menschen mit einem Blick, der nur als abwertend hätte gedeutet werden können. Er blieb kurz stehen und blickte in die grauen Wolken und wunderte sich, warum dieses graue Licht manchmal beißender ist, als wenn keine Wolke am Himmel steht. Den Rest seines Bieres trank er mit einem Schluck aus und murmelte kurz vor sich hin: „Bin ich es, oder sind es die Anderen die so kalt geworden sind?“. Die Frage wurde gestellt und nicht beantwortet. Der Drops wurde gelutscht und war weg.

Bei Basti angekommen sprang ihm zunächst die kleine Katze von Basti um die Füße, sodass er aufpassen musste sie nicht versehentlich zu zertreten. Das wäre schade gewesen. Diese Sauerei.

Die Jungs waren schon alle da und schon relativ gut dabei, sodass sich eine kleine, aber ansehnliche Armada von leeren, halbvollen, halbleeren und vollen Bierflaschen auf dem Tisch wild gestreut hatten.

„Herzlichen Glückwunsch zu deinem bestandenen Abschluss! Bachelor biste jetzt, oder? Was haste jetzt vor?“

Er winkte mit einem“Ja ja, danke. Habt ihr nochn Bier?“ ab und suchte kurz nach einer Floskel, die Raum einnahm. Seine Wahl viel auf „Schön euch mal wiederzusehen!“ und damit nahm die Runde, das Vorglühen, der Anfang vom Ende oder wie auch immer man es nennen möchte, seinen Lauf.

Es wurde schlechte Musik gehört während eine Asi-Soap im Fernseher lief. Es wurde sich über Autos unterhalten und über die Sperrung der A40. Es wurde nur über den letzten Scheiß geredet, völlig belangloses Zeug, von dem er mittlerweile so weit entfernt war, wie Thomas Gottschalk von guten Einschaltquoten.

So trank er ein Bier nach dem anderen, welches seine Wirkung aber ums Verrecken nicht einstellen wollte. 2 Stunden saßen sie so da bis Aufbruchstimmung einkehrte und sich der Trott in Bewegung setzte, um in Richtung Bahnhof zu torkeln. Auf dem Weg wurde nicht viel geredet, aber umso mehr gefaselt und lamentiert und jede Belanglosigkeit aufgegriffen, die jemand hatte am Wegesrand liegenlassen. Aber so war diese Stadt. Voll von Belanglosigkeit und falls etwas von Bedeutung gewesen sein sollte, zumindest für ihn, so schien es eingerissen worden zu sein, zuzementiert oder weggezogen. Aus den Augen, aus dem Sinn, aus dem Leben. Wir schaffen uns neue Welten und bauen neue Festungen da wo wir gerade sind. Wir sind Großstadtnomaden, ohne zu wissen was das bedeutet. Schade.

Der Zug ratterte die Gleise entlang in die Nachbarstadt, in der sich das gleiche Schauspiel fortsetzen sollte, nur das noch einige Protagonisten hinzustießen, die ebenso wenig zur Auflockerung des Plots beitragen konnten und die Kulisse der einen Wohnung durch die einer Wg ausgetauscht wurde. Weitere 2 Stunden vergingen in dem sich die Zeiger mühsam ihren Weg über das Ziffernblatt bahnten. Und das war auch das einzige was passierte.

Auf dem Weg zum Club klingte er sich dann aus und konnte auch hier nicht mehr verbergen, wie sehr er dieser alten Welt überdrüssig geworden war, was ihn mit Wehmut erfüllte den er sonst ersoffen hätte oder mit Trotz überspielt hätte, jedoch nun einfach zuließ, weil ihn dieses ewige Getue, Vertuschen und Geheuchel müde gemacht hatte. Auf dem Weg zum Bahnhof stolperte er nur leicht angetrunken, aber dennoch von der Situation völlig benebelt über das Kopfsteinpflaster zu den Gleisen und passierte auf dem Weg Gruppen von Kleinkriminellen oder Gangstern, wie sie sich wohl schimpfen wollen würden, und deren weibliche Pendants, die sich unter einer ledernen Toasterhaut versteckten und in Neonfarben gehüllt waren. Vorbei an besoffenen Schlägern und Mac Donalds. Alles quoll aus allen Gassen und Ecken und drohte ihm die Luft abzuschnürren und ihn wie ein großer Haufen Scheiße zu bedecken und zu ersticken. Wahrscheinlich war das der Grund weshalb er kurz um eine Waffe aus seiner Jackeninnentasche zog und wild in die Menge feuerte. Ein heilloses Chaos entbrannte auf dem Platz vor dem Bahnhof und während er noch ein paar mal den Abzug betätigte, bevor ihm auffiel das das Magazin verschossen war, flüchteten alle Menschen rings um ihn herum und verkrochen sich wieder in ihren Ecken und Gassen und U-Bahnhöfen und Polizeiwagen. Er steckte die Waffe, die noch heiß war und nach Schmauch roch, wieder ein und trottete weiter zum Gleis, wo er gerade eben die Bahn verpasst hatte und somit eine halbe Stunde in dem ausgestorbenen Bahnhof warten musste. Schade.

Der Zug selber war so leer an Menschen wie zuletzt der Bahnhof, nur einige Pfandflaschensammler liefen die Gänge auf und ab und standen sich gegenseitig im Weg, weil der Zug völlig überfüllt war. Eine Frau mit pechschwarzer Haut setzte sich neben ihn ohne etwas zu sagen. Alle anderen Plätze blieben leer, während man auf den Gängen kaum stehen konnte. Ohne dem ganzen Beachtung zu schenken versuchte er sich auszumalen wie es ist, wenn man seine Identität verliert und wie sich das anfühlen würde und ob man es selber überhaupt beurteilen könnte. Er sah nach draußen, sah aber nichts, weil es zu dunkel war und im Zug zu hell, sodass die leeren Gänge im Fenster reflektierten und alles darstellten was er nicht sehen konnte, weil da nichts war.

Es waren genau zwei Haltestellen und als die Bahn an seiner hielt, stand er auf und machte einen großen Ausfallschritt um die schwarze Frau herum – zumindest schien es eine Frau zu sein, sie hatte undefinierbare Gesichtszüge, die jedoch irgendetwas weibliches ausstrahlten. Als er dies tat verspürte er 3 kleine Stöße in seiner Flanke und als er nachsah was dies wohl gewesen sein könnte was eben diese Stöße verursacht hatte, blickte er auf eine rostige Gabel die ihm aus der Seite ragte. Sie hatte ihm drei mal mit einer rostigen Gabel in die Rippen gestochen und sie beim dritten mal stecken gelassen. Er zog sie heraus und betrachtete die Gabel kurz. Sie war so stark verrostet, dass sie schon Jahrzehnte auf dem Grund eines salzreichen Gewässers gelegen haben musste. Er sah der Frau kurz in die Augen und konnte darin nichts finden, außer sein Spiegelbild und schritt dann mit der rostigen Gabel in der Hand durch die Türe des Zuges.

Als er die Treppen vom Bahnsteig hinabgehen wollte rief ihm von hinten plötzlich eine unbekannte aber vertraute Frauenstimme zu: „Hey du!“. Er blieb auf den Stufen stehen, drehte sich um und sah ein Mädchen auf ihn zu laufen. Sie hatte sein Alter und war genau sein Typ: Sie war umwerfend schön. „Hey du!“ sagte sie noch einmal und war leicht außer Atem: „Hast du vielleicht ein Kaugummi? Ich hatte nur noch son paar Drops, aber die hab ich schon aufgelutscht.“

„Hast du das gerade wirklich gesagt?“ fragte er etwas verdutzt.

„Ja, sorry. Warn blöder Witz, aber hast du jetzt eins, oder nicht?“ fragte sie mit einem Lächeln auf ihren Lippen, das an dieser Stelle eines kitschigen Vergleichs bedarf.

„Nein.“ sagte er, drehte sich um, ging die Treppen hinab aus dem Bahnhof hinaus, kramte ein Kaugummi aus seiner Hosentasche und setzte sich seine Kopfhörer auf und hörte den einzig passenden Song.

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